14.12.1981

USA: Showdown mit Libyens Gaddafi?

Amerikas Regierung schießt sich - einstweilen noch mit Worten - auf Libyens Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi ein. Vorbereitung auf die endgültige Abrechnung mit dem angeblich „gefährlichsten Mann der Welt“? Der holte sich die Sowjet-Union, die andere Weltmacht zur - demonstrativen - Unterstützung.
Durch Washington pendelten Wagenkolonnen, komplett mit Stander und rollender Klinik. Sie sollten den Eindruck erwecken, der Präsident sei unterwegs. Ronald Reagan aber ließ sich, vorige Woche, in ganz unauffälligen Autos chauffieren.
Das Verwirrspiel gehörte zu einer Großaktion der amerikanischen Sicherheitsbehörden. Die Leibwächter des Secret Service, die G-Men des FBI, die Beamten der Küstenwache, der Zoll- und Einwanderungsbehörden sowie Agenten der CIA standen in höchster Alarmbereitschaft.
Sie alle jagten fünf Männer - angeblich drei Libyer, einen Iraner und einen Ostdeutschen -, die sich in die Vereinigten Staaten eingeschlichen haben sollten, um den Präsidenten zu töten, und zwar im Sold von Amerikas Erzfeind, des libyschen Staatschefs Muammar el-Gaddafi. Der ist laut US-Magazin "Newsweek" der "gefährlichste Mann der Welt".
Dieser Mann hatte im Sommer Ronald Reagan herausgefordert: "Das ist der Gipfel des Hohns im 20. Jahrhundert, ein Witz, ein Wahnwitz - stellen wir uns vor, ein erfolgloser, drittklassiger Schauspieler regiert heute die Welt."
Und: "Ich sage den Amerikanern eindeutig: Ich furze auf Amerika - tausendmal."
In Washington herrschte vorige Woche jene allen Amerikanern wohlvertraute Stimmung, in der sich im Kino ein Showdown anbahnt: Der Cowboy betritt, ganz auf sich allein gestellt, die Main Street, um dem gefährlichsten Mann gegenüberzutreten - die Hand am Colt.
Die Straße ist wie leergefegt, die friedlichen Bürger schließen die Fenster. Dann große Stille - bis es knallt.
Gaddafi allerdings holte Verbündete, die nicht in einen Western passen: Demonstrativ beteiligten sich seit Donnerstag über 8000 Sowjetsoldaten an einem libysch-syrischen Manöver. Sie signalisierten so den USA, daß hier der Weltfriede auf dem Spiel stehe - bei einer möglichen Konfrontation der Großen.
Aus dem Konflikt zwischen Amerika und Libyen hatten sich die Russen bis dahin herausgehalten. Als im August die 6. US-Flotte im Mittelmeer zwei libysche Kampfflugzeuge abschoß, ließen die Sowjets die Nordafrikaner allein.
Dabei sehen sie sonst jeden Feind der USA als ihren Freund an. Doch jahrzehntelang begnügte sich die UdSSR damit, Freunde nur durch Waffen und Berater zu gewinnen. Allein im Nahen Osten war sie neuerdings zu stärkerem Engagement bereit.
Im Jom-Kippur-Krieg 1973 richtete Moskau zunächst zwei Luftbrücken (über Jugoslawien und die Türkei) ein, die täglich 2500 Tonnen Kriegsmaterial nach Syrien schafften. Dann, am 23. Oktober 1973, wurden sowjetische Luftlandedivisionen mobilisiert - die Nachricht allein förderte den Waffenstillstand zwischen Ägypten und Israel.
In der Geisel-Krise um den Iran führten die Sowjets Ende 1979 vor, wozu ihre teure Flotte taugt, wie sich die Mammutinvestition in eine schwimmende Wehr auszahlt: Sie beorderten zu den vorhandenen zwölf zusätzlich sechs Schiffseinheiten mit Marine-Infanteristen und Panzern an Bord in den Persischen Golf, um für die dort aufkreuzenden Lenkwaffenkreuzer und Flugzeugträger mit 1800 US-Marines deutlich die Grenzen amerikanischer Macht zu ziehen.
Gleich darauf setzten die Sowjets erstmals seit 1945 außerhalb ihres Machtbereichs eigene Land- und Luftstreitkräfte ein - in Afghanistan. Darauf waren sie offenbar schlecht vorbereitet.
Der Kampf um Libyen aber - das sich die Russen 1946 von der Uno erfolglos als Mandatsgebiet erbeten hatten - reifte langsam, für den Kreml kalkulierbar, heran, seit Ronald Reagan im Januar an die Macht kam.
Sofort nämlich attackierten die neuen Leute in Washington Gaddafi als "panarabischen und panislamischen Revolutionär", der sich bereits "in rund 45 Staaten des Nahen Ostens, Afrikas, Europas, in Asien und Lateinamerika eingemischt" habe.
Muammar el-Gaddafi wurde für Reagan, was Salvador Allende einst für Richard Nixon und was Fidel Castro für John F. Kennedy war: die Nummer 1 auf der Feindliste.
Im Frühjahr war die Rede von libyschen "Selbstmord-Kommandos" und Gaddafis Unterfangen, in Nahost mit Öl-Milliarden und riesigen Waffenbeständen sowjetischer Herkunft Unruhe zu stiften - erst darauf wurde ein CIA-Plan bekannt, Gaddafi zu vergiften.
Im August kreuzte und schoß die 6. Flotte vor Libyens Küste, nach der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Sadat im Oktober verbreitete sich in S.95 Washington die Meinung, Gaddafi sei am Attentat mitschuldig.
Auch habe er den Anschlag auf den US-Geschäftsträger in Paris angeordnet, ferner sei der italienische US-Botschafter sein Ziel gewesen, weshalb der kurzfristig in die USA zurückgerufen wurde.
Tatsächlich half Gaddafi Bombenlegern in aller Welt, förderte Putsch-Unternehmen in Nachbarstaaten und schickte - wenig erfolgreich - Truppen nach Uganda und in den Tschad. Offiziere Gaddafis bedrohten den US-Präsidenten offen mit Mord. Dazu Gaddafi zum SPIEGEL:
"Unsere Offiziere haben das erst angedroht, als Reagans Attentats-Pläne gegen mich herauskamen. Da haben sie gesagt: Wenn du das machst, bist du auch dran. Ich mache kein Geheimnis daraus, daß Revolutionäre Komitees überall in der Welt etwas unternehmen können, wenn mir was passieren sollte."
"Unmenschlich" nannte Reagan-Vorgänger Carter (auf dem Rückflug von Sadats Begräbnis) den libyschen Obersten, Ex-Präsident Gerald Ford bezeichnete ihn als "Krebsgeschwür dieser Weltgegend" und riet zu einer US-Aktion gegen den ölreichen Wüstenstaat.
Ende November meldete sich in einer westeuropäischen Botschaft der USA angeblich ein Libyer, der einen konkreten Mordplan gegen Reagan enthüllte. Geheimdienstexperten hielten die Angaben des Überläufers, der bei der Ausbildung von Killer-Teams mitgeholfen haben will, für glaubhaft - etwa den Plan, das Reiseflugzeug des Präsidenten, die "Air Force One", mit einer Boden-Luft-Rakete abzuschießen.
Der Personenschutz wurde auch für Reagans Ehefrau Nancy und seinen Vize und den Außenminister verstärkt, in geheimer Sitzung stimmte die Regierung den Geheimdienstausschuß des Senats auf die gefährliche Situation ein und erntete hohes Lob.
Die außerordentlichen Schutzmaßnahmen aber erweckten in Amerikas Presse auch Zweifel an den wahren Absichten Reagans. "Ist es denkbar", fragte die "New York Times", "daß in Libyen ausgebildete Terroristen mit dem Plan in die Vereinigten Staaten einreisen, eine Rakete auf Präsident Reagans Flugzeug oder Limousine abzufeuern?" Einige Amerikaner befürchteten angeblich schon, die öffentliche Meinung werde "mit dem Ziel manipuliert, ein Vorgehen gegen Libyen zu rechtfertigen".
Eilig wiegelte Gaddafi in einem Live-Interview per Fernsehsatellit ab: "Wir schicken keine Leute aus, um andere zu töten", Reagans Komplott-Theorie sei "einfältig" und "dumm". Tags darauf konterte ein lächelnder US-Präsident den finsteren Afrikaner: "Wir haben die Beweise, und er weiß es."
Gaddafi hatte schließlich auch einmal erklärt: "Libyen könnte das erste kleine Virus sein, das in den riesengroßen Körper Amerikas eindringt. Vielleicht könnte dieses Virus Amerika krankmachen und müde oder vor sich hinsiechen lassen."
Vorigen Donnerstag schränkte die Administration mit der Verwaltungsordnung Nr. 11295 den Gebrauch amerikanischer Reisepässe für die Ein- und Durchreise nach Libyen ein. Außer Journalisten dürfen keine US-Bürger mehr libysches Hoheitsgebiet (wie schon das Nordkoreas und des Iran) betreten.
Den 1500 meist auf libyschen Ölfeldern noch tätigen Amerikanern legte das Außenministerium nahe, nach Hause zu kommen. Die 6. Flotte sei bereit, erklärte Verteidigungminister Weinberger, die US-Bürger aus Libyen zu evakuieren, wenn dies notwendig erscheine.
Gaddafis Erdöl brauchen die USA ohnehin nicht mehr: Nur zwei Prozent des amerikanischen Ölbedarfs kommt noch aus Libyen.
Auch Gaddafi gibt sich unabhängig: "Natürlich brauchen wir die amerikanischen Techniker, notfalls kommen wir aber auch ohne sie aus." Doch Frankreichs Außenminister Claude Cheysson warnte, die Isolierung des Gaddafi-Staates zwinge Libyen "in die Arme der Sowjets".
Nach bewährtem Muster: "Wir reiten mit sechs geladenen Colts ein", beschrieb der Rechtsprofessor Roger Fisher von der Harvard-Universität die Stunde vor dem Showdown, "und bringen Gaddafi näher zum Kreml, so wie es uns auch mit Castro ergangen ist."

DER SPIEGEL 51/1981
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