30.11.1981

Säure-Regen: „Da liegt was in der Luft“

Schwefelhaltige Niederschläge vergiften Wälder, Atemluft und Nahrung (III und Schluß) Jüngste, bislang unveröffentlichte Forschungsergebnisse belegen: Schwefelregen läßt - wie in Kanada und Skandinavien - in Westdeutschland neben Bäumen nun auch Fische sterben. Dennoch präsentierte Bonn letzte Woche einen Entwurf zur Änderung des Luftreinhaltungsrechts, der nach Ansicht von Umweltschützern „mit absoluter Sicherheit zu weiterer, alles Bisherige in den Schatten stellender“ Naturzerstörung führt.
Für den Göttinger Professor Bernhard Ulrich besteht schon kein Zweifel mehr, was die kahlen Tannen in den Forsten und die dahinkümmernden Alleen in den Städten ankündigen.
Europa und womöglich die gesamte nördliche Hemisphäre, meint der Wissenschaftler, stünden am Anfang "einer sich über mehrere menschliche Generationen dahinziehenden Waldvernichtung" durch industriell erzeugten Luftschmutz wie Schwefeldioxid.
Wenn Ulrich recht hat, droht, so sein Münchner Kollege Peter Schütt, "die gigantischste Umweltkatastrophe, die es je gab".
Die Mitglieder des Bonner Bundestages können die Symptome bequem auch auf dem Weg zur Arbeit besichtigen. An der Heuss-Allee, die zum Bundeshaus führt, werden ein Dutzend junge Platanen gepflanzt, weil ihre Vorgänger buchstäblich erstickt sind.
Gleichwohl haben die meisten Bonner Politiker in dem bundesweiten Wald- und Baumsterben bislang kaum ein Thema gesehen. Wenn der Walduntergang einem Abgeordneten mal eine Anfrage wert war, gab Forst- und Bauernminister Josef Ertl nichtssagende Antworten.
Ertl blockte im Juni die Fragesteller ab, sie bezeichneten den Niedergang der Nadelwälder "etwas voreilig" als Fichtensterben. Über das Ausmaß der Erscheinung ließen sich "keine genauen Angaben machen". Über die Ursachen bestehe "ebenfalls keine Klarheit". Mithin sehe er, erklärte Ertl, auch "keine Möglichkeit, kurzfristig die weitere Ausbreitung" zu verhindern.
Zwar berief der Landwirtschaftsminister im Juli dieses Jahres ein Expertenteam, das ergründen soll, warum der Wald auf dem absteigenden Ast ist. Aber allzu genau, argwöhnen Ertl-Kritiker, möchte der Minister über die Ursachen des Waldsterbens möglicherweise gar nicht informiert werden.
Jahrelang, klagt der Münchner Professor Schütt, habe Bonn sich in Sachen Tannensterben "auf beiden Ohren taub gestellt". Auch der Münchner Agrarminister Hans Eisenmann wertete die Warnungen von Waldwissenschaftlern jüngst noch als "Unkenrufe" und "Panikmache". Schütt: "Die wollen verhindern, daß das ganze Ausmaß des Falles ans Tageslicht kommt."
Kein Wunder. Würden Bundes- und Landespolitiker die These akzeptieren, daß die industrielle Luftverschmutzung den Tod von Menschen wie von Wäldern verursacht, so müßten sie bestätigen, was sie noch vor wenigen Jahren bestritten haben. Blamiert wären
* die Freidemokraten, deren Umweltminister Genscher, Maihofer und Baum laut Regierungspropaganda der Republik das beste Umweltrecht der Welt beschert haben,
* viele Sozialdemokraten, die unter dem Druck von Gewerkschaftern jahrelang dazu beigetragen haben, Entwürfe zum Luftreinhaltungsrecht zu verwässern, weil von denen angeblich Arbeitsplatz-Gefährdung drohte, S.175
* die Unionschristen, denen selbst die laschen Entwürfe der Regierungsparteien zu weit gingen und die mit Hilfe des Bundesrates jede Verbesserung der Luft-Gesetze blockiert haben.
Eine Anatomie der Bonner Immissionsschutzgesetzgebung der letzten Jahrzehnte fördert zutage, was symptomatisch für die Behandlung chemischer Schadstoffe jeglicher Art anmutet, von Klärschlämmen über Quecksilber bis hin zum Plutonium: die Neigung der Verantwortlichen, Industriegifte lieber zu verdrängen als sie zu beseitigen.
Die parlamentarische Behandlung umweltpolitischer Fragen verrät allzuoft blanke Unkenntnis ökologischer Zusammenhänge. Wie "Dokumente der Dummheit", urteilt die "Süddeutsche Zeitung", läsen sich die Protokolle jener Bonner Sitzungen, in denen die SO2-Belastung der Luft debattiert worden ist.
Dummheit Nummer eins ist die Annahme, wer Hochgiftiges nur weit genug von sich fortschiebe, sei schon entsorgt.
Gerade das Beispiel SO2 demonstriert die Gültigkeit einer schlichten Regel, die der "Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland" (BUND) als Paragraph 1 eines fiktiven "Gesetzes der Ökologie" propagiert: "Alles muß irgendwo bleiben."
Auch wenn Schwefelgase von hohen Schloten in jene Schichten, 3000 Meter über dem Erdboden, emporgeblasen werden, in denen ewige Winde wehen - herunter kommen die Gifte immer, wenn auch großenteils im Ausland.
Weil aber Wirtschaftsgiganten wie die USA und die Bundesrepublik zumindest ebensoviel Schmutz exportieren, wie sie importieren, haben sie vergleichsweise wenig Interesse an der Ausarbeitung internationaler Verträge, die sich streng am Verursacherprinzip orientieren.
Das Wettrüsten der Schornsteinbauer hält unvermindert an. Ähnlich wie bei Rüstungskontrollverhandlungen zeigt sich kein Land zu Vorleistungen bereit. Jedwedes nationale Gesetz, das eine bessere Rauchentgiftung strikt vorschreibt, würde, so die Logik der Ökonomisten, Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten der heimischen Wirtschaft bewirken.
Entsprechende Gesetzentwürfe werden mithin von den Interessenverbänden regelmäßig bekämpft. Das Argument, zunächst einmal sei internationale "Harmonisierung" vonnöten, wird dabei "immer S.176 wieder", wie schon vor Jahren der Rheinisch-Westfälische TÜV rügte, von der Industrie "als Vorwand gebraucht, um die Anforderungen, die wir beispielsweise bei der Entstaubung stellen wollen, herunterzuschrauben".
Auf internationalen Konferenzen sind in den letzten Jahren zwar einige Vereinbarungen getroffen worden, um die SO2-Emissionen generell, vor allem aber deren grenzüberschreitenden Ferntransport zu reduzieren - aber gerade so vage, wie sich bei der Interessenlage erwarten ließ.
Eine von 34 Nationen aus Ost und West 1979 in Genf unterzeichnete Konvention verpflichtet die nationalen Industrien lediglich, den Export von luftigem Giftmüll "soweit wie möglich" einzuschränken. Irgendwelche Höchstgrenzen oder Sanktionen schreibt das Pakt-Papier nicht vor.
In den Vereinigten Staaten, immerhin, hat in letzter Zeit eine breite Diskussion über die Auswirkungen von SO2-Emissionen eingesetzt, die aus Industriebetrieben vor allem in Ohio, Indiana, Missouri, Pennsylvania und Illinois emporsteigen.
Anlaß der öffentlichen Erörterung war jedoch weniger der Umstand, daß die Abgase aus dem Mittleren Westen der USA Zehntausende von kanadischen Seen sterben lassen (was von der Regierung in Ottawa seit Jahren beklagt wird). Aufgeschreckt wurde Washington vielmehr durch die Nachricht, daß Schmutz aus US-Schornsteinen auch Gewässer im Nordosten der USA gefährdet: In Minnesota etwa drohen 35 Prozent der Seen umzukippen, und mancherorts ist das Regenwasser schon saurer als Zitronensaft (siehe Schaubild Seite 176).
Robert Stafford, Senator aus dem US-Staat Vermont, hoch droben an der kanadischen Grenze, wetterte gegen die Industrie im Mittelwesten: "Ich glaube nicht, daß es meinem Nachbarn erlaubt sein sollte, seinen Müll auf meinen Rasen zu kippen, und dann zu sagen, er habe kein Geld für die Müllabfuhr."
Stafford und eine Reihe anderer Senatoren haben Gesetzentwürfe vorgelegt, die zum Beispiel vorsehen, daß die SO2-Emissionen in den USA binnen zehn Jahren um ein Drittel reduziert werden sollen. "Wenn wir jetzt nicht handeln", sagt Staffords Mitstreiter Daniel Moynihan, "laufen wir Gefahr, Schäden anzurichten, die nicht wiedergutzumachen sind."
Gleichwohl sind die Chancen dieser Gesetzentwürfe denkbar gering: Die industriefreundliche Regierung Reagan und viele Politiker aus Mittelwest haben sich den verwegenen Standpunkt der Wirtschaftslobby zu eigen gemacht, es gebe "keine sicheren Beweise dafür, daß durch eine Verringerung der Emissionen der Regen weniger sauer würde", so William Gerstner, Vizepräsident des Energiekonzerns Illinois Power.
Westdeutsche Industrievertreter argumentieren ähnlich. Vor allem der Gesamtverband des deutschen Steinkohlenbergbaus ist bemüht, die alarmierenden Meldungen aus dem deutschen Wald abzuwiegeln. Vorstandsmitglied Jochen Seeliger erteilt seiner Branche Generalabsolution: "Wir tun auf diesem Gebiet alles, was wir tun können, mehr geht nicht."
Vom Kabinett Schmidt hat die Energiewirtschaft, so scheint es, eine drastische Verschärfung der Auflagen ebensowenig zu befürchten wie die US-Industrie von der Reagan-Administration. Ölverknappung und -verteuerung, Wirtschaftsflaute und Arbeitslosigkeit veranlassen Bonns Politiker, weiterhin Nachsicht gegenüber den großen Umweltverschmutzern walten zu lassen.
Zwar fordern mittlerweile auch Waldexperten im Agrarministerium eine Herabsetzung des SO2-Limits von derzeit 140 auf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Zumindest sei, argumentieren Umweltschützer, eine Senkung des Standards auf 60 Mikrogramm notwendig - jene Grenze, die seit Jahren auch von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen wird.
Dennoch stellte die Bundesregierung am Montag letzter Woche bei einer Anhörung von Verbandsvertretern im Innenministerium einen Entwurf zur Änderung der "Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft" (TA Luft) zur Debatte, der einiges verbessert, vieles jedoch beim alten beläßt und manches wohl noch verschlimmert.
Der natur- wie gesundheitsschädigende SO2-Wert von 140 Mikrogramm soll unangetastet bleiben. Zwar meinen Bonner Innenministeriale, aufgrund neuer Meß- und Beurteilungsmethoden würden "die nominal unveränderten Grenzwerte ... praktisch verschärft", Kritiker aber befürchten das Gegenteil (siehe Kasten Seite 178).
Durch die Novellierungsvorlage, analysiert der West-Berliner Umweltforscher und Politikwissenschaftler Volker Prittwitz, würden die Genehmigungsanforderungen "erheblich gesenkt". Prittwitz: "Warnungen der Wissenschaftler werden nicht berücksichtigt."
Die geplante Luftnovelle fügt sich damit in die Tradition Bonner Umweltpolitik, die vor allem von einer Eigenart geprägt scheint: Kompromißbereitschaft zu Lasten der Umwelt.
Dabei hatte es Anfang der siebziger Jahre in der Bundesrepublik vorübergehend so ausgesehen, als sei die Zeit reif für die Verabschiedung wirklich durchgreifender Gesetze zur Luftreinhaltung:
TV-Autor Wolfgang Menge brachte damals den SO2-Schocker "Smog" auf den Bildschirm. Polit-Pamphletist Klaus Staeck veröffentlichte Postkarten und Plakate, auf denen die Forderung "Die Luft gehört allen!" von der Industrie zynisch kommentiert wird: "Aber wir bestimmen den Giftgehalt."
Und was einer Bürgerinitiative im rheinischen Voerde, die gegen ein Kohlekraftwerk stritt, entgegengehalten wurde, gab den Titel ab für einen Dokumentenband und für ein Hörspiel von Günter Wallraff: "Was wollt ihr denn, ihr lebt ja noch."
Sachverständige erklärten damals in Bonn, die bis dahin (schon seit 1964) gültigen SO2-Immissionswerte seien "nicht unproblematisch", mehr als bislang müsse der "additiven Wirkung" mehrerer Schadstoffe, auch auf "Vorbelastete", Rechnung getragen werden - kurzum, es gebe einen "gewaltigen Nachholbedarf an umweltschützenden Maßnahmen".
Und keinesfalls, so die Experten, dürften "Probleme in einem Teilbereich durch Belastung des anderen gelöst werden". Dies genau geschah jedoch, als S.179 1974 das Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) in Kraft trat:
In der dazugehörigen TA Luft wurde der höchstzulässige SO2-Jahresmittelwert zwar von 400 auf 140 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft herabgesetzt. Weil das Gesetz aber die Möglichkeit offenhielt, Belastungsgebiete einfach durch Höherhängen der Rauchfahnen zu entlasten, waren die Konsequenzen für Sachkenner bereits damals absehbar: Schädigung zumindest der besonders SO2-empfindlichen Tier- und Pflanzenwelt, wahrscheinlich sogar der menschlichen Gesundheit auch weit außerhalb der Industriezonen - Effekte, die nun weithin eingetreten sind.
Bereits Anfang der siebziger Jahre hatte Professor Christian Junge, Direktor des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie, den Bundestag davor gewarnt, sich nur um die Beseitigung der örtlichen "uftverschmutzung zu bemühen: In dem Augenblick, wo durch die " " Verdünnung ... die Konzentrationen unter gewissen Werten " " liegen, ist das Problem im allgemeinen lokal gelöst. Aber es " " ist nicht für den regionalen Raum und nicht für die " " Atmosphäre als Ganzes gelöst; denn durch die Verdünnung " " werden natürlich nicht die Schadstoffe aus der Atmosphäre " " eliminiert. "
Gleichwohl war den Verursachern des Säureregens bislang Erfolg beschieden bei ihren Bemühungen, umweltfreundliche Entschwefelungsvorschriften abzuwenden. "Da die Maßnahmen zur Luftreinhaltung meistens erfolgsnegative Investitionen bedingen", so der Düsseldorfer Sozial-Ministeriale Franz-Josef Dreyhaupt, "ist die Industrie an einer raschen Entwicklung des Standes der Technik zur Luftreinhaltung nicht sehr interessiert."
Wirtschaftsvertreter setzen die Umwelt-Behörden regelmäßig mit dem Argument unter Druck, Umwelt-Auflagen könnten Arbeitsplätze gefährden: "Die Genehmigungsbehörde", klagte der Düsseldorfer Dreyhaupt, "gerät in ein Dilemma zwischen Luftreinhaltung und Wirtschaftswachstum."
In dieser Zwangslage konnte in der Bonner Politik die Ansicht gedeihen, die Natur sei im Zweifel stärker belastbar als die Wirtschaft. Dagegen setzen Umwelt-Verbände wie der BUND vergebens einen anderen Paragraphen ihres Öko-Gesetzes: "Nichts ist umsonst."
Der Glaube, die natürliche Umwelt sei durch menschliche Eingriffe nahezu beliebig manipulierbar, bestimmte schon zu Beginn der siebziger Jahre die Debatten über die damals gerade zur Veränderung anstehende "TA Luft".
Zwar mahnten bei einer Anhörung in Bonn medizinische und biologische Sachverständige, bei der Festsetzung von SO2-Höchstwerten dürfe nicht zugrunde gelegt werden, was gesunde Menschen gerade noch aushalten. Die - um ein Vielfaches höhere - Empfindlichkeit etwa von Bäumen dürfe nicht außer acht gelassen werden.
Die Umweltexperten der Industrie aber schlugen derlei Bedenken glatt in den Wind. Ein Jahrzehnt nach dem Hearing - während Wissenschaftler millionenfaches Baumsterben registrieren und die TA Luft aufs neue novelliert werden S.180 soll - ist die Lektüre der Protokolle von einst nicht ohne Reiz.
Richard Zahn, entsandt von den Farbwerken Hoechst AG in Frankfurt, etwa beteuerte, die geschädigten Wälder im Ruhrgebiet machten gerade "rund 0,5 Prozent der Gesamtwaldfläche in der Bundesrepublik" aus, der forstwirtschaftliche Schaden betrage maximal zehn Millionen Mark - was ist das schon: "Das sind, wenn Sie mir den Vergleich gestatten, weniger als fünf Prozent des Betrages, den allein die chemische Industrie jährlich für Abluftreinigungsmaßnahmen aufwendet."
"Zum Glück vertragen die Pflanzen", versicherte der Chemie-Mann, "eine nicht unerhebliche Menge an schädlichen Substanzen."
Wenn ein paar Arten draufgehen sollten, sei zu bedenken, daß "in unserem hochindustrialisierten Land" eben ein "gewisses Risiko für die Vegetation in Kauf" genommen werden müsse.
Im übrigen, schloß der Hoechst-Vertreter, gebe es ja die Möglichkeit, dem Land eine andere Vegetation zu verschaffen. Zahn präsentierte den Parlamentariern ein paar Tips, wie die westdeutsche Flora notfalls dem Giftgehalt der Landluft angepaßt werden könnte, "ämlich: Durch Umwandlung von Nutzwald in Erholungswald, wobei " " widerstandsfähigere Baumarten gewählt werden können als " " Fichten und Kiefern, schließlich durch Einsatz resistenter " " Sorten und Pflanzenherkünfte. "
Ähnlich argumentieren US-Fachleute, die auf internationalen Konferenzen über die grenzüberschreitende Luftverschmutzung schon vorschlugen, daß vom Säureregen getroffene Länder gefälligst gegen Säure unempfindliche Fischarten züchten sollten. Ein kanadischer Zoologe merkte daraufhin an: "Was soll das? Wir züchten ja auch keine gasresistenten Kanarienvögel für Kohlenminen."
Unbekümmert um die ökologischen Folgen, machten die Bosse von Kraftwerken, Raffinerien und Fabriken in Bonn jahrelang Stimmung gegen SO2-Beschränkungen. "Die haben die Stellungnahmen und Proteste mit Lieferwagen hier vorgefahren", berichtete Ministerialrat Hans-Ludwig Dreißigacker vom Umweltschutzreferat des Innenministeriums.
Verbandsfunktionäre nannten die "TA Luft" einen "Morgenthau-Plan für die deutsche Industrie". Ein Sprecher der "Technischen Vereinigung der Großkraftwerksbetreiber" drohte gar an, aus Protest gegen das Luftrecht den Bundesbürgern das Licht auszuknipsen: "Unter Umständen muß man einen Abschaltplan aufstellen, um der Bevölkerung drastisch zu demonstrieren, wie notwendig eine gesicherte Energieversorgung ist."
Unter dem Eindruck solcher Drohungen verband Bonn vor sieben Jahren hohe SO2-Richtwerte mit einer Fülle von wirtschaftsfreundlichen Ausnahme- und Übergangsregelungen - mit dem Effekt, daß die von Ökologen dringend empfohlene radikale Reduzierung des Schwefelausstoßes unterblieb und die Naturzerstörung anhielt.
Vergangene Woche machte Hans Bibelriether, Leiter der Nationalparkverwaltung im Bayerischen Wald, publik, daß Säureregen in Westdeutschland nicht nur Bäume, sondern, wie in Kanada und in Schweden, auch Fische sterben läßt: In Ostbayern, wo im August Regen mit dem Säurewert pH 3,4 niederging, seien "die makellos erscheinenden Bergbäche" nunmehr "fast völlig fischleer".
Und in einer soeben abgeschlossenen, noch unveröffentlichten Studie weist der Mainzer Geoökologe Manfred Krieter nach, daß auch "die meisten Gewässer im südlichen Hunsrück heute bereits als biologisch "ot angesehen werden müssen". Krieter: Wo vor 60 Jahren noch die " " Lebensgemeinschaft im Wasser intakt war und Forellen sich " " tummelten, herrschen nun abiotische Verhältnisse. Das klare " " Wasser ist gleichsam sterilisiert durch den tiefen Säuregrad " " (3,0-4,5), belastet mit überhohen toxischen " " Aluminiumkonzentrationen, gekrönt von dicken Schaumflocken " " aus Stickstoffverbindungen, alles schubweise aus den Böden " " ausgewaschen. "
Auch für Krieter steht fest, daß das Baum- und Bachsterben den bevorstehenden "Zusammenbruch des gesamten Wald-Ökosystems" ankündigt, mithin eine unmittelbare Gefährdung der natürlichen "ebensgrundlagen des Menschen: Der Säureregen und die unter seine" " Einwirkung im Boden mobilisierten Aluminium- und " " Schwermetallfrachten schlagen im Hunsrück voll über das " " Sicker- und Grundwasser bis letztlich zum Quellwasser durch. " " Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann nach dem Tod der " " Oberflächenwässer als nächstes das Grundwasser wegen " " toxikologischer Bedenken keine US-Kohlekraftwerk: "Schäden, " " die nicht wiedergutzumachen sind" Verwendung zu " " Trinkwasserzwecken mehr finden kann. "
Gegen die Folgen des sauren Regens existiere, meint der Bayer Bibelriether, nur ein Heilmittel: "Sauberer Regen." Den wiederum wird es nur geben, wenn der Gesetzgeber zunächst bei den Hauptemittenten ansetzt, den Kraftwerken und Industriebetrieben mit 82 Prozent Anteil am SO2-Gesamtausstoß.
Doch Hunderte von Kraftwerken ließen sich bislang nicht dazu bewegen, für den nachträglichen Einbau von Entschwefelungsanlagen zu sorgen. Nach Feststellung der Düsseldorfer Landesregierung sind allein in Nordrhein-Westfalen Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 5000 Megawatt in Betrieb, die technisch veraltet sind.
Die Betreiber der Anlagen, darunter das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk, der größte private Stromversorger Europas, weigern sich beharrlich, die Anfang der fünfziger Jahre gebauten, längst abgeschriebenen und daher hochrentablen Kraftwerke durch neue zu ersetzen oder wenigstens zu modernisieren. "Alles, was die tun", zürnte Düsseldorfs Sozialminister Friedhelm Farthmann, "ist, daß die den Leuten einreden, mehr Strom zu kaufen."
Jahrelang mühte sich Farthmann, die Unternehmen mit staatlichen Subventionen zum Einbau von Rauchgasentschwefelungsanlagen zu bewegen. "Wir müssen den Herren Steuergelder in den Hintern blasen", sinnierte der Minister, "damit sie sich bequemen, die alten Mühlen aus dem Gelände zu nehmen."
Vor kurzem mußte Farthmann öffentlich gestehen, daß seine Subventionsstrategie gescheitert ist. Obwohl das Land offeriert, bei Installation von Entschwefelungsanlagen 50 Prozent der Investitionskosten beizusteuern, hatte sich kein einziges nordrhein-westfälisches Unternehmen bereitgefunden, das Angebot anzunehmen.
Auf neue Anlagen üben die derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen nur milden Zwang aus: Diese Kraftwerke müssen 75 Prozent des Rauchgases - der Rest geht ohnehin ungefiltert in die Luft - durch eine Kalkwaschanlage schicken, die im Jahresmittel rund 80 Prozent des Schwefels zurückhält.
So werden beispielsweise zwei von der "Veba" im Westerwald bei Weitefeld geplante 740-Megawatt-Blöcke trotz Entschwefelungsanlage stündlich vier Tonnen SO2 auswerfen - das sind zwei Tonnen reiner Schwefel pro Stunde oder 10 000 bis 15 000 Tonnen pro Jahr, die über die Wälder des hessischen Dill-Kreises gen Nordosten ziehen werden.
Dabei ist das Prinzip einer umweltfreundlichen Methode der Kohleverbrennung seit einem halben Jahrhundert bekannt: das sogenannte Wirbelschichtverfahren, bei dem gemahlene Kohle durch Preßluft in einen Schwebezustand gebracht, mit Kalk versetzt und bei relativ niedrigen Temperaturen verbrannt wird.
Giftige Stickoxide entstehen bei diesem Verfahren kaum. Und der in der Kohle vorhandene Schwefel verläßt das Kraftwerk nicht durch den Schlot, sondern verwandelt sich in Gips, der mit der Asche abgezogen wird und als Baumaterial verwendbar ist.
Der Wirbelschichtofen aber ist, mangels Nachfrage, erst jüngst zur Serienreife entwickelt worden. Im Düsseldorfer S.184 Stadtteil Flingern steht das bislang einzige Kraftwerk dieser Art. In Völklingen an der Saar wird ein zweites montiert, eine Anlage ohne Schornstein.
Solche Beispiele werden Ausnahmen bleiben, wenn Bonn weiterhin dem Widerstand der Industrie nachgibt. Deren Verbandsfunktionäre operieren nach wie vor mit Kosten-Nutzen-Rechnungen, die Forderungen nach besserem Immissionsschutz ins Absurde abdrängen sollen.
Jochen Seeliger, Geschäftsführer des Gesamtverbandes des deutschen Steinkohlenbergbaus, etwa zitiert gern britische Kollegen, nach deren Kalkulation es zwei Millionen Pfund Sterling kosten würde, ein Kilogramm norwegische Lachse am Leben zu erhalten - da verzichteten sie doch lieber gleich auf beides, die teuren Entschwefelungsanlagen und den delikaten Edelfisch.
Und in der Bundesrepublik mokierte sich die "Wirtschaftswoche" schon vor Jahren über Umweltpolitiker, die "zu Lasten von Industrieansiedlungen" den Immissionsschutz verbessern wollten: Die geplanten Auflagen seien "gedacht für zarte Molche".
Solcher Spott über Lachse, Lurche und die vermeintliche Weltfremdheit von Ökologen verkennt, daß das Aussterben tierischer und pflanzlicher Lebewesen in aller Regel komplexe Störungen des Naturhaushalts anzeigt, die zugleich Leben und Gesundheit von Menschen bedrohen.
Krebserkrankungen, Nierenleiden, Erbschäden durch Schwefel in der Luft und Schwermetalle in der Nahrung - diese Auswirkungen des Säureregens, die Wissenschaftler nun nachgewiesen haben, belegen drastisch die Gültigkeit des grünen Gemeinplatzes "Naturschutz ist Menschenschutz".
Fachleute wie der Düsseldorfer Mediziner Hans Werner Schlipköter und der Hamburger Biochemiker Gernot Grimmer hatten bereits vor zehn Jahren Bonner Abgeordnete auf Zusammenhänge beispielsweise zwischen SO2 und Krebserkrankungen hingewiesen (SPIEGEL 48/1981). Doch die gesundheitlichen Folgen der Umweltverschmutzung scheinen Millionen von Westdeutschen - instinktiv - besser zu erfassen als die Politiker der Parteien, die "Grünen" ausgenommen.
Gift in der Nahrung (unter anderem eine Folge des durch Säureregen erhöhten Cadmiumgehaltes von Nutzpflanzen) halten die Bundesdeutschen für ein noch größeres Zukunftsrisiko als selbst einen dritten Weltkrieg: 47 Prozent der Bevölkerung fürchten, so eine von NRW-Minister Hans Otto Bäumer vorgestellte demoskopische Erhebung, die Folgen gesundheitsschädlicher Rückstände in der Nahrung.
( 45 Prozent der Befragten nannten einen ) ( Verkehrsunfall, 34 Prozent Krieg, 14 ) ( Prozent Atomkraftwerke; ) ( Mehrfachnennungen waren möglich. )
Wie eng jedoch der Spielraum der Bundesregierung ist, wenn es darum geht, Umweltgefahren zu begegnen, erwies sich in Sachen SO2 beispielhaft am 20. Oktober 1978.
An diesem "schwarzen Freitag" der Umweltpolitik (Innen-Staatssekretär Günter Hartkopf) verwarf der Bundesrat eine Novelle zum Immissionsschutzgesetz, mit der die Bundesregierung versucht hatte, es allen recht zu machen: der Industrie, die eine Lockerung der Bedingungen verlangte, wie auch den Natur- und S.186 Menschenschützern, die Verschärfung forderten.
Den Umweltverbänden gegenüber - einerseits - hatte die Bundesregierung damals eingeräumt, "nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen" (die in Wahrheit zu diesem Zeitpunkt mindestens zehn Jahre alt waren) seien die geltenden SO2-Standards nicht mehr geeignet, "auch Tiere, Pflanzen und sonstige Sachgüter ausreichend zu schützen". Daher sollten fortan für jene gut 90 Prozent des Bundesgebietes, die vorwiegend land- und forstwirtschaftlich genutzt werden, verschärfte Schutzvorschriften gelten.
Der Wirtschaft - andererseits - wollte das Kabinett mit diversen Zugeständnissen entgegenkommen, die den Bau etwa von Kohlekraftwerken in den ohnehin verseuchten Zonen, rund 5 Prozent der Bundesfläche, noch erleichtern sollten. So industriefreundlich dieser Gesetzentwurf auch war, dem unionsbeherrschten Bundesrat war er bei weitem nicht industriefreundlich genug. Statt einer Zweiteilung des Bundesgebietes in eine Schutz- und eine Schmutzzone wünschten sich die auf Industrieansiedlung bedachten Provinzregierungen jene Luftbelastung, die im Ruhrgebiet gestattet sein sollte, als Generalmaßstab für die gesamte Bundesrepublik.
Zwar würden bei einer Verabschiedung des Regierungsentwurfs, so argumentierte damals der Deutsche Industrie- und Handelstag, in 5 Prozent des Bundesgebietes endlich "unvertretbar hohe Investitionshindernisse teilweise abgebaut", auf den übrigen 95 Prozent der Fläche aber neue Hemmnisse für die Industrie geschaffen werden.
Weil sich weder Industrie- noch Umweltverbände für den Kompromißentwurf von 1978 erwärmen mochten, ließ die Bonner Koalition die Vorlage schließlich fallen. Diese Schlappe hat Baums Planer veranlaßt, nun den Versuch zu wagen, das Luftrecht "auf kaltem Wege" (ein Umweltjurist) zu novellieren.
Geändert werden sollen jetzt nicht mehr die Paragraphen des Immissionsschutzgesetzes, S.188 dessen Reform Bundestag und Bundesrat zustimmen müßten, sondern allein Richtwerte und Meß-Regelungen in der TA Luft, einer Verwaltungsvorschrift, die vom Innenminister (nach Abstimmung mit den Länderbehörden) geändert werden kann.
Inhaltlich haben die Autoren des neuen Entwurfs, urteilt Umweltforscher Prittwitz, in einem zentralen Punkt die Bundesratsposition von einst weitgehend übernommen: Während das Innenministerium 1978 ein grundsätzliches "Verschlechterungsverbot" für 95 Prozent der Bundesfläche vorsah, soll Westdeutschland nun generell "für Investitionen erschlossen" werden können, mit Ausnahmeregelungen lediglich für Nationalparks und Naturschutzgebiete.
Obwohl der Entwurf mit derartigen Änderungen den Wünschen der SO2 auswerfenden Wirtschaftsbranchen weiter entgegenkommt als die alte Vorlage, gab der Bundesverband der Deutschen Industrie letzte Woche eine Stellungnahme ab, die Minister Baum verwundert als "ungewöhnlich hart" qualifizierte: Durch den Entwurf, klagt der Dachverband, werde der "Industriestandort Bundesrepublik in Gefahr" gebracht.
Hinter der schroffen BDI-Stellungnahme stecke, vermuten Baum-Berater, "vor allem die Steinkohle": Während "die Chemie relativ flexibel und diskussionsbereit" auftrete, reagiere die Kohlewirtschaft selbst auf minimale umweltpolitische Neuerungen ungemein allergisch.
Karlheinz Bund etwa, Vorstandsvorsitzender des Gesamtverbandes des deutschen Steinkohlenbergbaus, muß befürchten, nach Jahren defizitärer Entwicklung könnten Umweltauflagen gefährden, was er auf dem jüngsten "Steinkohlentag" in Düsseldorf noch hoffnungsfroh als Ziel fixiert hatte: "Ausbau der Kohle zu der Energiebasis der Industrieländer."
Bereits jetzt, verkündet deshalb der neueste Jahresbericht des Gesamtverbandes, sei der "Schutz der Vegetation" in "weitestem Umfang gewährleistet". Weitergehende Forderungen brächten nur "immer größere Unsicherheit" der Planer und Betreiber.
Auch die BDI-Vertreter tun in einem letzte Woche vorgelegten 89-Seiten-Papier so, als hätten sie von Wald- und Seensterben nie etwas gehört: Der Verband kommt "zu dem Schluß, daß durch die geltenden Immissionswerte auch Tiere und Pflanzen ausreichend geschützt sind".
Die sich verschärfende Energiekrise, hoffen Industrievertreter, werde all denjenigen schon den Wind aus den Segeln nehmen, die, wie Forstdirektor Joachim Pampe von der Arbeitsgemeinschaft der Waldbesitzerverbände, von Kraftwerken nur noch als "Giftschleudern" reden. Auch Norbert Rehbock, Forst-Obmann im Agrarministerium, hatte bereits "Besuch von der Steinkohle".
Deren Lamento, zusätzliche Filteranlagen zur Bindung von mehr Schwefel (und auch von Schwermetallen) würden ein Viertel der eh in die Milliarden gehenden Kraftwerk-Investitionen verschlingen, kommentierten Ertls Forst-Beamte mit einem "Na und?" Darauf die Steinkohlen-Vertreter: "Das wird Ihnen der Wirtschaftsminister schon beibringen, was das bedeutet."
Josef Ertl selber scheint vor allem darauf bedacht, seine freidemokratischen Kabinettskollegen, den Markt-Grafen Lambsdorff und den zwischen Ökonomen und Ökologen lavierenden Umwelt-Ressortchef Baum, nicht durch alarmierende Äußerungen über den Zustand S.190 des Waldes in zusätzliche Schwierigkeiten zu bringen.
Ertl kommt zugute, daß die Ursachen des Baumsterbens im Detail noch nicht abschließend erforscht sind. Auf "ganz bestimmt zwölf Theorien" schätzt beispielsweise der Stuttgarter Forstdirektor Peter Weidenbach das derzeitige Diagnoseangebot der Wissenschaft allein für die indisponierte Weißtanne. Das renommierte "Forstwissenschaftliche Centralblatt" hat die diversen Erklärungsversuche unlängst in einer Sondernummer auf fast 300 Seiten versammelt.
( "Forstwissenschaftliches Centralblatt", ) ( Jahrgang 100, Heft 3/4, Verlag Paul ) ( Paray, Hamburg und Berlin; 54 Mark. )
Viele Forscher freilich, sagt der Kieler Biologe Professor Berndt Heydemann, scheuen eindeutige Aussagen über die Ursachen von "mweltschäden. Beliebt seien darum Gutachter-Formulierungen wie: "s " müßten weitere Untersuchungen eingeleitet werden, um zu " " klären, ob sich durch die aufgezeigten Tatbestände " " langfristig chronische Schäden ergeben könnten. Diese sind " " vorläufig mit endgültiger Sicherheit nicht - oder noch nicht " " in vollem Umfang - experimentell nachweisbar beziehungsweise " " vorauszusagen. "
"Diese Schlußbemerkung", spottet Heydemann über seine Kollegen, "ist gut für den Gutachter, weil er neue Forschungsgelder haben muß. Gut ist sie auch für den Politiker, weil er nun vorläufig keine Entscheidung zu fällen braucht", die, im Falle des Waldsterbens, Kosten in Multi-Millionen-Höhe verursachen würde.
Die Unfähigkeit der Bonner Koalition, des Schwefel-Problems Herr zu werden, sei ein geradezu "klassischer Fall" umweltpolitischen Versagens, kommentierte kürzlich die "Stuttgarter Zeitung": "Der Schaden ist erkannt, die potentielle Ursache festgestellt. Aber der ökologische Wahnsinn schreitet fort, weil letzte wissenschaftliche Beweise (noch) nicht zu erbringen sind."
Waldforscher Ulrich sieht keine andere Möglichkeit, als innerhalb "der nächsten zwei, drei Jahrzehnte die Emissionen auf Null herunterzubringen". Ulrich: "Das ist eine Existenzfrage." Auch Liesel Hartenstein, Fach-Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, fordert eine "umweltpolitische Offensive" gegen die Verschmutzung der Luft und des "nicht vermehrbaren Rohstoffs ''Boden''"; eine Verschärfung der von Baum vorgeschlagen SO2-Werte sei "vordringlich".
Waldpolitiker Ertl wiederum möchte die schwefligen Gefahren durch atomare Risiken ersetzen: "Nur der Einsatz der Kernenergie kann unsere Natur retten." Unabhängige Energieexperten dagegen sind sicher, daß umweltfreundliche Kohleverbrennung durchaus machbar ist, wenn nur die Politiker die richtigen Schwerpunkte setzen.
Auf eine Finanzierungsmöglichkeit wies am Mittwoch letzter Woche der BUND hin. Bonn brauche nur den Bau des "ökonomisch unsinnigen und ökologisch zerstörerischen" Rhein-Main-Donau-Kanals zu stoppen, den auch Bundesverkehrsminister Volker Hauff für "das dümmste Projekt seit dem Turmbau von Babel" hält. Die dafür vorgesehenen vier Milliarden Mark könnten für die Entschwefelung ausgegeben werden.
Bei einem zweitägigen "Kohlekongreß" in Essen, zu dem unter anderen die Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute geladen hatte, einigten sich unlängst 200 Fachleute auf einen Zehn-Punkte-Katalog zur Energiepolitik. Danach soll die Bundesregierung ihr Programm zur Kohleverflüssigung und -vergasung aus Gründen der Energieeinsparung wie auch der Luftreinhaltung aufgeben und die freiwerdenden Milliarden für die Einführung der Wirbelschichttechnologie und für den Bau von Fernheizzentralen bereitstellen.
Fernwärme könnte in der Tat, wie eine Untersuchung der Technischen Überwachungsvereine Rheinland und Westfalen bestätigt, nicht nur eine optimale Nutzung der Kohlevorräte ermöglichen, sondern auch die Abgase aus privaten Einzelöfen drastisch verringern: In den Belastungsgebieten zwischen Köln und Dortmund könnten mit Hilfe von Fernwärme laut TÜV die SO2-Immissionen aus Heizungen um durchschnittlich 93 Prozent gesenkt werden.
Was Kohlenutzung ohne Naturzerstörung kosten würde, hat jüngst die OECD errechnen lassen, der die USA, Kanada, Japan, Australien, Neuseeland und 19 europäische Staaten angehören. Um die SO2-Emissionen bis 1985 auf den Stand von 1974 zu drücken, müßten die westeuropäischen Länder rund 0,5 Promille ihres Bruttosozialprodukts für die Schwefeldioxid-Verminderung aufwenden, insgesamt 1,17 Milliarden Dollar.
Dem allerdings würde, so die OECD-Experten, möglicher Nutzen bis zu acht Milliarden Dollar gegenüberstehen - durch Minderung von forst- und landwirtschaftlichen Einbußen, Korrosionsschäden und Krankenkosten.
Die durchschnittliche Lebenserwartung der Westeuropäer könnte laut OECD um 500 Tage steigen.
Eine britische Umweltstudie hat vor einigen Jahren schon dargelegt, vor welcher schlichten Alternative die Industrienationen stehen: "Wir haben uns zu entscheiden, ob wir die Kosten der Luftreinhaltung tragen wollen oder aber die Kosten unterlassener Reinhaltung."
Ende
S.179
In dem Augenblick, wo durch die Verdünnung ... die Konzentrationen
unter gewissen Werten liegen, ist das Problem im allgemeinen lokal
gelöst. Aber es ist nicht für den regionalen Raum und nicht für die
Atmosphäre als Ganzes gelöst; denn durch die Verdünnung werden
natürlich nicht die Schadstoffe aus der Atmosphäre eliminiert.
*
S.180
Durch Umwandlung von Nutzwald in Erholungswald, wobei
widerstandsfähigere Baumarten gewählt werden können als Fichten und
Kiefern, schließlich durch Einsatz resistenter Sorten und
Pflanzenherkünfte.
*
Wo vor 60 Jahren noch die Lebensgemeinschaft im Wasser intakt war
und Forellen sich tummelten, herrschen nun abiotische Verhältnisse.
Das klare Wasser ist gleichsam sterilisiert durch den tiefen
Säuregrad (3,0-4,5), belastet mit überhohen toxischen
Aluminiumkonzentrationen, gekrönt von dicken Schaumflocken aus
Stickstoffverbindungen, alles schubweise aus den Böden
ausgewaschen.
*
Der Säureregen und die unter seiner Einwirkung im Boden
mobilisierten Aluminium- und Schwermetallfrachten schlagen im
Hunsrück voll über das Sicker- und Grundwasser bis letztlich zum
Quellwasser durch. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann nach
dem Tod der Oberflächenwässer als nächstes das Grundwasser wegen
toxikologischer Bedenken keine US-Kohlekraftwerk: "Schäden, die
nicht wiedergutzumachen sind" Verwendung zu Trinkwasserzwecken mehr
finden kann.
*
S.190
Es müßten weitere Untersuchungen eingeleitet werden, um zu klären,
ob sich durch die aufgezeigten Tatbestände langfristig chronische
Schäden ergeben könnten. Diese sind vorläufig mit endgültiger
Sicherheit nicht - oder noch nicht in vollem Umfang - experimentell
nachweisbar beziehungsweise vorauszusagen.
*
S.174 Von Klaus Staeck. * S.175 Szene aus dem TV-Film "Smog". * S.176 pH-Wert = Kennzahl für den sauren oder alkalischen Gehalt * S.179 Meßstation in der nordrhein-westfälischen Haard; der Regen wird durch Kunststoffringe am Baumstamm abgefangen und durch Schläuche in Sammelbehälter geleitet. * S.184 45 Prozent der Befragten nannten einen Verkehrsunfall, 34 Prozent Krieg, 14 Prozent Atomkraftwerke; Mehrfachnennungen waren möglich. * S.186 unten: Versuchsanlage der TU Dresden. * Oben: Begasung von Koniferen mit SO2 in der TH Zürich; * S.190 "Forstwissenschaftliches Centralblatt", Jahrgang 100, Heft 3/4, Verlag Paul Paray, Hamburg und Berlin; 54 Mark. *

DER SPIEGEL 49/1981
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