15.11.1982

BÜCHERChronik des Grauens

Martin Gilbert: „Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas“. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg; 316 Karten; 272 Seiten; 25 Mark.
Europas Juden haben sich im Zweiten Weltkrieg keineswegs alle - die Auserwähltheit angeblich in Leid und Tod suchend - von Himmlers Schergen ermorden lassen. Auch mit Hitler verbündete oder von ihm abhängige Regierungen, sogar besiegte und unterdrückte Völker haben sich dem Völkermord an den Juden widersetzt.
Das berichtet ein "politischer Atlas, der erste seiner Art", den der britische Zeithistoriker Martin Gilbert ("Auschwitz und die Alliierten") als graphische Chronik des Grauens mit knappen Kommentaren und eindringlichen Photos 1982 in London veröffentlichte: Die deutsche Übersetzung ist soeben erschienen.
"Die 316 Karten in 'Endlösung'", schreibt Gilbert, "zeigen den millionenfachen Mord an Juden und die Zerstörung sämtlicher wichtiger jüdischer Gemeinden in Europa, die Widerstandsaktionen und Aufstände einzelner, ihre Flucht- und Rettungswege."
Programmatisch wirkt hier die erste Karte, die organisatorische Perfektion und mörderischen Wahnwitz des Nazi-Rassismus gleichsam unüberbietbar dokumentiert: Als Hakenkreuzspinne im Netz der Transportlinien wird Auschwitz zum Zentrum einer Industrie des Todes, die ihre Fangfäden über ganz Europa ausgespannt hat.
Der Atlas vergegenwärtigt also anschaulich die beispiellose Geschichte des Genozids an den Juden, dessen bislang umfänglichste Darstellung durch Raul Hilberg auch soeben zum erstenmal in Deutsch erschienen ist ("Die Vernichtung der europäischen Juden", Verlag Olle & Wolter, Berlin).
Schon lange vor dem heroischen Kampf im Warschauer Getto, der zum Symbol jüdischen Widerstands- und Überlebenswillens werden sollte, hatte es Rebellionen von Juden gegen die Massaker und Deportationen gegeben.
So kam es Ende Oktober 1941 - vier Monate nach Hitlers Überfall auf die Sowjet-Union - im Gebiet der weißrussischen Städte Starodub und Tatarsk zum Aufstand gegen die Mordkommandos der Einsatzgruppen aus Polizei und SS, die sich gezwungen sahen, reguläre Heeresverbände um Hilfe anzugehen. Schließlich setzte die Wehrmacht sogar Artillerie und Luftwaffe ein.
Seit dem Herbst 1941 gelang es kleineren oder größeren Gruppen von Juden immer wieder, aus Dörfern und Städten, aus Gettos und Arbeitslagern in die Wälder zu fliehen. Dort kämpften sie selbständig im Untergrund - wobei sie zuweilen durch antisemitische Polen oder Ukrainer an die SS verraten oder sogar ausgeliefert wurden -, später auch auf seiten der Sowjet-Partisanen.
Häufig entflohen Familien, selten ganze Dörfer. Am 9. Mai 1942 flüchteten rund 2000 polnische Juden aus drei Dörfern nordwestlich von Lublin. Doch die Bauern gaben ihnen kaum Lebensmittel, und schließlich unternahmen die Deutschen im Oktober und Dezember zwei Großangriffe, bei denen sie Artillerie, Maschinengewehre und Schützenpanzer einsetzten: Nicht einmal 100 Menschen überlebten.
Auch im Juni und August 1942 kam es zu Massenausbrüchen. In Wolhynien (der westlichen Ukraine, die von 1921 bis 1939 zu Polen gehört hatte) waren es 15 000 Menschen, die den Massenmorden des August - in diesem Monat wurden in Wolhynien mehr als 87 000 Juden umgebracht - entkamen.
Doch nicht einmal 1000 von ihnen überlebten in den nächsten zwei Jahren Kälte, Hunger, Krankheiten und Angriffe von Ukrainern und Deutschen.
Im Jahre 1943 brachte der von den Nazis in Osteuropa angestachelte Völkerhaß zahllosen Polen den Tod. Ukrainische Banden töteten rund 40 000 von 300 000 Wolhynien-Polen, die zum Teil Juden aufgenommen hatten - und von 40 000 Wolhynien-Juden, die im Februar 1943 im Untergrund lebten, starben bis Jahresende S.254 37 000: Sie wurden erschossen oder verhungerten. "In zahlreichen Städten und Dörfern", stellte Gilbert fest, "kämpften Polen und Juden Seite an Seite gegen den gemeinsamen Feind."
Am 18. Januar 1943 hatten die jüdischen Untergrundorganisationen im Warschauer Getto zum Widerstand gegen künftige Deportationen aufgerufen. Trotzdem wurden in den nächsten vier Tagen wieder 6000 Menschen nach Treblinka verschleppt, doch 1000 weitere waren bei erbitterten Straßenkämpfen gefallen. Daraufhin setzte die SS Transporte vorerst aus.
Als jedoch die Deutschen am 19. April mit Panzern und Artillerie in das Getto einrückten, um neue Opfer in die Todeslager zu deportieren, wurden sie von den jüdischen Untergrundkämpfern todesmutig angegriffen.
Am 23. April begannen daher Verbände von Heer, Waffen-SS und Polizei, die SS-Brigadeführer (Generalmajor) Jürgen Stroop kommandierte, das Getto planmäßig niederzubrennen.
Am 16. Mai meldete Stroop seinem Himmler, "das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschau" bestehe nicht mehr. Im infernalischen Bürokratenjargon der Endlösung schrieb der SS-General: "Gesamtzahl der erfaßten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt 56 065."
Immerhin 15 000 Juden vermochten sich in den "arischen" Teil von Warschau zu retten. Etliche wurden entdeckt oder verraten; die meisten überlebten dank polnischer Hilfe den Krieg. Rund 1000 nahmen im August 1944 am nationalpolnischen Aufstand des Generals Bor-Komorowski in Warschau teil.
Zum nächsten großen Aufstand nach der Vernichtung des Warschauer Gettos kam es vom 16. bis 23. August 1943 im Getto von Bialystok, als 40 000 Menschen nach Treblinka deportiert werden sollten. Auch hier konnte die SS nur mit Hilfe von Panzern und Artillerie den Widerstand brechen.
Als Vergeltung schickten Europas Herrenmenschen 1260 jüdische Kinder aus Bialystok nach Auschwitz: Am Ankunftstag wurden sie alle vergast.
Noch am 18. Januar 1944 benutzten die Deutschen Panzer, um Juden zu jagen. Bei Buczacz, östlich von Auschwitz, kreisten sie 300 Juden ein, die seit sechs Monaten in die Wälder geflüchtet waren: Niemand entkam.
Erst dem Widerstand im großen Arbeitslager Ebensee, das zum KZ Mauthausen gehörte, war Anfang Mai 1945 voller Erfolg beschieden. Als sich die US Army näherte, sollten die 30 000 Gefangenen in einen mit Sprengstoff gefüllten Tunnel gehen. Sie rührten sich jedoch nicht von der Stelle.
Der Kommandant mußte sich davon überzeugen lassen, daß die Bewacher - schon mehr Volksdeutsche als SS-Männer - sich weigern würden, die Gefangenen in den Tunnel zu treiben oder mit Maschinengewehren niederzumetzeln: Alle Gefangenen blieben am Leben.
In Bulgarien überlebten die Juden nicht nur. Gilbert betont: "Bulgarien war das einzige Land unter ... deutscher Kontrolle, dessen jüdische Bevölkerung während der Kriegsjahre sogar anwuchs: von 48 565 ... auf 49 172."
Als die SS am 10. März 1943 die Deportation der bulgarischen Juden verlangte, lehnte das ganze Land, Königshaus, Kirche, Regierung und Volk, diese Forderung ab. Eine Woche später verwarf S.256 das bulgarische Parlament einstimmig das Ansinnen des deutschen Verbündeten. Das war ein singulärer Vorgang, erklärbar aus der relativen Eigenständigkeit Bulgariens, das auch am Krieg gegen die Sowjet-Union nicht teilnahm, und aus den schlimmen Erfahrungen, die das Land in seiner griechischen Besatzungszone in Thrakien und Makedonien gemacht hatte: Von dort hatten die Deutschen bereits Anfang März 12 000 Juden verschleppt, zum Teil über Internierungslager innerhalb Bulgariens.
Ähnlich wie die Bulgaren wehrten sich die Finnen gegen den Holocaust. Als 1942 elf jüdische Flüchtlinge ausgeliefert und von der Gestapo ermordet wurden, sperrte sich die finnische Regierung fortan jedem deutschen Ersuchen, die Juden Finnlands der SS zu überstellen: 2000 Menschen überlebten den Völkermord.
Auch die dänischen Juden wurden fast alle gerettet. Dänen und Juden erfuhren - von Deutschen, was Gilbert nicht mitteilt - den geheimen Deportationstermin des 1. Oktober 1943. Daraufhin organisierten sie für den Vorabend eine Massenflucht nach Schweden mit Hilfe dänischer Seeleute: Fast 8000 Menschen wurden über das Meer gerettet. 500 Zurückgebliebene kamen in das KZ Theresienstadt; 77 starben dort.
Ebenso bemühten sich die besiegten Belgier, ihren Juden zu helfen. Ungefähr die Hälfte aller belgischen Juden, mehr als 25 000, wurde in Privatwohnungen oder Waisenhäusern versteckt und gerettet. 25 631 belgische Juden jedoch wurden seit August 1942 deportiert, die meisten nach Auschwitz. Nur 1244 von ihnen blieben am Leben.
Ähnlich wie in Belgien wurden auch in Griechenland zahlreiche Juden gerettet. Fast 5000 flohen im März 1944 in die Berge, wurden von Bauern versteckt, 1300 kämpften bei den Partisanen, andere entkamen in die neutrale Türkei.
Als die Gestapo im Juni 1944 auf der ionischen Insel Zakynthos verlangte, alle Juden der Insel am Hafenkai zu sammeln, damit sie an Bord eines Deportationsschiffes aus Korfu gehen könnten, verweigerten Erzbischof Chrysostomos und Bürgermeister Lukos Karrer jegliche Mitwirkung. Im Gegenteil: Sie veranlaßten, daß 195 gesunde Juden in Gebirgsdörfern versteckt wurden. 60 alte Menschen und Kinder, von der Gestapo an die Pier geschleppt, überlebten, weil das überfüllte Schiff aus Korfu nicht mehr anlegte.
Erzbischof Chrysostomos wollte, so erklärte er, die Juden auf der Deportation begleiten und ihr Los teilen - und Erzbischof Damaskinos von Athen hatte schon im März 1944 ausdrücklich angeordnet, die Mönchs- und Nonnenklöster in Athen und Provinz hätten jeden Juden aufzunehmen, der um Schutz bäte.
Vom Bischof von Rom hat man dergleichen nie vernommen.
Rudolf Ringguth

DER SPIEGEL 46/1982
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