21.12.1981

ZEITGESCHICHTEBlut und Feuer

Im Juli 1946 verübte die von Begin geführte Widerstands-Gruppe Irgun ein sensationelles Attentat in Jerusalem (91 Tote). Ein neues Buch schildert die Hintergründe des bis heute umstrittenen Anschlags.
Die Lounge des Luxus-Hotels sollte an biblische Zeiten erinnern: viereckige Lederstühle nach dem Vorbild von Hetiter-Thronsesseln, strenge Marmor-Ornamente, riesige Holztüren.
Nachmittags spielte dort ein europäisches Streichquartett. Kellner in sudanesischer Tracht servierten Tee und Kekse. Auf der Terrasse und im Garten, so erinnert sich der englische Abgeordnete Richard Crossman, "standen alle paar Meter, grinsend und grüßend, Detektive unter den Bougainvillea-Büschen".
Das "King David" in Jerusalem zählte schon damals, 1946, zu den berühmtesten Hotels der Welt. Waffenhändler und Diplomaten, englische Offiziere und amerikanische Politiker, Vertreter der zionistischen Jewish Agency und Araber, Öl-Bosse und Geheimagenten tummelten sich in seinen Bars und Salons. Im Südflügel des Hotels hatten die Briten, die seit 1922 im Auftrag des Völkerbundes Palästina verwalteten, ihr militärisches Hauptquartier.
Am 22. Juli 1946 um 12.37 Uhr erschütterte eine gewaltige Explosion das "King David". 350 Kilo TNT-Sprengstoff jagten den Südflügel des Gebäudes in die Luft. Es war wohl der erste große Terroranschlag der neuesten Geschichte.
91 Menschen kamen ums Leben, darunter 28 Briten, 41 Araber und 17 Juden. Verantwortlich für das Attentat zeichnete eine militante jüdische Untergrund-Bewegung, der Irgun Zvai Leumi (hebräisch für "nationale Militärorganisation"), deren damaliger Chef drei Jahrzehnte später Israels Ministerpräsident werden sollte: Menachem Begin.
Ein Versuch, die komplizierten Hintergründe dieses Anschlags aufzuklären, unternahm jetzt der Amerikaner Thurston Clarke - in seiner Buchreportage "By Blood and Fire".
( Thurston Clarke: "By Blood and Fire. ) ( The Attack on the King David Hotel". ) ( Verlag Hutchinson, London; 348 Seiten; ) ( 8,95 Pfund. )
Der Autor sprach mit Dutzenden von Protagonisten, die die "tragischsten Tage der englischen Mandats-Verwaltung in Palästina" (Clarke) miterlebten. Sein Buch bietet das schillernde Mosaik eines dramatischen - und bis heute umstrittenen - Kapitels in der Entstehungsgeschichte des Staates Israel.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges gab es in Palästina drei jüdische Widerstandsbewegungen, die gegen die englischen S.119 Herrscher, aber oft auch gegeneinander kämpften: die große, paramilitärische Organisation Haganah (zu deutsch Selbsthilfe) und die kleineren, radikaleren Gruppen Irgun und Lehi.
Zunächst hatten alle drei Organisationen zusammengearbeitet, doch später kam es immer häufiger zu Spannungen.
Denn die Haganah wollte den erstrebten jüdischen Staat vorrangig durch politische Agitation erreichen, ihre militärische Tätigkeit lediglich auf die Abwehr arabischer Extremisten beschränken. Irgun und Lehi rügten eine solche Zurückhaltung jedoch als "Impotenz". Besonders Begin forderte nach dem Zweiten Weltkrieg, auch unter dem Eindruck des Holocaust, den "Kampf bis zum Ende" gegen "den Feind" - gegen die als Unterdrücker empfundenen Briten, die als Mandatsmacht die jüdische Einwanderung scharf begrenzten und überwachten. Sie fürchteten einen Konflikt mit den Arabern.
Während die Haganah, die hauptsächlich aus zionistisch-sozialistischen Pionieren bestand, ihre Führung demokratisch wählte, gehorchte der Irgun geradezu blind den Befehlen Begins. Deshalb glaubte die Haganah beim Irgun sogar faschistoide Züge zu entdecken.
Im Juli 1946 lebte Begin erst knapp vier Jahre in der alt-neuen Heimat der Juden. Er war als Freiwilliger der polnischen Exil-Armee unter General Anders, die an der Seite der Alliierten kämpfte, nach Palästina gekommen und dort entlassen worden. Es gelang ihm, sogleich die Führung des Irgun zu übernehmen.
Im Gegensatz zu den meist im Lande aufgewachsenen Befehlshabern der Haganah hatte Begin in jener Zeit weder Kontakte zu Engländern noch zu Arabern. Er war entschlossen, mit allen Mitteln gegen die englischen Besatzer (80 000 Soldaten und 5800 Polizisten) vorzugehen - auch mit Terror.
"Durch Blut und Feuer ist Judäa gefallen. Durch Blut und Feuer wird Judäa wiedererstehen", proklamierte Begins Irgun. (Diesem Slogan entnahm Clarke den Titel für sein Buch.)
Eine Polizei-Aktion der Engländer führte 1946 dazu, daß sich die Lage in Palästina zuspitzte. Am 29. Juni nämlich, einen Tag, der als "Schwarzer Samstag" in die Geschichte Israels einging, internierten die Mandatsverwalter fast die gesamte Haganah-Führung.
Als Reaktion auf das "Unternehmen Agatha" (so der englische Kodename für diese Razzia) gab die Haganah dem Irgun Handlungsfreiheit für einen Anschlag auf das Symbol der englischen Militärmacht in Palästina, das King-David-Hotel. Dabei hofften die Widerständler auch, in den britischen Büros kompromittierende Dokumente zu vernichten, die am "Schwarzen Samstag" beschlagnahmt worden waren.
Unter dem Druck von Chaim Weizmann, dem späteren ersten Staatspräsidenten Israels, beschloß die Haganah dann jedoch, den Angriff wieder abzublasen. Weizmann: "Der Messias wird nicht beim Klang von Sprengstoff kommen."
Irgun-Chef Begin dagegen war lediglich bereit, den Angriff auf das King-David-Hotel (Deckname "Unternehmen Chick") aufzuschieben. Er und sein Mitstreiter Amichai Pagin wollten um jeden Preis die Engländer terrorisieren, um ihren Abzug aus dem künftigen Judenstaat zu erzwingen.
Das "Unternehmen Chick" wurde gründlich vorbereitet. Irgun-Aktivisten kundschafteten das Luxus-Hotel genauestens aus, um die Stützpfeiler zu finden, neben denen die Sprengladung angebracht werden sollte. Am 22. Juli gegen Mittag schafften sie, als arabische Arbeiter verkleidet, unverdächtige Milchkannen - mit Sprengstoff gefüllt - in die Vorratsräume des King David.
Zwar wollten die Irgun-Leute Blutvergießen vermeiden, indem sie eine knappe halbe Stunde vor der Explosion durch einen Anruf im Hotel zur Räumung aufforderten. Doch die Engländer ignorierten die Warnung und bestritten später sogar, daß sie überhaupt gegeben wurde. Hoteldirektor Max Hamburger dagegen folgte den Anweisungen, daher konnte der Großteil des Hotel-Personals evakuiert werden.
Nach dem Attentat versuchte Begin vergebens, allein die "englischen Tyrannen, S.122 die unsere Warnung unbeachtet ließen", für die vielen Opfer verantwortlich zu machen. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung verurteilte den blutigen Anschlag. Haganah Führer Ben-Gurion, damals gerade in Paris, bezeichnete Begin empört als "Feind des jüdischen Volkes".
Die Explosion im King David, schreibt Buchautor Clarke, "fügte der Allianz zwischen Irgun und Haganah eine tödliche Wunde zu". Der Konflikt in der jüdischen Widerstandsbewegung zwischen den Anhängern eines gewaltlosen Nationalismus und Männern wie Begin hat bis heute das politische Leben Israels mitbestimmt.
Die englischen Behörden reagierten auf das King-David-Attentat, indem sie in Jerusalem den Ausnahmezustand (mit Sperrstunden) verhängten. In viertägigen Razzien wurden fast 800 Juden verhaftet, darunter aber kein einziger, der an dem Überfall beteiligt war.
Bald darauf stoppte die Haganah alle bewaffneten Einsätze gegen die Engländer, um sich ausschließlich auf die illegale Einwanderung der Juden in Palästina und die Waffen-Beschaffung zu konzentrieren.
Der Irgun hingegen verübte weiter Terroranschläge - gegen die Briten wie auch gegen die Araber. Das schlimmste Kommando-Unternehmen, bis heute ein Schandfleck in Israels staatlicher Entstehungsgeschichte, fand im April 1948 statt: Ein Irgun-Trupp griff das arabische Dorf Deir Jassin unweit von Jerusalem an und metzelte 254 Männer, Frauen und Kinder nieder.
Fünf Wochen nach Deir Jassin verließen die Briten Palästina; Ben-Gurion proklamierte den Staat Israel. Einer seiner ersten Beschlüsse war es dann, den Irgun zu entwaffnen und aufzulösen.
Ob der Untergrund-Kampf des Irgun den englischen Rückzug aus Palästina beeinflußt hat, ist fraglich. Begin selbst behauptet, der Irgun habe "die Kampfmethoden der städtischen Guerilla geschaffen" und die Engländer aus dem Lande gejagt. Buchautor Clarke hingegen meint, die Irgun-Anschläge hätten den britischen Rückzug nur beschleunigt, nicht aber verursacht.
Das Hauptmotiv für den Briten-Rückzug aus Palästina wird aus offiziellen Dokumenten deutlich, die in den 70er Jahren in London veröffentlicht wurden. Der Rückzug, so das Londoner Außenministerium, sei erfolgt, um Englands strategische und politische Allianz mit den USA zu wahren - und Amerika wünschte nun mal die Bildung eines unabhängigen jüdischen Staates.
Bei einem Empfang anläßlich der Veröffentlichung des Clarke-Buches äußerte auch der Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kollek, eine ähnliche Überzeugung. Wohl bewunderte er "den Mut der Irgun-Männer", doch er fügte hinzu: "Ich bezweifle ernstlich, ob dieser Terror uns wirklich genützt hat."
S.118 Thurston Clarke: "By Blood and Fire. The Attack on the King David Hotel". Verlag Hutchinson, London; 348 Seiten; 8,95 Pfund. * S.119 1948 bei Auflösung des Irgun; Begin küßt die Irgun-Fahne zum Abschied. *

DER SPIEGEL 52/1981
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