19.07.1982

Der Fußball-Lessing

SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser über den Redner Walter Jens Professor Walter Jens, 59, bekleidet einen Lehrstuhl für die klassische Redekunst, ist Ehrenpräsident des deutschen Pen-Clubs und, unter dem Pseudonym „Momos“, der berühmteste Fernsehkritiker der Republik. Da seine preisgekrönte Urteilskraft vom Seefahrer Odysseus bis zum Ausputzer Stielike reicht, wird er als „homme de lettres par excellence“ verehrt. Discite moniti: lernt, die Ihr (nun) gewarnt seid. Walter Jens, die Aeneis zitierend
Der Rhetoriker Walter Jens aus Tübingen ("Ort der Handlung ist Deutschland"), der davon träumt, "verheirateter Abt eines weltlichen Klosters" zu sein und dieserhalb sogar Leserbriefe an illustrierte Massenblätter lateinisch anstimmt, ist der Dieter Thomas Heck des liberalen Geistes: Auch wenn seine beinahe wöchentlichen Auftritte in Wort und Schrift meist nur heraklitisch veredeltes Parlando sind, sie haben seiner famosen Reputation zu keiner Zeit den wohlverdienten Schaden zugefügt. Walter Jens ist der am meisten gehätschelte Entertainer der protestantisch gebildeten Stände.
Obwohl er als Romancier mit einer Vision des Ameisenstaates debütierte ("Nein - Die Welt der Angeklagten"), bei der ihm der außer Form geratene Geist Franz Kafkas die Feder führte; sein von den Illusionen alternder Mimen erzählender Viertling "Vergessene Gesichter", ein nur notdürftig getarntes Plagiat des Filmes "La Fin du jour" ist; und er mit seinem Roman "Herr Meister" in Briefen von Walter Jens an Walter Jens gestand, daß er einen Roman zu schreiben partout nicht in der Lage ist - vergleicht man ihn in der "Zeit" mit T. S. Eliot.
Obwohl er das deutsche Theater mit akademischen Lippen-Stücken malträtierte ("Die Verschwörung", über die taktische Todeslust des Epileptikers Cäsar), die den Nervenkitzel einer Sakristei mit der Sinnlichkeit eines gekachelten Kreißsaals verbanden; und er die Arbeit an seinem Goethe zugedachten Stück "Das Goldene Dienstjubiläum", mit dem er Ida Ehres Hamburger Kammerspielen ein leeres Haus bescheren wollte, infolge "drohender Langeweile" (Jens) neulich Gott sei Dank einstellte - nennen sie ihn einen "Zauberer", der seinem Publikum nur "allergrößtes Vergnügen" bereitet.
Obwohl er last not least als Gelehrter ("Statt einer Literaturgeschichte") eine vom Gehirn des Euripides inspirierte "moderne" Poesie fordert, die nicht etwa in "ungeordneten" Phantasien schwelgt, sondern den heiligen "Inquisitionen der Wissenschaft standzuhalten vermag" - dem "poeta doctus" also Fabulierer wie Heinrich Böll, Magier wie Truman Capote oder Exzentriker vom Schlage Jean Genets wie literarische Klippschüler vorkommen müssen, feiert ihn das Feuilleton der "Neuen Zürcher Zeitung" als einen an "Können schwerreichen" Primus.
Dabei ist die Kunst des geschriebenen Wortes nicht einmal sein Spezialmetier; S.140 entschiedener noch als mit dem konfusen Buch, der gestrengen TV-Kritik und dem erzieherischen Leserbrief hat sich der "vir egregius unserer Literatur" als "brillanter Redner" einen Namen gemacht. Und "ihr Damen und Herren" (Momos) sehet da: Wo immer eine Lungenheilanstalt (Thomas Mann läßt grüßen) ihrem 75. Geburtstag entgegenfiebert, die Neubearbeitung einer Luther-Bibel seinen Unwillen erregt, oder der Verband öffentlicher Nahverkehrsbetriebe zur Versammlung lädt: Stets steht pünktlich wie Kant zu Königsberg Jens aus Tübingen hinter dem Pult und bringt, in gepflegtem Schachtelsatz, eine abendfüllende Rede zu Gehör.
Mit diesen Reden trompetet der Redner erstens regelmäßig seine enzyklopädische Bildung in den Saal: Seit einer Rede beispielsweise wissen wir, daß die bescheidene Sprache der gehobenen Straßenbahn-Beamten das "Gerundium" als "amtsdeutsches Prohibitiv" beherrscht. Diese Reden verzichten zweitens energisch auf jeden, auch noch so leisen, Anflug von Humor. Und man darf drittens sicher sein: Auch wenn der Redenhalter zur Mythologie der Tankstelle oder zur Dialektik der Gulaschkanone das Wort ergriffe, schlüge spätestens nach zwei Minuten die griechische Tragödie erbarmungslos ihren Mantel zurück.
Marcel Proust zum Gedenken hat Walter Jens im April des Jahres diese vor keiner Kanzel zurückschreckende "Neugier", die seine Bewunderer unentwegt als "geniale Vielseitigkeit" mißdeuten, "mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen" höchstselbst als einen "größten Fehler" gegeißelt. Aber alle Hoffnung auf sein Schweige-Exerzitium trog. Im Gegenteil: Erst rief er dem "Collin" Curd Jürgens in den Sarg nach: "Leb wohl, alter Curd, und sei die Erde Dir leicht auf Deinem Grab!", und dann nahm der "homme de lettres", der seine nimmermüde Zunge vorzugsweise Odysseus, Sophokles und Aischylos leiht, auch noch Stielike, Briegel und Jupp Derwall in das Repertoire seiner Neugier auf.
Das "Spiel zwischen zwei Parteien mit mehreren Personen" (Brockhaus) um die "mit weichem Leder überzogene Ochsenblase" hatte Professor Jens dabei keineswegs zum erstenmal im rhetorischen Visier. Bereits 1975 trug er auf einer Festveranstaltung des DFB dem gerade englisch lernenden Franz Beckenbauer die endspielreife These vor: "Fußball: Wirklichkeits-Verdoppelung und zugleich Entwurf von Möglichkeit? Fußball: Die coincidentia oppositorum?" Und im November 1981 rief "Momos" einen Kommentator, dessen ständige "Selbstkorrekturen" er als "Reportage aus doppelter Perspektive" billigte, in bibelsicherer Diktion zum "Interpreten" aus: "Gelobt sei Rolf Kramer, der ZDF-Reporter."
Während und in der Woche nach der Fußball-WM aber war dem Redner, der S.141 sich in einem Brief an den verstorbenen Literaten Bernward Vesper selber einen "Farbtupfen" taufte, nach guten Zensuren nicht zumute. Die Rummenigge-Elf hatte ihr "Skandalspiel" gegen Österreich absolviert, das kleine Algerien war der weinende Dritte. Taxifahrer und Polizeimeister, Sparkassenleiter und Zahnärzte: ganze Stammtische hatten von "Schiebung" palavert und ihre Frauen verprügelt.
In dieser prekären Situation suchte die ARD-Moderatorin Barbara Dickmann, um der höheren rhetorischen Weihen willen, auch den "fesselnden Redner" (FAZ) aus Tübingen auf und traf ihn tatsächlich in Glanzform an. Angekündigt war den Fernseh-Zuschauern ein "Gespräch". Aber der vor Andacht erstarrten Moderatorin saß ein antikes Orakel gegenüber und genierte sich keineswegs, einem unter Umständen abgekarteten Fußball-Spiel in einem sicher abgekarteten Frage-Spiel die Leviten zu lesen: die Papyrus-Rolle oder den Spickzettel, die ihm soufflierten, mit Grandezza hinter den hochgezogenen Knien verbergend.
Zur Kritik stand eine vergleichsweise milde Angelegenheit wie die umstrittene Taktik einer Kicker-Elf. Aber wer es aushielt und dem gravitätisch vorgetragenen Kredo des Kritikers bis zum bitteren Ende zuhörte, der mußte den Eindruck gewinnen, man habe ihn um einen nachträglichen Kommentar zum Einmarsch der Nazis in Polen oder wenigstens zu den Aktionen der Wehrsportgruppe Hoffmann gebeten: "Häßlicher kann sich der Deutsche nicht präsentieren" und "Das Gedächtnis der Menschen ist nicht so kurz, wie dies der DFB-Präsident glaubt". Immerhin: "Kein Grund, um die Nation als solche zu verdammen."
Ganz in der Tradition seiner Galarede aus dem Jahre 1975, legte sich Walter Jens auch mit diesen Statements gegen die "Wirklichkeits-Verdoppelung" = Unfairneß und für mehr "Entwurf von Möglichkeit" = "körperloses Spiel" ins Zeug. Damit tritt er als ein so ehrenwerter wie antiquierter Zeitgenosse ins Rampenlicht. Was Schiller, aber auch sein großes Vorbild Lessing, für die Schaubühne forderte, nämlich eine moralische Anstalt zu sein, das sieht der Nachgeborene Jens auch für die Kaffeeküche, die Reeperbahn und den "grünen Rasen" vor. Nur, was Lehrer Lessing nicht wissen konnte, sollte Schüler Jens doch wenigstens ahnen: Mit der Moral eines Beichtvaters lassen sich keine Autos verkaufen.
Die Gegenwart an der Ethik der Aufklärung oder an der Rhetorik der Antike zu messen ist aber für Walter Jens keineswegs neu. So wie er dem Ausputzer Stielike "schlechtes Benehmen" vorwirft, so hat er auch schon Joseph Goebbels den antithetisch mißglückten Satzbau (Note 5) vorgehalten und als schlechten Redner getadelt: Joseph Goebbels, der den Berliner Sportpalast S.142 in ein Tollhaus verwandelte. An diese hohe Schule professoraler Weltfremdheit muß erinnert werden, weil nach dem Fußball-Lessing im Fernsehen auch noch der Philologe "Momos" in der "Zeit" zuschlug.
Zu seinen Theaterstücken fällt einem der Kritiker Alfred Kerr ein: "Als ich das Theater um 21.42 Uhr vorzeitig verließ, regnete es. Auch das noch!" Zu "Momos" vom vergangenen Freitag aber paßt sinngemäß nur noch Karl Kraus: "Das Schlimmste, was ich Ihnen antun kann, ist Sie zu zitieren": "Vorbei. Wir haben's überstanden. Überstanden auch das Gerede vom cantenaccio (mit n, offenbar hat da jemand catenaccio und Kantilene zusammengewürfelt), von der squadra azzurri - deklinieren will gelernt sein -, überstanden die Kommentare eines Dieter Kürten, der sich, statt seiner Deutungspflicht nachzukommen, als Reservetrainer gerierte: 'Na, nun schieß doch schon, Junge!' (Und das war noch einer seiner besten Sätze)."
Die Redekunst des Magisters liegt erheiternderweise in mehreren Büchern vor. Im deutschen Fernsehen hat er sie nun bis zur Kenntlichkeit entstellt. Als Walter Jens aus Tübingen nach dem Österreich-Spiel den "selbstgerechten" DFB-Präsidenten "Hermann Neuberger aus dem Saarland sah, da dachte ich dann doch an George Grosz ... das kann man wirklich nicht erfinden." Man kann auch "Momos" nicht erfinden, der sich von seinem Sohn, als er einst krank zu Bett lag oder Ferien machte, unter dem Pseudonym "Momunkulus" vertreten ließ. Herrn Neuberger hätte Grosz nur abzuzeichnen brauchen. Aber auch Professor Jens wäre ihm wohl aus der Feder gequollen: als die Karikatur eines nur versehentlich zum Fußball-Fan mutierten Zeigestocks.

DER SPIEGEL 29/1982
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