27.09.1982

ELEKTRONIKIm Dunkeln

Acht Monate lang beobachtete der US-Autor Tracy Kidder die Entwicklung eines neuartigen Computers: Einblicke in eine Industrie, die noch immer „ein Schleier von Hexerei“ umgibt.
Wie andere Jungen auch war Josh Rosen mit vier Jahren Ingenieur geworden. Wenn die Eltern nicht aufpaßten, zerlegte er Lampen, Uhren und Radios.
Aber der unsportliche Bläßling aus Chicago blieb beim Fach; nur hielt er sich nicht lange mit Opas Technik auf. Nach der frühpubertären Schwarzpulver- und Raketen-Phase belegte er auf dem College, weil er billig im Eigenbau zu einer Stereoanlage kommen wollte, einen Kurs in Elektronik. Sein Examen machte er dann schon in Physik "magna cum laude" mit der Konstruktion eines Gleitkomma-Prozessors.
Noch während des Studiums entwarf er für die Fermi Laboratories einen Bildmuster-Analysator, für den Fairchild-Konzern einen Signal-Prozessor. Auch an einem Satelliten arbeitete er mit.
Den ersten festen Job fand das Chip- und Transistor-Wunderkind gleich bei der richtigen Firma, Data General in Westborough (Massachusetts). Dieser Hersteller von Minicomputern war binnen zehn Jahren vom Vier-Mann-Betrieb in einem leerstehenden Friseursalon zu einem der 500 größten Unternehmen Amerikas mit mehr als einer halben Milliarde Dollar Jahresumsatz aufgestiegen.
Dort tüftelte Rosen spezielle elektronische Bauteile nach Kundenwünschen aus. "Im Bereich Sondersysteme war ich der Star", berichtete er später. "Ich bekam alle Aufträge mit Pfiff."
Er war gerade 22 und kaute noch Nägel, als ihm die, wie er meinte, Chance des Lebens zufiel - eine Aufgabe beim Projekt "Eagle".
Da erlag er völlig dem irritierenden Reiz von Boolescher Algebra und Mikroschaltkreisen. Für regelmäßig achtzig Stunden die Woche verschwand er in einer engzelligen Katakombe, wurde Teil einer mönchischen Gemeinschaft, die nur mehr Interesse an einer selbstauferlegten Quälerei hatte: Wie macht man einen noch schnelleren, noch leistungsstärkeren, noch preisgünstigeren Computer, mit dem das Unternehmen die nächste Dollar-Milliarde machen kann?
Unter der Codebezeichnung "Eagle" (Adler) war bei Data General im Herbst 1978 die Entwicklung eines "Superminis" angelaufen, der mittlerweile, im April 1980, auf den Markt gekommen ist. Eclipse MV/8000, wie das Gerät schließlich genannt wurde, wäre allerdings kaum sonderlich bemerkenswert, hätte nicht der US-Autor Tracy Kidder seine Entstehungsgeschichte aufs genaueste recherchiert und die daran arbeitenden Experten im Souterrain des Baublocks 14 A/14 B acht Monate lang beobachtet.
Sein Bericht geriet zum Technikreport, Abenteuerroman und Gruppenpsychogramm. Denn "die Seele einer neuen Maschine", die Kidder beschreibt, das war ein auf Zeit zusammengestücktes und auf Erfolgsmonomanie programmiertes Kollektivgehirn: Gegen Konkurrenz im eigenen Haus, unter Bunkerstreß und Termindruck mußte das "Eagle"-Team logisches Konzept und elektronische Innenarchitektur des S.244 am Ende unscheinbar cremeweiß-blauen Kastens ersinnen.
Das Buch des Harvard-Absolventen Kidder ist wohl die erste allgemeinverständliche Reportage aus den Sperrbezirken jener Industrie, die derzeit das Tempo des technologischen Fortschritts bestimmt. In den USA wurde es mit den höchsten Journalismus- und Literatur-Preisen, dem Pulitzer-Preis und dem National Book Award, ausgezeichnet; dieser Tage ist die deutsche Übersetzung erschienen.
( Tracy Kidder: "Die Seele einer neuen ) ( Maschine" Birkhäuser Verlag, Basel; 320 ) ( Seiten; 36 Mark. )
Frühen Ruhm in der Branche hatte Data General sich durch Frechheit erworben. Bereits in der ersten Anzeige - Blickfang: ein auf böse getrimmtes Porträtphoto des Gründers Edson de Castro - verkündeten die Senkrechtstarter: "Wir wollen viel Geld verdienen."
Bei der Premiere auf der nationalen Fachmesse hing das Data-General-Emblem höher als die Schilder aller anderen Firmen, einschließlich des Transparents von IBM. Und einen neuen Mikroprozessor präsentierte das Unternehmen, um die TV-Kameras auf sich zu ziehen, im Nabel einer Bauchtänzerin.
Ebenso einfallsreich und rüde traktierte das Management die Belegschaft. Bei der Einarbeitung junger Kollegen verfuhr man, wie Kidder notierte, nach dem sogenannten Champignon-Rezept: ins Dunkle stellen, mit Mist düngen und wachsen lassen.
Josh Rosen etwa sollte zwar die wichtigste Schaltung, das zentrale Steuer- und Rechenwerk des Computers, entwerfen. Aber, so bekannte er einmal, "ich hatte das Gefühl, nicht mehr Rechte zu besitzen als ein Oszillograph".
Zeitweilig schien gar niemand das Gemeinschaftswerk der etwa dreißigköpfigen Mannschaft, deren Besetzung ständig wechselte, überblicken zu können. Und lange war ungewiß, ob das Grundkonzept zu verwirklichen, ob überhaupt ein brauchbares Gerät zustande zu bringen sei. "Die Leute tappen im dunkeln und berühren sich ab und zu an den Händen", war Rosens Eindruck.
Ende der siebziger Jahre, bevor sich hochautomatisiertes Design mit Standardbauteilen und Standardprogrammen durchsetzte, waren die Kleinstcomputer neuen Typs ohnehin noch nicht ein Produkt perfekter Planung. Ideen, die auf dem Papier fabelhaft erschienen, mußten erst erprobt, Irrtümer ausgemerzt, Kompromißlösungen für widersprüchliche Anforderungen gesucht werden - bis hin zu Entscheidungen wie der, ob die fertige Maschine besser mit einem Schlüssel oder per Taste einzuschalten wäre.
Tom West, der Leiter des "Eagle"-Projekts, so schildert es Kidder, saß oft an seinem Schreibtisch "und starrte stundenlang auf die Hardware-Entwürfe des S.245 Teams; er trieb mit den Ergebnissen der Hirnspiele anderer Leute eigene Spiele. Wird das funktionieren? Wieviel wird das kosten?" Bei einer Gelegenheit trug jemand einen greinenden Säugling an seiner Bürotür vorbei. "Tom brauchte eine ganze Stunde, um den Weg durch einen Schaltplan wiederzufinden."
Als schon zwei Prototypen zusammengebastelt waren, die aber noch nicht einmal die Leistung simpler Taschenrechner brachten, erklärte West: "Wir sind weit über das Stadium hinaus, wo irgendein einzelner noch etwas tun könnte. Das ist alles viel zu komplex."
Zudem stand Data General, eines der schnellstwachsenden US-Unternehmen mit stetig rund 20 Prozent Gewinn vor Steuern, auf dem innovationssüchtigen Elektronikmarkt bedrohlich unter Erfolgszwang. Ein Mitbewerber bot bereits einen Zahlenfresser der neuen Generation an, als in Westborough erst Pläne für einen solchen Computer entstanden.
Team-Chef West hatte wenigstens von den Fehlern der Konkurrenten lernen wollen. Er schlich sich, wie er Kidder anvertraute, bei einem Kunden der anderen Firma ein; und es gelang ihm tatsächlich, die elektronischen Eingeweide des fremden Computers auszuspionieren.
Die Führungsriege von Data General andererseits wurde mißtrauisch, als sie bemerkte, wie aufmerksam sich der Laie Kidder im Betrieb umtat. "Jemand im obersten Stock bekam kalte Füße", berichtet der Autor, "und ich mußte ein paarmal mit den Häuptlingen palavern."
Rechtsanwälte beider Seiten handelten eine gütliche Regelung aus. Doch obwohl der neugierige Rechercheur fortan die Entwicklungsabteilung "Eagle" nur mehr selten aufsuchte, stand er dem Kundschafter Tom West nicht nach - sein Buch geriet zur Enthüllung.
"Noch immer umgibt ein Schleier von Hexerei die Geburt eines neuen Computers", konstatierte in der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature" der Computerwissenschaftler Simon Lavington von der Universität Manchester. Kidders Buch sei eine Dokumentation, "die erfolgreich die Verständnislücke zwischen Supertechnik und Alltagserfahrung überbrückt".
Besonders eindrucksvoll schildert der amerikanische Autor den Endspurt bei Data General, als es darum ging, das tote Arrangement von Halbleitermaterial und Drähten mit zuverlässig datenverarbeitendem Leben zu erfüllen.
Dieses "Debugging" (wörtlich etwa: Entfehlern) kostete nicht nur etliche zusätzliche Monate mit Tag- und Nacht- und Wochenend-Schichten, um den Prototypen ihre Macken abzugewöhnen - da beschlich das Team auch die "Angst vor dem schwarzen Mann", wie es einer der leitenden Ingenieure nannte: die beklemmende Unsicherheit, ob die Maschine S.246 je richtig in Gang gebracht werden könne.
Als das Team am 21. September 1979 erstmals einen praxisnahen Test wagte und das Bildschirm-Spiel "Adventure" laufen ließ, reagierte der elektronische Golem zwar, aber sein Drucker schnarrte lediglich einen Satz heraus: "FATAL ERROR", schwerwiegender Fehler.
Zwei Wochen später bewältigte einer der Prototypen alle schwierigen Diagnoseprogramme. Er war um zehn Prozent schneller als das Konkurrenzgerät und doppelt so schnell wie die Vorläufermodelle von Data General selber; nur gelegentlich versagte er merkwürdigerweise noch bei leichten Aufgaben.
Diese letzte Schwäche beseitigte ein erfahrener Ingenieur nach der Holzhammermethode: Zum Entsetzen der Kollegen schüttelte er das zentrale Rechenwerk kräftig durch. Das Problem, so zeigte sich, war ein banaler Wackelkontakt in einem Chip-Sockel gewesen.
Der "Eagle" war nun flügge geworden, die Serienproduktion der Eclipse MV/8000 konnte anlaufen. Indes schlug die Stimmung des Teams von Ehrgeiz und Hoffnung um in Eifersüchtelei und Ernüchterung.
Es gab Streit um den Anteil an Patenten. Den jungen Hochschulabsolventen wurde klar, daß sie sich auf ein modernes Goldgräber-Gewerbe eingelassen hatten.
Den "Kids" war große Beute versprochen worden, als sie mit nur 20 000 Dollar Jahressalär anfingen. Jetzt, nachdem sie sich in ihren neonerhellten Souterrain-Käfigen ihrem persönlichen Lebenskreis entfremdet hatten und kaum mehr wußten, wie ihre Freundinnen aussahen, erklärten ihnen die Altgedienten, was außer einer kleinen Prämie ihre eigentliche Belohnung sei.
Der Gewinn, erläuterte Tom West, sei vergleichbar dem am Flipper-Automaten: "Wer ein Spiel gewinnt, bekommt ein Freispiel. Wer mit dieser Maschine Erfolg hat, darf die nächste bauen."
An ihrem Team-Leiter konnten die Neulinge sehen, was aus hartgeprüften Computerkonstrukteuren wird, wenn sie die Vierzig überschreiten und sich ausgebrannt fühlen. Er ziehe, teilte West seiner Mannschaft mit, in die Chefetage, um Aufgaben im Marketing zu übernehmen.
Josh Rosen allerdings, dem der Ruhm zukam, dem neuen Computer das zentrale Rechenwerk verpaßt zu haben, erlebte das schon nicht mehr mit. Zunächst war ihm die Nervenbelastung bei der langwierigen Fehleranalyse auf den Magen geschlagen, so daß er sich ständig mit Schmerzen plagte.
Dann, erzählte er dem Außenstehenden Kidder, habe ihn eine Art Erleuchtung überkommen.
Eines Tages sei er an einer Öko-Farm von Alternativen vorübergeschlendert und einer jungen Frau mit nacktem Oberkörper begegnet. "Ein Wunderwerk an biologischer Technik", so habe seln Kopf registriert; und diese Erscheinung aus einer ihm längst fernen Welt habe ihn derart verwirrt, daß er gegen eine Tür lief und sich die Nase blutig schlug.
Den Kollegen hinterließ er auf seinem Computer-Terminal nur die Nachricht, er wolle nicht länger mit einer Maschine verheiratet sein, die im Nanosekunden-Takt arbeitet: "Ich fahre zu einer Kommune in Vermont und will nichts mehr von Zeiteinheiten wissen, die kürzer sind als eine Jahreszeit."
S.244 Tracy Kidder: "Die Seele einer neuen Maschine" Birkhäuser Verlag, Basel; 320 Seiten; 36 Mark. *

DER SPIEGEL 39/1982
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