27.09.1982

ANTIQUITÄTENWundersame Vermehrung

Alte englische Möbel werden in Westdeutschland immer beliebter. Die Nachfrage ist nur noch mit Kopien und Fälschungen zu decken.
Gute Nachricht für Liebhaber der feinen englischen Lebensart verheißen Anzeigen, die allwöchentlich in westdeutschen Zeitungen erscheinen: Von soeben eingetroffenen "Großladungen" ist da die Rede, von "riesigen Direktimporten" oder ganzen "18-Meter-Lkw-Zügen", angeblich mit Spitzenerzeugnissen alter englischer Tischlerkunst.
Zum Kauf angeboten werden grundsätzlich "Originale", in manchem Inserat auch Stücke von "rarer Museumsqualität". Und die Preise für die erlesene Ware sind stets "günstig", gelegentlich sogar "nicht vorstellbar".
Der Nachschub an englischen Antiquitäten, oft "billiger als neue Möbel" (Anzeigentext), scheint geradezu unerschöpflich: Um die wachsende Vorliebe für Antikes aus England zu bedienen, importieren Händler alte Möbel gleich containerweise. Immer neue Antikmärkte werden eröffnet, auch die großen Kaufhäuser richten eigene Abteilungen für "alt-englische" Möbel ein.
Doch die meisten der ehrwürdigen Sekretäre, Tische oder Kommoden, die westdeutsche Heime schmücken sollen, verdienen das Prädikat "Antiquitäten" nicht: Die Käufer fallen auf Kopien und Fälschungen herein - der Markt ist überschwemmt von auf- und umgearbeiteten Stücken des Maschinenzeitalters.
Weil kostbare alte Möbel sogar im britischen Stammland längst rar sind, schöpfen die Lieferanten aus trüben Quellen: Altes Bauholz liefert den Rohstoff für nachgemachten antiken Hausrat, aus massigen viktorianischen Stücken lassen sich durch Umarbeitung zierliche Möbel der früheren Jahrhunderte zaubern. Und häufig werden weniger gefragte Antiquitäten zu einem einzigen, wertvollen Stück zusammengefügt.
Von solcherlei Tricks lebt der Handel mit englischen Antiquitäten nicht erst seit jüngster Zeit. Die Bevölkerung der Insel war bis etwa 1835, dem gängigen Zeitlimit für die feinere Ware, viel zu klein, als daß die später gehandelten Mengen von "Antik-Möbeln" schon hätten produziert werden können. Höchstens zehn Prozent der damals lebenden 13 Millionen Engländer, so rechnet der Hamburger Antiquitätenhändler Dieter Schiffmann-Ryan, der auch Gutachten erstellt, konnten sich wohnlich oder gar luxuriös einrichten. Überdies fielen im Laufe der Zeit viele Möbel dem Feuer oder dem Verschleiß zum Opfer.
Die wundersame Vermehrung von Antiquitäten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, in den Stilen Queen Anne und Chippendale, Hepplewhite, Sheraton oder Regency, begann schon um 1920. Im großen Maßstab setzte die Herstellung jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein.
In den 60er Jahren entdeckten die Westdeutschen und ihre Nachbarn England als Antiquitäten-Fundgrube. Wie die Lust der Kontinentler auf schöne alte Möbel befriedigt wurde, enthüllte schon 1971 der Londoner Kunsttischler William Crawley. In seinem Buch "Is it genuine?" ("Ist es echt?") plauderte der heutige Gutachter aus der Praxis auch der vermeintlich seriösen Auktions- und Handelshäuser.
Insgesamt 53 714 Möbelstücke kenne er, so verriet Crawley, die im Laufe von 20 Jahren entweder "auf alt gemacht" oder gänzlich gefälscht worden seien. Einen Tisch beispielsweise, den er selbst S.252 in den 30er Jahren nach einer Sheraton-Vorlage angefertigt und für sechs Pfund Sterling verkauft hatte, habe er Ende der 60er Jahre als Paradestück auf einer Antiquitäten-Messe wiedergetroffen. Ein international bekannter Händler strich dafür 700 Pfund ein.
Anhand einer Photoserie zeigte Crawley, wie er etwa eine verkommene viktorianische Kommode mit geringem Aufwand zu einem teuren Sheraton-Möbel umfrisierte (siehe Photos).
Als der Antiquitäten-Boom nicht nachließ, als sammelnde Touristen gar in organisierten Einkaufsflügen einfielen, setzte - so der Hamburger Experte Schiffmann-Ryan - der nunmehr übliche "Massenbetrug auf dem Container-Niveau" ein. Die nachempfundenen Stilmöbel des 19. und die Fälschungen des frühen 20. Jahrhunderts waren noch solide Handwerksarbeit. Nun jedoch "wird gepfuscht und gestückelt, daß dem Kenner beim Anblick dieser Antiquitäten kalte Schauer über den Rücken laufen" (Schiffmann-Ryan).
Aus Londoner Läden mit großen Werkstätten oder aus Lagern in der englischen Provinz gehen frisch fabrizierte "Antiquitäten" oder schlechte Kopien dieses Jahrhunderts massenweise nach Westdeutschland. Beliebte Einkaufsadresse ist bei den Importeuren beispielsweise "Dome Antiques" im Londoner Stadtteil Islington. Noch bequemer ist der Einkauf bei Spezialisten wie "British Antique Exporters Ltd." in Burgess Hill, West Sussex. "Für 7500 Pfund", so wirbt die Firma ausgerechnet in westdeutschen Antiquitäten-Fachbüchern, "steht ein Container (mit Möbeln) vor Ihrer Tür."
Das "antike Mobiliar", das da zusammengepackt und verschifft wird, hat mit echten Antiquitäten wenig oder nichts zu tun. Bestenfalls stapeln sich in den Waggons viktorianische Möbel, zumeist aber, was die Experten "Hochzeiten" oder "Scheidungen" nennen, und Reproduktionen.
Wahrscheinlich neun von zehn Aufsatzsekretären und Bücherschränken sind, so schätzen Experten wie Crawley und Schiffmann-Ryan, in Wirklichkeit nur "Marriages" - zusammengesetzt aus billigen Stücken. Für einen der sehr beliebten Aufsatzsekretäre beispielsweise sucht sich der Tischler einen breiten (und damit weniger wertvollen) Sekretär, dazu einen Vitrinenaufsatz, der in Tiefe und Breite dem Sekretär angepaßt wird. Neu gebeizt und patiniert, als Original ausgezeichnet, bringt diese Kombination bis zu 20 000 Mark ein.
Noch häufiger als "Marriages" werden "Divorces" gehandelt: Aus einer ehemaligen Einheit tischlert der Handwerker drei, vier oder noch mehr Möbelstücke. Aus einem heute wenig gefragten, voluminösen viktorianischen Kleiderschrank etwa lassen sich mehrere einträglichere Stücke im Stil des 18. Jahrhunderts machen: Das Riesenmöbel gibt einen klassischen Bücherschrank her, die Seitenteile S.253 verwandeln sich in elegante Kommoden; Verschnitt, Zierleisten und Säulen reichen noch für Kleinmöbel.
Beim Abbruch alter Häuser schließlich versorgen sich die englischen Antiquitäten-Händler mit Material für ihre Neuschöpfungen. Dicke Bodenbalken werden zersägt und zu "antiken" Tischen im Country-Stil verarbeitet. Wandvertäfelungen lassen sich für rustikale Lehnbänke verwenden, die gedrechselten Geländerstützen eines alten Treppenhauses liefern die Beine für die beliebten kleinen Seitentische.
Mit geschmiedeten Eisennägeln und künstlich gerosteten Schlössern versehen, gehen solche "Antiquitäten" dann auf die Reise nach Westdeutschland. Dort, im "Antikmarkt", in den "Antikabteilungen" der Kaufhäuser, aber auch in regelrechten Läden der feinen Antiquitäten-Branche kaufen die meisten Kunden, ohne gründlich hinzusehen. Dabei könnten sie zumindest die gröbsten Reinfälle vermeiden:
* Furnier wurde bei englischen Möbeln bis etwa 1830 stets in gleicher Richtung wie das Grundholz verarbeitet, erst von viktorianischer Zeit an (seit 1835) gegenläufig.
* Antike Möbel müssen deutlich sichtbare Gebrauchsspuren aufweisen, etwa abgetretene Fußstege an Stühlen und Tischen, schief abgeriebene Stuhlbeine, und zwar an den richtigen Stellen.
* Tische aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert haben immer eine völlig unbehandelte Unterseite; auch die Rückwände blieben bei Schränken und Kommoden grundsätzlich roh.
* Holzwürmer verschmähen das harte Mahagoni. Teile mit Wurmlöchern sind aus weicheren Hölzern, die oft zur Täuschung auf Mahagoni gebeizt sind. Faßt sich Holz rauh an, ist es neu, denn alte Hölzer sind mit einer glatten Patina aus Wachs und Schmutz überzogen.
* Die Adern alter Einlegearbeiten wölben sich mit der Zeit. Völlig ebene Flächen mit Intarsien sind meist neu oder gerade ein paar Jahrzehnte alt.
Auch Kenner jedoch werden hinters Licht geführt, wenn die Fälscher mit äußerster Sorgfalt, mit altem Holz und altem Werkzeug arbeiten. Das lohnt sich allerdings erst bei fünfstelligen Erträgen. Solche perfekten Kopien aus den offiziellen großen Antiquitäten-Messen fernzuhalten, klagt Günther Abels, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels, gelang nur mit Hilfe englischer Juroren.
Doch auch die Juroren sind nicht unfehlbar. "Manchmal", so erläutert Schiffmann-Ryan, "schwant einem was, aber man kann es nicht beweisen." Um die Wahrheit zu finden, müßte der Gutachter das Möbel zerlegen. Das ist aber, bei hohem Preis, oft viel zu riskant. Denn wenn die Ahnung getrogen hat, wird die Blamage teuer.

DER SPIEGEL 39/1982
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