22.11.1982

ARZNEIMITTELKlima des Konsums

Ciba-Geigy nimmt den Welt-Bestseller Mexaform vom Markt - zu spät und auch jetzt nur zögernd.
Überwiegend seien es "medizinische Gründe", erklärte ein Firmensprecher, die den Schweizer Arzneimittelhersteller Ciba-Geigy dazu brächten, sich von einem Bestseller zu trennen. Es gebe jetzt "neue Tendenzen" in der Behandlung von Durchfall.
Nicht sofort, sondern "allmählich", spätestens innerhalb der nächsten fünf Jahre, will die Firma ihre Produkte Mexaform und Entero-Vioform weltweit vom Markt nehmen - eine Medikamentengruppe, mit der Milliardengewinne, aber auch einer der größten Arzneimittelskandale verbunden sind.
Der Wirkstoff, um den es geht, ist so alt wie das Jahrhundert: Seit 82 Jahren verkauft Ciba ihn als Wundpuder ("Vioform"), seit 1934 als Leib- und Magenmittel für alle, die sich vor Reise-Diarrhö fürchten oder an verdorbenem Magen, Bauchweh oder Durchfall leiden.
Umstritten ist seit langem und bis heute, ob Mexaform und seine Verwandten tatsächlich bewirken, was sie sollen. Nach jahrelangem Hin und Her will die Weltgesundheitsorganisation WHO demnächst ein vernichtendes Urteil sprechen: Präparate mit dem Wirkstoff Clioquinol seien bei Durchfall nicht wirksamer als ein Scheinpräparat (Placebo).
Unumstritten aber ist spätestens seit 1970, daß die angebliche Durchfallbremse keineswegs so harmlos ist, wie die Schweizer Hersteller jahrzehntelang behaupteten. Bei "mehr als 10 000 Menschen", kommentierte letzte Woche das West-Berliner "Arznei-Telegramm", habe die Behandlung mit Durchfallmitteln dieser Stoffklasse "die Gesundheit auf das schwerste geschädigt".
"47 Jahre zu spät", so das pharmakritische Info-Blatt für Ärzte, entschließe sich Ciba-Geigy zur Rücknahme der Mittel: Bereits 1935 seien erste Hinweise auf die Schädlichkeit von Entero-Vioform für den Menschen veröffentlicht worden. Schlagzeilen in der ganzen Welt machten die Nebenwirkungen von Mexaform, als in den siebziger Jahren millionenschwere Schadenersatzprozesse vor japanischen Gerichten ausgefochten wurden. 11 000 Patienten wurden vom japanischen Gesundheitsministerium als Nebenwirkungsopfer anerkannt. In rund 1000 Fällen (Selbstmorde eingeschlossen) endete die durch das Medikament ausgelöste Krankheit tödlich.
Epidemieartig hatte die - anfangs rätselhafte - Nebenwirkungswelle in den sechziger Jahren vor allem Japans Großstädte erfaßt. Hospitalstationen waren mit Opfern der sogenannten Smon-Krankheit gefüllt (abgekürzt für: Subakute Myelo-Optico Neuropathie). Der Name umschrieb ein Nervenleiden, das - beginnend mit Darmbeschwerden und Durchfall - zu Empfindungsstörungen und Lähmungserscheinungen in den Beinen sowie zu Schädigungen des Sehnervs bis hin zur Erblindung führt.
300 Millionen Schweizer Franken Schadenersatz mußte Ciba-Geigy, so das Ergebnis eines Vergleichs, an betroffene japanische Patienten oder deren Angehörige zahlen. 1970 wurde in Japan, später auch in Schweden, der Verkauf S.257 später auch in Schweden, der Verkauf der Durchfallpräparate verboten. Doch die Schweizer Firma blieb dabei: Smon sei ein überwiegend japanisches Phänomen, bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sei Mexaform unschädlich.
Richtig daran war nur, daß die Japaner das Mittel besonders gern und viel geschluckt hatten. Störungen im Magen- und Darmtrakt haben traditionsgemäß für Japaner einen hohen Stellenwert, weil in diesem Körperbereich ("Hara") der Sitz von Seele und Kraft vermutet wird. Schon geringfügiges Bauchgrimmen beunruhigt Japaner und treibt sie womöglich zum Arzt. Da aber dessen Honorar - weitere japanische Besonderheit - sich direkt nach der Menge der von ihm verschriebenen und abgegebenen Medikamente richtet, wurde Mexaform in Japan zum Superrenner.
Dazu kam, daß Patienten mit beginnenden Anzeichen von Smon-Krankheit (die man für ansteckenden Durchfall hielt) sofort in eigenen Abteilungen untergebracht und erst recht mit hohen Mexaform-Dosen behandelt wurden.
Erst sieben Jahre nach dem Verkaufsverbot in Japan und erst nachdem auch in der Bundesrepublik etliche Smon-Fälle bekannt geworden waren, wurde Mexaform wenigstens unter Rezeptpflicht gestellt.
Auch weiterhin verteidigte Ciba sein Terrain. Noch letzte Woche blieb der Mexaform-Hersteller dabei, es gebe mit dem Mittel in der Bundesrepublik, "da es hier unter Rezeptpflicht steht, keine Probleme". Für Deutschland sei deshalb auch noch keine bestimmte Frist bis zur Rücknahme festgesetzt.
Schon in dem Tokioter Prozeß hatten sich die Schweizer Pharma-Produzenten vorhalten lassen müssen, sie hätten für ihre medizinischen Produkte "ein Klima des Massenkonsums geschaffen, so als ob es sich um ein gewöhnliches Verbrauchsgut handelt".
Den Vorwurf, die Firma wolle sich auch jetzt nur zögernd von ihrem - der Gefahr von Nebenwirkungen längst überführten - Durchfallmittel trennen, erhob letzte Woche der schwedische Kinderneurologe Olle Hansson, der maßgeblich an der Aufdeckung des Pharma-Skandals um Mexaform mitgewirkt hatte. Trotz ihres generellen Entschlusses zur Rücknahme vom Markt, so Hansson, wolle Ciba-Geigy das Mittel in Ländern der Dritten Welt offenbar noch für einige Jahre "abverkaufen".
Auf Anfrage bestätigte Ciba-Geigy: Viele Länder in der Dritten Welt seien vorläufig noch auf Mexaform "angewiesen", weil es noch "keinen direkten Ersatz" gebe.
Mediziner, auch bei der WHO, sehen das anders: Wichtig bei Durchfall, der zumeist von selber wieder verschwinde, sei es vor allem, den Flüssigkeits- und Salzverlust des Körpers auszugleichen. Geeignete Mittel stehen zur Verfügung: oral einzunehmende Lösungen von Salz und Zucker in Wasser.

DER SPIEGEL 47/1982
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