22.11.1982

„Da geriet ich in Panik“

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im „Apollonia“-Prozeß in Bremen
Paul Termann, heute 43, hat am frühen Abend des 13. Dezember 1981 an Bord der Jacht "Apollonia", die sich mit Kurs Karibik auf hoher See befand, zwei Menschen erschossen und einen dritten schwer verletzt. Die Verletzung des dritten ist inzwischen ausgeheilt, und die Schwurgerichtskammer I des Landgerichts Bremen hört ihn in der Hauptverhandlung gegen Paul Termann und eine mit ihm angeklagte Frau als Zeugen.
Was wird Paul Termann ihn fragen. Der Zeuge hat die Verletzung, die Paul Termann ihm zufügte, nur mit Glück überlebt. Dem Zeugen ist seine Aussage nicht leichtgefallen. Niemand macht ihm einen Vorwurf. Nur - er hat überlebt.
Man hofft, daß Paul Termann dem Zeugen keine Fragen stellen wird. Man wünscht sich, daß Paul Termann etwas sagt; daß er ein Wort für den Zeugen findet. Doch Paul Termann möchte von dem Zeugen wissen (die Frage nach den seemännischen Kenntnissen und Fertigkeiten der sechsköpfigen Apollonia-Besatzung ist am Rand von Bedeutung), welche Scheine er hat: ob er über ein "Schifferpatent" verfügt, über den A-Schein, über den Sportbootführerschein.
An dieser Stelle unterbricht der Vorsitzende Richter Karlgeorg Bohlmann, 57, den Angeklagten. Er tut das ruhig und sachlich. Er macht Paul Termann darauf aufmerksam, daß für das Gericht in diesem Augenblick der Kern und nicht eine Frage am Rande wichtig ist - daß Paul Termann also Fragen stellen soll, die sich auf die Widersprüche zwischen seiner Einlassung und der Aussage des Zeugen beziehen.
Paul Termann verzichtet auf seine Frage nach den Papierbelegen für die Seemannschaft des Zeugen. Er hebt noch einmal ein, zwei Punkte hervor, die ihm besonders wichtig sind und an denen er, trotz der Aussage des Zeugen, festhält. Er bleibt bei dem, was er bisher gesagt hat.
Nein, Paul Termann hat kein Wort für diesen Zeugen suchen, finden können. Und es wäre sogar ein Bruch in dem Bild von ihm entstanden, das man sich hat machen müssen, wenn es ihm gelungen wäre, einfach zu schweigen. Er ist ein starrer, enger, unbeweglicher Mensch. Er spürt fast nur das, was ihm widerfährt, und so wird ihm ständig etwas angetan. Er ist einer von denen, die sich um eine Säule herumtasten und jammern, man habe sie eingemauert. Er hat, so sagt er in Bremen, sein ganzes Leben lang anderen geholfen. Er sagt das ohne Zögern, er spürt nicht, was für ein Satz das ist.
Paul Termann ist in der Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen. Zu Hause sei alles "bestens" gewesen, geordnet. Nach neun Jahren Schule beginnt er eine Lehre als Elektroinstallateur, die er mit der Gesellenprüfung abschließt. 1957 flüchtet er in die Bundesrepublik Deutschland, er hofft auf größere Berufschancen. Er kommt bei seiner Großmutter unter und arbeitet in seinem Beruf, doch zu dem Durchbruch zum Lebenserfolg, den er sich erhofft hat, kommt es nicht.
1960 wird Paul Termann zur Bundeswehr eingezogen, er verpflichtet sich auf fünf Jahre. Zuletzt ist er Transport-Hubschrauberpilot mit dem Dienstgrad eines Stabsunteroffiziers. Seine Zeit bei der Bundeswehr ist ein entscheidender Abschnitt seines Lebens. Die Dienstabläufe und die Ausbildung ordnen ihn ein. Seine Starrheit wird produktiv gemacht, soweit das nur möglich ist.
Die Bundeswehr-Personalakte Paul Termann bietet auf den ersten Blick ein glattes Bild. Aber dann fallen doch im Lauf der Dienstjahre Einzelheiten auf, die ein anderes Bild andeuten. "Gelassen, aber etwas undurchsichtig", heißt es beispielsweise. "Ihm fehlt die innere Haltung, biedert sich gerne an. Ist größeren Belastungen nur bedingt gewachsen."
Paul Termanns letzte Beurteilung vor seinem Ausscheiden 1965 ist die offensichtlich gründlichste. "Er ist in Haltung und Leistung Stimmungen unterworfen", "im Auftreten nicht frei von Pose" - er wird zusammenfassend mit "ausreichend" beurteilt, wozu nicht wenig beizutragen scheint, daß "Belastbarkeitsgrenzen" erkennbar sind.
Paul Termann hat seine Zeit bei der Bundeswehr ohne Tadel bestanden, doch seine Starrheit und Unbeweglichkeit sind bemerkt worden. Man hat erkannt, daß er nur in einem engen Rahmen mit Schwierigkeiten fertig wird; daß man ihn nur soweit einsetzen kann, als die Abläufe ihn tragen - als ihm die militärische Ordnung befehlen kann, S.118 sich nicht ständig mit dem zu befassen, was ihm widerfährt.
Paul Termann will nach der Zeit bei der Bundeswehr in Südafrika als Pilot arbeiten. Er geht also nach Südafrika und sofort widerfährt ihm etwas, wird ihm etwas angetan: Er kann dort nicht fliegen, seine Scheine aus der Bundesrepublik gelten in Südafrika nicht. Das hätte sich vorher feststellen lassen, doch Paul Termann tappt in diese Situation hinein.
Der in der Fremde gescheiterte Hubschrauberpilot landet schließlich 1971 - bei der Bundesbahn. Er bringt es bis zum Lokführer im Ferndienst und fährt zuletzt bei der Hamburger S-Bahn. Daß Paul Termann das als Absturz empfindet, ist einfühlbar.
1980 kündigt Paul Termann bei der Bundesbahn. Ihm ist widerfahren, daß er sich bei seiner Tätigkeit einen Muskelschaden zugezogen hat. Während der letzten Jahre bei der Bundesbahn ist das Segeln immer wichtiger für ihn geworden. Schon 1977 hat er von einem Kapitän Lohse und seinem Schiff "Orion" gelesen und vereinbart, daß er an der nächsten Weltumsegelung des Kapitäns 1980 teilnehmen wird.
1964, noch bei der Bundeswehr, hat Paul Termann geheiratet. Seine Frau ist nicht damit einverstanden, daß er nach Südafrika geht, man läßt sich scheiden. Als er zurückkehrt, findet man erneut Gefallen aneinander, heiratet ein zweites Mal, um sich dann doch wieder scheiden zu lassen. Der Mann, der immer nur anderen hilft und dem ungerechterweise dennoch ständig Unbill widerfährt - widerfährt den Frauen. Er hat eine sehr viel ältere Freundin, er hat aber auch eine jüngere Freundin, die Dorothea Permin heißt. Für Dorothea Permin, heute 37, ist Paul Termann der "Traummann" gewesen. Sie ist klein, zierlich, unscheinbar und als Angeklagte die Not und das Elend in Person.
Paul Termann ist etwa 1,90 groß, schwarzhaarig, trägt einen Vollbart, entspricht bis zur Groteske einer zum blinden Gehorsam bereiten Vorstellung vom Mann. Dorothea Permin sagt am 13. Dezember 1981, als auf der Apollonia die Katastrophe hereinbricht: "Was Paul tut, ist richtig." In ihr gibt es nicht den geringsten Widerstand gegen Paul Termann.
Dorothea Permin ist selbstverständlich bereit, mit Paul Termann in See zu stechen, ihr ist jede Zukunft mit diesem Mann die einzige Zukunft, die sie sich vorstellen kann. Auch sie gibt ihre Stellung auf. Jeder zahlt 7500 Mark an den Kapitän Lohse. Wäre Paul Termann nicht Paul Termann, er hätte noch eine Chance. Denn die Lehre, die er durch seine Zeit auf der Orion erhält, ist eine harte Lehre. Sie beginnt damit, daß sich die Abreise immer wieder hinauszögert, weil Kapitän Lohse seine Eigentumswohnung nicht los wird.
Als man am 29. Juli 1981 endlich in See sticht, befinden sich Paul Termann und Dorothea Permin seit dem Dezember 1980 auf der Orion, denn sie haben ja alle Brücken hinter sich abgebrochen. Das Verhältnis zu dem Kapitän ist getrübt, denn der behauptet, er sei zur Abreise vor dem Verkauf seiner Wohnung genötigt worden. Es kommt aber auch zu Spannungen mit den anderen Besatzungsmitgliedern.
Am 24. August 1981 legt die Orion in Pasito Blanco, einem Jachthafen an der Playa Puerto Rico auf Gran Canaria, an. Kapitän Lohse fliegt in die Bundesrepublik. Als er im Oktober zurückkommt, jagt er Paul Termann von Bord, ohne ihm und Dorothea Permin das eingezahlte Geld zurückzugeben. Kapitän Lohse konnte in Bremen nicht gehört werden.
Paul Termann klagt wenigstens einen kleinen Teil des Geldes auf Gran Canaria heraus - und sucht ein neues Schiff. Er lernt Herbert Klein kennen, einen Speditionskaufmann aus Krefeld, der seine Stellung gekündigt und die berühmte "Wappen von Bremen", eine 1967 gebaute, ausrangierte Hochseejacht der Segelkameradschaft "Das Wappen von Bremen", gekauft hat. 180 000 Mark hat er gezahlt, Apollonia heißt das Schiff nun, für 100 000 Mark ist die Jacht überholt und umgebaut worden. Herbert Klein ist mit seiner Freundin Gabriele Humpert, 25, auf dem Weg in die Karibik. Dort will er ein Chartergeschäft aufziehen. Leider nur - hat er in Pasito Blanco seine ganze Mannschaft verloren.
Seine Freundin und er sind am 13. Dezember 1981 von Paul Termann erschossen worden. Das Gericht in Bremen S.120 hört Birgitt Klein, die Ehefrau, als Zeugin. Sie und Herbert Klein haben 1969 geheiratet, sich aber 1976 getrennt. Man hat weiter vieles gemeinsam unternommen, so ist man auch miteinander gereist, Herbert Klein mit Gabriele Humpert, Birgitt Klein mit ihrem Freund.
Herbert Klein ruft von jedem Hafen aus bei seiner Frau an. Sie sagt als Zeugin, ihr Mann sei lebensfroh und aufgeschlossen gewesen, tolerant. Sie sagt aber auch, ihr Mann habe sie am 20. Oktober 1981, zwei Tage bevor er in Gran Canaria auslaufen wollte, angerufen und mitgeteilt, er habe sich von seiner Crew getrennt, er sei total mit den Nerven fertig. Als sie am nächsten Tag ihrerseits anrief, erfuhr sie, die Mitsegler seien unachtsam mit dem Schiff gewesen.
Das Gericht in Bremen hört die Besatzung der Apollonia, die von Bord ging. Vor der Polizei haben die Zeugen Herbert Klein sehr kritisch geschildert, doch damals wußten sie noch nicht, daß er von Paul Termann erschossen worden ist. Damals ist beispielsweise gesagt worden, Klein habe Kritik nicht vertragen und sofort aggressiv reagiert. Jetzt ist Klein angenehm gewesen.
Die Zeugin Katharina Löhten, 58, gehörte bis Gran Canaria auch zur Crew der Apollonia. Sie hat Herbert Klein als Segellehrerin kennengelernt. Sie ist nicht von Bord geschickt worden, sie ist von sich aus ausgestiegen, auch wegen terminlicher Schwierigkeiten. Sie sei allerdings mit dem Angebot abgereist, wieder teilzunehmen, wenn sie die neuen Mitsegler aussuchen dürfe. Der Entschluß Herbert Kleins, sich von seiner Mannschaft zu trennen, sei wohl eine Kurzschlußreaktion gewesen.
Herbert Klein muß Anfang November 1981 in die Bundesrepublik fliegen und sich Geld beschaffen. Auf der Apollonia ist eingebrochen worden, nicht nur Bargeld, auch wichtige Ausrüstungsgegenstände wurden gestohlen. Doch schon vorher hat sich Herbert Klein mit Paul Termann verständigt, daß dieser mit seiner Freundin für die Überfahrt in die Karibik an Bord kommen wird.
Herbert Klein sagt zu, daß er nach gelungener Überfahrt ein Papier für Paul Termann ausstellen wird, daß seine Leistung an Bord der Apollonia bestätigt und anerkennnt. Für Paul Termann ist das wichtig. Er wird sich ja zunächst einmal verdingen müssen, er braucht eine Empfehlung. Wie wenig Scheine, die man in der Bundesrepublik gemacht hat, bedeuten, weiß er seit Südafrika.
Während seines Aufenthaltes in der Bundesrepublik heuert Herbert Klein zwei junge Leute an. Der eine Michael Wunsch, heute 27, hat gerade seinen Betriebswirt gemacht und will vor dem Beruf noch einmal richtig ausspannen. Der andere, der wie er aus Konstanz kommt, Dieter Giesen, heute 30, ist Gastwirt und will auch einmal in die Welt hinaus. Die Crew, die nun zusammenkommt, ist eine hochexplosive Mischung.
Herbert Klein ist der Eigner, doch als Kapitän ist er auf sachkundigen Rat angewiesen. Mit seiner Freundin Gabriele Humpert will er in der Karibik ein Chartergeschäft aufziehen, doch zumindest unbewußt muß er mit jedem Tag deutlicher gespürt haben, daß er nur dem Zusammenbruch einer Illusion näher kommt.
Das Chartergeschäft ist gerade in der Karibik beinhart. Man muß Ellenbogen haben, um sich durchzusetzen. Die Apollonia war gründlich überholt worden, aber die jüngste nicht. Ob sie der Beanspruchung in der Karibik gewachsen sein würde, war fraglich. Auch kann Herbert Klein nicht verborgen geblieben sein, wieviel man vom Segeln verstehen muß, um das durchzuführen, was er sich vorgenommen hatte, zu schweigen davon, daß er, des Einbruchs wegen, die letzten finanziellen Ressourcen hatte ausschöpfen müssen.
Paul Termann will sich in der Karibik Arbeit suchen, hofft darauf, einmal ein Schiff kaufen oder eine Segelschule aufmachen zu können. Doch im Jachthafen Pasito Blanco hat er gesehen, wie viele da herumhängen, von einem Schiff geflogen und verzweifelt auf der Suche nach einem Platz auf dem nächsten.
Mit den beiden jungen Männern kommen schließlich zwei Menschen in die Crew, die ausspannen, Urlaub machen wollen, die kein Gespür dafür haben, daß sich etwas aufstaut. Sie sehen alles nicht so verkrampft, weil sie in ihrer frohen Stimmung nichts sehen wollen. In drei Wochen ist ja doch alles vorüber, hat sich Dieter Giesen immer wieder gesagt. Die Konflikte waren "geradezu vorprogrammiert", der Oberstaatsanwalt Dr. Hans Janknecht, 45, beschreibt die "ituation in seiner strengen, aber fairen Anklageschrift genau: " " Keiner der sechs Mitsegler verfügte über hinreichende " " Hochsee-Segelerfahrungen. Sie waren weder mit den speziellen " " Gefahren des Segelns auf hoher See, noch mit der " " Streßsituation vertraut, die sich erfahrungsgemäß bei " " längerem Zusammenleben auf engstem Raum einstellt. Die Crew " " bestand aus drei Gruppen zu je zwei Personen, die sich bis " " wenige Tage vor der Abreise noch gar nicht kannten. "
Es gibt literarische Belege dafür in Fülle, welche von Land aus unbegreiflichen, ungeheuerlichen Dinge auf hoher See geschehen können, auch in der Berufsschiffahrt. Nicht grundlos ist beispielsweise die Disziplin auf Kriegsschiffen bis in die jüngste Vergangenheit hinein brutal organisiert und durchgesetzt worden.
Die Apollonia läuft in ein zwischenmenschliches Endspiel hinein. Die Spannungen steigen von Tag zu Tag, und jeder trägt unwillentlich und unwissentlich zu ihnen bei, auch die beiden jungen Leute, die alles nicht wahrhaben wollen, die hartnäckig bemüht sind, alles nicht so verbissen zu sehen.
Paul Termann versteht einiges vom Segeln, aber er ist in der Theorie weitaus stärker als in der Praxis. Und so klammert er sich erbittert an die Theorie. Unausgesetzt hat er Anlaß zu Beanstandungen. Man bedeutet ihm, daß man schließlich nicht auf einem Schulschiff sei, doch er beanstandet weiter, so eng, so unbeweglich und so starr, wie er ist, was ihm mißfällt, was er für ein Risiko hält.
Man ist in See gegangen, ohne ein einziges "Mann über Bord"-Manöver gefahren zu sein. Es hat keine Unterrichtung in Sachen Sicherheit gegeben. Wo die Signalpistole zu finden, wie die Rettungsinsel zu handhaben war und wer welche Rolle im Krisenfall zu übernehmen hatte, blieb dem Krisenfall überlassen. Michael Wunsch, Spitzname "Mozart", antwortet in Bremen auf die Frage, ob er eine Sicherheitseinweisung erhalten habe, als er an Bord kam, mit "nein". Und er fügt hinzu, daß er so etwas auch als lächerlich empfunden haben würde. Paul Termann hat das verantwortungslos genannt. Doch er war außerstande, seine nicht immer kleinkarierte Kritik so vorzubringen, daß die anderen auf sie eingehen konnten.
Die Apollonia besteht einen Sturm, doch das eint die Crew nicht, im Gegenteil. Anschließend wird vom Schiff aus gebadet. Herbert Klein hängt eine Badeleiter heraus und befestigt einen 20 bis 30 S.122 Meter langen Tampen am Schiff, man springt ins Wasser und läßt sich vom Schiff mitziehen. Paul Termann mißbilligt das - in seiner Art - auf das Verletzendste. Er wird aufgefordert von Herbert Klein, doch mitzumachen. Er solle kein "Feigling" sein. Im Sinne von "sei kein Frosch", sei das gemeint gewesen, fügt Michael Wunsch hinzu. Doch das Wort Feigling fällt noch einmal, am 13. Dezember 1981.
Der Tag beginnt mit einem lauten Streit zwischen den Paaren. Herbert Klein sieht den Gipfel darin erreicht, daß Paul Termann und Dorothea Permin allein frühstücken. Das solle dann gefälligst auch in Zukunft so sein. Mittags geht Paul Termann nach seiner Wache unter Deck. Er ruft Herbert Klein herunter. Der kommt wenig später kreidebleich wieder hoch. Paul Termann habe ihn mit vorgehaltener Waffe gezwungen, vier Blankounterschriften zu geben und erklärt, er übernehme nun das Kommando.
Paul Termann sagt, er habe Herbert Klein gebeten, ihm schon jetzt sein Zeugnis auszustellen. Das Papier war für ihn mit jedem Tag wichtiger und die Wahrscheinlichkeit, daß er es mit dem Text, den er brauchte, bekommen würde, immer geringer geworden. Paul Termann: "Da geriet ich in Panik." Auf Deck beginnt eine Diskussion wie in der Hölle. Die Aussagen von Michael Wunsch und Dieter Giesen prägt noch heute das Entsetzen. Paul Termann legt einen zweiten Revolver, der an Bord ist, auf das Vorschiff. Herbert Klein und Gabriele Humpert sollen sich selbst erschießen.
Sie kommen nach einer Weile zurück, sie können das nicht. Paul Termann, so Michael Wunsch: "Na, ihr seid wohl zu feige?" Herbert Klein: "Ja, ich bin ein Feigling." Ist das die Wende? Zunächst sagt Paul Termann noch, es blieben jetzt nur noch zehn Minuten. Doch dann befiehlt er ein Segelmanöver, nimmt das Besteck, läßt Rühreier machen, man ißt miteinander, Paul Termann geht unter Deck und setzt sich an den Kartentisch, um den Kurs zu berechnen. Die Frauen sind mit dem Geschirr beschäftigt, Dorothea Permin auf Deck, Gabriele Humpert unten neben Paul Termann.
Während des Segelmanövers haben Herbert Klein, Michael Wunsch und Dieter Giesen tuscheln können. Herbert Klein meint, man müsse Paul Termann gewaltsam unschädlich machen, sonst bringe er alle um. Michael Wunsch teilt seine Meinung. Er deutet das Segelmanöver, das Paul Termann angeordnet hat, so, daß es das Segelbergen erleichtern soll, wenn sie getötet worden sind. Ein Sachverständiger sagt in Bremen, das Manöver müsse nicht so gedeutet werden. Dieter Giesen ist gegen Gewalt, weil Paul Termann dann ja nur schießen könne.
Nach einer kurzen Blickverständigung greift Herbert Klein nach einem Pumpenschwengel und schlägt drei- oder viermal auf den Kopf des unten am Kartentisch arbeitenden Paul Termann ein. Der schießt, während ihm das Blut über das Gesicht strömt, dorthin, wo er den Mann vermutet, der ihn angegriffen hat. Doch er trifft Michael Wunsch, der schwer verletzt zusammenbricht. Mit dem zweiten Schuß streckt er Gabriele Humpert nieder, die dicht bei ihm steht. Er sagt, sie habe ihn angegriffen. Dann taumelt er den Niedergang hoch, wäscht sich das Gesicht ab, brüllt, wo Herbert Klein sei.
Der ist mit dem letzten Schlag auf den Kopf Paul Termanns zum Bug gerannt. Dorothea Permin soll mit der Taschenlampe geleuchtet und gerufen haben: "Da ist er." Paul Termann, so wird ausgesagt: "Komm mal her, Herbert, und guck mal, was mit deiner Freundin Gabi passiert ist." Als Herbert Klein völlig verstört von vorn kommt: "Ist das das Versprechen, das du mir geben wolltest?" - und dann schießt er auf zwei Meter ein drittes Mal. Herbert Klein faßt sich an die Brust und stürzt hintenüber ins Wasser.
Aber da stehen nun schon die Einlassung Paul Termanns und die Aussagen von Michael Wunsch und Dieter Giesen gegeneinander. Michael Wunsch ist schwer verletzt, Dieter Giesen kauert in einem schweren Schock weinend an Deck. Hier ist der Punkt erreicht, von dem an bis zum Urteil nichts mehr zu sagen ist, denn auch der Versuch, den Tathergang an Bord einer ähnlichen, doch nicht identischen Jacht in Bremen zu rekonstruieren, brachte keine zwingenden Erkenntnisse. Die Apollonia liegt noch immer in Bridgetown. Photos, die man drüben gemacht hat, sind nur ein Anhalt.
Michael Wunsch und Dieter Giesen decken die Darstellung von Paul Termann ab, die dieser nach der Landung in Bridgetown auf Barbados gibt. Danach ist Gabriele Humpert in einem Sturm über Bord gegangen. Danach hat Herbert Klein über diesem Unglück den Verstand verloren und ein paar Tage später eine Schießerei ausgelöst, während der er zu Tode kommt und Michael Wunsch verletzt wird. Die Polizei in Barbados kann das nicht widerlegen. Sie schiebt Paul Termann, Dorothea Permin und Dieter Giesen am 23. Dezember 1981 in die Bundesrepublik ab. Am 17. Januar 1982 kann Michael Wunsch folgen. Dieter Giesen und er eröffnen sich einem Anwalt, sie stellen sich der Staatsanwaltschaft.
Paul Termann hat noch versucht, von Birgitt Klein 25 000 Mark zu bekommen. Er legt einen Schuldschein über 25 000 Mark vor, für den er eine der Blankounterschriften benutzt hat. Doch das muß nicht beweisen, daß es ihm nur darum ging, sich des Schiffes zu bemächtigen, als er schoß. Wenn er das gewollt hätte, wären auch Michael Wunsch und Dieter Giesen umgekommen. Es wäre fast ein Trost, könnte man sich ein materielles Motiv für seine Tat vorstellen, man stünde dann nicht vor der Frage, wie das alles zu verstehen, zu deuten und zu bewerten ist.
Wie in einer Falle befand sich Paul Termann, so wie er beschaffen ist, an Bord der Apollonia: in der Falle einer Situation, die er nicht verkraften konnte. Oder gab es eine Möglichkeit für ihn, zu bewältigen, aufzulösen oder wenigstens zu unterdrücken, was sich angestaut hatte? Hatte er noch einen Spielraum, konnte er sich noch entscheiden, oder explodierte er, tatsächlich ohnmächtig gegenüber Aggressionen, die ihn ausweglos überwältigt hatten?
Das Urteil, das zu fällen ist, wird, wie auch immer es lautet, jenseits einer Grenze verkündet werden müssen, von der an man nur um Erbarmen mit dem bitten kann, was man zu erkennen meint.
S.120
Keiner der sechs Mitsegler verfügte über hinreichende
Hochsee-Segelerfahrungen. Sie waren weder mit den speziellen
Gefahren des Segelns auf hoher See, noch mit der Streßsituation
vertraut, die sich erfahrungsgemäß bei längerem Zusammenleben auf
engstem Raum einstellt. Die Crew bestand aus drei Gruppen zu je zwei
Personen, die sich bis wenige Tage vor der Abreise noch gar nicht
kannten.
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S.115 An Bord der "Apollonia" in Bridgetown, Barbados. *

DER SPIEGEL 47/1982
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