28.12.1981

Gar nicht hingetraut

Beim ZDF gab es, wieder einmal, Krach um eine Sendung zum Thema Abtreibung. Gefährdet sind nun der politische Hausfriede und die Position des künftigen Intendanten.
Die Fernsehsendung hieß "Direkt", und genau so fing sie auch an. Auf dem Gynäkologischen Stuhl stöhnte eine Frau, und zwischen ihren Beinen ließ ein Arzt die Absaugpumpe rattern.
Der Doktor: "Schlimm?" - Die Patientin: "Nein." - "Ich fang'' jetzt mal mit dem Öffnen von dem Muttermund an. Wo kommen''s denn her?" - "Von Mannheim ... mit dem Zug."
Dialog bei der Abtreibung in einer westdeutschen Tagesklinik, nachgestellt und durchgespielt von einem Arzt und einer Schauspielerin: "So, dann können wir den Gebärmutterhals absaugen, das kann''n bißchen ziehen. Beim Absaugen kann es etwa so wehtun wie bei ''ner stärkeren Periode ... Das war''s."
Ort der Handlung: die Jugendsendung "Direkt" des Zweiten Deutschen Fernsehens am 9. Dezember um halb acht. Titel "Schwangerschaftsabbruch - meine Tochter tut das nicht", zweiter Teil.
"Es ist noch genau dasselbe wie früher", sprach da eine junge Frau, "es wird nicht drüber geredet" - exakt der Grund, warum die Fernsehleute es mal wieder taten. Die "Süddeutsche Zeitung": "Informationsquellen für praktischen und seelischen Nachschub".
Seelisch, fanden hingegen Vertreter von CDU/CSU, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden im ZDF-Fernsehrat, sei die Sendung gerade verfehlt gewesen. So sei es ein "Widerspruch zu jedem sittlichen Empfinden", urteilte die Caritas, daß nur die kürzesten Wege zum Schwangerschaftsabbruch aufgezeigt würden. Ratsmitglied Konrad Kraske, CDU-MdB bis 1980: "Ein Skandal."
Kraske und andere Kritiker protestierten auf einer Fernsehratssitzung Mitte Dezember. Erstmals beschlossen die Ratsmitglieder - für den 14. Januar - eine Sondersitzung zur Programmdebatte. Einziges Thema: die bisherigen beiden "Direkt"-Sendungen zur Abtreibungsproblematik.
Der Mainzer Sendeanstalt droht nun doppelte Gefahr. Zum einen läuft der Streit darauf hinaus, den ZDF-Fernsehrat in politische Fronten zu spalten - eine Links-Rechts-Polarisierung, die das Aufsichtsgremium seit Gründung des Hauses vor zwei Jahrzehnten stets vermieden hat. Die ihnen obliegende Programmüberwachung absolvierten die ZDF-Fernsehräte im großen und ganzen sachorientiert und einvernehmlich.
Zum anderen kann der Konflikt die Unabhängigkeit des gerade gewählten künftigen Intendanten Dieter Stolte gefährden, der als noch amtierender Programmdirektor für die Sendung persönlich verantwortlich gemacht wird. Er hat "Direkt", wie andere umstrittene Folgen dieses Jugendmagazins zuvor, im Dezember zur Sendung freigegeben.
Wegen seiner couragierten Entscheidungen hatte im November auch die SPD den CDU-Kandidaten mitgewählt. Bedenken gegen den "Liberalkonservativen" (Stolte über Stolte) hatte es nur bei der CSU gegeben (SPIEGEL 47/ 1981).
Nun servierte CSU-MdB Friedrich Zimmermann, stellvertretender Fernsehratsvorsitzender in Mainz, den Beschluß zur Sondersitzung "forsch und dramatisch", so ein Zuhörer vom Evangelischen Pressedienst. Und das CSU-Organ "Bayernkurier" wetterte, das ZDF habe Abtreibung "mit schockierender Verantwortungslosigkeit" als "Pannenhilfe dargestellt". Im "Freundeskreis der Union", so berichtete die "Welt" aus dieser kopfstarken parteilichen Gruppierung von ZDF-Fernsehräten, habe sich "zur Verteidigung Stoltes (CDU-nah) keine Hand" gerührt.
Das Thema Abtreibung ist beim Fernsehen noch allemal für Aufregung gut. Bei der ARD flog vor knapp acht Jahren auf Druck der katholischen Kirche ein "Panorama"-Beitrag mit einer gefilmten Schwangerschaftsunterbrechung aus dem Programm - mit Rücksicht auf die "Alltagsmoral der Mehrheit", so damals der Münchner Fernsehdirektor Helmut Oeller.
Diesmal wurde gesendet, und der ZDF-Fernsehrat Johannes Niemeyer vom Kommissariat der katholischen Bischöfe verurteilte die "Gebrauchsanweisung zur Beseitigung menschlichen Lebens". Für ihn spielte es offenbar keine Rolle, daß "Direkt" im ersten Teil der Sendefolge im November Not und Verzweiflung junger Menschen bei ungewollter Schwangerschaft dokumentiert hatte - ebenso die "ethischen Bindungen", die, wie vor der zweiten Sendung wiederholt wurde, "die allermeisten Jugendlichen" bei ihrer "Verantwortung gegenüber dem werdenden Leben" empfänden.
Auch der Ansagetext der Dezember-Sendung ließ den ZDF-Sendboten der Bischöfe kalt. Darin wurde die Beschränkung auf "einen rechtlich zulässigen Schwangerschaftsabbruch" und den "medizinischen Vorgang" "rläutert. Weiter: Die moralische Entscheidung, in einer " " schwierigen Lage von der Möglichkeit des " " Schwangerschaftsabbruchs Gebrauch zu machen oder das Kind zur " " Welt zu bringen, konnte der Gesetzgeber den betroffenen " " Frauen nicht abnehmen, selbstverständlich auch eine " " Fernsehsendung nicht ... Ein Schwangerschaftsabbruch wirft " " nicht nur ethische Fragen auf, sondern als Folgewirkung oft " " auch psychologische Probleme, deren Darstellung einer " " späteren Sendung vorbehalten bleibt. "
Stolte hatte sogar, um nicht anzuecken, den Song "Ich habe abgetrieben" aus der Sendung getilgt.
Eine Bemerkung blieb drin, die ihm den Zorn der Caritas zuzog, deren Generalsekretär Paul Schmidle nun "zu den schärfsten Kritikern zählt" (so die "Welt"). "Caritas - da hab'' ich mich überhaupt schon gar nicht hingetraut", sagt eine Jugendliche, "weil ich weiß, die helfen mir sowieso nicht weiter."
S.32
Die moralische Entscheidung, in einer schwierigen Lage von der
Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs Gebrauch zu machen oder das
Kind zur Welt zu bringen, konnte der Gesetzgeber den betroffenen
Frauen nicht abnehmen, selbstverständlich auch eine Fernsehsendung
nicht ... Ein Schwangerschaftsabbruch wirft nicht nur ethische
Fragen auf, sondern als Folgewirkung oft auch psychologische
Probleme, deren Darstellung einer späteren Sendung vorbehalten
bleibt.
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S.32 Jugendmagazin "Direkt" am 9. Dezember 1981. *

DER SPIEGEL 53/1981
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