22.11.1982

KANZLERAMTNicht so genau

Helmut Kohl hat auch im Kanzleramt die Wende eingeführt. Seine Regierungsdevise, mehr Wärme, weniger Akten, verhilft den Beamten zu größerer Muße - und Frustration.
Eherne Termine im Bonner Allerheiligsten geraten ins Wanken. Die "kleine Lage", unter allen Regierungschefs das morgendliche Koordinierungsgespräch der Abteilungsleiter und Staatssekretäre im Kanzleramt, findet nur noch hin und wieder statt. Die Staatssekretärsrunde am Montagmorgen, ein Honoratioren-Zirkel aller Spitzenbeamter wurde um eine halbe Stunde verschoben.
Der Grund: Bundeskanzler Helmut Kohl frühstückt im vertrauten Kreis. Und das dauert.
Wie einst in der Fraktion, als Oppositionsführer Kohl bei Marmeladenbrötchen und weichgekochten Eiern mit seinen Gehilfen über die Lage der Nation plauschte, eröffnet Eduard Ackermann, bisher Fraktionspressesprecher und seit neuestem Abteilungsleiter für "Kommunikation und Dokumentation", gegen 9 Uhr das Palaver mit einem kurzen Presse-Überblick. Seit jeher läßt sich Kohl die Zeitungen lieber vorlesen.
Auch sonst ist fast alles geblieben wie früher im Bundestag. Mit von der Frühstückspartie sind Horst Teltschik, vormals Kohls außenpolitischer Berater, nun Ministerialdirektor fürs Auswärtige, und häufig dabei ist auch Philipp Jenninger, ehemals Fraktionsgeschäftsführer und jetzt als Staatsminister auch für Innerdeutsches zuständig. Wie gewohnt serviert des Kanzlers langjährige Mitarbeiterin Juliane Weber ihrem Chef den Kaffee. Sie schlägt ihm auch die Eier auf, weil der Kanzler sie so heiß nicht anfassen mag.
Mit seinem Staatssekretär Waldemar Schreckenberger, Schulfreund und ehemaliger Leiter der Mainzer Staatskanzlei, schweift Kohl schon mal in jene glücklichen Zeiten ab, als er noch die Geschicke des Landes Rheinland-Pfalz lenkte. Kein Wunder, daß Schreckenberger und Presseamtsstaatssekretär Diether Stolze trotz des ihnen zuliebe verschobenen Sitzungsbeginns oft zu spät und häufig unvorbereitet zur Montagsrunde ihrer Amtskollegen stoßen.
Der ausgedehnte Frühstücksplausch ist mehr als nur eine Marotte des neuen Herrn im Kanzleramt. Dahinter steckt symbolträchtige Methode. Der gemütliche Kaffeeklatsch ist Kohls Kontrastprogramm S.22 zum sozialdemokratischen Amtsvorgänger Helmut Schmidt. Dessen "nordische Kühle" will er aus den Fluren des Amtes verbannen. "Menschlichkeit und Wärme" (Kohl) sollen in die Regierungszentrale einziehen - auch wenn die Arbeit darunter leidet.
"Willkommen im Kreise der Workaholics", hatte Schmidt in scheinbarer Selbstironie seinen Amtschef Manfred Lahnstein 1980 begrüßt. Mit dem Machtwechsel mußten die arbeitssüchtigen Sozialdemokraten das Kanzleramt für eine Führungsmannschaft räumen, die sich in langen Oppositionsjahren den Spitznamen "Abteilung Essen und Trinken" ersessen hatte. Kohl über seinen Ackermann: "Dr. Carbonara".
Schmidt hatte eine funktionsfähige Machtzentrale geschaffen, die er als Kontroll- und Überministerium nutzte. Zu allen wichtigen Problemen forderte er Stellungnahmen, vertiefte sich ins Detail, hakte nach und war, zum Schrecken der Minister, oft besser informiert als der zuständige Ressortchef.
Unter Kohl soll alles anders werden. Schmidt habe, so sieht es der neue Amtschef Schreckenberger, "stark bürokratisch regiert, sehr viel über Weisungen und Geschäftsordnungen gemacht". Beim Kanzler Kohl stehe "mehr das persönliche Gespräch im Vordergrund".
Dieses Amtsverständnis teilt auch die neue zweite Garnitur im Amt, der zusätzlich installierte Staatsminister für Bundesratsangelegenheiten Friedrich Vogel und der Berlin-Beauftragte Peter Lorenz. Vogel glaubt nicht, daß er bei seinem Job vor allem "Akten lesen muß". Und Lorenz hat noch die Order des Kanzlers im Ohr, "sich keinesfalls in die Hände der Bürokratie zu geben". Er soll "lieber mehr Gespräche führen".
Zwar stapeln sich in Schreckenbergers Büro die Papiere, denn noch produzieren die Beamten aus Gewohnheit Vermerke ohne ausdrückliche Aufforderung. "Wenn wir auch nur mit zehn Prozent unserer gewöhnlichen Umdrehungszahl rotieren", so ein Beamter, reiche der Output an Akten doch aus, Staatssekretär Schreckenberger bis in die Nacht am Schreibtisch festzuhalten.
Von Akten frei ist dafür der Schreibtisch des Kanzlers. Um dem Regierungschef langes Lesen zu ersparen, steht bei den Kabinettsvorlagen das Votum jetzt vorn; Schmidt hatte sich erst über die Gründe für eine Entscheidung informieren wollen. Mit schwarzem Filzstift - und nicht mit grüner Kanzlertinte, die ihm nach den Regularien zusteht - macht Kohl in den Vorlagen Notizen. Seine Klage, ein Aktenvermerk sei zu detailliert geraten, ist inzwischen überholt; die Beamten begriffen: So genau will der Kanzler es gar nicht wissen.
Wirklichen Wert legt Kohl nur auf Kennerschaft bei Speisen und Getränken. Wütend war er, als beim Abendessen mit ehemaligen und amtierenden Ministerpräsidenten schlechter Wein S.23 ausgeschenkt wurde. Hamburgs Bürgermeister Klaus von Dohnanyi: "Der war auch miserabel." Kohl entschied: "Das kommt bei mir nicht mehr vor."
Aus wichtigen politischen Entscheidungen hält sich der Kanzler lieber heraus. Den Haushalt auszuarbeiten, überließ er seinem Finanzminister. Gerhard Stoltenberg mußte dann mit Arbeitsminister Norbert Blüm über die Kürzungen im sozialen Bereich verhandeln.
Kohl ("Ich bin ein gouvernementaler Typ") bittet seine Minister, vor der Kabinettssitzung Einvernehmlichkeit herzustellen. Wenn das nicht gelingt, "müßt ihr euch eben noch mal zusammenraufen". Harmonie ist Trumpf.
Anders auch als unter den Sozialliberalen sind die Kanzlerbeamten unter der konservativ-liberalen Regierung nicht mehr damit beschäftigt, mögliche Koalitionskonflikte im Vorweg zu verhindern. Ein solches Frühwarnsystem hat der CDU-Kanzler nicht nötig; denn, so ein Kohl-Vertrauter: "Das Erpressungspotential der Freidemokraten ist gleich Null."
Nur ein einziges Mal in den letzten Monaten der alten Koalition hatten Sozialdemokraten im Kabinett gegen das Votum der Freidemokraten entschieden; es ging um die Bilanzrichtlinien. Sonst war es ungeschriebenes Gesetz der Schmidt-Genscher-Koalition, den Regierungspartner nicht zu überstimmen.
In der neuen Regierung herrscht anderer Komment. In der vorletzten Woche verabschiedete das Kabinett gegen die Stimme von Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff eine neue Gebührenordnung für Ärzte. "In einem ähnlichen Fall", so ein Ministerialer aus dem Kanzleramt, "wären früher bei uns schon Wochen vorher die Telephondrähte heißgelaufen." Jetzt gilt die Nicht-Einigung noch nicht einmal als Streitfall.
Mit seinem Führungsstil macht der Schmidt-Nachfolger einen Großteil der 450 Mitarbeiter arbeitslos. Ausgiebig wie nie lesen sie Zeitungen, gehen in der Mittagspause am Rhein spazieren, trinken in der Kantine Kaffee. "Wir sind", so ein CDU-Beamter, der sich mehr von der Wende erhofft hatte, "hochgradig frustriert." Schreckenberger ehrlich: "Wir könnten gut mit weniger Leuten arbeiten."
Kohl fühlt sich davon nicht betroffen. Dem CSU-Abgeordneten Hans Klein vermittelte er den Eindruck, "als würde er jeden Morgen fröhlich pfeifend aufstehen, weil er sich so aufs Regieren freut". Auch Ex-Kanzler Willy Brandt, der ihn im Amt besuchte, wunderte sich, wie selbstverständlich und sicher der langjährige Kandidat in neuer Rolle und Umgebung auftritt.
Nur einmal schien der Kanzler irritiert, als im Gespräch mit geladenen Unternehmern das erhoffte Echo auf Kohls freudigen Optimismus ausblieb, mit dem er die wirtschaftspolitische Wende herbeizuhoffen sucht. Kohl zu den Wirtschaftsführern: "Sie sind mir viel zu ängstlich."
Mit dem schönen Gefühl der Harmonie klappt es freilich nicht immer auf Anhieb. Manchmal gehen Meinungsverschiedenheiten mit Subalternen voraus. So bekam Kohls Vertrauter Horst Teltschik zum Ärger des Auswärtigen Amtes den Ministerialdirektorenposten, der bisher mit Berufsdiplomaten besetzt war. Folge: Genschers Ressort erhält nicht mehr wie früher die Protokolle aller Begegnungen des Kanzlers mit ausländischen Besuchern. Schreckenberger: "Wir sind doch keine Dependance des Auswärtigen Amtes."
Auch der von einem christdemokratischen Beamten angeführte Personalrat des Amtes mußte hinnehmen, daß Kohl seine Sekretärin Juliane Weber, die ihm seit 18 Jahren dient, zur persönlichen Referentin mit Regierungsdirektoren-Gehalt beförderte.
Frau Weber, so der Einwand der Personalvertretung, fehle, wie einst dem Brandt-Referenten Günter Guillaume, die für diese Stelle nötige Schul- und Universitätsbildung. Doch wegen des, so Kohl, "einzigartigen" Vertrauensverhältnisses zwischen Kanzler und Sekretärin stimmte der Personalrat dem Aufstieg von Frau Weber zur Regierungsdirektorin schließlich zu.

DER SPIEGEL 47/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KANZLERAMT:
Nicht so genau

  • Eklat im Weißen Haus: Pelosi bricht Treffen mit Trump ab
  • Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei
  • Rennen in Australien: Solarfahrzeug brennt lichterloh
  • Walforschung per Drohne: "Wir sehen, wie diese Tiere ihre Beute manipulieren"