07.12.1981

KUNSTMauern wie Laken

Der chilenische Maler Roberto Matta möchte „die Natur des Übernatürlichen“ darstellen. In Celle hat er jetzt einen Preis bekommen.
Umsonst kommt ein weltberühmter, weltläufiger Künstler natürlich nicht in die deutsche Provinz. Der surrealistische Maler Matta - Chilene von Geburt, abwechselnd in Paris, in London und bei Rom ansässig - hatte sich vorletztes Wochenende in der niedersächsischen Fachwerkstadt Celle eingefunden, erstens um dort einen mit 25 000 Mark dotierten Kunstpreis entgegenzunehmen, zweitens aber in rasch gefaßter missionarischer Absicht.
Kaum angelangt, verkündete der Gast: "J''aime Celle" (ausgesprochen: "ßäl") und fand es zwingend, daß an diesem Platz fortan eine Trutzburg Mattascher Kunstauffassung erwachsen solle. Der gemeinnützigen "Heitland Foundation", in die vor zwei Jahren Volker Heitland, Mitinhaber einer Celler Kosmetikfirma, rund die Hälfte seiner Geschäftsanteile gesteckt hat und die nunmehr Matta mit ihrem Preis bedachte - dieser Stiftung wäre damit ein ebenso steiler wie aparter Weg gewiesen.
Denn Matta (voller Name: Roberto Sebastian Antonio Matta Echaurren) ist kein Künstler wie andere; unter seinesgleichen fühlt er sich "im Exil", bei Museumsleuten und Kritikern "höchst unbeliebt". Das muß davon kommen, daß der muntere Siebzigjährige noch immer eigensinnig bemüht ist, malend "den inneren Menschen und seine Möglichkeiten darzustellen", so wie es Andre Breton, Wortführer des Surrealismus, 1947 an ihm gerühmt hat.
Daß dieses hochgesteckte Ziel noch unerreicht sei, räumt Matta ein. Und was vorerst bei seinem Streben herauskommt, entkräftet nicht gleich alle möglichen Zweifel an seiner Methode.
Von Matta-Bildern, wie sie derzeit denn auch eine kleine Ausstellung im Celler Herzogsschloß präsentiert, leuchtet dem Betrachter eine bengalisch schwankende Farbigkeit entgegen - eine Art Unterwasser- oder Weltraum-Vision.
Darin schwebend finden sich Schwärme fest umrissener Formen, die sich oft zu fiktiven Apparaten, wie vom Dada-Vater Marcel Duchamp, zusammensetzen; anderwärts scheinen Lemuren von einem fremden Stern, giftgrüne oder rosa Männchen, gelandet zu sein.
Matta nennt dergleichen "cosmic strip" und meint, man dürfe Lächerlichkeit nicht scheuen. Irritation freilich geht weniger von grotesken Motiven als von dem flauen Wabern der Farbgründe und der offenkundigen Fließbandproduktion aus. Die Verlegenheit mit dem Werk jedoch wird von der Person des Künstlers überspielt: Sein leidenschaftlich vorgetragener Kunst-Entwurf bleibt faszinierend, auch wenn die einzelnen (Zwischen-)Resultate zu wünschen übriglassen.
Mattas Idee stammt aus einer beispielhaften Künstler-Bekehrung. Als Architekt ausgebildet, hatte der junge Mann Mitte der dreißiger Jahre im Pariser Büro Le Corbusiers gearbeitet - an streng-schönen Baukonzepten, doch ohne viel Rücksicht auf etwaige Bewohner. Alles Mißtrauen gegen so menschenferne Architektur packte er dann in ein Manifest, das ein "zweitklassiger Dichter" als Ghostwriter für ihn aufschrieb und das 1938 in der Surrealistenzeitschrift "Minotaure" erschien. Kernsatz: "Wir brauchen Mauern wie nasse Laken, die sich entformen und unseren Seelenängsten anschmiegen."
Heute und mit eigenen Worten beschreibt Matta die Situation des konventionell umbauten Menschen als die eines Kaninchens, dem ein Schildkröten-Panzer aufgezwungen werde. Neuerdings beschäftigen ihn auch konkrete Alternativen: Auf einem 200-Quadratmeter-Grundstück bei Florenz, Besitz eines italienischen Industriellen, werden nach Mattas Vorstellungen Modellbauten aufgeführt, die sich statt nach bisheriger, rechtwinkliger Architektur nach den Errungenschaften der Automobil-Konstruktion ausrichten.
In der Malerei, mit der Matta 1938 anfing, lassen sich entsprechende Probleme naturgemäß leichter behandeln. Auch hier geht es um Räume: unbestimmte, veränderbare Seelenräume (Matta-Vokabel: "Inscapes"), die nicht S.208 nur innere Zustände, sondern auch Vorgänge sichtbar machen sollen.
"Die Erde ist ein Mensch", eine um 1942 gemalte suggestive Komposition, die neben anderen Matta-Frühwerken in diesem Sommer auch bei der Kölner "Westkunst" zu sehen war, übernimmt Titel und Thema von einem Entwurf für laufende Bilder: "Keimende Kreuzigungen, Schleifspuren des Lichts, Phantomschläge", mit solchen Worten hatte Matta 1936, bevor er überhaupt zum Pinsel griff, ein Film-Szenario notiert.
Eine Malerei der vierten und weiterer Dimensionen, die, so hält es der Wortspieler Matta dem SPIEGEL vor, "ein Spiegel nicht nur unserer Nasen, sondern unserer Identität" wäre, und zwar indem sie diese nicht als Momentaufnahme, sondern in ihrer Entwicklung zeigen könnte - das wäre eine Malerei nach Mattas Geschmack. Sie würde den Menschen auch nicht bloß als isoliertes Wesen, sondern in Begegnungen und sozialen Bezügen darstellen.
Nicht also Grün oder Blau, gerade oder gekrümmte Striche auf einer Fläche anzuordnen, sondern "die Natur des Übernatürlichen" dingfest zu machen, sei die Herausforderung. Aber die meisten Künstler, sagt Matta, sitzen da und "spielen mit ihren Zehen".
"Nie", seufzt der unerschrockene Pläneschmied, "nie tun die Leute, was ich ihnen sage." So hatte die Londoner Oper Covent Garden eine Ausstattung zur "Zauberflöte" von ihm haben wollen. Er bestand darauf, nicht etwa Kulissen zu bauen, sondern die Musik als eine räumliche "Kathedrale" in Licht und Farben nachzuerschaffen. Außerdem müsse das dümmliche Libretto umgeschrieben werden. Das Vorhaben wurde abgebrochen.
Zustande gekommen sind immerhin etliche Matta-Gemälde und -Zeichnungen zur "Zauberflöte", die diese Kathedral-Idee umspielen (Titel-Beispiele: "Die Wege der Stimmen", "Die Lippen einer Flöte"). Zusammen mit anderen Musik-Bildern des Künstlers können sie jetzt in Celle besichtigt werden - auch zur Ermutigung für Jüngere, die Matta, einst ein Anreger der abstrakt-expressionistischen New Yorker Schule, nun wieder zunehmend in seinen Spuren wandeln sieht. Daß die Heitland-Stiftung, die außer dem großen Kunstpreis noch viele kleine Beihilfen vergibt, solchen Adepten den Vorzug zu geben habe, ist für ihn ausgemacht.
Zwar hat der Preisrichter (in Celle: "Protektor") Wieland Schmied in seiner Laudatio auf Matta gescherzt, entgegen dem Sprachgebrauch sei der "verliehene" Preis nicht zurückzunehmen. Aber der damit Ausgezeichnete könnte dem Verbum sehr wohl zu seiner wörtlichen Bedeutung verhelfen. Verfahre die Foundation nicht in seinem Sinne, droht Matta an, "gebe ich den Preis zurück".
Da lächelt der Stifter jovial und unerbittlich.
S.205 Links: "Les voies des voix" (Die Wege der Stimmen), 1978. Rechts: Im Hintergrund das Schloß. *

DER SPIEGEL 50/1981
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