01.11.1982

STREICHHÖLZEREmotional aufgeladen

Seit 52 Jahren dürfen in der Bundesrepublik Streichhölzer nur von einer Monopolgesellschaft verkauft werden. Am 15. Januar 1983 enden die goldenen Zeiten für die Streichholzfabriken.
Eugen Franz Ruffing, Chef der Deutschen Zündholzfabriken GmbH in Mannheim, hatte jahrelang einen ziemlich bequemen Job.
Alle Vierteljahr teilte ihm die Deutsche Zündwaren-Monopolgesellschaft mit, wieviel Streichhölzer seine Fabrik produzieren sollte. Im Gegenzug verpflichtete sich die Monopolgesellschaft, die Kontingente bis zur letzten Schachtel abzunehmen und dafür einen Festpreis zu zahlen.
Konkurrenz mit anderen Herstellern, Preiskämpfe, Billigimporte aus Nachbarländern und ähnliche Unannehmlichkeiten, die eine Wettbewerbswirtschaft mit sich bringt, brauchte Ruffing nicht zu fürchten. Vor solcher Unbill schützt ihn bislang das Zündwaren-Monopolgesetz.
Die schönen Zeiten sind bald vorbei. Am Sonnabend, dem 15. Januar, erlischt das Gesetz, das den Streichholzfabrikanten so angenehme Rahmenbedingungen schuf. Dann gelten auch für Ruffings Fabriken in Mannheim und Lauenburg sowie für die weiteren westdeutschen Hersteller die harten Gesetze der Marktwirtschaft. Zündhölzer werden zu einer Ware wie jede andere.
Die Systemveränderung könnte den Verbrauchern auffallen. Denn die bisherige Monopolmarke "Welthölzer", deren triste, blau-weiße Verpackung hin und wieder durch bunte Werbeaufdrucke aufgehellt wurde, gibt es vom 15. Januar an nicht mehr.
Selbst das Wort Streichholz soll verschwinden. Die Verkaufsexperten der S.93 Deutschen Zündholzfabriken wollen ihre Feuerspender in Zukunft nur noch "Zündis" nennen. Das klinge nicht so hölzern, fanden die Werbetexter.
Daß die Deutschen über viele Jahre mit den altmodischen Welthölzern vorliebnehmen mußten und erst jetzt in den Genuß so umwälzender Neuerungen kommen, haben sie dem Schweden Ivar Kreuger zu verdanken.
Kreuger, dessen Biographie Stoff für Theaterstücke, Romane und Fernsehspiele lieferte, galt Ende der zwanziger Jahre als der mächtigste Finanzmagnat der Welt. Innerhalb kurzer Zeit hatte er ein weltweites Streichholzimperium aufgebaut und vielen europäischen Ländern ein Zündholzmonopol abgekauft.
Der Streichholz-König baute sein Imperium überall nach dem gleichen Schema auf. Er nistete sich durch Firmenkäufe auf den nationalen Märkten ein und ruinierte die einheimischen Konkurrenten durch Kampfpreise. Dann preßte er den Regierungen gegen billige Kredite ein Zündwarenmonopol ab.
Am 26. Oktober 1929 wurde Kreuger auch mit der deutschen Reichsregierung handelseinig. Gegen einen Kredit von 125 Millionen Dollar, der in 80 Halbjahresraten getilgt werden sollte, errichtete die Regierung per Reichsgesetz vom Juni 1930 an ein Zündwarenmonopol.
Kreugers Werke, heute die Deutschen Zündholzfabriken, erhielten das Recht, bis zur Tilgung des Kredits 56,4 Prozent der in Deutschland benötigten Zündhölzer herzustellen. Die vom Staat eingerichtete Monopolgesellschaft, die für den Verkauf sämtlicher Zündhölzer zuständig war, verpflichtete sich, einen Großteil ihres Gewinns an Kreuger zu überweisen.
Kreuger selbst hatte nicht mehr viel davon. Am 12. März 1932 wurde er in seiner Pariser Wohnung erschossen aufgefunden. Er lag auf seinem Bett und hielt eine Pistole in der Hand. Ob der Streichholz-König sich tatsächlich selbst erschossen hatte oder ob er ermordet worden war, wie sein Bruder behauptete, konnte nie geklärt werden.
Um das Reich des Streichholz-Königs stand es damals nicht besonders gut. Ein Teil der Länder, denen Kreuger Geld geliehen hatte, konnte die Zinsen nicht mehr zahlen. Kreuger geriet in immer größere Liquiditätsschwierigkeiten. Bis zu seinem Tode hatten sich seine Schulden auf 1,4 Milliarden Kronen aufgetürmt.
Hätte Kreuger damals überlebt, wäre er wohl schon wenige Jahre später wieder ein reicher Mann gewesen. Denn die Einnahmen aus dem Zündholzmonopol liefen unverändert weiter.
Die Rückzahlung jener Anleihe, an die das deutsche Zündholzmonopol geknüpft war, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg den neuen Verhältnissen angepaßt. Der Kreuger-Konzern und das Bonner Finanzministerium einigten sich darauf, am 15. Januar 1983 die letzte Rate in Höhe von 275 724,44 Dollar zurückzuzahlen.
Der durch die Deutsche Zündwaren-Monopolgesellschaft organisierte Verkauf der kleinen Pappelhölzchen warf Jahr für Jahr ansehnliche Gewinne ab. Erst seit Beginn der siebziger Jahre, als die billigen Einwegfeuerzeuge auftauchten, sanken die Einnahmen des Streichholz-Monopols. Von 1970 bis heute schrumpfte der Absatz um etwa 70 Prozent. Der Gewinn ging von 17 auf drei Millionen zurück.
Gleichwohl rechnen die Zündholzfabriken damit, daß mit dem Ende des Monopols ein harter Konkurrenzkampf auflodern wird. Vor allem Importeure aus Ostblockländern, so fürchten sie, werden versuchen, in den deutschen Zündholzmarkt einzubrechen.
Die Deutschen glauben allerdings nicht, daß die Invasion gelingen wird. Sie wollen den Angriff aus dem Osten mit besserer Qualität und raffinierten Werbemethoden bekämpfen. Das Zündholz, so Martin Grabler, Vertriebschef der Deutschen Zündholzfabriken, soll "vielfältiger und individueller" werden.
Neben den bisherigen Einheitshölzern von 4,5 Zentimeter Länge und 2,2 Millimeter Kantenbreite bietet Grablers Firma "Ölofen-Zünder", "Grill- und Kaminanzünder", "Schnellzünder" und "Naturholz-Anzünder" an.
Grabler und seine Kollegen hoffen zuversichtlich, daß ihr neues Feuerwerk zu einer "Renaissance des Streichholzes" führen wird.
Schließlich, so der Zündholzverkäufer, sei das Streichholz ein "emotional aufgeladenes Produkt".

DER SPIEGEL 44/1982
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