18.10.1982

„Weg von hier - um jeden Preis“

Auswanderer-Welle (III): SPIEGEL-Redakteur Hans Joachim Schöps über deutsche Auswanderer in Kanada
Oh boy", sagt Freya Gülck und sieht ihren Mann an, der schon ahnt, was da kommt, und sein gleichmütiges Gesicht macht: "Du hast ganz schön geschwärmt damals. 22 000 Dollar, die kann ich in Deutschland nie verdienen. Wir werden leben wie die Fürsten."
Vier Jahre ist das her. Nun sind Volker und Freya Gülck, er 36, sie 34, Residents in Winnipeg, Kanada, einer Stadt, die so ist, wie sie heißt. Dort fürstlich zu leben ist sowieso nicht einfach.
Volker Gülck wollte weg aus Deutschland, wie seither andere Bundesbürger zu Hunderttausenden. Bevor noch die Leute, wie seit zwei Jahren, Schlange standen bei den Konsulaten von Kanada und Australien oder Südafrika, hatte es ihn schon fortgezogen.
Warum bloß? Schlecht war es ihm nicht gegangen damals. Hatte ihm, wie heutzutage oft zu hören ist, die Angst vor dem Atomkrieg derart zugesetzt, vor den russischen Raketen oder wenigstens vor den Russen selber? Und wenn es das nicht war, so vielleicht doch die Sorge um eine Machtergreifung der Linken oder wegen der Terroristen, die denen ja allmählich den Weg freischießen - Motive, die häufig genannt werden, aber manchem Auswanderungsfachmann nicht ganz geheuer erscheinen, die womöglich nur Vorwände sind, doch S.97 derzeit so schön plausibel klingen und sicheren Beifall finden?
Nichts davon. Eventuell käme da noch das schiere Besitzstreben in Frage, kein so moralischer Beweggrund, aber ein menschlicher. Auswanderer Gülck schüttelt den Kopf, er muß passen. Was er sich eigentlich dabei gedacht hat, findet er nun nicht mehr heraus.
Saus und Braus, wie es wohl früher bei den Fürsten üblich war, wären ihm natürlich recht gewesen. Aber ein Glücksritter war er wirklich nicht, auch kein Aussteiger, dem immerzu Palmen durchs Gemüt wedeln.
Er ist Handwerker, ein deutscher Tischlermeister. Nicht irgendeiner, sondern ein wacher Mann, bestens im Fach und möglichst besser als andere. An so einen denkt man, wenn man made in Germany liest.
Soziologisch betrachtet, ist Volker Gülck der Musterfall eines deutschen Auswanderers neuerer Zeit. Keiner von den Intelligenzlern oder den Verwaltungsleuten, die plötzlich auch ihr Glück in einer neuen Welt vermuten. Er ist einer aus der großen Gruppe der gestandenen Fachkräfte, in guter Position und mit solidem Zuhause - jener Auswanderer, "von denen man sagen würde", wie der in Hamburg forschende Sozialpsychologe Professor Arthur Cropley meint, "daß sie allen Grund haben, hierzubleiben".
Gefragt, was ihn denn nur nach Winnipeg gebracht hat, fährt Gülck sich lange durch den Bart, kommt damit aber auch nicht viel weiter.
"Also, da war diese Anzeige in der Fachzeitschrift", setzt er an. Dort wurde ein Tischler gesucht mit Erfahrung in Kunststoff-Fenstern. Und in Kanada, das wußte Gülck schon, war das ziemlich neu. Die machen ihre Fenster noch durchweg aus Holz, und "hier in Deutschland", dachte er da, "bist du einer von vielen, in Kanada kannst du was, was andere nicht können".
Seine Kinder fallen ihm noch ein, Tanja und Niklas. Die waren damals fünf und sechs Jahre alt, und "je älter die geworden wären, um so schwieriger wäre es ja gewesen".
"Ein bißchen abenteuerlustig waren wir eben immer", treibt Ehefrau Freya die Suche voran und kommt wohl damit der Sache schon näher.
Also kündigte er die Stellung als Lehrwerkmeister, verramschte den Hausrat aus der Wohnung in Trappenkamp bei Neumünster, aber hatte schon so ein Gefühl: "Als Auswanderer läßt man ja alles zurück, nicht nur die Möbel, sondern auch die Menschen. Das ist ja fast so, als wenn man zum Mond fliegt."
Andererseits, was fällt einem nicht alles zu Kanada ein. Dort ist noch die Freiheit, und erst diese Weite, da kann einer noch was schaffen. Es muß ein Land sein für diese Aufsteigertypen, die neuerdings auswandern wollen, die sich in Deutschland beengt und gegängelt fühlen. Und dann die Landschaft. Natur vom Besten, und ewig singen die Wälder.
Schließlich, sagt Freya Gülck, "ist schon das Wetter in Deutschland ein Grund auszuwandern". Auf der Hochzeitsreise war sie mit ihrem Mann in Spanien gewesen, und "ich hab' mir das so in etwa auch in Winnipeg vorgestellt".
Volker Gülck konnte dieser Irrtum schon nicht mehr unterlaufen. Er war vorher auf zwei Wochen nach drüben geflogen und hatte sich danach für wohlinformiert gehalten.
"Die Leute", weiß er inzwischen, "erzählen einem natürlich nur die schönen Sachen." Nun sitzt der Meister an seinem selbstgeschreinerten Tisch in 97 Rockspur Street, rund 6000 Kilometer von der alten Heimat entfernt, wundert sich immer noch darüber, daß in Kanada Holz teurer ist als in Deutschland und hat auch sonst noch allerhand dazugelernt: "Oh boy, von dem, was ich gehört habe, sind vielleicht zehn Prozent wahr gewesen."
Sind die Gülcks also gescheitert, wie manch einer davor und danach? Nein, so ist es denn doch nicht. Denn dieses Land hat, oh boy, ja auch seine guten Seiten, und völlig ausschließen wollen sie ein ferneres Fürstentum keineswegs.
Aber sie hatten "sich das, ehrlich gesagt, einfacher vorgestellt. Es war alles ganz anders".
Ein grundsätzlicher Unterschied zu Spanien ergab sich bereits bei der Ankunft in Winnipeg. Es war nämlich Februar, und da blieb Frau Freya "erst mal die Luft weg. Schneeberge, du lieber Himmel. Und bitter, bitter kalt. Ich dachte, wie in Alaska".
Taxi, hinein mit den müden Kindern, das neue Leben ging los. Er hatte nur ein paar tausend Mark mitgenommen, sie immerhin ihre Nähmaschine, in der Not, wie man weiß, mehr als Geld wert. Ziemlich anders war es dann auch bei S.100 der Arbeit. Gegen eine gewisse Lässigkeit, die mancher Auswanderungswillige an den jungen Kontinenten so reizvoll findet, hätten sie nichts gehabt. Doch nun erlebten die beiden Deutschen ein "wildes Durcheinander".
"Die hatten da zwar die guten Maschinen aus Deutschland", ärgert sich Volker Gülck, der als Betriebsleiter in dem Fensterunternehmen 20 Mann zu beaufsichtigen hatte, "aber der ganze Ablauf war vermurkst, nichts stand am richtigen Platz."
Freya Gülck, die Schneiderin gelernt hat, hatte sich nach dem Beruf wieder richtig gesehnt, als der Winter in Winnipeg gar nicht aufhören wollte. Aber dann war es "eine Katastrophe, was ich hier so gesehen habe. Ein ganz schöner Unterschied zu Deutschland, alles so unorganisiert, oft wirklich Pfuscharbeit, und ein Staub und Dreck überall, meine Güte".
Tischler Gülck tat, was ein Handwerksmann in solcher Lage zu tun hat. Er "brachte den Laden ein bißchen auf Vordermann". Danach entwarf er ein neues Kunststoff-Fenster, das nun seit drei Jahren in Kanada auf dem Markt ist, und machte sich obendrein noch bei seinen Mitarbeitern beliebt - die bald anfragten, ob er nicht selbständig werden und sie dann übernehmen wolle. Es mußte schlimm ausgehen.
Eingebracht hat ihm die deutsche Tüchtigkeit, die für gewöhnlich in fernen Ländern doch belohnt werden soll, nämlich nichts. "Wenn man das gleiche in Deutschland machen würde", glaubt der Meister jetzt, "ginge es ehrlicher zu. Wenn da der Unternehmer sieht, du bist ein guter Mann, wird dir das auch gedankt."
Er aber, sagt seine Frau, "ist ziemlich ausgenutzt worden". Das freie Leben zum Beispiel begann auf merkwürdige Weise. Nach Betriebsschluß hat er "immer noch bis neun zu Hause am Schreibtisch gesessen, auch am Wochenende". Bis seine Freya dazwischenfuhr, denn "wenigstens der Sonntag muß ja für die Familie bleiben".
Dabei hat sie sich selber nicht geschont. Freya Gülck war zuletzt Gruppenleiterin in einer Kleiderfabrik, "aber das kann man nicht lange machen, ich war so fertig, daß ich abends im Sessel eingeschlafen bin". In drei Firmen hat sie bislang gearbeitet, und "es war überall das gleiche: Die Leute werden getriezt und getriezt".
Die Gülcks sind Bürgersleute und dem kapitalistischen System sowie dem unbehinderten Gelderwerb durchaus zugetan. Aber wenn sie nun durch Kanadas soziale Landschaft streifen, hört es sich an, als marschiere da der Gewerkschaftsbund. Er: "Der Arbeiter hier in Kanada ist nicht viel wert. Das ist nur einer, der an S.102 der Maschine sitzt. Wenn da ein billigerer ist, wird er ersetzt."
Sie: "Dieser Druck von oben ist hier furchtbar. Und man weiß: Draußen an der Tür steht schon ein anderer, der nimmt den Job sofort. Von den Leuten wird das Allerletzte verlangt, sie werden ausgequetscht, am besten für drei Dollar fünfzig die Stunde."
Bei gut zehn Prozent Arbeitslosen im Lande und einem Sozialnetz, dessen Maschen so weit sind wie alles in Kanada, ist bequem quetschen: "Wenn man sich da beschwert, dann heißt es: O.k., die meckert zuviel, geh nach Hause."
Freya Gülck hat erlebt, daß Frauen in ihrer Branche bei zwei Firmen gleichzeitig arbeiten, tags bei der einen, danach Nachtschicht bei der anderen. Diejenigen Bundesbürger, die nun angeben, sie wollten auswandern, um diesem dauernden Streß zu entgehen, erhalten Auskunft bei der Familie Gülck. Sie warnt: "Wer es hier als Arbeiter besser haben will als in Deutschland, der soll sich man darauf einrichten, daß er Tag und Nacht arbeiten muß."
Und das gilt, meint ihr Mann, ganz allgemein für jedweden Berufsstand und auch für die besser Qualifizierten. "Die sollen lieber zu Hause bleiben, wenn sie nicht viel Geld für eine Betriebsgründung mitbringen oder aber eine besondere Fähigkeit, die gerade dringend gebraucht wird."
Deutsche Fachkraft? Nach Zeugnissen und Zertifikaten wird in Kanada kaum gefragt, weiß Volker Gülck jetzt. "Meinen Meisterbrief hat mir noch keiner angerechnet", und neulich bekam er ein Angebot: "Na schön, du bist Tischlermeister, kannst in der Werkstatt anfangen, für 8,15 Dollar."
"Dabei", meint der Meister etwas beleidigt, "war ich in Deutschland Ausbilder." Aber in diesem Land, sagt er und hebt ratlos die Hände, "könnte ich morgen Schweine schlachten und Wurst verkaufen. Es kümmert sich kein Mensch darum". Nun macht dieser sorglose Umgang mit Fleischwaren und Fertigkeiten natürlich auch den besonderen Reiz des Landes: Da liegt sie nämlich, die Chance für den Schuster, nicht immer und ewig bei seinem Leisten zu bleiben.
Und vermutlich hat das Kanada eines Auswanderers, der in dem freien Spiel der Kräfte einen guten Platz erwischt hat, nicht viel Ähnlichkeit mit dem Kanada der Familie Gülck. Sind die beiden vielleicht einfach nur Pechvögel oder welche von diesen Griesgramen, denen es gar nicht erst auffällt, daß sie sich in einem Traumland befinden?
Weder noch, sie erleben nur einen Widerspruch, der für nahezu all die Paradiese gilt, vor denen derzeit die Deutschen so massenhaft anstehen: auf der einen Seite das feste Muster einer Industriegesellschaft mit ihren Abhängigkeiten von Markt und Konjunktur, mit Zwängen und Reglements; andererseits aber noch allerlei Restbestände aus Aufbruchzeiten, soziale Freiräume zum Beispiel, in denen ruppige Gesetze gelten, im Zweifel gar keine. "Ellenbogenfreiheit", wie sie sich Auswanderungswillige häufig wünschen, ist satt vorhanden; nur heißt es aufpassen, die Rippenstöße nicht selbst einzufangen.
Der Tischlermeister Gülck ist nicht einmal mit seiner besonderen Fähigkeit, der Erfahrung mit Kunststoff-Fenstern, dem Reichtum nennenswert nähergekommen. Dabei hatte der Start in das bessere Leben ganz gut geklappt.
Gülck bekam seine 22 000 Dollar im Jahr, umgerechnet gut 40 000 Mark und an Kaufkraft damals ein ganzes Ende mehr als in der Bundesrepublik. Seine Frau mußte erst einmal "Krach schlagen", als ihr 3,20 Dollar die Stunde geboten wurden, "so wenig habe ich noch nie verdient". Schließlich erhielt sie als Supervisor 20 000 im Jahr - "was hier nur wenige verdienen".
Doch dann beging Tischler Gülck einen Fehler, der schon in sozial gesicherten Ländern gerne Folgen hat, erst recht wohl in so zaunlosen Gebieten wie Kanada. Er legte sich mit seinem Unternehmer an. Der war von Haus aus Maler und "hatte von Tischlerei keine Ahnung". Ein neuer Mann tat es dann für 16 000 Dollar.
Das war vor zweieinhalb Jahren. Und seither ist Auswanderer Gülck etwas, was sich so mancher Handwerker, der auch endlich raus möchte, dringend wünscht: selbständig. Er entwirft Kunststoff-Fenster, versucht mit kanadischen und amerikanischen Firmen ins Geschäft zu kommen. Letztes Jahr hat er noch 25 000 Dollar gemacht, obwohl es schon heftig kriselte in der Wirtschaft. Aber nun läuft gar nichts mehr.
Kanada, ein Land mit schier unerschöpflichem, aber schwer zu erschließendem Rohstoffreichtum, ist von der weltweiten Krise erreicht worden. In der Baubranche, in der Kunststoff-Fenster gebraucht werden, gibt es Massenentlassungen und massenhaft Konkurse, in S.104 anderen Zweigen sieht es kaum schöner aus. Nicht einmal der gute alte Hintergedanke, notfalls in Kanada Holzfäller zu werden, ist einem übriggeblieben; die suchen jetzt selber Arbeit.
Die Zinsen schießen so hoch wie bei den amerikanischen Nachbarn, und die Preise, "oh boy, die klettern weg wie verrückt". Im Moment, druckst der Freiberufler Gülck, "hab' ich hier und da noch ein bißchen was". Aber er macht ein Gesicht, als sei es noch ein bißchen weniger. Frau Freya, die ihren anstrengenden Job inzwischen aufgegeben hat, ist schon darauf gefaßt: "Ich werde wohl wieder was arbeiten, dann kommen wir eine Weile über die Runden."
Das wäre nun der Zeitpunkt, über das Leben in der Fremde ernsthaft nachzudenken. Aber aufgeben? Das kommt für die Gülcks nicht in Frage, vorerst.
Verarmt sind sie ja wahrhaftig nicht, und das Dasein in Kanada, möchte man meinen, bietet doch auch jenseits des Einkommens gewisse Werte. Das eigene Häuschen zum Beispiel, das in den Träumen aller Auswanderer seinen festen Platz hat und oft das entscheidende Motiv abgibt, steht schon da.
Allerdings handelt es sich nur um ein Side-by-side-Haus, was aber schon mal netter klingt als Reihenhaus, und preisgünstig war es auch: 39 000 Dollar, für vier Zimmer, Küche, Bad, insgesamt 105 Quadratmeter, Anzahlung fünf Prozent. In Deutschland, weiß Volker Gülck, würde er dafür das Drei- bis Vierfache ausgeben müssen.
Das Haus liegt im Stadtteil Northkildonan, verstreuselt unter ein paar tausend ähnlichen Anwesen. Bis zur Innenstadt sind es mit dem Auto nur knapp zwanzig Minuten. Aber die Gülcks zieht es da nicht oft hin.
Wo jetzt ihr Heimatort liegt, grasten vor nicht langer Zeit noch stattliche Büffelherden, bis die das allgemein bekannte Schicksal erlitten. Winnipeg war das Ausfalltor zu Kanadas wildem Westen und Sitz der Hudson Bay Company, die den Handel beherrschte, karg lebenden Trappern die Pelzware abkaufte und ihnen dabei das Fell über die Ohren zog.
Aus der Prärie rundherum ist unterdessen der Welt größte Kornkammer geworden. Weizen vor Winnipeg und Weizen dahinter. Die Provinz Manitoba ist fast dreimal so groß wie die Bundesrepublik, die Hälfte der Bevölkerung hat sich in der Hauptstadt zusammengeballt: 590 000.
Zu den aufregenden Daten dieser Metropole am Red River gehören die 209 Schienenkilometer des gewaltigen Güterbahnhofs, deren Kurzweil sich jedoch nur von einer höher gelegenen Brücke aus preisgibt. Natürlich bietet Winnipeg auch das, was eine Großstadt, nach der lange keine weitere kommt, schon bieten muß: ein Ballett und ein Symphonieorchester, reichlich Sportstätten und gleich zwei Universitäten. Seit den fünfziger Jahren sind sogar alle Straßen mit einem festen Belag versehen, fast alle. S.105
Zur Sommerzeit ziehen manchmal Gruppen junger Männer durch Winnipeg, kaufen ein und fallen auf. Es erklingen Panzerlieder sowie andere Weisen, vorgetragen von Rekruten der Bundeswehr, die im nahegelegenen Nato"Camp Shiloh" das Scharfschießen üben.
In Winnipeg sind offenbar alle mal vorbeigekommen. Die Stadt beherbergt ein Vielvölkergemisch, Europäer jeder Art, die meisten alteingesessen, neuerdings auch Asiaten in größerer Zahl. Wie überall im Lande, sind die Leute, sofern es nicht gerade am Arbeitsplatz ist, freundlich miteinander. In den Straßen und Shops geht es gelassen zu, die Nachbarn kennen sich noch. Aber Nachbarschaft, wie sie es gewohnt waren, haben die Gülcks noch nicht angetroffen.
Die Dame, die side-by-side wohnt, hat etwas gegen die Deutschen. Offene Feindseligkeiten brachen aus, als Gülcks einen Bretterzaun um ihr schmales Grundstück zogen, wegen Teddy, dem Familienhund.
Von da an donnerte die Nachbarin öfter mit schweren Gegenständen an die Trennwand der beiden Häuser. Dann ließ sie brüllend laut Marschmusik spielen, hatte sich mit dieser Angriffsmaßnahme aber verrechnet. Tischlermeister Gülck mag Märsche nämlich gern. "Geht wieder dahin, wo ihr herkommt, ihr dreckigen Deutschen", war schließlich zu hören.
Englisch hatten die Gülcks zwar auf der Schule gehabt, aber am Anfang erging es ihnen so wie den meisten Auswanderern: Sie wurden, sobald sie den Mund aufmachten, groß angesehen. "Vor allem bei der Arbeit war das erst schlimm", sagt Freya Gülck, "und vor allem mit der Aussprache." Hinzu kam für beide der Umstand, daß die jeweils Untergebenen oft noch schlechter sprachen, zugewanderte Chilenen oder Filipinos. Aber, seufzt sie, "I don't know, das konnten sie sofort".
Vielleicht hat es sich auch dadurch ergeben, daß die wenigen Bekannten, die sie in den vier Jahren gewonnen haben, allesamt deutscher Herkunft sind und eben auch deutsch reden. Ach nein, sagt Frau Gülck, "das ist nicht wie in Deutschland, in meiner Heimatstadt, da treffe ich diesen und den".
Der liebe Gott könnte in diesem Punkt vielleicht aushelfen. "Wenn man hier dazugehören will", meint sie, "muß man in die Kirche gehen." Die Messen in Winnipeg, haben die beiden festgestellt, sind immer gut besucht, sogar von jüngeren Leuten. Baptisten oder Lutheraner, viele Mennoniten haben den Glauben bewahrt; sie geben sich "tatsächlich wie eine große Familie", und nach der Predigt wird oft noch geschwoft.
Besondere Frömmigkeit wäre wohl nicht erforderlich, um dort Anschluß zu finden. Aber auch in Kanada ist Kirche am Sonntag, und da will man ausschlafen S.107 oder ins Grüne fahren. Das ist schon schade, finden die Gülcks, denn einmal sind sie geradezu herzlich empfangen worden, lauter "nette Leute, die uns gleich angesprochen haben". Aber sie waren sehr schwer zu verstehen, "die haben ja nur ukrainisch geredet".
Gülcks sind auch nicht mehr so sicher, ob es Sinn hat, diesen und den zu treffen. Von Mensch zu Mensch, haben die Auswanderer beobachtet, das bedeutet in der neuen Heimat etwas anderes. Da sind ein paar Eigenheiten im Alltag, vor allem aber war es schwer, die Gefühlswelt der Kanadier aufzuspüren, und inzwischen halten die beiden es für möglich, daß es diese Welt gar nicht gibt.
Solche Beschwerden etwa, daß die kanadischen Brötchen "so ein Matschkram" sind, wie Freya Gülck sagt, oder daß man die entsetzlich süßen Kuchen gar nicht essen kann, "weil man die Zähne nicht wieder auseinanderkriegt" - das ist leicht zu ertragen.
Mitunter schon spaßig sind auch "die Manieren hier manchmal. Da wird geschmatzt und beinahe mit Händen und Füßen in den Mund gestopft, oh boy". Obwohl der Spaß aufhört, wenn manche Kanadier ihr Bier mit Tomatensaft trinken.
Nein, wirklich zugesetzt hat den beiden Auswanderern die Sache "mit dem Wesen hier, da ist vieles so oberflächlich, nicht echt". Daß "die Leute oft wahnsinnig freundlich sind", hatte die Gülcks zunächst ganz glücklich gestimmt. Aber "die mögen gern große Worte machen und im Grunde ist nichts dahinter".
Auf das ständige "how are you" mit einer knappen Darstellung ihres Befindens zu antworten gewöhnten sich die beiden rasch ab. "Die Leute sprachen ja immer gleich weiter." Aber als in der ersten Zeit Nachbarn und Kollegen ankamen und "strahlend sagten: 'Oh, kommt mal rüber zum Kaffee'", da sind sie allen Ernstes hingegangen. Einmal trafen sie welche, bei denen sie dachten: "Das könnten Freunde werden", so nett waren die.
Aber bei den einen wie den anderen löste das Erscheinen der Familie Gülck nur Verwunderung aus und "das Gefühl: Die sind froh, wenn wir wieder weg sind". Und das, sagt der Tischlermeister, "sind wir nicht gewohnt, wir halten zu unserem Wort".
Nun hören sie "gar nicht mehr hin, wenn uns einer einlädt". An Freundschaft, wie sie das aus Deutschland kennen, so durch dick und dünn und mit Gefühl, mögen die beiden nicht mehr glauben. "Die Leute sind zu gleichgültig, zu uninteressiert hier. Die denken an sich und nicht mal mehr an ihre Mutter."
Freya Gülck ist "das sehr aufs Gemüt gegangen, und ich habe schon gedacht, meine Güte, was ist das für ein Land hier". Und dann hat sie zu ihrem Mann gesagt: "Ich will nach Hause, hier hält mich überhaupt nichts."
Ihr fehlt "noch immer die Familie, die Bekannten". In den schwersten Stunden des Deutschen im Ausland, zur Adventszeit, backt sie wie besessen Plätzchen und versucht, alles so zu halten wie daheim, schon der Kinder wegen.
"O ja, rundum in Kildonan leuchten dann bunte Lämpchen an den Häusern, das ist recht hübsch." Aber sonst. "Und Silvester zum Beispiel", sagt er, "da ist S.109 hier gar nichts. Nicht ein Knaller, furchtbar." Letztes Jahr haben sie Weihnachten lieber gleich gestrichen und sind nach Florida gefahren, zu Verwandten. "Dann ist man wenigstens völlig abgelenkt."
Einmal hatte Freya Gülck ihren Mann "schon so weit, daß wir zurückgehen. Aber er hat mich gewarnt, seine berufliche Zukunft sei in Kanada besser".
Da hat sie nachgegeben, "denn letzten Endes ist er derjenige, der die Familie durchbringen muß", und außerdem: "Andere Deutsche halten auch aus."
Es gibt genug davon. Die Deutschen stellen, nach den Engländern, die zweitstärkste ethnische Gruppe in Manitoba. Nachbarorte bei Winnipeg heißen Steinbach und Altona, im Stadtrat sitzen die Herren Ernst und Fleisher.
Und in Winnipeg hält sich seit 93 Jahren "die Stimme der Deutschsprachigen", der "Kanada Kurier", wöchentliche Auflage: 40 000, verbreitet allerdings landesweit und noch in den grenznahen US-Gebieten. Dort werben im Anzeigenteil "ihre neue deutsche Fleischerei, Georg Davert und Frau Rita" und der "Edelweis Florist", es empfehlen sich die Konditorei Lange, 710 Elice Ave., und der registrierte Klavierstimmer Grimm.
Wenigstens 30 000 deutsche Einwanderer aus der ersten Generation leben in der Stadt, das Gros seit Jahrzehnten. Der Startplatz, den sie vorfanden, sah weitaus derber aus als das Winnipeg von heute, in dem es Einkaufspassagen gibt und selbst eine Rush-hour. Nun ist dort nicht schlechter zu leben als etwa in Bielefeld, und an dieser stürmischen Entwicklung haben deutsche Handwerker und deutsche Unternehmer beträchtlichen Anteil.
So viele Deutsche und kein Verein? Doch, doch.
Und was für einer. Es ist die "Deutsche Vereinigung von 1892", mit einem wuchtigen Gebäude Ecke Flora- und Charles Street, heute leider nicht mehr die beste Gegend.
Zwar sitzt gleich hinter dem Portal ein vorgeschobener Beobachter, der fragend aufsieht: Wer da? Doch dann wird es auch schon gemütlich.
Die Tische tragen Rotkariert, das zeitlose Modell. Ausgeschenkt werden Löwenbräu und Dortmunder Union, und das kommt wahrhaftig in Seideln. Richtig: Sauerbraten ist auch zu haben. An den Wänden des Billardzimmers hängen zu Dutzenden Regiments- und Bataillonszeichen, die Wehrmacht war groß. Und wenn darüber spätnachts wieder einmal Einigkeit erzielt ist, läßt sich die Geschichte mit dem "Last train to Hamburg" begießen, einem kräftigen Longdrink. Nebenbei kein ganz billiger Zug: drei Dollar fünfundsiebzig.
Im Klubraum sitzen sie abends, brave, meist ältere Leute, und freuen sich nur so. Es trifft Else auf Liese: "Ja, guck, wer ist denn da." Und es ist wirklich keine Einbildung, als ein Trupp in Haferlschuhen, mit Waderlstrümpfen und Sepplhosen erscheint. Dann kommt die Kapelle, drei Mann.
Es handelt sich, wie ein städtischer Prospekt über das gesellige Leben der Deutschen ohne böse Absicht vermerkt, um eine "oom-ta-ta-band", teilweise mit Gesang. "Schwarzbraun muß mein Mädel sein", tragen die Herren vor, die schon hoch in den Jahren sind, aber auch Modernes wie die Capri-Fischer, die sich, weil mit ostpreußischem Akzent gesungen, wie neu anhören.
Auch die Gülcks gehen gelegentlich ins Deutsche Haus, auf ein Bierchen. Maßlos enttäuscht waren sie allerdings vom Oktoberfest. Da gab es das Bier, wohl weil es an Krügen fehlte bei diesem Andrang, einfach in Pappbechern. Die Erwartung, im Klub auf eine repräsentative Auswahl ihrer Landsleute in Winnipeg zu treffen, haben die beiden Zuwanderer schnell begraben. Die Vereinigung, so rührig sie ist, zählt nur 1800 Mitglieder.
Der große Rest, glauben sie nun, gibt sich gar nicht so gern als deutsch zu erkennen - "die wollen hier schnell aufgehen in der einheimischen Gesellschaft". Dagegen wäre nichts einzuwenden, aber daß "sie neben einem an der Ladenkasse stehen und nicht mal helfen, wenn man Probleme mit der Sprache hat", findet Freya Gülck doch schon happig.
In ihrem Viertel Kildonan, so wissen sie vom Hörensagen, soll es regelrecht S.111 wimmeln vor Deutschstämmigen. Aber nur durch Zufall haben sie erfahren, daß die Nachbarn ein paar Schritte weiter auch Landsleute sind.
Sprache und Brauchtum zu bewahren, so haben die Gülcks inzwischen gelernt, kann auch unerwünschte Folgen haben. Von der Sonnabendschule des Klubs zum Beispiel, in der die Nachkommen von Einwanderern wieder Deutsch lernen können, haben sie die Tochter und den Sohn bald abgemeldet. Denn die bekamen plötzlich, nachdem sie gerade von Grund auf Englisch gelernt hatten, einen deutschen Zungenschlag, und das mißfiel wieder den Lehrern in der kanadischen Grundschule.
Tanja, 11, und Niklas, 10, verstehen die Muttersprache zwar noch. Aber untereinander und daheim reden sie nur mehr Englisch. Deutsch, sagen sie, that sounds so stupid. Vater und Mutter haben allerhand auszuhalten, sie müssen sich sagen lassen: Du redest vielleicht funny, und dann fragen die Eltern, wie man dies und jenes denn richtig ausspricht.
Tanja und Niki hatten zu Anfang, in der Vorschule, "nur dagesessen und die Händchen gehalten und waren sehr, sehr still", wie sich die Mutter erinnert. Nun haben sie den Anschluß gefunden in der Ganztagsschule, und die Eltern hoffen, daß ihnen erspart bleibt, eine Klasse zweimal zu machen - wie es bei Einwandererkindern ziemlich oft passiert.
Sorge macht den Gülcks nur "dieses Chaos" in der kanadischen Schule, "die machen sich das leicht, oh boy". Etwas mehr Disziplin und auch etwas mehr Leistung im Unterricht wären ihnen lieber, und sowieso ist "die Kindererziehung hier im Vergleich mit Deutschland unmöglich, die dürfen alles". Und deshalb wollen Gülcks ihre eigenen für die letzten beiden Jahre auf eine Privatschule geben. "Da sollen die sogar Uniform tragen, und es werden ihnen wenigstens Manieren beigebracht."
Tanja und Niki wissen noch nichts von diesem Schicksal, aber für sie hat Kanada ohnehin keine Zukunft. "In Deutschland war es schöner", sagt Tanja zweisprachig, da kannte sie "viele Leute, und hier ist der Winter nicht gut, it's too cold". Und wenn sie mit der Mutter nach Deutschland in Ferien fährt, "dann bleibe ich drüben".
Was das Zwischenmenschliche betrifft, so ergeht es den Kindern nicht anders als ihren Eltern. Freunde zu finden ist schwierig. Klar, daß sie am Anfang immer gehänselt wurden, schon wegen der Sprache. Aber nun haben sie noch immer keinen rechten Zugang zu den Nachbarskindern; man spielt zwar miteinander, doch engere Beziehungen kommen nicht vor. "They always lie", winkt Niki ab, was etwa heißt: Auf diese Burschen hier kann man nicht bauen.
So bleiben sie denn oft zu Hause, balgen mit dem Hund oder mit Smoky, der Katze. Niklas bastelt sich allein was, Tanja zieht ihre Barbie-Puppen aus und wieder an und wieder aus.
Mutter Gülck ist sich "völlig klar darüber, daß wir die Kinder hier nie so hinkriegen, wie wir das wünschen". Daß sie "diese oberflächliche Art" annehmen könnten und dann später alles über Eishockey wissen, den Nationalsport, aber Werthers Leiden vielleicht für eine seltene Krankheit halten.
Da muß man sich Mut machen: Womöglich, meint Freya Gülck, "erspart ihnen das aber auch manchen Kummer, wenn sie nicht solchen Tiefgang haben". Und Vater Gülck verweist nachdrücklich darauf, daß seine beiden ja zum Beispiel in Kanada nie Ärger mit einem Numerus clausus haben werden, und "die Zukunft überhaupt ist hier doch besser für sie".
Wenn er da nur an die Freizeit denkt, diese Möglichkeiten, oh boy. "Was bei uns", sagt Tischler Gülck und meint Deutschland, "die High-Society macht, gehört hier zum normalen Leben." Er kann zum Beispiel "angeln und jagen, wo ich will". Und wenn er könnte, auch an nahezu jeder Ecke Golf oder Tennis spielen oder reiten.
Dann die Landschaft, die zum Vorschein kommt, wenn der Weizen endlich mal aufhört. Schön, in British-Columbia, S.113 wo die Berge sind, mag Kanadas Natur wohl interessanter sein. Aber sie sind nun einmal nach Winnipeg ausgewandert, und auch von dort aus sind Wälder zu erreichen, wenn man nur lange genug fährt.
Wenn es warm ist, rollen Schwärme von Mobilhomes in die Erholungsgebiete nach Nord oder Ost, parken an einem der abertausend Seen oder auf einem der lauschigen Campingplätze, die nichts gemein haben mit der Mickrigkeit deutscher Zeltwiesen. Wintertags sind allein in Manitoba 46 000 private Schneemobile in Betrieb, und auf den freigefegten Flußläufen steigen die Schlittschuhpartys. Das ist schon etwas, allerdings: Ein paar Eigenheiten der Natur und des Klimas müssen dabei hingenommen werden.
Die Sommer, vom kontinentalen Klima bestimmt, sind kurz, aber heiß und meist wolkenlos. In ihrem Ford LTD, einem dieser weiträumigen Straßenkreuzer, wiegen sich die Gülcks dann oft an den Lake Winnipeg.
Dieses Gewässer, nur ein paar Autostunden entfernt, ist größer als Hessen und hat Badestrände. "Nicht so schön wie in Deutschland", sagt Freya Gülck, "man ist da doch verwöhnt von Ost- und Nordsee." Zuerst hat sie gedacht: "Meine Güte, was zieht die Leute bloß an diese Ufer, das ist ja furchtbar."
Jetzt weiß sie's. Denn sobald einer sich vom Wasser entfernt, greifen die Mücken an. Sie sind, wie alles drüben, deutlich größer als ihre europäischen Artgenossen, gewissermaßen die Jumbos. Doch man kann sich ja einsalben, "wenn das Zeug auch so stinkt".
Lästiger sind die Zecken, die, sagt Vater Gülck, "es hier wie Sand am Meer gibt, beim Angeln am Fluß- oder Seeufer fangen wir uns regelmäßig mehrere". Aber auch damit läßt sich fertig werden. Zu Hause ziehen sich die jeweils Betroffenen einfach nackt aus, werfen die Kleidung rasch in die Wäsche und duschen. "Das mit den Zecken", findet sie, "ist das Ekelhafteste hier."
Das Gefährlichste sind die Bären. Sie sind eine Spezialität des Landes und keineswegs so manierlich, wie sich das die Touristen mitunter denken. Zwar siedeln in Manitoba keine Grizzlys, die, wie ihnen im Lande nachgesagt wird, von Natur aus reizbar sind und ohne sichtlichen Grund Streit anfangen; aber Schwarz- und Braunbären sind reichlich vertreten.
Vor allem die vielen Camper werden öffentlich gewarnt, keine Speisereste im Freien oder im Zelt zu belassen; Bären stehen darauf. Trotzdem gibt es jedes Jahr ein paar Tote. Nur noch anhand von Photos konnte zum Beispiel ein Unfall rekonstruiert werden, dem ein Einzelreisender erlegen war.
Der Mann hatte unbedingt einen Bären in seinem Auto knipsen wollen und deshalb das Lenkrad mit Honig bestrichen. Es kam auch einer, leckte das Steuer ab, entdeckte dann aber den Photographen. Die Bilder, die später aus der Kamera geborgen wurden, waren gut geworden.
Obacht ist auch geboten, wenn Hunde mit ins Grüne genommen werden. Die spüren mitunter so ein Tier auf, stellen fest, daß es stärker ist, rennen zurück zum Herrn, und der hat dann den Bären auf dem Hals.
Volker Gülck hat sie bislang nur von weitem gesehen, und für den Fall, daß ihm ein Bär so kommt, hat er "immer zwei Messer mit, ein kurzes und ein ganz langes". Im Interesse der Familie ist zu hoffen, daß das Großwild von ihr Abstand nimmt.
Hecla Island im Lake Winnipeg, wohin sie meist fahren, hält Gülck ohnehin für bärenfrei. Denn dorthin führt nur eine schmale Schotterstraße, und "es ist unheimlich schön da". Die Gegend ist wirklich hübsch, Wald und Wasser, ungefähr so wie an einer Talsperre im Sauerland.
Die Auswanderer zelten auf dieser Insel, die zum Naturpark erklärt worden ist. Das Gull Harbour Hotel, einziges Haus im Platze, kommt erst in Frage, wenn das Fürstenleben beginnt. Denn da kostet das Zimmer 44 Dollar die Nacht, etwa 80 Mark, und das, sagt Meister Gülck und lächelt aufmunternd seine Frau an, "leisten wir uns vielleicht im nächsten Jahr".
Mit den Besonderheiten der Natur müssen sich die Auswanderer auch in der Winterzeit auseinandersetzen. In Manitoba und mithin in Winnipeg ist es noch kälter als ohnehin in Kanada, "ziemlich lausig", wie Freya Gülck sagt. Frost herrscht durchschnittlich an 131 Tagen im Jahr. Temperaturen unter minus 30 Grad Celsius sind nicht ungewöhnlich, der Rekord liegt bei minus 46,2.
Wenn Tischler Gülck in dieser Zeit mit dem Auto aus der Stadt heraus muß, um irgendwo Kunststoff-Fenster an den Mann zu bringen, nimmt er eine Handvoll Kerzen mit, "immer für mindestens 30 Stunden". Er hat das den Eingesessenen abgesehen, denn falls unterwegs ein eisiger Blizzard kommt und der Schneewirbel wegen kein Meter mehr zu machen ist, wird die Kerzenwärme im Wagen lebenswichtig.
Viele Überlandfahrer starten nicht ohne Daunenschlafsack, und Gülck hat auch Verpflegung dabei, ein ganzes "Survival-Pack, zwei, drei Tage könnte ich schon im Auto überleben".
Für den Rest seiner Tage möchte Meister Gülck die besonderen Merkmale des Manitobawinters aber nicht in Kauf nehmen. Was soll das, wenn einem, wie er es bei seinem Ford erleben mußte, vor Kälte die Frontscheibe und sogar die Lenkradspeichen reißen. "Wenn das Geschäft mal läuft, gehe ich vielleicht nach Osten an die Küste." Da ist es ein paar Grad wärmer.
Es muß gesagt werden, daß die meisten dieser natürlichen Gegebenheiten nur für das Wochenende Bedeutung haben. Zur Freizeitgestaltung an gewöhnlichen Werktagen ist das Auswandererpaar in den vier Jahren noch nicht richtig gekommen. Da sind die Kinder, die in Kanada bis zum zwölften Lebensjahr nachts nicht ohne Aufsicht sein dürfen. Mit Babysittern haben sie schlechte Erfahrungen gemacht, "die holten gleich Freunde, und dann war Highlife". Ein freies Land eben.
Im übrigen müssen sie, "um ein Bier zu trinken, immer nach downtown", in S.116 die Innenstadt. "Die Kneipe um die Ecke gibt es ja hier nicht", bedauert Meister Gülck, und auch sonst "keine Atmosphäre", sagt sie, wie zum Beispiel "in Lübeck, wo wir früher so gern waren".
Selbstverständlich hat die Hauptstadt in der Prärie auch ihr Nachtleben. Zahlreiche Restaurants bieten sich an, das beste, "Victors", natürlich unter deutscher Leitung. Aber das ist nicht billig, und das Getöse in den Discos mögen die Mittdreißiger nicht mehr. Der Rest ist von grober Art.
Ein Amüsierviertel liegt an der Main Street. Dort lungern die Indianer herum, rund 40 000 sind noch in Winnipeg. Alkohol und Arbeitslosigkeit, besorgt vom weißen Mann, haben sie verkommen lassen. Nun sind sie nur noch die Herren der "schlimmen Gegend", wie eine Dame vom deutschen Konsulat das Quartier nennt, in dem elf-, zwölfjährige Indianerinnen auf den Strich gehen. Amüsant ist das nicht.
Bleiben noch die Vergnügungsbetriebe mit Klubcharakter, die sich der Fremde aus dem Branchenverzeichnis des Telephonbuches heraussuchen kann, und es versteht sich wohl, daß das bestgelittene Unternehmen, das "Rainbow-Studio", von einer Deutschen geführt wird. Dort hat Karin aus Hamburg den Spaß in der Hand.
Für Tischler Gülck ist das kein Thema. Da sitzt er lieber abends an seinem Zeichenbrett, das im Wohnzimmer aufgestellt ist, und denkt über Kunststoff-Fenster nach. Ob ihm dann manchmal auch der Gedanke kommt, wieder zurückzukehren nach Deutschland?
Der Meister hat es schwer mit seiner Antwort und wendet den Fall hin und her. Also zum Beispiel "gibt es ja hier nicht die Kriminalität wie in Deutschland", wo man nachts nicht mehr auf die Straße kann, und schon gar keine Terroristen.
Und das Wetter ist eben "total anders, der Winter zwar dreimal so kalt, aber der Sommer auch dreimal so gut". Schließlich die Landschaft - ja schon, "in Deutschland liegt alles näher beisammen, da ist man in einem Tag von der Ostsee zu den Alpen, und hier muß man immer ein paar Tage fahren".
Frau Freya kann das auch nicht mit einem Wort erledigen. "Zurückkehren? Ich weiß es nicht, wirklich nicht." Ihr ist oft schon so, "als ob die Nachteile in Kanada überwiegen".
Wenn die Verwandten aus Schleswig-Holstein ihre Tonbänder schicken, "sind sie allerdings immer nur am Stöhnen". Aber einer Freundin, die auch an Auswanderung denkt und die politische Lage in der Bundesrepublik beklagte, hat sie neulich Bescheid gegeben. Denn "die politische Lage ist hier auch nicht gut. Und was die Atomgeschichten angeht: Wir sind hier gleich neben North Dakota, und da ist jede Menge Raketen stationiert".
Doch wenn sie nun darüber nachdenkt, kommen ihr gleich wieder Zweifel. "Hier haben die so schöne Ladenschlußzeiten, irgendwelche Läden haben immer auf, nachts, sogar sonntags." Auch "dieses Gerenne" in der alten Heimat, "die Hetze und das Geschubse, meine Güte", das wäre nichts mehr für sie.
Und grundsätzlich ist die Sache so: "Da sitzt man da, hat alles aufgegeben zu Hause. Und dann kann man ja nicht gleich wieder zurückfahren."
Auswanderer Gülck bemüht sich um eine nüchterne Betrachtung und landet immer wieder beim beruflichen Fortkommen. Eins steht ja mal fest: "Die Arbeitsplätze in Deutschland sind viel sicherer, auch jetzt noch. Hier in Kanada ist man mit einem Bein immer auf der Straße, auch als Fachmann. Und erst als Arbeiter, vier Dollar die Stunde, no."
Wenn er nun gar nicht ins Geschäft kommt "und die Bauwirtschaft noch längere Zeit am Boden ist", dann muß er vielleicht aufgeben. Aber es kann "ja eigentlich nur noch besser werden", meint er, "ein bißchen Glück gehört dazu, genau wie in Deutschland". Und seine Fenster sind gut, das weiß er, "die haben Isolierwerte, die zwölfmal über der Vorschrift liegen".
Immerhin "haben die hier seit drei Jahren kaum Häuser gebaut, und wenn das erst mal wieder losgeht, oh boy". Dann werden sie vielleicht doch noch leben wie die Fürsten.
Nur, es ist noch nicht losgegangen, und statt der Aufträge kommen Rechnungen. Zum Beispiel die 250 Dollar für eine kleine Zahnbehandlung, die Gülck gerade bezahlen mußte.
Daß er demnächst die Hypothek für sein Side-by-side-Haus verlängern muß, mag sich Tischler Gülck gar nicht vorstellen. Der Zins nähert sich den 19 Prozent. Und wenn die das verlangen, "dann schmeiße ich der Bank das Haus vor die Füße und ziehe wieder in eine Mietwohnung".
Sind die Auswanderer also doch am Ende oder wenigstens kurz davor? Keine Spur. Sie haben ein Leben in Deutschland, wo man es manchmal nicht leicht hat, mit einem Leben im Ausland eingetauscht, wo es manchmal recht schwer ist. Sie hatten sich das eben nur einfacher vorgestellt, und es war alles ganz anders.
Der Ernstfall muß nun ins Auge gefaßt werden. Auf die Reise mit den Kindern, die erste nach Deutschland, will Freya Gülck nicht verzichten; er bleibt in Winnipeg. Aber wenn sie zurück ist, "und es tut sich da immer noch nichts, dann werde ich wieder arbeiten".
Und Volker Gülck hat auch noch etwas in der Hinterhand. Da ist ein Angebot für einen Beraterposten in West Virginia, USA. "Eine schöne Gegend", hat er gehört.
"Wenn alles nicht klappt", sagt der Auswanderer, "bleibt mir das noch, dann wandere ich aus." Oh boy.
Ende

DER SPIEGEL 42/1982
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