01.11.1982

„Haut ab, ihr Bastarde!“

Der absurde Krieg um die Falkland-Inseln (III) / Von Paul Eddy, Magnus Linklater und Peter Gillman 1982 by Sunday Times. Erschienen bei Andre Deutsch und Sphere Books, London. Alle Rechte Liepmann AG, Zürich.
Zu den Aufgaben von Maat William ("Billy") Guinea an Bord des britischen Atomunterseeboots "Conqueror" gehörte auch das Identifizieren von Schiffen. Bis zum April 1982 hatte das für ihn bedeutet, sowjetische Schiffe auseinanderzuhalten.
Als nun die Rückeroberung der Falklands immer näher rückte, bekam Guinea Befehl, seine Kenntnisse über die argentinische Kriegsmarine aufzufrischen. "Ehrlich", so gibt er zu, "darüber hatten wir uns bis dahin kaum Sorgen gemacht." Es gelang ihm dann auch nicht, in Faslane, dem Stützpunkt der "Conqueror", Informationsmaterial aufzutreiben. Schließlich mußte er einen Photographen bitten, ihm die Abbildungen aus dem Flottenhandbuch "Jane's Fighting Ships" abzuphotographieren und zu vergrößern.
Derart gerüstet, lief die "Conqueror" am 4. April nach dem Südatlantik aus. Ihr Kommandant, Fregattenkapitän Chris Wredford-Brown, war neu an Bord, die "Conqueror" war sein erstes eigenes Schiff. Ein weiterer Neuling war Marine-Oberstabsarzt Chris ("Mac") MacDonald. Die Tatsache, daß ein Bordarzt für erforderlich gehalten wurde, beunruhigte die Besatzung ein wenig.
Auf dem Zweiwochentörn hinunter zur Sperrzone um die Falklands übten die Torpedoschützen und die Waffenleitstelle zur Zielerfassung und Zielverfolgung ständig an ihren Geräten - nach der Maxime, daß der erste Fehler eines U-Boot-Fahrers wahrscheinlich auch sein letzter ist. Nach der Ankunft im Einsatzgebiet erstarrte der Dienst zur Routine.
Die Routine wurde abrupt unterbrochen, als die "Conqueror" drei große Schiffe ausmachte. "Jane's Fighting Ships" erwies sich als hervorragendes Nachschlagewerk: Billy Guinea konnte die Schiffe mühelos als die beiden argentinischen Zerstörer "Piedra Buena" und "Hipolito Bouchard" und den ehrwürdigen 10 800-Tonnen-Kreuzer "General Belgrano" identifizieren.
Der Befehl aus London, die "Belgrano" zu versenken, war zweifellos die umstrittenste Entscheidung dieses Krieges. Verteidigungsminister John Nott hatte keine Schwierigkeiten, ihn vor dem Unterhaus zu rechtfertigen.
"Diese schwerbewaffnete Angriffsflottille befand sich kurz vor der Sperrzone und bedrohte Einheiten unserer Eingreifflotte, die nur noch Stunden entfernt war. Uns war bekannt, daß der Kreuzer über eine beträchtliche Feuerkraft verfügte. Zusammen mit den Begleitzerstörern, die nach unseren Vermutungen mit Exocet-Antischiffsraketen von über 30 Kilometer Reichweite bestückt waren, bildete der Kreuzer eine derartige Bedrohung unserer Eingreifflotte, daß ihr Befehlshaber sie nicht ohne Selbstgefährdung ignorieren konnte." "Stimmt nicht", sagen dazu die Offiziere von der "Belgrano". Nach ihrer Aussage patrouillierten sie etwa 65 bis 80 Kilometer südwestlich der Sperrzone mit Kurs 270 Grad West auf Argentinien zu - sie hätten klare Anweisung gehabt, die Zone zu meiden.
Daher konnte Argentinien leicht behaupten, die "Belgrano" sei das Opfer eines nicht provozierten Überfalls geworden. S.209 Aber auch einige Abgeordnete des britischen Unterhauses fanden John Notts Darstellung unglaubwürdig. "Was heißt 'Stunden entfernt'", fragte Denis Healey, "50, oder 100, oder 300 Meilen?"
Nott wich dieser Frage aus, aber nicht aus Unaufrichtigkeit, sondern weil die Ausdehnung der Sperrzone - zumindest den Leuten an Bord der "Conqueror" - nie eindeutig bekanntgemacht worden war. Die Briten hatten sie mit 200 Seemeilen rund um die Falkland-Inseln angegeben. Aber wo lag der Mittelpunkt, von dem aus man den Radius dieses Kreises abmessen konnte?
Billy Guinea, zu dessen Aufgaben auch die Navigation gehörte, hatte keine spezielle Anweisung, deshalb wählte er - nach Absprache mit Kapitän Wredford-Brown - einen Punkt im Falklandsund zwischen Ost- und Westfalkland und schlug einfach mit dem Zirkel einen Kreis.
Es gab natürlich keine Gelegenheit, den Argentiniern diese willkürliche Festsetzung mitzuteilen. Es war auch gleichgültig, wo diese Linie verlief, denn in Wahrheit wurde jedes argentinische Kriegsschiff, das mehr als ein paar Seemeilen von der heimischen Küste entfernt kreuzte, als eine Bedrohung der Eingreifflotte angesehen.
Die "General Belgrano" war am 26. April von Ushuaia ausgelaufen. Sie hatte gut 1000 Mann an Bord. 300 davon waren junge Rekruten mit einem Durchschnittsalter von 18 Jahren.
Was immer der Kreuzer tat, als die "Conqueror" ihn entdeckte - das Atom-U-Boot oder die übrige Eingreifflotte bedrohte er jedenfalls nicht, sonst nämlich wäre die Entscheidung, was zu tun sei, nicht dem Planungszentrum in Northwood und Frau Thatchers Kriegskabinett überlassen worden. Der Befehl, die "Belgrano" anzugreifen, wurde vom Kriegskabinett gegeben.
Die "Conqueror" hätte den Kreuzer manövrierunfähig machen können. Sie besaß "Tigerfish"-Mark-24-Torpedos, die man so einstellen kann, daß sie nahe dem Ziel anstatt beim Aufschlag explodieren und so den Schaden gering halten.
Doch der "Tigerfish" ist äußerst kostspielig - schätzungsweise zwei Millionen Mark pro Stück. Nach Meinung einiger U-Boot-Fahrer ist er auch unzuverlässig. Es hatte sich in der Marine herumgesprochen, daß 1967 bei der Erprobung vor Malta ein "Tigerfish" von sich aus kehrtmachte und beinahe das eigene U-Boot versenkt hätte.
Kommandant Wredford-Brown befahl jedenfalls seinem Torpedooffizier Billie Budding, die Abschußrohre nicht mit "Tigerfish"-Torpedos, sondern mit uralten Mark-8-Torpedos zu laden.
Am 2. Mai um 16 Uhr wurde der erste Torpedo aus etwa fünf Kilometer Entfernung ohne Vorwarnung abgefeuert. Er traf die "Belgrano" am Bug und tötete acht oder zehn Mann, die sich in der S.212 Nähe der Aufschlagstelle aufhielten. Der zweite Torpedo traf das Heck, wo 250 Mann getötet oder eingeschlossen wurden, die meisten davon in der Mannschaftsmesse oder in den Schlafräumen.
Der Kreuzer lief voll Wasser, so daß er nach zehn Minuten 15 Grad und nach weiteren zehn Minuten schon 21 Grad Schlagseite nach Backbord hatte.
Fregattenkapitän Hector Bonzo, der Kommandant der "Belgrano", hatte keine andere Wahl, als das Schiff aufzugeben. 70 selbstaufblasbare Rettungsinseln wurden zu Wasser gelassen, die meisten an Backbord, weil die Matrosen dort wegen der Schlagseite am einfachsten von Bord gehen konnten.
Dabei zeigte sich, daß einige der Rettungsflöße durch Splitter leckgeschlagen waren, so daß nun die anderen teilweise mit 30 Mann überladen werden mußten. Da bei dem Angriff niemand einen Blendschutz oder Handschuhe trug, hatten einige durch die Explosionen schwere Verbrennungen erlitten.
Doch die Opfer waren, so berichtete später einer der "Belgrano"-Offiziere, "völlig passiv, es gab keine Schreie, keine Panik", sie standen unter einer tiefen Schockwirkung.
Kritisch wurde die Situation, als die "Belgrano" die aufblasbaren Rettungsinseln zu überrollen drohte, weil sie nicht schnell genug von dem Schiff wegkamen. Die meisten Männer waren völlig mit Öl bedeckt und konnten mit ihren verschmierten Händen die Paddel nicht in den Griff bekommen, so daß sie in ihrer Not schließlich mit den Händen paddeln mußten.
Die Rettungsinseln waren etwa 100 Meter entfernt, als das Schiff mit dem Heck zuerst versank. Wer von den Argentiniern noch die Kraft hatte, sang die Nationalhymne.
Mit der Dämmerung kam ein Nordwestwind auf, die See wurde so rauh, daß eine der Rettungsinseln umschlug - die Männer verschwanden in den Wellen. Die anderen banden nun ihre Flöße mit Tauen zu zwei Gruppen zusammen; sie schlossen die Klappen auf den Überdachungen und richteten sich auf eine stürmische Nacht ein.
"Ich hatte nicht erwartet, daß die Männer sich derart gut halten würden", berichtete einer der Offiziere. "Außer mir waren noch zwei Offiziere dabei. Wir erzählten Geschichten aus unseren Heimatprovinzen, wir ließen die Leute reihum Lieder singen. Vor allem: wir beteten."
Einer der Schwerverwundeten konnte seine qualvollen Verbrennungen nur ertragen, wenn er kniete. 30 Stunden lang - so lange dauerte es, bis endlich Hilfe kam - sprach er nicht ein einziges Wort. Er war dann der erste, der von einem argentinischen Rettungsschiff an Bord genommen wurde. Eine halbe Stunde später starb er. Im ganzen kamen 368 Mann von der "Belgrano" um. S.213
Später wurden die argentinischen Begleitzerstörer dafür mitverantwortlich gemacht, daß die Zahl der Opfer derart hoch war. Verteidigungsminister Nott erklärte, sie hätten dem angeschlagenen Kreuzer zu Hilfe eilen können. "Es hätten sicher weniger Menschen sterben müssen", sekundierte ihm die "Daily Mail", "wenn die beiden Zerstörer sich nicht davongemacht und die Besatzung der 'Belgrano' im Stich gelassen hätten."
Das war Unsinn. Davongemacht hatte sich die "Conqueror", verfolgt von den beiden argentinischen Zerstörern, die sie zwei Stunden lang mit dem Sonargerät jagten und mit "Hedgehog"-Wasserbomben in Schrecken versetzten. U-Boot-Maat Guinea später: "Ich habe auch früher schon mal Angst gehabt, aber noch nie war ich so in Panik." Der Kommandant erwies sich in dieser Situation als "sehr besonnen", und die "Conqueror" kam unbeschädigt davon.
Nach dem Krieg, auf der Rückfahrt zum Heimathafen, meinte Kommandant Wredford-Brown, im Grunde habe die Versenkung der "Belgrano" Menschenleben gerettet. Wahrscheinlich stimmt das sogar, denn danach haben sich die argentinischen Kriegsschiffe nicht mehr auf See hinaus getraut - genau wie man es in England und in den USA weithin vorausgesagt hatte. Die Argentinier, hieß es, hätten nur eine Ein-Schuß-Flotte - oder, wie es ein amerikanischer Experte formulierte: "Versenkt eines ihrer Schiffe, und ihr habt sie alle versenkt."
Zwei Tage nach der Versenkung der "Belgrano" nahm Argentiniens Admiral Anaya Rache. Sein Gegenschlag kam aus der Luft - und seine Waffen hießen Exocet und Etendard.
Exocet ist der französische Name für eine Art fliegender Fische. Die französische Exocet-Rakete fliegt ähnlich wie dieser Fisch dicht über den Wellen, wodurch sie schwer zu orten und fast überhaupt nicht zu treffen ist. Ein britischer Staatsminister gehörte zu den ausländischen Würdenträgern, die 1967 in Frankreich einer Vorführung der Rakete beiwohnten. Sie verlief so erfolgreich, daß Großbritannien und noch 25 andere Staaten insgesamt 1800 Exocets zum Stückpreis von fast 1,2 Millionen Mark bestellten.
Auch Argentinien gehörte zu den Kunden. Doch die argentinische Marine tat ein übriges. Sie bestellte nicht nur die Originalausführung, die von Land und von Schiffen aus abgefeuert werden kann, sondern auch die weiterentwickelte Exocet, die vom Hersteller Aerospatiale S.216 AM 39 genannt wurde und von Flugzeugen aus abgeschossen wird.
Als Trägerwaffen bestellten die Argentinier 14 Super-Etendard-Kampfflugzeuge für insgesamt 385 Millionen Mark bei den französischen Dassault-Werken. 1981 wählte das "Comando de Aviacion Naval Argentina" (Oberkommando der Marine-Luftstreitkräfte Argentiniens) die tüchtigsten Marinepiloten aus und stellte das Zweite Kampfgeschwader auf.
Die Piloten wurden nach Toulon und später nach Landivisian in der Bretagne geschickt, um sich mit dem neuen Waffensystem vertraut zu machen. Ende 1981 begann die Auslieferung des Geräts mit fünf Etendards und fünf Exocets AM 39. Von da an besaß Argentinien - zumindest theoretisch - die Macht, einen vernichtenden Schlag gegen jedes noch so große Schiff zu führen.
Die AM 39 ist eine vollautomatische Rakete, die man "abfeuern und vergessen" kann, weil sie von ihrem eigenen Leitsystem gesteuert wird. Sie fliegt mit 1100 Stundenkilometern in drei Meter Höhe über den Wellen und kann 165 Kilo hochexplosiven Sprengstoff mit enormer kinetischer Energie über 50 Kilometer weit ins Ziel bringen.
All das hätten die Schiffskommandanten der britischen Eingreifflotte bedenken müssen, als sie in Reichweite der Etendards kamen. Denn außer den beiden Fregatten "Broadsword" und "Brilliant", die als einzige Kurzstreckenraketen vom Typ "Sea Wolf" besaßen, hatte keines der Schiffe irgendwelche Waffen, um eine Exocet abzuschießen. Aber niemand schlug Alarm, denn die Briten hielten es für höchst unwahrscheinlich, daß die Argentinier mit einer Exocet aus der Luft angreifen konnten.
Dieser furchtbare Irrtum war zum Teil auf einen Zufall zurückzuführen, zum Teil aber auch - wie ein Beobachter sich ausdrückte - auf "Machenschaften des französischen Imperialismus".
Bislang hatte die französische Regierung sich als der zuverlässigste Verbündete Großbritanniens in der Falkland-Krise erwiesen. Sie unterstützte nicht nur vorbehaltlos die Sanktionen gegen Argentinien, sondern leistete den Briten auch Militärhilfe: Sie überließ ihnen Mirage-Kampfflugzeuge, die dem an Argentinien gelieferten Typ ähnlich waren und mit denen die britischen Harrier-Piloten Zielübungen machen konnten. Es erboste die Argentinier besonders, daß die Franzosen den Engländern auch geheime Einzelheiten über ihre Aviacion Naval, insbesondere über ihre Etendards und Exocets, mitteilten.
Die Franzosen ließen wissen, daß genau zu der Zeit, als Argentinien die Falklands besetzte, ein Techniker-Team der Firma Aerospatiale nach Argentinien abreisen sollte, um dabei zu helfen, Rakete und Flugzeug aufeinander "abzustimmen". Das ist ein komplizierter Vorgang, der sicherstellt, daß die am Flügel montierte Abschußvorrichtung die exakte Zielvorgabe des Piloten richtig an die Rakete weitergibt, bevor er sie "abfeuern und vergessen" kann.
Im Rahmen ihrer Sanktionen wies die französische Regierung die Aerospatiale an, das Team zurückzuhalten. Die britische Regierung wurde informiert, daß die Techniker nicht nach Argentinien reisten.
Die Folge war, daß die Schiffe der Eingreifflotte in dem Glauben nach Süden dampften, Argentinien könne mit der Exocet nicht aus der Luft angreifen. So unterrichtete Kapitän Jeremy Black, Kommandant des Flugzeugträgers "Invincible" und stellvertretender Befehlshaber der Eingreifflotte, seine Besatzung ausführlich über die Gefährlichkeit einiger Waffen. Dazu gehörte auch die Exocet-Schiffsrakete. Aber die AM 39 fehlte in seiner Aufstellung.
Was die Briten nicht wußten: Zu Beginn der Falkland-Krise hielt sich bereits ein Team französischer Techniker in Argentinien auf, und zwar seit November 1981. Sie waren nicht zurückbeordert worden, sondern seit dem 2. April dabei, die Etendards und ihre Exocet-Abschußvorrichtungen gefechtsbereit zu machen.
Herve Colin von der Firma Dassault, der Leiter des neunköpfigen Teams, erklärte später, daß die Franzosen in Argentinien geblieben waren, weil man sie nicht zurückgerufen hatte, obwohl er S.218 während des ganzen Krieges in Verbindung mit seiner Firma stand: "Es war ja nicht so, daß man uns vergessen hatte; aber wir waren nun mal hier, und keiner forderte uns auf, nach Hause zu gehen."
So halfen denn die Franzosen den Argentiniern bei der schwierigen Aufgabe, die Raketenabschußvorrichtungen und Leitsysteme zu montieren und durchzuprüfen. Colin: "Grob gesprochen hat das Flugzeug im Innern einen Kasten, der die Rakete mit Daten und Anweisungen füttert, und eine Abschußvorrichtung, die am Flügel montiert wird." Das Durchprüfen des Systems sei "eine etwas knifflige Angelegenheit".
Zum Glück für die Argentinier hatte Aerospatiale eine Testvorrichtung geliefert, mit der die Techniker feststellten, daß drei der Abschußvorrichtungen defekt geworden waren. "Wir behoben die Fehler und waren zu mehr als 90 Prozent sicher, daß die Systeme funktionieren würden", sagte Colin.
Die Techniker boten sogar an, mitzukommen, als die Etendards am 19. und 20. April nach Rio Gallegos, dem südlichen Einsatzstützpunkt des Geschwaders flogen. Das hielten die Argentinier aber nicht mehr für notwendig - sie waren jetzt von der tödlichen Sicherheit ihres Waffensystems überzeugt.
Der Zerstörer "Sheffield" befand sich, als die Krise am 2. April ausbrach, unweit Gibraltar, auf der Heimfahrt nach einem Törn von viereinhalb Monaten - für einen Zerstörer eine lange Zeit. Kommandant Sam Salt verkündete über die Bordsprechanlage: "Macht euch keine Sorgen, Jungs, unsere Befehle lauten immer noch Kurs Heimat und Ankunft am 6. April."
Sechs Stunden später mußte er mitteilen: "Vergeßt, was ich vorhin gesagt habe, wir dampfen ab nach Süden." Die Besatzung nahm das mit bemerkenswerter Gelassenheit auf, weil sie nicht glaubte, daß die Reise weiter als bis zum britischen Stützpunkt Ascension ginge.
In Wirklichkeit aber war die "Sheffield" eines der ersten Überwasserschiffe, die in die Falkland-Sperrzone einfuhren. Sie sollte als Vorhut die britische Präsenz möglichst weit im Süden demonstrieren - damit England bei einer diplomatischen Lösung des Konflikts von einem möglichst günstigen Status quo ausgehen konnte. Falls es auf dieser Position Ärger gab, das wußten die Matrosen, würden sie in vorderster Linie stehen.
Denn die "Sheffield" war auch als vorgeschobener Luftverteidigungsposten - näher am argentinischen Festland als das Gros der Flotte - eingeplant und sollte bei einem Luftangriff Alarm schlagen. Der Verlust der "Sheffield" war also einkalkuliert.
Hinzu kam, daß der Zerstörer sehr schlecht gegen Angriffe aus niedriger Höhe gerüstet war. Seine wichtigste Waffe war die "Sea Dart", eine Rakete, die auf den Schiffsradar zum Erfassen des Ziels angewiesen ist - und auf Menschen, die feststellen, ob es ein feindliches Ziel ist. Das System kann jeweils nur eine Rakete ins Ziel lenken, und dieses Ziel darf auch nicht niedriger als 600 Meter fliegen. Die Argentinier kannten diese Schwächen nur zu gut, da sie selbst "Sea Darts" besaßen. Deshalb hatten die Etendards Ende April auch Übungsangriffe gegen die eigenen Zerstörer geflogen.
Am Dienstag, dem 4. Mai, mußte die "Sheffield" wieder vorgeschobenen Posten spielen. Sie stand südöstlich der Falklands, 30 Kilometer vor dem Rest der Flotte. An Bord war "Verteidigungsbereitschaft", der zweithöchste Bereitschaftsgrad, befohlen - das heißt, die eine Hälfte der 270 Mann starken Besatzung ging Wache, die andere ruhte.
Kurz nach dem Lunch hatte Korvettenkapitän Nick Batho, der Funkoffizier, Radarreflexe von einem aus Westen anfliegenden Flugzeug aufgefangen. Er konnte nicht wissen, daß eine Etendard aus einer Zweierformation sich kurz aus der niedrigen Radarblindzone, in der sie nicht zu orten waren, herausgewagt hatte, um die Position der "Sheffield" festzuhalten. Gleich darauf verschwand die Maschine wieder unter dem Radarhorizont.
Batho informierte Leutnant Peter Walpole, den Wachoffizier, über den "möglichen Radarkontakt" und versuchte dann herauszufinden, um was es sich handelte. Es konnte ein feindliches Flugzeug sein. Es konnte ebensogut ein Hubschrauber sein oder eine Harrier, die auf dem Radarschirm oder im Funkabhörgerät ein ähnliches Signal erzeugt wie die Etendard. Oder es war überhaupt nichts. Walpole unterließ es, von der Brücke S.220 "Klar zum Gefecht" zu befehlen - und rettete damit vermutlich zahlreiche Menschenleben. Hätte er Alarm gegeben, dann wären die Gänge des Schiffes mit an Deck eilenden Matrosen verstopft gewesen, als die Exocet einschlug.
Walpole und Leutnant Brian Layshon, der Pilot des "Sheffield"-Hubschraubers, die sich am besten in Flugzeugtypen auskannten, warteten darauf, daß ein Bomber am Himmel erschien. Plötzlich entdeckte Walpole in der Ferne ein Rauchwölkchen. Er konnte sich nicht erklären, woher es kam, denn weder er noch sonst jemand an Bord hatte je eine fast mit Schallgeschwindigkeit auf ihn zurasende Exocet zu sehen bekommen.
Das Rauchwölkchen war noch etwa zwei Kilometer entfernt, da riefen Walpole und Layshon fast gleichzeitig: "Mein Gott, es ist eine Rakete." Vier Sekunden später schlug die Exocet gut einen Meter über der Wasserlinie mittschiffs an Steuerbord ein. Sie drang schräg bis in den Hauptmaschinenraum vor und explodierte dort mit verheerender Wucht.
Die Brücke wurde geräumt, Matrosen kamen aus den Luken an Deck gekrochen. Die Steuerbord-Gangway war unpassierbar; riesige Stahltüren waren aus den Angeln gehoben und stählerne Leitern losgerissen worden. Die ausgezackten Konturen der Einschlagstelle glühten tiefrot. Während Leutnant Layshon mit dem Hubschrauber aufstieg, um Hilfe zu holen, versuchte die Besatzung, die einzelnen Feuer mit Eimern voll Seewasser zu löschen.
Aus 30 Kilometer Entfernung konnte die Besatzung der "Invincible" die Rauchfahne am Horizont sehen. Die beiden Fregatten "Arrow" und "Yarmouth" wurden der "Sheffield" zu Hilfe geschickt. Viereinhalb Stunden wurde verzweifelt darum gekämpft, den Zerstörer zu retten. Doch es war hoffnungslos. Als die Farbe der Aufbauten Blasen zu werfen begann, die Decks unter den Füßen zu heiß wurden und die Raketen- und Munitionsräume zu explodieren drohten, konnte Sam Salt nur noch das Verlassen des Schiffes befehlen.
Die Etendard-Piloten hatten keine Ahnung, welchen Schaden sie angerichtet oder ob sie überhaupt etwas getroffen hatten. Sie wußten nur zu berichten, daß sie ihre Anweisungen befolgt hätten und anscheinend alles nach Plan gelaufen war. Auf ihren Radarschirmen hatten sie den Umriß eines mittelgroßen Schiffes und in größerer Entfernung den eines noch viel größeren entdeckt, das sie für die "Hermes" hielten.
Jeder Pilot suchte sich sein Ziel aus, gab dem Computer den entsprechenden Kurs ein, wählte von den drei möglichen Flughöhen die richtige für seine Exocet aus, schaltete die Bordkamera ein, die jeden Abschuß für eine spätere Auswertung aufzeichnete, und feuerte. Sie waren schon auf dem Heimflug, als die Raketen auf ihre Marschflughöhe sanken.
Die Argentinier waren so gut wie sicher, daß sie die "Hermes" oder wenigstens einen Flugzeugträger getroffen hatten. (Wenig später meldeten argentinische Zeitungen sogar die Versenkung der "Invincible".) Wahrscheinlich wurde die auf die "Hermes" programmierte Rakete jedoch aus einer zu großen Entfernung abgefeuert, und als sie nicht mehr genug Treibladung hatte, fiel sie einfach ins Wasser.
Aber die zweite Angriffsstaffel hatte noch drei Exocets übrig. Die Piloten analysierten den Film, der bei dem ersten Angriff gemacht worden war, und warteten ab.
Die französische Waffenindustrie war von ihren Erzeugnissen begeistert. In einer ganzseitigen Anzeige, die in der französischen Rüstungsfachzeitschrift "Heracles" erschien, fand der Texter überschwengliche Worte: "Die ersten Gefechte im Falkland-Konflikt haben die Aufmerksamkeit vor allem auf drei französische Waffensysteme im Dienst der argentinischen Streitkräfte gerichtet. Der Zerstörer 'Sheffield' wurde außer Gefecht gesetzt, der Flugzeugträger 'Hermes' beschädigt - beides mit nur zwei von Super Etendards abgefeuerten Exocet-AM-39-Raketen. Sieht man einmal ab von der menschlichen Tragik dieser Gefechte, so kann man nur staunen, daß eine so kleine Zahl argentinischer Waffen sich gegen das bedeutende Offensiv- und Defensivpotential von zwei Dritteln der mächtigen Royal Navy durchsetzen konnte."
"Britisches Kriegsschiff von den Argies versenkt", schrie am nächsten Tag das britische Massenblatt "Sun" hinaus. "Zerstörer 'Sheffield' getroffen und versenkt - Sea Harrier abgeschossen", schrieb der "Daily Telegraph", während der "Daily Star" es ganz kurz machte: "Versenkt!"
In Wahrheit war die "Sheffield" noch nicht gesunken. Der Schiffsrumpf trieb sechs Tage lang im Wasser, bevor er mit Plastiksprengstoff auf den Meeresboden geschickt wurde.
Aber der Schock, der die Nation an jenem Morgen traf, war nur allzu spürbar. "Die Sorge, die mich quält", hatte Frau Thatcher erst am Vortag erklärt, "ist, daß die argentinischen Streitkräfte auf See angreifen, durchbrechen und S.221 einige unserer Schiffe versenken könnten."
Jetzt war es geschehen, und über Nacht war der Krieg zu einer ernüchternden und unberechenbaren Wirklichkeit geworden. Die Presse zitierte Stimmen aus dem Volke. "Irgendwie habe ich nie gedacht, daß die uns so verprügeln würden", sagte ein Stahlarbeiter aus Sheffield. "Ein paar Tote und Verwundete, ja. Aber eins von unseren Schiffen - das ist doch ein richtiger Krieg, oder?"
"Wir müssen zurückschlagen", sagte ein Londoner Zugschaffner. "Ich sage, bombardiert das Festland. Wenn man den Kerl, der einem in die Tasche greift, nicht bestraft, klaut er einem nächstes Mal gleich die Brieftasche." Die Entschlossenheit der Nation war ungebrochen.
Vor dem Unterhaus bekannte Verteidigungsminister John Nott: "Es war ein überaus schreckliches Ereignis." Die erste Reaktion der Regierung war eine energische Belebung der diplomatischen Bemühungen Großbritanniens. Der neue Außenminister Francis Pym ging wieder zur Offensive über. Während er noch ein paar Tage zuvor verschiedene Friedensinitiativen mit Herablassung oder gar mit arroganter Ablehnung aufnahm, zeigte er sich nun bereit, sie erneut und sorgfältig zu überdenken. Und vorläufig hatte er auch die volle Unterstützung seiner Premierministerin bei der Suche nach einer diplomatischen Lösung des Konflikts.
Die Gegensätze in Frau Thatchers Kabinett zwischen der sogenannten Kriegspartei und der Friedenspartei waren tatsächlich vorhanden, aber nicht so deutlich und starr, wie die Presse sie damals schilderte. In der ersten Phase des Konflikts, bevor der Krieg ernsthaft begann, hatten die Minister des engeren Kabinetts sich in der Tat in zwei klar umrissene Gruppen aufgespalten.
Zu der ersten Gruppe gehörten Frau Thatcher, John Nott und Cecil Parkinson, der Vorsitzende der Konservativen Partei. Sie hatten eine klarere, weniger von Furcht geprägte Einstellung zu der militärischen Option als Außenminister Francis Pym und Innenminister William Whitelaw.
Die beiden letzteren neigten schon vom Temperament her mehr zu Kompromissen. Im Gegensatz zu den anderen hatten beide auch im Zweiten Weltkrieg gedient. Sie wußten, was es heißt, Krieg zu führen. Deshalb hatten sie eine viel klarere Vorstellung von der sich abzeichnenden Absurdität dieses eigenartigen Krieges.
Es wäre zu simpel zu sagen, sie seien gegen den Krieg gewesen, während die Thatcher-Gruppe dafür war. Vielmehr neigten die beiden dazu, weitere Kriegshandlungen zu vermeiden, während es Thatcher & Co. eher darum ging, die Ehre der Nation wiederherzustellen.
Die Blitzreisen des damaligen US-Außenministers Haig zur Herbeiführung einer friedlichen Einigung waren gerade gescheitert. Danach wurde ziemlich deutlich, daß die "Falken" im Kriegskabinett die Friedensbemühungen eher als Farce betrachteten und befürchteten, daß ein Erfolg sie einigermaßen in Verlegenheit bringen würde. Pym hingegen nahm die diplomatischen Initiativen ernst und setzte seine ganze Energie ein, um zu einer Einigung zu kommen.
Die Mißerfolge in den nächsten Wochen enttäuschten ihn tief. Am 7. Mai stellte die peruanische Regierung ihre Vermittlertätigkeit ein, um ihre Beziehungen zur argentinischen Militärjunta nicht unnötig zu belasten.
Mittlerweile hatten die Vereinten Nationen sich eingeschaltet. Dort verfolgten die britischen Diplomaten nur ein Ziel: zu verhindern, daß der Sicherheitsrat sich mit dem Falkland-Problem befaßte. Nach ihrem Abstimmungserfolg bei der Resolution 502 waren sie sicher, daß sie bei einer Wiederaufnahme der Angelegenheit im Sicherheitsrat weit weniger herausholen würden. "Vom Sicherheitsrat hatten wir nichts mehr zu erwarten", sagte einer der britischen Delegierten.
Am 11. Mai ließen die Argentinier dann ihre Forderung nach argentinischer Oberhoheit über die Inseln fallen. Die britische Delegation war skeptisch und glaubte nicht an den guten Willen der Argentinier.
Uno-Generalsekretär Perez de Cuellar forderte jetzt die Briten auf, als Gegenleistung einen UN-Verwalter statt eines britischen Falkland-Gouverneurs zu akzeptieren. Nach seiner Meinung waren sich beide Seiten über die folgenden Punkte einig:
1. Aufrichtige Verhandlungen, die im Dezember 1982 beendet sein sollten.
2. Waffenstillstand und Truppenabzug unter Uno-Aufsicht.
3. Einsetzung einer Uno-Interimsverwaltung mit Vertretern Argentiniens und Großbritanniens.
Zu den noch auszuhandelnden Punkten gehörten bestimmte Bereiche der Interimsverwaltung, insbesondere die genauen Befugnisse des Inselrats, Einzelheiten des Truppenabzugs und die Frage, ob der abzuschließende Vertrag nur für die Falklands oder auch für Südgeorgien und die Sandwich-Inseln S.222 gelten sollte. Tagelang wurde gefeilscht. Am 18. Mai, abends um 23.15 Uhr, rief Perez de Cuellar den britischen UN-Botschafter Parsons an, um ihm die Entscheidung der Argentinier mitzuteilen: Sie hatten ihre früheren Zusagen zurückgezogen. Sogar die Souveränitätsfrage lag wieder auf dem Verhandlungstisch. Das Spiel war gelaufen - und verloren.
Genau an dem Tag, als die Verhandlungen in der Uno in New York scheiterten, fuhr die "Fearless", das Kommandoschiff der britischen Landstreitkräfte, in die Sperrzone um die Falklands hinein.
Die Briten hatten schnell reagiert. Ihre Invasionsvorbereitungen kamen dagegen nur langsam und auf fast ebenso verschlungenen Pfaden voran wie die soeben gescheiterten Friedensverhandlungen.
Am 19. April, dem Tag, als US-Außenminister Haig deprimiert von Buenos Aires nach Washington zurückflog, hatten die Invasionsplaner an Bord der "Fearless" eine witzig gemeinte Botschaft mit drohendem Unterton von Konteradmiral Woodward bekommen. Der Oberbefehlshaber der Eingreifflotte rügte die Offiziere, daß sie mit ihrer Planung nicht von der Stelle kämen.
Woodwards Stab habe festgestellt, so hieß es in der Botschaft, daß die Falkland-Inseln 12 000 Quadratkilometer groß seien. 10 000 Argentinier hielten sich dort auf, lächerliche 0,8 Argentinier je Quadratkilometer. "Warum gehen wir nicht einfach rüber und nehmen die gefangen", scherzte der Oberbefehlshaber.
Der Scherz hatte eine ernste Seite: Woodward wurde ungeduldig. Am Vortag hatte er dem Gros seiner Flotte Befehl gegeben, von Ascension nach Süden auszulaufen - mochten die Planer auf der "Fearless" und die Kommandotruppen auf der "Canberra" sehen, wie sie zurechtkamen. "Was Sie tun, ist mir gleich", sagte er zu einem der Planer, "aber ich fahre jetzt da runter, um den Krieg zu gewinnen."
Der Streit zwischen den Heereskommandeuren und Woodward hatte während der letzten beiden Wochen die intensiven Planungsgespräche an Bord der "Fearless" beherrscht. Jetzt waren einige der Planer verärgert, weil Woodward sie im Stich ließ. "Er war ganz wild darauf, die Inseln zu besetzen", sagte später einer von ihnen, "aber er begriff offenbar nicht, wie schlecht wir gerüstet waren. Wir hatten eine Eingreifstreitmacht im Stil von British Rail (die defizitären britischen Staatsbahnen) und nicht die 'Nimitz' (einer der modernsten US-Flugzeugträger) zur Verfügung."
Die Offiziere der Kommandotruppe Special Air Service (SAS) waren noch wütender. Das Gros ihrer Leute und ihrer Ausrüstung befand sich an Bord von zwei Schiffen, die auf Woodwards Befehl nach Süden ausgelaufen waren, aber einiges von ihrem Gerät war noch auf Ascension, während die SAS-Kommandeure sich an Bord der zurückbleibenden "Fearless" befanden. So war jetzt eine der kleinsten Einheiten der Eingreifstreitmacht in drei Schiffen und auf zwei Stützpunkten über den Südatlantik verstreut.
Die wichtigsten Entscheidungen vor der Landung mußten noch gefällt werden. Noch drei Tage vorher, auf der ersten Konferenz von Ascension, hatten die Generalstäbler vier Möglichkeiten für die "Operation Corporate" - so der Kodename für die Rückeroberung der Inseln - ins Auge gefaßt. Die hatten ihrer Lieblingsidee, den Angriff von Südgeorgien aus vorzutragen, nicht durchsetzen können. Nun kamen sie wieder auf die drei anderen Alternativen zurück. Es waren:
1. Eine Operationsbasis auf der Insel Ascension zu errichten, eine Serie gezielter Luftangriffe auf die Falklands zu unternehmen und, sobald die Verstärkungen bereitstanden, einen Großangriff zu starten. Der Hauptvorteil war hierbei, daß die Landungsstreitkräfte Zeit gewannen, um Informationen zu sammeln, Einsatzübungen zu veranstalten und die See- und-Luftherrschaft vor und über den Inseln zu sichern. Dieser Plan versprach keine raschen Erfolge.
2. Mit der Flotte nach Süden in die Sperrzone zu fahren, auf See zu bleiben und dann den Brückenkopf auf den Falklands einzurichten. Auch diese Version versprach Zeitgewinn und bot den Vorteil der - wenn auch nicht vollständigen - Sicherheit vor feindlichen Luftangriffen und wenigstens einiger spektakulärer Aktionen. Doch das hieß auch, daß das Gros der Landungstruppen länger auf See blieb - bei schlechtem Wetter und immer noch vorhandenem Risiko von Luftangriffen.
3. Einen Brückenkopf auf den Falklands zu bilden, sobald die Schiffe auf dem Weg von Ascension vor den Inseln eintrafen. Diese Lösung war für die Politiker interessant, weil sie rasche Erfolge versprach und das Unternehmen in Schwung hielt. Doch sie ließ nur wenig Zeit für Aufklärungsaktionen und Einsätze der Kommandotruppen auf den Inseln, und sie ließ überhaupt keine Zeit, um die See- und Luftherrschaft zu erringen. Nach diesem Plan waren außerdem die auf den Inseln abgesetzten Landstreitkräfte gefährdet. Diese Alternative hatte immer die wenigsten Befürworter gefunden.
Doch jetzt, unter dem politischen Imperativ, rasch zu Ergebnissen zu kommen, mußten sich die Generalstäbler ganz auf diese dritte Alternative einstellen - auf den Plan, den sie in ihrer Aufzeichnung von Ascension so gut wie abgeschrieben hatten.
Das Thema eines direkten Angriffs auf die Inseln war in der Gruppe R (der Planungsstab der 3. Einsatzbrigade, der für die Landungspläne der Marines verantwortlich zeichnete) schon seit dem Tag heiß diskutiert worden, als die Offiziere an Bord der "Fearless" gegangen waren und sich von ihrer Seekrankheit erholt hatten. Das Problem, das sie alle beschäftigte, während sie über ihren Invasionsplänen S.225 brüteten, war die Gefährdung der Eingreifflotte durch die argentinische Luftwaffe. Über diese Frage war es auch zum Krach mit Konteradmiral Woodward, dem Befehlshaber der Eingreifstreitmacht, gekommen.
"Diese Invasion ist nur möglich, wenn wir das Festland bombardieren und/oder die argentinische Marine ausschalten", schrieb einer der Planer, "doch beides würde politische Probleme aufwerfen." Und später: "Es ist jetzt klar, daß wir nicht die Luftherrschaft haben werden. Man sagt uns, daß senkrecht startende Harriers vielleicht zwischen den Inseln und dem Festland stationiert werden. J.T. (Brigadegeneral Thompson) macht sich große Sorgen um die 'Canberra', er (Woodward) glaubt immer noch, daß die Royal Navy es schon schaffen wird, und weckt zu hohe Erwartungen in seinen Mitteilungen an London."
Thompson versuchte die Bedenken seiner Kameraden zu zerstreuen, indem er Woodwards Standpunkt vertrat. Er machte ihnen klar, daß die Marine eine neue Art der Kriegführung ausprobieren mußte. Niemand habe Erfahrungen im Raketenkrieg, und Woodward mache sich zu Recht Sorgen um die Sicherheit seines Flaggschiffs "Hermes".
Andererseits, so Thompson weiter, hätten die Heereskommandeure nichts anderes zu tun, als das, was sie seit 2000 Jahren getan haben. "Der einzige Unterschied zwischen Hannibal und uns ist", sagte er eines Abends, "daß er auf einem Elefanten ritt und wir zu Fuß gehen." Dann wurde eine Invasionstaktik nach der anderen durchgespielt, ein Landungsplatz nach dem anderen unter die Lupe genommen.
Am Abend des 17. April breiteten Thompson und der Falkland-Kenner Major Southby-Tailyour ihre Falkland-Karten auf dem Boden von Thompsons Kabine aus und konzentrierten sich auf die San-Carlos-Bucht.
Eine so neue Idee war das gar nicht. Bereits in Plymouth, an dem Wochenende, als die Argentinier die Falklands besetzten, hatte Southby-Tailyour die San-Carlos-Bucht mit dem Stift eingekreist und daneben gekritzelt: "Geschützt, gute Beobachtungspositionen. 100 Kilometer bis Stanley, 165 Kilometer auf See."
Southby-Tailyour war aufgefallen, daß auch die anderen sich immer öfter mit der San-Carlos-Bucht befaßten. Sie war weit genug von Stanley entfernt, um das Risiko eines Gegenangriffs fast auszuschließen. Außerdem bot sie ausreichende Wassertiefe, um eine große Zahl von Kriegsschiffen so nahe am Ufer ankern zu lassen, daß sie die Landetruppen gegen Luftangriffe verteidigen konnten - vorausgesetzt, der Falkland-Sund war befahrbar und nicht vermint.
Der Marine gefiel dieser Landungsplatz, weil sie damit am Kampfgeschehen teilnehmen konnte, und Thompson fand ihn gut, weil ihm die Idee gefiel, sich mit der Marine wenigstens über einen Punkt zu einigen. Zudem wurde die Bucht von Hügeln eingerahmt, auf denen man Rapier-Batterien postieren konnte.
Schließlich war San Carlos auch noch politisch von Vorteil, weil die Briten die Inseln von hier aus mit maximaler Stoßkraft und minimalem Risiko besetzen konnten. Wie Thompson später den Reportern erklärte, sei Frau Thatcher damit in die Lage versetzt worden, "Galtieri ins Gesicht zu sagen: 'Sie stehen in Port Stanley, aber ich stehe woanders, ätsch!'"
Southby-Tailyour kannte zwar jeden Hafen und jede Bucht auf den Falklands, aber er wußte nichts über die Truppenaufstellung der Argentinier.
Nachdem Stoßtrupps vom Special Air Service und von der Special Boat Squadron (SBS) am 1. Mai heimlich gelandet waren, kam endlich einiges an Informationen zusammen. Sie wurden mit aufgeschnappten Brocken aus dem Funkverkehr der Argentinier zwischen Stanley und Buenos Aires angereichert. "Aber eine ganze Weile mußten wir unsere Angaben über die Truppenstärken und die Absichten der Argentinier aus BBC-Rundfunkberichten und Zeitungsmeldungen zusammenklauben", sagte einer der Planer.
Am 5. Mai traf eine Nachricht vom Flaggschiff "Hermes" auf dem Kommandoschiff "Fearless" ein. Sie besagte, die Eingreifflotte werde nur noch einen weiteren Monat in Gefechtsbereitschaft bleiben können. Jetzt mußte allmählich etwas geschehen.
Eine Woche später befuhr eine Fregatte ungefährdet den Falkland-Sund und teilte einige hochinteressante Entdeckungen mit: Es waren keine argentinischen Truppen zu sehen, das Fahrwasser der Bucht war nicht vermint und bot S.228 genügend Platz für den Truppentransporter "Canberra" und die Kriegsschiffe. Zu Thompsons Erstaunen bestätigten SAS-Stoßtrupps, daß um San Carlos keine Truppen standen.
Die Entscheidung für San Carlos fiel am 10. Mai im Konferenzraum der "Fearless". Zu der Besprechung waren die Truppenkommandeure von der "Canberra" herübergekommen. Die Mehrheit der Versammelten sprach sich für die Landestelle San Carlos aus, obwohl sie den Operationsplan für reichlich kompliziert hielt. Thompson verbot allen, den Namen außerhalb des Raums auszusprechen.
Zwar zeigten auch später noch einige der Offiziere sich nicht ganz einverstanden, aber die Würfel waren gefallen. Zwei Tage später holte Thompson an Bord der "Canberra" die handgeschriebenen Einsatzbefehle für die Landung in der Bucht von San Carlos hervor und legte sie auf den Kaffeetisch. Einige Sekunden lang schwiegen alle, während ihnen klar wurde, daß es endlich soweit war.
Um 13.09 Uhr am 13. Mai hob ein Sea-King-Hubschrauber vom Deck der "Canberra" ab. Er brachte die kommandierenden Offiziere der Spezialtruppen und Fallschirmjäger zur abschließenden Einsatzbesprechung mit Thompson auf die "Fearless". Im Konferenzraum bekamen sie die letzten Instruktionen. Die Besprechung dauerte zweieinhalb Stunden.
In der Woche nach dieser letzten Einsatzbesprechung stieg die Spannung merklich. Am 15. Mai wurde allen Zivilisten - auch den Journalisten - an Bord der "Canberra" mitgeteilt, daß sie jetzt der militärischen Befehlsgewalt unterständen. Am Nachmittag veranstaltete die "Canberra" ein Probeschießen mit ihren Maschinengewehren. Bei Windstärke acht ratterten sie los.
Am Dienstag, dem 18. Mai, bekamen die Heereseinheiten ihre Gefechtsanweisungen. Hauptmann Peter Babbington, der Chef der Kompanie K der Kommandoeinheit 42, forderte seine Männer auf: "Greift rücksichtslos an und tötet zuerst die Offiziere!"
Major Mike Norman, der ehemalige Kommandeur der britischen Garnison in Stanley, gab der Kompanie J der Kommandoeinheit 42 ihre Instruktionen. "Wenn ihr auf Soldaten schießt", sagte er, "sucht euch den aus, der mit den Armen Zeichen gibt."
Dieser seltsam anmutende Ratschlag war ein verstecktes Kompliment für den SAS-Stoßtrupp, der am 15. Mai Pebble Island auf Westfalkland angegriffen hatte. Die SAS-Leute hatten eine Dreiviertelstunde lang Flugzeuge sabotiert, bis eine Gruppe von Argentiniern angerannt kam, unter ihnen einer, der mit den Armen fuchtelte und andauernd Befehle brüllte. Die Briten schossen ihn nieder, und die anderen rannten sofort davon.
Am Donnerstag, dem 20. Mai, wurde das Essen an Bord der "Canberra" schlagartig besser. Es war wie eine Henkersmahlzeit. Die Köche der Peninsular & Oriental-Reederei boten Steaks zum Frühstück, zum Lunch und zum Fünfuhrtee an. Am Abend sprach Oberstleutnant Vaux zur Kommandoeinheit 42 und ermahnte seine Soldaten für den Fall, daß die Argentinier schon durch die Schockwirkung demoralisiert würden: "Laßt die Bastarde gewähren, wenn sie sich ergeben wollen."
Eine ähnliche Zusammenkunft hatten schon vorher am selben Tag die ranghöchsten Offiziere der Brigade an Bord der "Fearless" veranstaltet. Es waren auch einige Offiziere der Gruppe R dabei, als Julian Thompson mit einem einzigen Blatt Papier in der Hand hereinkam. Darauf stand nur das Kodewort "Palpas" - die endgültige Bestätigung aus dem Hauptquartier in Northwood, daß die Landeoperationen beginnen konnten. Thompson sagte: "Gentlemen, es geht los." Dann stießen sie auf die Falkland-Flagge an, die Ewen Southby-Tailyour mitgebracht hatte.
Die Flagge hatte ein häßliches Loch, Folge einer jungenhaften Eskapade des Majors Southby-Tailyour. Bevor er die Falklands 1979 verließ, hatte er die Flagge vom Fahnenmast des Gouverneurs gestohlen und sie später in seinem Landhaus in Dartmoor aufbewahrt. Dort hatte eine hungrige Maus Appetit auf das Tuch bekommen und sich sauber durch eine Ecke hindurchgeknabbert.
Bald packte Southby-Tailyour die Reue, und als er sechs Wochen zuvor mit Gouverneur Hunt in Brize Norton zusammengetroffen war, wollte er ihm die Flagge übergeben. Doch Hunt befahl ihm, die Flagge nach Stanley zurückzubringen, und genau das hatte Southby-Tailyour jetzt vor.
Der britische Kriegsplan für D-Day, 21. Mai, den Tag der Landung, war einfach - falls man einen Plan einfach nennen kann, der vorsieht, 3000 schwerbeladene Männer und Tausende Tonnen Gerät mitten in der Nacht aus einer Flotte von elf Schiffen lautlos an Land zu setzen. Kommandoeinheit 40 und Para 2 sollten als erste am "Blue Beach 1" und "Blue Beach 2" beiderseits der Ortschaft San Carlos an Land gehen.
Dann sollten Kommandoeinheit 45 am "Red Beach 1" an der Ajax-Bucht und Para 3 als letzte am "Green Beach 1" ostwärts von Port San Carlos landen. Beginn der Landeoperation: 1.30 Uhr Ortszeit.
Im nächsten Heft
Tag der Landung: Die Tragödie in der Bucht von San Carlos - Argentinien verfeuert die letzte "Exocet"-Rakete - Die Schlacht um Port Stanley - Kapitulation: In einer Hand die Urkunde, in der anderen eine Flasche Whisky

DER SPIEGEL 44/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Haut ab, ihr Bastarde!“

  • Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen