08.11.1982

„Abmessend-wissend, seid himmelwärts“

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Peter Handke, den „Mann mit dem Bleistift“
Damals, an jenem Nachsommer-Sonntag in Salzburg, war der Einsame, der Eitle, der Große von seinem Mönchsberg herabgestiegen. Er stand, wie immer in einem zu großen Anzug, auf der monumentalen Festspielbühne der Felsenreitschule, unter offenem Himmel; stand gerührt und verlegen da, während im Saal sich allmählich die Bravo-Jubler gegen die Buh-Front durchsetzten, und strich manchmal dem Kind, das in der Aufführung mitgewirkt hatte, scheu übers Haar. So wie er manchmal versonnen einem Kind über den Kopf streiche, hat er einmal gesagt, so streiche ihm manchmal der Himmel über den Kopf.
Er selbst hatte sich für die Uraufführung seines "dramatischen Gedichts" "Über die Dörfer" den Festspiel-Rahmen gewünscht, die steinerne Riesenbühne, die nur barocke Spektakel zu füllen vermögen, und den von Glockengeläut durchdrungenen Salzburger Sonntagvormittag.
Denn dieses Werk, sein ehrgeizigstes, sollte an die ältesten, größten Tragödien des Abendlands anknüpfen, ihren bis ins Sakrale reichenden Kunst-Anspruch neu und für "heutzutage" einlösen, ihn selbst ein für allemal "klassisch" machen. "Es muß ein neues Zeitalter anfangen!"
Es fing, an jenem Sonntag in Salzburg, nicht an. Die gut viereinhalbstündige Uraufführung, die zwei leise, empfindsame, alle Theatralik scheuenden Künstler zustande gebracht hatten - der Filmregisseur Wim Wenders und der Grüber-Adept Hannes Klett -, riskierte keine eigene Vision des Handke-Entwurfs, sondern setzte, wie blind von Handkes Verklärungssucht, nur die Verklärung, die Verkleisterung aller Widersprüche in einem andächtig vorgetragenen Oratorientext fort.
Wieder einmal ging ein Schwall von Verrissen über Handke, den Unbeirrbaren, nieder.
Jetzt hat im häßlichen Hamburger Operettenhaus an der Reeperbahn der Regisseur Niels-Peter Rudolph "Über die Dörfer" neu, wirklich neu inszeniert: Er hat unter dem großen Pathos und der geschwollenen Poesie dieses "Gedichts" die Konturen eines sehr merkwürdigen, doch merkwürdig spannenden Dramas freigelegt; er hat, wo in Salzburg nur die Schmerzensklage eines Verletzten zu hören war, dessen tiefe Lust am Haß aufgedeckt; er hat den Gerichtstag vorgeführt, den Handke, der Zerrissene, in diesem Text über sich selbst und sein Verklärungsverlangen hält.
Seinem Stück hat Handke nun einen Band mit Notizen aus fünf Arbeitsjahren nachgeschickt, "Die Geschichte des Bleistifts",
( Peter Handke: "Die Geschichte des ) ( Bleistifts". Residenz Verlag, Salzburg; ) ( 252 Seiten; 28 Mark. )
neue Bruchstücke seiner großen Konfession: Kunsttheoretisches, Werkstattfetzen, Zitate, Traumnotate, Naturpoesie und hybride Sentenzen, die all seine Gegner großzügig mit frischer Munition versorgen.
Es hilft ja nichts: Handkes Größe ist über alle Verrisse hinweg unanfechtbar; kein anderer Autor seines Alters hat annähernd so viel aus sich herausgeholt, aus sich gemacht, und nur aus sich. Ohne Größenwahn gibt es keine Größe - er hat den Mut dazu.
"Was kann ich gegen das Jahrhundert haben? Es gibt doch mich." So etwas nicht nur zu denken, nicht nur aufzuschreiben, sondern zu publizieren, braucht Mut. Und es braucht Mut, auf der nächsten Seite dagegenzusetzen: "Immer wieder verwandelt sich mein Königs-Bewußtsein in den Frosch zurück." Ohne den anderen Satz wäre der eine unerträglich.
Aus der "Geschichte des Bleistifts" spricht selten ein erlösungsgewisser Heiland, oft ein verzweifelt erlösungsbedürftiger Frosch. Doch es spricht da auch einer, gerade in den Notizen zu "Über die Dörfer", der im Geist längst nur noch mit den Größten umgeht, von Aischylos bis Goethe - das sind ihm "Brüder", die es wert sind, daß man sie liebt und sein Werk an ihrem mißt.
Dabei ist ja die Sache, um die es in Handkes Stück geht, auffallend banal: ein Streit unter Erben. Gregor, der ältere Bruder, hat das Häuschen der Eltern im Heimatdorf geerbt, lebt aber als Künstler fern in der großen Welt; Hans, der im Dorf zurückgebliebene jüngere Bruder, Bauarbeiter, bewohnt das Haus mit Frau und Kind. Nun möchte Hans, daß man eine Hypothek aufnimmt, um der unverheirateten Schwester, die als Kaufhaus-Verkäuferin arbeitet, die Gründung eines kleinen eigenen Geschäfts zu ermöglichen - Gregor jedoch ist dagegen, denn mehr als eine Pleite traut er der Schwester nicht zu.
Als erste Stoff-Erwägung für sein "großes Drama" von "heutzutage" notiert Handke den "Mord an den Eltern". Oder doch lieber "die Geschichte von mir und meinen Geschwistern"? Es soll sich "das Persönliche und das Antikische verschränken", und fest steht jedenfalls: "Am Schluß des Dramas wird es zur S.250 Apotheose der Kunst kommen (und mit ihr der Menschen); eine Göttin soll erscheinen und den Trost verkünden ..."
Neu ist dieser erste Einfall, der Elternmord, kaum, und schon gar nicht von "heutzutage": Mythisch-tragische Stoffe sind ja zuallererst - vom Olymp herab bis zu Ödipus und Orest - blutige Vater-Sohn-Kisten gewesen, Geschwisterduelle, Mordfälle im Familienkreis.
Auch für Handke selbst ist der Einfall nicht neu, sondern nur immer wieder sein allererster, sein Ur-Thema: Gregor und Hans, die ungleichen, in Haßliebe aufeinander fixierten Brüder, und ihre Schwester sind die Hauptfiguren in Handkes erstem, 1966 erschienenen Roman "Die Hornissen"; und die Geschichte kreist um einen unaufgeklärt finsteren Todesfall in der Familie.
Handkes Frühwerk strotzt von Familienverbrechen, von mörderischen Vätern und Söhnen; es sind - durch komplizierte Erzählstrategien oft negierte, widerrufene - Haß- und Vernichtungsphantasien; auch der Theater-Erstling, der ihn berühmt machte, ist unter anderem ein in entwaffnende Artistik hochstilisierter verbaler Verfluchungs- und Zerstörungsakt: die "Publikumsbeschimpfung". (Er ließ ihr das Zerknirschungs-Ritual der "Selbstbezichtigung" folgen.)
Wieder und wieder in (offen oder kaschiert) autobiographischen Texten hat Handke von seinen ihn förmlich überflutenden Haßanfällen gesprochen, von wilden Exzessen des Ekels, der Wut, der Vernichtungsbesessenheit.
Handkes Haß ist elementar, seine Liebe allemal eine Kunst-Anstrengung; deshalb will er, daß alle Kunst eine Liebes-Anstrengung sei; und deshalb fällt ihm seine Kunst schwer. Er wäre nicht, der er ist, wenn er das nicht wüßte: "Mein Haß ist absolut, meine Liebe relativ", steht in der "Geschichte des Bleistifts", und: "Mein Haß ist eine Realität, die ich nicht verleugnen kann; ohne ihn kann ich zu keiner anderen Realität kommen."
Den ersten, unabweisbaren Stoff-Einfall für sein Drama, den Elternmord, hat Handke im fertigen Stück sorgsam getilgt und förmlich begraben: Am Elterngrab, wohl am Allerheiligentag, treffen die Geschwister sich, und da fällt kein Wort über die Toten, kein gutes, kein böses - auch der seltsame, ja schreiend verdächtige Umstand, daß Vater und Mutter offenbar am selben Tag zu Tode gekommen sind, wird so betont unauffällig mitgeteilt, als sei das in aller Regel so.
Wie in der antiken Tragödie, wo die (in aller Regel mörderischen) Action-Szenen dezent hinter die Kulissen verlegt sind, findet bei Handke der pathetisch proklamierte "Krieg", der mythische Showdown zwischen den Geschwistern hinter der Friedhofsmauer am Elterngrab statt.
Was sich da genau abspielt, bleibt ungewiß, weil (anders als bei den antiken Tragikern) das Entsetzen den Mauer-Schauern die Sprache verschlägt. Jedenfalls S.251 gelingt es den Brüdern nicht, einander totzuschlagen (was die Schwester um die Chance bringt, sich zur Antigone zu läutern). In Rudolphs Inszenierung kommen die drei gründlich lädiert und zerfetzt auf die Bühne zurück, um ihren Krieg - stilisiert zur monströsen Maskerade mit giftgrünen Tirolerhütchen - verbal zu Ende zu bringen: Gregor (Ulrich Wildgruber spielt, ganz zart und konzentriert, nicht den Heiland, sondern den Frosch) wird förmlich mit Worten gesteinigt, der Triumph der Vernichtungs- und Selbstvernichtungswut scheint vollendet.
Stopp, Stopp! ruft da der Dichter, wozu haben die antiken Tragiker den "deus ex machina" erfunden, dessen Wort alles Unheil in Heil verwandelt? Die Wundermaschine, die die Olympier auf der antiken Szene erscheinen ließ, ist zwar zur wackligen Holzleiter entzaubert, die Handkes Göttin Nova hinaufklettern muß, um auf der Friedhofsmauer Verkündigungs-Höhe zu gewinnen, doch dann kann die frohe Botschaft zu ihrem Recht kommen: "Der ewige Friede ist möglich. Richtet euch auf. Abmessend-wissend, seid himmelwärts."
Handke hat sich vorgestellt, daß diese Predigt, von Bach-Musik untermalt, tatsächlich die theatralische Transsubstantiation des Hasses in Liebe bewirken sollte; zum schönen Schluß sollte Nova das Kind zum König des "neuen Zeitalters" krönen.
Selbst die Salzburger Uraufführungs-Regisseure müssen gefürchtet haben, sich bei diesem Salto mortale ins Weihnachtsmärchen (Marke "Froschkönig") den Hals zu brechen. Schon in Salzburg fand die Krönung nicht statt.
Wie sieht eine "Göttin" aus, "heutzutage", bei der Handke gewiß an Dantes Beatrice gedacht hat und noch mehr an Athene, die Odysseus durch alle Gefahren geleitet? In Hamburg ist die Gefährtin Nova (die Gregor zur Heimreise drängt, ihm folgt, ihn aus dem Schlamassel rettet) eine irdisch-weibliche, fast mondäne Erscheinung in schwarzer Seide, ein keckes Hütchen auf dem Scheitel, die gelegentlich mit beiläufiger Koketterie das scharfe Lila ihres Mantelfutters aufleuchten läßt.
Sie hat keinen sicheren Stand für ihre Predigt auf der Friedhofsmauer (ja, ja, die hochhackigen Schuhe), doch das kümmert sie kaum: Sie ist endlich bei ihrem Thema und restlos-rücksichtslos davon begeistert.
Es kümmert sie nicht einmal, daß sich bei ihren Zuhörern (dem "Volk") keineswegs Weihnachtsmärchen-Andacht verbreitet, daß die sich im Gegenteil - ratlos angesichts dieser "abmessend-wissend himmelwärts" Schwärmenden - Mann um Mann von der Szene verkrümeln, bis ihr zuletzt nur Gregor als Zuhörer bleibt: Sie findet in ihrer Predigt ihr eigenes heiteres Glück. Hildegard Schmahl spielt das wunderbar hell, sie spielt, was sich Handke (wobei der an Giotto denkt) als ernsteste Haltung zu einem Kunstwerk wünscht: "innige Ironie".
Rudolph hat wohl (gegen Handke und mit Handke) recht: Man kann nicht vom Theater herab Versöhnung verordnen, nicht die "Stunde der wahren Empfindung" als Ewigkeit ausrufen und den Beginn eines neues Zeitalters behaupten. Aber man kann von der schmerzenden Sehnsucht nach Versöhnung sprechen, muß es vielleicht, wenn man den Schmerz nicht in sich abtöten will, und Handke spricht davon, oft schön, oft verstiegen, oft bombastisch, aber immer ganz ernst.
S.249 Peter Handke: "Die Geschichte des Bleistifts". Residenz Verlag, Salzburg; 252 Seiten; 28 Mark. * Marlen Diekhoff und Ulrich Wildgruber. *

DER SPIEGEL 45/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Abmessend-wissend, seid himmelwärts“

  • Doping für ewige Jugend: "So ein Körper ohne Steroide? Dumm!"
  • Videoaufnahmen aus Hongkong: Journalistin während Livebericht attackiert
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Airshow in Gloucestershire: Fasten your seatbelts, please