16.08.1982

Betr.: Ernst Jünger

16. August 1982 Betr.: Ernst Jünger
Interviews mit Ernst Jünger sind eine Rarität. 1967 lehnte der Schriftsteller die Einladung zu einem SPIEGEL-Gespräch über "Die Verantwortung des Schriftstellers" ab, schon deshalb: "Das Tonbandgerät gehört zur Klasse der Präservativs ... Die eigentliche Frucht des Gesprächs wird durch die Mechanik zerstört." (Der Absagebrief an den SPIEGEL-Redakteur Georg Wolff steht in Jüngers Tagebuch "Siebzig verweht I".)
Am vergangenen Mittwoch sprach der strenge Elitäre doch. In Jüngers Haus im oberschwäbischen Wilflingen diskutierten die SPIEGEL-Redakteure Rudolf Augstein, Hellmuth Karasek und Harald Wieser mit dem Autor, der in seinem 87. Lebensjahr noch einmal zum öffentlichen Streitfall geworden ist: Jünger soll den Frankfurter Goethepreis erhalten, Frankfurter Grüne und Sozialdemokraten protestieren gegen die Ehrung des "Kriegsverherrlichers" und "geistigen Nazi-Wegbereiters".
Das SPIEGEL-Gespräch (Seite 154), anwesend auch Jüngers Frau Liselotte, genannt "Stierlein", und Jünger-Verleger Ernst Klett, dauerte gut fünf Abendstunden. Jünger überstand es "beneidenswert frisch" (Karasek).
Für den SPIEGEL-Herausgeber war es das dritte Rencontre mit dem zeitlebens Umstrittenen. 1949 besuchte Augstein Jünger zuerst in Kirchhorst bei Hannover, später im schwäbischen Ravensburg. Von Ravensburg chauffierte er ihn zum Bruder-Dichter Friedrich Georg Jünger nach Überlingen und schoß von den beiden sein einziges Photo, das im SPIEGEL gedruckt wurde. Augstein schrieb die erste und einzige SPIEGEL-Titelgeschichte über Jünger (4/ 1950). In sie gingen auch solche Erfahrungen mit dem "Capitano" ein:
"Major war Jünger (im Zweiten Weltkrieg) nicht mehr geworden, weil er seine Truppe das verpönte Lied 'War einst ein Polenmädchen' hatte singen lassen. Es ist für ihn ein wehmütig-trutziges Leib-und-Magen-Lied geworden, hauptsächlich zum Weine zu singen."
Das ist es geblieben. "Polenmädchen" erscholl wieder, Mittwoch nacht in Wilflingen, Tonbandgerät abgeschaltet.

DER SPIEGEL 33/1982
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