18.10.1982

SCHRIFTSTELLERTraumland DDR

Seit Monaten herrscht Krach im deutschen Schriftstellerverband (VS). Die Vorwürfe konzentrieren sich auf den VS-Vorsitzenden Bernt Engelmann, dem DDR-Hörigkeit nachgesagt wird.
Der Lyriker Frank-Wolf Matthies, 31, traute seinen Augen nicht. Vor einem Jahr aus der DDR nach Berlin (West) ausgebürgert, erhielt er im April ein Schreiben der Berliner Sektion des deutschen Schriftstellerverbandes (VS), in dem die Mitglieder zur Teilnahme an der gewerkschaftlichen Maikundgebung aufgefordert wurden.
"Wir erwarten von Dir", hieß es da, "daß Du am 1. mit dabei bist!" Denn, so wurde Matthies vom VS über die Aufgaben eines Schriftstellers belehrt: "Wer schreibt, muß auch marschieren." Erschrocken kündigte er anderntags seine Mitgliedschaft im VS.
Vier Monate später, im August, verließen zwei weitere ehemalige DDR-Schriftsteller den Verband: Reiner Kunze und Gerhard Zwerenz. Sie empörten sich über die Friedenspolitik des VS-Vorsitzenden Bernt Engelmann, der auf dem Ost-Berliner Friedenstreffen der Schriftsteller im Dezember 1981 "DDRoffizielle Sprachregelungen opportunistisch" übernommen habe, so Kunze in seiner Austrittsbegründung.
Noch schärfer ging Zwerenz mit Engelmann ins Gericht. "Sklavensprache, Demutshaltung, taktische Abstufung der Wahrheit bis hin zur DDRgenehmen Unkenntlichkeit", warf er dem selbsternannten Radikaldemokraten vor und präzisierte auf einer VS-Diskussion während der Frankfurter Buchmesse seinen Vorwurf dahingehend, daß er den VS-Vorstand "kriminelle Burschen" nannte.
Die Austritte der Einzelgänger, als deren Organisation sich der Schriftstellerverband versteht, ließen Engelmann kalt, weil er für Einzelgänger bestenfalls mitleidiges Kopfschütteln aufbringen kann.
So rechnete er Kunze und Zwerenz vor, daß bei einer Mitgliederzahl von 2422 der VS ihren Austritt verschmerzen könne, zumal "die Austritte leicht von Zugängen aufgewogen werden".
Und gegen Kunze trat der VS-Vorsitzende abermals nach, indem er ihn als einen jener "Handvoll europäischer Schriftsteller" verächtlich zu machen suchte, die den Friedensappell der Literaten "nicht unterzeichnet haben".
Engelmanns Umgang mit den DDR-Dissidenten mußte diese um so mehr verbittern, als der VS-Vorsitzende nichts Anstößiges daran finden konnte, daß sein Friedensfreund in der DDR, Stephan Hermlin, sie, ohne Namen zu nennen, S.247 als "Kriminelle" bezeichnete und sie der Unterschriftsfälschung und des fortgesetzten Rufmords bezichtigte.
Hermlin hatte mit der Erklärung, sich nicht mit Kriminellen an einen Tisch zu setzen, auf den Vorwurf reagiert, nur ideologisch genehme Autoren nach Ost-Berlin eingeladen zu haben. Engelmann konnte ihm da nur beipflichten. "Warum hätte Hermlin" - beispielsweise - "mit Zwerenz einen Mann einladen sollen, der ihn pausenlos angreift?"
Um das Verhalten des VS-Vorsitzenden zu verstehen, gegen das auch westdeutsche Schriftsteller wie Graß und Härtling protestierten und das die Kollegen Bienek und Achternbusch mit ihrem Austritt quittierten, muß man nicht Unterwanderungs-Theorien bemühen wie "Die Welt", die den VS "von oben bis unten zum Ost-Berliner Kader deformiert" wähnt.
Man braucht nur in den gerade erschienenen Protokollen
( Bernt Engelmann u. a. (Hg.): "Es geht, ) ( es geht ..." Wilhelm Goldmann Verlag, ) ( München; 432 Seiten; 9,80 Mark. )
zu den drei Friedenskongressen der Schriftsteller in Ost-Berlin, Den Haag und Köln nachzulesen, was Engelmann über seine DDR-Erfahrungen schreibt.
Wurde die westdeutsche Friedensdelegation bei der Einreise schikaniert? Die westdeutsche Friedensdelegation passierte die Übergänge "in Rekordzeit". Vorbei an verschlossenen Grenzbeamten? "Vorbei an freundlich grüßenden DDR-''Grenzorganen''." Die stundenlang das Gepäck durchwühlten? "Die, anstatt das Gepäck zu kontrollieren, höflich einen guten Verlauf der Tagung wünschten."
Ergriffen berichtet Engelmann, die DDR habe ihnen "den Rang und die Behandlung von Staatsgästen" eingeräumt.
Schwer zu verstehen, wieso westdeutsche Schriftsteller, die darauf pochen, Einzelgänger, Protestanten wider die Macht und Fürsprecher der Ohnmächtigen zu sein, sich von einem Mann repräsentieren lassen, dem die Diktatur sich in ein Traumland verwandelt, sobald man ihn als Staatsgast behandelt.
S.247 Bernt Engelmann u. a. (Hg.): "Es geht, es geht ..." Wilhelm Goldmann Verlag, München; 432 Seiten; 9,80 Mark. *

DER SPIEGEL 42/1982
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