08.11.1982

SCHRIFTSTELLERHinterhands Unglück

Ein Schriftsteller erfährt vom Ehebruch seiner Frau und erleidet eine Schreibhemmung: Thema einer neuen Erzählung von Uwe Johnson.
Nach "fast vierzehn Jahren ehelichen Lebens" wird einem Schriftsteller "eröffnet", daß seine Frau "ihn getäuscht und belogen habe von Anfang an, insbesondere über ein Liebesverhältnis mit einem Bürger der Feindstaaten". Er erleidet einen Herzanfall, sinkt in tiefe Depression und kann nicht mehr schreiben, ist "blockiert".
Dieser Schriftsteller, er trägt den mehrdeutigen Namen Joe Hinterhand, ist eine Erfindung des Schriftstellers Uwe Johnson, 48, und trauriger Held einer Erzählung, die Johnson jetzt in der "Bibliothek Suhrkamp" veröffentlicht, Titel: "Skizze eines Verunglückten".
( Uwe Johnson: "Skizze eines ) ( Verunglückten". Suhrkamp Verlag. ) ( Frankfurt; 76 Seiten; 10,80 Mark. )
Der Verlag nennt die Erzählung einen "verschwiegenen Text". Johnson-Kennern wird er eher vielsagend erscheinen - als Variation eines Klartextes, den der Autor schon vor drei Jahren öffentlich machte.
Als Poetik-Gastdozent an der Universität Frankfurt hatte Johnson 1979 seinen Hörern mitgeteilt, "im Juni 1975" sei ihm "endlich eröffnet" worden, daß seine Frau "seit dem Herbst 1961 in inniger Verbindung mit einem Vertrauten des S.T.B., des tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienstes", gestanden habe. Die späte Enthüllung ihres Treubruchs habe ihm eine "Beschädigung der Herzkranzgefäße", eine "Depression" und einen "writer''s block", eine langanhaltende S.239 Schreibhemmung, eingetragen.
Mit der erstaunlichen Mitteilung aus seiner Privatsphäre, die er dann auch noch drucken ließ ("Begleitumstände", Edition Suhrkamp, 1980), wollte Johnson auch aufklären, was vielen Johnson-Lesern erklärungsbedürftig erschien - warum er mit seinem großen Romanwerk "Jahrestage" nicht fertig würde, warum nach drei Bänden mit über 1000 Seiten der schon für 1974 angekündigte vierte, abschließende "Jahrestage"-Band immer noch ausstünde.
Das Werk, das die "Zeit" unter die "100 Bücher der Weltliteratur" einreihte, handelt vom Leben einer Deutschen und DDR-Emigrantin in New York 1967/68. Gesine Cresspahl aus Mecklenburg arbeitet in einer Bank, registriert das Zeitgeschehen anhand ihrer "New York Times"-Lektüre und erzählt ihrer Tochter Marie von deutscher Vergangenheit und Gegenwart vor, unter und nach Hitler. Gegen Ende des Romans ist Gesine, die über tschechische Sprachkenntnisse verfügt, mit Geldgeschäften zwischen ihrem US-Arbeitgeber und der CSSR befaßt. Enden sollten die "Jahrestage" am 20. August 1968, dem Tag, an dem die Sowjets den "Prager Frühling" zertraten.
Johnsons "Jahrestage" enthalten autobiographische Elemente. Der in Mecklenburg aufgewachsene, 1959 aus der DDR nach West-Berlin übergesiedelte, im selben Jahr mit dem Roman "Mutmaßungen über Jakob" bekannt gewordene Schriftsteller lebte 1966 bis 1968 in New York, wo er in einem amerikanischen Verlag als Lektor arbeitete. Beim Schreiben der "Jahrestage" war ihm seine Frau "Mitarbeiterin", unter anderem mit Tschechisch-Kenntnissen.
Die Aufdeckung der 14jährigen Liaison seiner Frau mit einem CSSR-Agenten, so erklärte Johnson in der Frankfurter Vorlesung, habe seinen "Umgang mit den tschechoslowakischen Elementen des Buches" ins Zwielicht gerückt und sei demnach geeignet gewesen, seine "berufliche Integrität in Frage zu stellen". Der Schock bewirkte den Block, die "Jahrestage" blieben stecken.
Allerdings kündigte er in Frankfurt auch die Überwindung der Krise an: "Im Alter von 44 Jahren" habe er angefangen, sich "das ''Schreiben'' wieder beizubringen, mit zwei Zeilen am Tag, fünf Zeilen in der Woche", und nun werde er "auch zurückkehren zur Fertigstellung eines bloß unterbrochenen Auftrages".
Der Schlußband der "Jahrestage" ist bis heute nicht erschienen. Erschienen ist nun die (zunächst für eine Festschrift zum 70. Geburtstag von Max Frisch geschriebene) "Skizze eines Verunglückten", die Geschichte vom betrogenen, gescheiterten Schriftsteller Joe Hinterhand.
Auch dieser Schriftsteller ist in Mecklenburg aufgewachsen, geboren ist er 28 Jahre vor seinem Erfinder, 1906. Joe Hinterhand ist zunächst nur sein Autorenpseudonym, getauft wurde er auf den Namen Joachim de Catt.
Als 20jähriger hat er sich "auf den ersten und den letzten Blick" in eine 19jährige verliebt, sie ist ihm "erschienen ... als für sein weiteres Leben bestimmt", ihr hat er seinen ersten Roman gewidmet, mit ihr als Ehefrau will er einem "gemeinsamen Alter" entgegengehen. 1933 wird Hinterhand, möglicherweise jüdischer Abstammung, auf jeden Fall Nazi-Gegner, aus Deutschland ausgebürgert. Er lebt als Emigrant in England und den USA, wird US-Bürger.
Um 1947 erfährt er, daß seine Frau ihn von Beginn ihrer Ehe an mit einem Italiener, einem "Faschisten", betrogen hat. Während der Ehemann in seine Schriftstellerei versunken war, traf sie sich immer wieder zu "dirty weekends" mit ihrem Liebhaber. Der ist vielleicht auch der Vater ihres einzigen Kindes Anthony-Antonio.
Johnson erzählt Hinterhands Geschichte als dessen Selbstbekenntnis, er filtert den Schmerz des Betrogenen durch einen protokollarischen Konjunktiv: "Er habe", so zitiert er ihn, "eine Vorstellung vom Leben in einer Ehe" gehegt, die "anachronistisch" gewesen sei "in einer Zeit, da der Ehebruch zum bürgerlichen Schwank verkommen sei"; er habe seiner Frau "ausgeliefert, ... wofür man früher das Wort Seele gebraucht habe"; er "sei in der Tat auf der Strecke geblieben mit seinem Entwurf von einer Liebe sonder Vorbehalt".
Ebenso spröde anrührend klingt, was er seinen Joe über die eigene Standhaftigkeit gegen "Avancen" vorbringen läßt, die ihm "auf Vortragsreisen, allein unterwegs ... gelegentlich von Damen erwiesen worden" seien. Bewegend, wie er die Folgen der aufgedeckten Täuschung für die Arbeit des Schriftstellers beschreibt: "Im Moment der Erkenntnis, daß man ihm ein richtiges Leben vorgespielt habe inmitten eines falschen, sei sein Bewußtsein angehalten worden, arrestiert, versiegelt ... in die Vorräte der Erinnerung (sei) eine Sperre eingestanzt. Unwahr. Falsch. Vergiftet. Entwertet. Ungültig."
Denn wer zum Beispiel, so Johnson-Hinterhand, "das Lebensgefühl eines werdenden Vaters erzählen wolle, der könne ausgehen nur von den eigenen Zuständen; die jedoch seien ihm verursacht worden durch Vortäuschung und gehörten ausgestrichen".
In den Frankfurter Poetik-Vorlesungen hatte Johnson, Büchner-Preisträger 1971, seine Hörer (und Leser) nachdrücklich ermahnt, Werk und Person eines Schriftstellers auseinanderzuhalten, seine literarischen Erfindungen nicht als Mitteilungen aus seinem Privatleben zu lesen.
Zweifellos: Die "Skizze eines Verunglückten", die auch tragikomische Züge hat, ist Fiktion. Schließlich hat Joe Hinterhand, zeitweise ansässig auf einer Insel S.242 im Sund von Long Island, seine ungetreue Frau umgebracht und für diesen "Totschlag bei verminderter geistiger Zurechnungsfähigkeit im Augenblick der Tat" im Gefängnis gesessen. 1975, also in dem Jahr, da der Autor der unvollendeten "Jahrestage" vom Betrug seiner Frau Elisabeth, Mutter seiner Tochter Katharina, erfuhr, ist Hinterhand gestorben.
Uwe Johnson lebt seit 1974 in Sheernes-on-Sea, auf einer Insel in der Themse-Mündung.
S.237 Uwe Johnson: "Skizze eines Verunglückten". Suhrkamp Verlag. Frankfurt; 76 Seiten; 10,80 Mark. *

DER SPIEGEL 45/1982
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