01.11.1982

BÜCHERSchock für Schwärmer

Walter Kolneder: „Lübbes Bach Lexikon“. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach; 320 Seiten; 34 Mark. Heinrich Lindlar: „Lübbes Strawinski Lexikon“. Gustav Lübbe Verlag; 224 Seiten; 22 Mark.
Ein wenig frostig nennt der emeritierte Kölner Musikhistoriker Heinrich Lindlar, 70, sein "Nachschlagewerk neuen Typs" ein "Realienhandbuch der Strawinskikunde". Kollege Walter Kolneder, 72, hingegen, zuletzt Direktor der Karlsruher Musikhochschule, beläßt es nicht bei den Realien. Mit temperamentvoller Parteilichkeit verdammt er "einen beträchtlichen Teil der Musikwissenschaft und der Bach-'Forschung' im besonderen" paradox als "unablässiges Wühlen im Unhörbaren".
Der mit zwei Bänden gestartete Versuch, Stichwort-Handbücher als verläßliche Einführung in Leben und Werk berühmter Komponisten zu präsentieren, ist gelungen. Beide Autoren vereinen Sachkenntnis mit der Fähigkeit, präzis und erstaunlich umfassend Fakten vorzustellen, was bei Kolneder bis in entlegene, aber aktuelle Details reicht.
Bach-Schwärmer schockiert er etwa mit einem englischen Zitat (1981) aus der Zeitschrift "Early Music" über das bekannteste Orgel-Werk, die im Bielefelder Plattenkatalog mit 61 Einspielungen vertretene Toccata und Fuge in d-Moll: "Es gibt keinerlei Sicherheit, daß dieses Stück irgend etwas mit J. S. Bach zu tun hat."
Doch es gibt auch Versäumnisse. So fehlt beiden Bänden jeweils ein Stichwort, auf das anderswo ausdrücklich hingewiesen wird: bei Lindlar der Strawinski-Dirigent Pierre Monteux, bei Kolneder der Cembalo-Komponist Domenico Scarlatti. Ebenso fehlen bei Kolneder wichtige Bach-Musiker dieses Jahrhunderts als Stichwörter, so Günther Ramin, Nikolaus Harnoncourt, oder auch Glenn Gould. Lindlar wiederum behandelt die Kritiken Theodor W. Adornos am Neo-Klassizismus Strawinskis und des Dirigenten Ernest Ansermet an Strawinskis späten Zwölfton-Werken zu flüchtig.

DER SPIEGEL 44/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung