22.11.1982

ÖLINDUSTRIESauberer Schnitt

Die Ölgesellschaften können sich weiterhin auf Milliarden-Gewinne aus inländischer Förderung einrichten: Die Abgaben bleiben niedrig.
Der erste Fund eines Ölfeldes unter bundesdeutschen Küstengewässern schien ein rechter Glückstreffer für die beiden Entdecker zu sein.
Das Gebiet, in dem das Firmenkonsortium Deutsche Texaco und Wintershall 1978 auf Öl gestoßen war, liegt in der relativ friedlichen Ostsee, hat nur 25 Meter Wassertiefe und ist nicht weit vom Strand entfernt.
Nach den ersten Erfolgsmeldungen aber klärten die beiden Mineralölunternehmen die Öffentlichkeit beizeiten darüber auf, wie schlimm sie es eigentlich mit ihrer Lagerstätte "Schwedeneck-See" in der Eckernförder Bucht getroffen hatten. Die Erschließungs- und Förderkosten seien, so klagten sie, noch höher als für Öl aus der rauhen Nordsee. Nur wenn die schleswig-holsteinische Landesregierung sich bei der Förderabgabe zurückhalte, rentiere sich die Produktion im nassen "Schwedeneck".
Die in Kiel regierenden Christdemokraten hielten wie gewünscht maß. Ende vergangenen Monats räumten sie der Hamburger Tochter des US-Multis Texaco und der Kasseler Wintershall, einer Tochter des deutschen Chemie-Riesen BASF, für einen Zeitraum von zehn Jahren den Sondersatz von nur zehn Prozent Förderabgabe auf "Schwedeneck"-Öl ein. Für alles andere Öl und Gas aus inländischen Quellen gilt zur Zeit ein Abgabesatz von 32 Prozent.
Mit dem Sozial-Tarif für das angeblich so überaus kostspielige Ostsee-Projekt setzten die Kieler ein Signal, dem die Landesregierung in Hannover wohl noch in diesem Monat folgen wird: Auch für die Öl- und Gasquellen in Niedersachsen - wo über 90 Prozent der bundesdeutschen Vorräte liegen - sollen die Abgaben moderat bleiben.
Es geht um viel Geld. Nach offiziellen Angaben des Wirtschaftsverbandes Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) hatte das 1981 geförderte Öl und Gas einen Marktwert von sieben Milliarden Mark. Nach Abzug der Kosten und Förderabgaben blieb den Öl- und Gasproduzenten noch die Hälfte dieser gewaltigen Summe als sogenannter "Windfall-profit" - als Gewinn, der nicht durch unternehmerische Leistung, sondern durch die von der Opec nach oben getriebenen Energiepreise zustande kommt.
Für dieses Jahr erwartet der WEG trotz einer von 22 auf 32 Prozent erhöhten Abgabe auf den Wert von Öl und Gas einen Windfall-profit von 2,9 Milliarden Mark. Die Deutsche BP, die selbst kein Öl und Gas in Deutschland fördert, nimmt an, daß der Verband bei seiner Gewinnkalkulation noch eine halbe Milliarde Mark Überschuß durch zu hohe Kosten- und zu niedrige Wertansätze weggedrückt hat.
Von der lukrativen Trittbrettfahrt bei der Opec profitieren in Deutschland vor allem die Töchter der US-Konzerne Exxon, Mobil und Texaco sowie die holländisch-britische Shell. Die großen vier fördern 75 Prozent des deutschen Öls und Gases. Den Rest teilen sich deutsche Firmen wie Wintershall oder die hannoversche Preussag.
Trotz des Milliarden-Reibachs an den Bohrlöchern und trotz der eigenen leeren Kassen scheuten sich die zum Inkasso berechtigten Länderregierungen - voran der Ober-Niedersachse Ernst Albrecht und seine Wirtschaftsministerin Birgit Breuel - bislang, die Förderabgabe auf den im Bundesberggesetz erlaubten Höchstsatz von 40 Prozent anzuheben. Die Firmen warnten, sie müßten dann Felder schließen und würden nicht mehr nach neuen Quellen suchen.
Richtig daran ist, daß bei einer hohen Abgabe die Förderung in den kleinsten Feldern nicht mehr rentabel wäre und nicht jede Ölpfütze erschlossen würde. Ebenso richtig aber ist, daß die inländische Produktion insgesamt nur unerheblich vermindert würde.
Denn vor allem das deutsche Gas, das wirtschaftlich weit bedeutender ist als deutsches Erdöl, zischt zum größten Teil aus nur wenigen Feldern. Aus den zwei produktionsstärksten Vorkommen werden 55 Prozent des Gases gewonnen, aus den 57 kleinsten der 72 deutschen Gasblasen stammen nur 14 Prozent.
Die großen Felder würden selbst bei einer Förderabgabe weit jenseits der gegenwärtigen S.80 gesetzlichen Grenze von 40 Prozent noch einen stattlichen Gewinn abwerfen. Der nicht mit Windfall-profits gesegnete BP-Chef Hellmuth Buddenberg wirbt daher für eine neue gesetzliche Regelung der Förderabgabe.
Ginge es nach Buddenberg, würde die Förderabgabe für Öl und Gas generell auf 70 Prozent vom Marktwert festgesetzt. Nur bei den vielen kleinen Feldern, die eine solche Last nicht tragen könnten, würde die Abgabe so gesenkt, daß stets noch eine Rendite von fünf Prozent auf den Umsatz bleibt.
Damit wäre gesichert, daß keine Förderpumpe wegen zu hoher Steuern stillgelegt und jedes kommerziell verwertbare Vorkommen auch erschlossen wird. Und es wäre gesichert, daß die Hauptnutznießer der internationalen Preistreiberei bei Öl und Gas nicht die jetzigen Windfall-Profiteure Esso, Shell, Mobil Oil und Texaco, sondern die Bundesländer wären.
Unerfindlich ist, warum sich die Regenten der größten deutschen Ölprovinzen, die Christdemokraten in Niedersachsen und in Schleswig-Holstein, gegen so einnahmeträchtige Pläne sperren. Sie wollen zwar - wie im Fall "Schwedeneck-See" - niedrige Förderabgaben für besonders teure Projekte einführen, nicht aber zugleich den Förderzins für die ertragsstärksten Felder merklich höher schrauben.
Wie weit die Regierungen nach unten beweglich sind, zeigt der Fall "Schwedeneck". Noch vor gut einem Jahr hatte Wintershall-Chef Heinz Wüstefeld gewarnt, er werde das Öl im Meeresgrund lassen, wenn der Förderzins ruckartig von 22 auf 40 Prozent steige. Eine "behutsame" Erhöhung sei jedoch bei dem absehbaren Investitionsaufwand von 200 Millionen Mark zu verkraften.
Im vergangenen Sommer hieß es dann, die Investitionen würden um 170 Millionen Mark teurer sein als zunächst geplant. Nur nach einem ordentlichen Förderzinsabschlag könne das "Schwedeneck"-Feld erschlossen werden.
Texaco und Wintershall gingen dabei von Ölreserven in Höhe von 2,5 Millionen Tonnen aus. Das Niedersächsische Landesamt für Bodenforschung dagegen setzte in einem behördeninternen Bericht die wahrscheinlichen Vorräte mit 3,4 Millionen Tonnen an.
Diese Reserven haben zur Zeit einen Marktwert von knapp zwei Milliarden Mark. Selbst unter der Annahme, daß der Wert nicht steigt und der Schatz nur mit höheren Betriebskosten als in der Nordsee zu heben ist, machen die Förderfirmen bei der Zehn-Prozent-Abgabe einen sauberen Schnitt.
Neben dem Investitionsaufwand von 370 Millionen Mark werden nach der Kalkulation der Firmen laufende Förderkosten von insgesamt etwa 500 Millionen Mark anfallen. Die Förderabgabe wird knapp 200 Millionen Mark betragen - bleiben Windfall-profits von über 900 Millionen Mark.
"Jede nicht geförderte Tonne ist eine Tonne zuwenig", sagte kürzlich Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Jürgen Westphal, "und die Fördergesellschaften müssen daher ermuntert werden weiterzumachen."
Die Ölgesellschaften wissen, daß auf Westphal und Birgit Breuel Verlaß ist.

DER SPIEGEL 47/1982
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