25.10.1982

Gute, alte Zeit

„Eine Sommernachts-Sexkomödie“. Spielfilm von Woody Allen. USA 1982; 88 Minuten; Farbe.
Auch die gute alte Zeit hatte schon ihre Orgasmus-Probleme. Das ist, falls man danach sucht, die Botschaft von Woody Allens neuem Film, der in einer Periode spielt, als die Autos noch jung und die Wälder noch alt waren. Damals wurden die Ehen noch gebrochen, möglichst heimlich, und für den seelischen Schaden, den man davontrug, gab es noch keine Reparaturwerkstätten des Doktor Freud, weshalb man entweder an Geister glaubte (daher Sommernachtskomödie) oder an den Brettern der Beziehungskiste rüttelte (daher Sexkomödie).
Woody Allen ist Andrew, ein Wallstreet-Berater, der es mit seiner Frau (Mary Steenburgen) nicht mehr kann, sosehr es die beiden auch mit vorsätzlich spontanen Anfällen auf dem Küchentisch oder im Geräteschuppen versuchen. Sie verbringen ihre Ferien auf dem Lande, wo Woody Allen aus Frust den Erfinder spielt und sich einen Fischentgräter oder eine Apfelschälmaschine ausgedacht hat.
Außerdem eine Art fliegendes Tandemfahrrad, mit dem er sich als Vorläufer des Hubschraubers in die Lüfte erhebt. Man sieht die Freude des stolzen Starts, dann hört man nur noch, wie er, platsch, in einen See fällt, sieht dann erst wieder, wie Woody Allen naß und traurig zurückgewankt kommt. Als ihm dies mit einer Freundin widerfährt, sagt sie: "Wir hätten tot sein können!" Und er tröstet sie: "Nein, nur verkrüppelt."
Also: Zu diesem an der Ehe trotz Sommerfrische leidenden Paar kommen zwei weitere. Ein in Eitelkeit ergrauter Professor (Jose Ferrer) mit seiner jungen Verlobten, die, Konflikt, Konflikt, einst eine unerfüllte Liebe mit Allen teilte und deshalb von seiner Ehefrau Mia Farrow gespielt wird. Und ein praktischer Arzt (Woody Allens ewiger Kompagnon Tony Roberts) mit Krankenschwester (Julie Hagerty), beide spitz und ständig zu dem einen bereit, an dem Andrew und seine Frau so verbissen redlich scheitern.
Drei zusammengewürfelte Paare, die Sommernachts-Sexkomödie kann beginnen. Zwischen Shakespeare-Verwirrungen und Bergman-Bedrängungen irren die Personen zu heimlichem Stelldichein in den Wald, verfehlen einander, bis am Ende sich alles zum Happy-End kopuliert hat. Der Professor, der anfangs in einer Vorlesung, ganz aufgeklärter Flachkopf, gesagt hatte, es gäbe keine Geister, geistert nun selbst als Gespenst durch den Wald: Er hatte, als er seine voreheliche Freiheit mit Krankenschwester ausklingen lassen wollte, einen schönen Tod.
Der Erfinder Andrew merkt, daß die erfüllte Jugendliebe auch nur die altbekannte postkoitale Traurigkeit erzeugt. Dafür erglüht der bisher wahllos praktizierende Arzt für die Braut des Professors und Flamme des Freundes - und, als ob es nicht nur Geister, sondern auch Amor gäbe, wird er von einem Pfeil liebes- und weidwund zu Boden gestreckt.
Andrew-Allen schließlich erfährt von seiner Frau, daß die im letzten Sommer auch mal mit dem Arzt zur Seite gesprungen war. Das Bekenntnis wirkt wie ein "Sesam-öffne-dich", die versiegten Ströme ehelicher Zuneigung fließen wieder: Was ins Kriseln geratene Ehepaare heute in holprigen Sitzungen via Drittes Programm im Fernsehen erledigen, vollzieht sich hier noch im Erfinderschuppen - glückliche alte Zeit!
Natürlich weiß Woody Allen auch in diesem Film, daß Glück und Erfüllung nicht so platt zusammenhängen, wie es sich die umbarmherzig hedonistische amerikanische Gesellschaft träumen läßt. Und natürlich macht er sich auch, indem er die Psychoanalyse ausspart, über ihre Allgegenwart im heutigen Amerika lustig: Alle Paare versuchen, den Zwang zum Glück herbeizureden und herbeizuvernünfteln, auch wenn sie noch so verrückt und sexbessen durch die Sommernacht taumeln und an den damals so beträchtlichen Hindernissen der Garderobe herumnesteln.
Und wie Woody Allen mit Shakespeare spielt, mit Bergman liebäugelt und Mendelssohn-Bartholdy herbeizitiert, das ist schon sehr elegant und vernüglich: Zu der Mendelssohnschen Musik hupft das Getier im Wald, als sei es nur dazu überhaupt erschaffen worden, menschliche Leidenschaften symbolisch zu untermauern.
So streckt Wooy Allen seinen Zuschauern in gewisser Weise die Hasenpfote entgegen. Seine Landsleute hatten sich über die gallige Bitterkeit seiner "Stardust Memories" so geärgert, daß sie die vielen Vertreter des häßlichen und lästigen Amerikaners weder sehen noch Allens satirische Erklärung, ihm sei nicht zum Lachen, hören wollten.
Jetzt kommt Allen ihnen friedlich, heiter. Der Film "Sommernachts-Sexkomödie" ist so harmlos, daß man ihn ständig streicheln möchte. Und hatte Allens Komik bisher viel damit zu tun, daß er heutige Neurosen bis zum Lachen ernst nahm, so hat er diesmal ein fast unbeschwertes Komödienmaschinchen erfunden und gebastelt. Es läuft wie geschmiert, und der einzige, der wenigstens ab und zu ins Wasser fällt, ist Woody Allen. Gute alte Zeit, wo wenigstens noch die Flugmaschinen nicht funktionierten! Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 43/1982
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