29.11.1982

SPANIENStimme Gottes

Die rechtsextreme Partei „Fuerza Nueva“ hat sich aufgelöst. Doch viele Spanier befürchten, daß die unverbesserlichen Franco-Fanatiker jetzt in den Untergrund gehen.
Es war das letzte Abendmahl, mit auserwählten Freunden. In der Mitte eines einfachen Restaurants in Madrid saß "Caudillo" Blas Pinar, der sich von Gott und der Welt verlassen sah. Verzweifelnd klagte er: "Spanien, was haben wir dir angetan, daß du uns so behandelst."
Als keiner seiner treuen Untergebenen Antwort wußte, gab der Führer das Ende seiner Partei, der rechtsextremistischen Fuerza Nueva bekannt - auf den Tag genau sieben Jahre nach dem Tod von Vorbild Francisco Franco.
Vergangenes Jahr noch hatten sich um dieselbe Zeit rund 300 000 Faschisten auf der Madrider Plaza de Oriente versammelt, um lautstark den Tod ihres Generalissimus zu beklagen und ein Zurück in die Diktatur zu fordern.
Doch in diesem Jahr gelang es den untereinander zerstrittenen Franquisten nicht einmal, eine gemeinsame Massenveranstaltung zu organisieren. Fast spurlos ist der Diktator aus dem Gedächtnis der Spanier verschwunden - obschon er Spanien fast 40 Jahre geprägt hatte.
Bei den Parlamentswahlen am 28. Oktober, bei denen die Sozialisten die absolute Mehrheit errangen, wählten nur noch 0,8 Prozent der Spanier eine der sechs winzigen rechtsextremen Parteien.
Fuerza-Nueva-Chef Blas Pinar hat über 280 000 Stimmen an den gemäßigteren Ex-Franco-Minister Fraga Iribarne und dessen konservative Volksallianz verloren, die damit zur neuen großen Mitte-Rechts-Partei aufstieg. So zu wählen, hatte diesmal selbst Bayerns Franz Josef Strauß seinen Freunden in Spanien geraten.
Von Kirche, Armee und Volk verlassen, sah der enttäuschte Blas Pinar nun keinen anderen Ausweg mehr, als seine hochverschuldete Partei aufzulösen und in eine kulturelle Vereinigung umzuwandeln. "Verräter, Angsthasen", giftete der Demagoge Pinar seine treulosen ehemaligen Wähler an. "Mit eurem Wunsch nach Reformismus habt ihr nun den Sozialisten die Tür geöffnet. Jetzt seht mal zu, wie ihr die wieder von der Macht vertreibt."
Genau darum geht es dem Faschisten Pinar aber nach wie vor. Denn das Ende seiner Partei, die sich einst als "Stimme Gottes" auf Erden verstanden wissen wollte, bedeutet noch nicht das Ende der Ultrarechten in Spanien. Es erschwert den Sozialisten, die diese Woche die Regierung übernehmen, das Regieren sogar, weil es den radikalsten Gegnern der Demokratie den Weg in den Untergrund erleichtert.
Seit der Gründung als Partei 1976 hatte Fuerza Nueva schon immer auf zwei Ebenen agiert: Formal hatten die Pinar-Franquisten die von ihnen als "liberal und dekadent" verhöhnte Demokratie akzepiert und sogar - mit geringem Erfolg - an allen Wahlen teilgenommen. Gleichzeitig aber bekämpfte ein Flügel der Partei, die "Seccion C", die Demokratie mit Bomben, Mord und Erpressung.
Als die Partei bei den Wahlen 1979 einen Parlamentssitz errang, prahlte der neue Abgeordnete Blas Pinar: "Die Vorsehung hat uns einen Sitz gegeben, von dort aus werden wir Spanien, Europa und die ganze Welt bewegen."
An solche Phrasen glaubte nur er, nicht aber die militante Parteijugend. Tatsächlich kam der Hinterbänkler kein einziges Mal im Parlament zu Wort. Um so heftiger zog er deshalb auf seinen Propagandareisen durch die Provinz vom Leder: Es stehe so schlecht um Spanien, daß ein Aufstand moralisch erlaubt sei, ermunterte er die Militärs.
Doch als dann Putschoberstleutnant Tejero Ernst machte und am 23. Februar 1981 das Parlament stürmte, mußte auch der Abgeordnete Pinar vor Tejeros Pistolen in Deckung gehen. Der Stern des Führers sank, jetzt war der Pistolero Tejero, wenn auch hinter Gittern, Held der Rechtsultras.
Hauptsächlich die jungen Parteimitglieder liefen scharenweise zu ihm über. Sie wurden angestachelt von noch größeren Scharfmachern wie dem Vorsitzenden S.140 der Vereinigung der ehemaligen Bürgerkriegskämpfer, Jose Antonio Giron, der schon vor Jahren "Anzeichen eines neuen Krieges am Horizont Spaniens" ausmachte, oder dem Altfalangisten Fernandez Cuesta, der weissagte: "Es kann einen neuen Bürgerkrieg geben." Die jungen Ultras suchten militärisches Training.
"Sonntags geht's im Autobus in die Berge von Madrid", erzählte einer in der Zeitschrift "Interviu". "Zuerst üben wir mit Baseball-Schlägern an Stoffpuppen. Die stärksten und aggressivsten Burschen werden in Spezialkommandos eingeteilt und bekommen Pistolen."
Allein im letzten Jahr wurden über 200 bewaffnete Ultras verhaftet. Inzwischen gibt es schon rund ein halbes Dutzend militärisch organisierte rechtsextremistische Organisationen.
Diese Sektierer werden sich jetzt, da Spanien sozialistisch regiert wird, sicher nicht "in die Winterquartiere zurückziehen", um bessere Zeiten abzuwarten, wie ein Mitglied der aufgelösten Fuerza Nueva glauben machen wollte.
Seit Beginn der Demokratisierung gehen bereits 46 Morde auf das Konto der Rechtsextremisten. Und nicht selten sind die Mörder Halbwüchsige, wie Jose Llobregat, 16, der an einem Sonntag vor einem Madrider Kino einen Studenten erstach - nur weil der ein Abzeichen von Che Guevara am Pullover trug.
Schon vor einem Jahr hatte Santiago Martinez Campos von den "Juventudes Tradicionalistas" auf der Massenversammlung der Faschisten gedroht: "Wir Traditionalisten tragen mit großer Freude zur Destabilisierung des Regimes bei. Die dekadente Demokratie muß weg."

DER SPIEGEL 48/1982
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