06.12.1982

ZEITGESCHICHTEÜberall Schleifspuren

Ein jahrzehntealter Streit scheint entschieden: Der englische Luxusdampfer „Lusitania“, im Ersten Weltkrieg von den Deutschen torpediert, hatte wohl doch Kriegsgerät an Bord.
Vor der Küste Irlands lag ein Sturmtief, als das Spezialschiff "Archimedes" Ende Oktober seinen Standort südwestlich von Kinsale räumte.
Die "Archimedes" brach ein Unternehmen ab, das vier Monate gedauert hatte und einem 30 400-Tonnen-Wrack aus dem Ersten Weltkrieg galt: In Sichtweite vom Kap Old Head of Kinsale sank am 7. Mai 1915 der englische Dampfer "Lusitania", getroffen - nach vorheriger Warnung - von einem Torpedo des deutschen U-Bootes "U 20".
Der Untergang der "Lusitania" zählt zu den größten Schiffskatastrophen des Jahrhunderts, auch wenn er kein Zivilisationsschock war wie der Verlust der "Titanic", die 1912 nach Kollision mit einem Eisberg versank. Politisch war er weit bedeutender: Der "Lusitania"-Fall bereitete in Amerika das Klima, in dem US-Präsident Wilson dann zwei Jahre später auf seiten der Westmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat.
Die "Lusitania", das schnellste Passagierschiff, das seinerzeit zwischen England und Amerika verkehrte, besaß in Edelholz gefaßte Badezimmer, erstmals auch Personenaufzüge und Telephone in den Kabinen. Auf ihrer 202. und zugleich letzten Atlantiküberquerung dinierten Millionenerbe Vanderbilt und Champagnerkönig Kessler unter der stuckverzierten Kuppel des Salons.
Wie kein anderes Ereignis des Ersten Weltkrieges brachte das Desaster vor der südirischen Küste die damals noch neutralen USA gegen Deutschland auf: Von den 1959 Menschen, die beim Untergang der "Lusitania" an Bord waren, kamen 1198 um, darunter 124 Amerikaner.
Eine erbitterte Propagandaschlacht brach los. In scharfen Noten verlangte US-Präsident Wilson von Berlin eine Einschränkung des U-Boot-Krieges. London geißelte die Torpedierung als "unprovozierten Kriegsakt", der einem "wehrlosen Schiff" gegolten habe.
Die deutsche Seekriegsleitung und das von dem scharfmacherischen Admiral von Tirpitz geleitete Reichsmarineamt beriefen sich darauf, daß sie die britischen Gewässer schon im Februar zur Kriegszone erklärt hätten. Außerdem behaupteten die Deutschen, die "Lusitania" habe regelmäßig "große Mengen Munition" für die Briten befördert. Sie sei deshalb nach internationalem Recht ein legitimes "Feindziel" gewesen.
Belegen freilich konnten weder die damaligen deutschen Marinechefs noch spätere deutsche Historiker, daß das Schiff der Cunard-Reederei als Munitionstransporter zweckentfremdet wurde. 1250 Kisten mit angeblich leeren Granaten, die auf einer "ergänzenden Ladeliste" ausgewiesen waren, versanken ebenso wie Tausende Gewehrpatronen, welche die Admiralität in London immerhin als Frachtgut zugegeben hatte.
Nun aber, zwei Historiker-Generationen später, lösten Feuerwerker und drei Taucher-Crews der "Archimedes" das "Lusitania"-Rätsel weitgehend.
Sie fanden im Heckbereich des Wracks Kriegsware, die in der 24 Seiten starken Ladeliste gar nicht vorkam: Zünder für Granaten. "Wie Konfetti", erzählte ein Taucher, lagen Kisten mit den Zündern auf dem Meeresgrund.
Dieser Fund, an sich schon sensationell, war nur der Anfang einer ganzen Kette von Indizien, die eine Schlappe der britischen Admiralität anzeigten. Rehabilitiert dagegen erschien Walter Schwieger, der Kommandant des U-Bootes "U 20", und mit ihm in diesem Fall auch die sonst kriegstreiberische Kaiserliche Marineleitung in Berlin.
Und Publizisten wie der Brite Colin Simpson, der schon vor zehn Jahren den Munitions-Verdacht geäußert hatte, können sich bestätigt fühlen. Simpson hatte die "ergänzende Ladeliste" aufgestöbert und dem damaligen Marineminister Winston Churchill vorgeworfen, die "Lusitania" absichtlich deutschen Torpedorohren ausgesetzt zu haben, um den Kriegseintritt Amerikas herbeizuführen.
Den Höhepunkt der "Lusitania"-Saga, die Operation der "Archimedes", erlebten Millionen Briten jetzt vor den Fernsehschirmen. Die BBC hatte sich an der Suche nach Beweisstücken beteiligt und einen ihrer Besten, den Nachrichten-Moderator Peter Hobday, für die "Lusitania"-Expedition freigestellt. Das eindrucksvollste Material steuerten die "Archimedes"-Taucher bei, die mit Hilfe von Handscheinwerfern die Arbeiten auf und in dem Wrack gefilmt hatten.
Finanziert wurde das Unternehmen (Kosten zehn Millionen Mark) von der amerikanischen Firma Oceaneering International, die im Offshore-Ölgeschäft zu Hause ist. Im Wrack der "Lusitania" nämlich vermuteten die Amerikaner auch noch etwas anderes als Munition: einen Schatz im Safe des Kapitäns.
Mit Sprengstoff rissen die Taucher die Bordwand auf und drangen bis in den "Lusitania"-Tresorraum vor. Den Safe aber, der Gold und Diamanten im Wert von 50 Millionen Mark enthalten soll, fanden sie im ersten Anlauf nicht.
Beim Aufprall der "Lusitania" auf den Meeresgrund, so mutmaßen die Schatzsucher, durchschlug die schwere Stahlkammer die Außenwand und versank in metertiefem Schlick. Dort soll im kommenden Frühjahr gesucht werden. Bisher S.181 war die Ausbeute an Wertsachen mager. Die Taucher, die in Acht-Stunden-Schichten unter Wasser arbeiteten, bargen Kupferbarren und ein halbes Dutzend Kisten mit Armbanduhren. In vier weiteren Kisten lag versilbertes Besteck mit dem Porträt des britischen Kriegshelden Lord Kitchener. Aus dem Bordkino stammt die einzige Kopie des Films "Der Teppich von Bagdad". Drei Millionen Mark erbringt die 22 Tonnen schwere bronzene Schiffsschraube der "Lusitania".
Die "Lusitania" ruht in 104 Meter Tiefe auf der Steuerbordseite, in die der Torpedo von "U 20" eingeschlagen war. Alf Lyden und Douglas Brand, die Sprengstoff-Experten von Oceaneering International, glauben, daß es zu einer "wuchtigen Explosion im Schiffsinnern" gekommen sei. Auf der Backbordseite nämlich klafft ein 14 Meter großes Loch, wobei die umliegenden Stahlwände ausgezackt nach außen ragen.
Ein Torpedo, der die gegenüberliegende Bordwand traf, kann nach dem Urteil der Experten solche Verwüstungen nicht angerichtet haben. Zwar hieß es im Bericht einer englischen Untersuchungskommission, daß es an Bord der "Lusitania" zu einer "großen Explosion" gekommen sei. Doch glaubte man, die Kessel seien in die Luft geflogen.
U-Boot-Kommandant Schwieger hatte nach dem Abfeuern seines Torpedos ein vergleichsweise leises Detonationsgeräusch, "fast ein Knirschen", registriert, dem erst Sekunden später eine heftige Erschütterung folgte. "Ungewöhnlich starke Explosion", diktierte Schwieger damals seinem wachhabenden Offizier.
18 Minuten später, überraschend schnell, versank die "Lusitania". Waren wirklich nur die Kessel explodiert, oder war noch Gefährlicheres hochgegangen? Laut aktualisierter Ladeliste befanden sich unterhalb des Vordecks die 1250 Kisten mit angeblich leeren Granaten aus den USA. Ein Teil von ihnen, so vermuten nun die "Lusitania"-Detektive, war nach dem Einschlag des Torpedos explodiert.
Die brisante Fracht beschäftigt das Londoner Verteidigungsministerium noch immer. Im Juli, als die Taucherarbeiten begannen, warnte das Ministerium die Suchfirma Oceaneering International vor einer Gefahr, die angeblich gar nicht "xistierte: Das Verteidigungsministerium weiß nur, daß sich 5000 " " Kisten mit Munition für Kleinfeuerwaffen an Bord befinden. Da " " es aber Ziel der Expedition zu sein scheint, womöglich " " anderes Explosivmaterial zu entdecken und zu bergen, wäre es " " unklug unsererseits, nicht auf die Gefahr von Sprengstoff " " hinzuweisen, falls welcher vorhanden wäre. Für diesen " " unwahrscheinlichen Fall aber empfehlen wir nachdrücklich, die " " Arbeiten sofort abzubrechen und Ihre Lage sorgfältigst zu " " überdenken. Sonst besteht Gefahr für Leib und Leben. "
Tatsächlich fanden die Taucher im Wrack keine Granaten. Sofern sie nicht schon 1915 explodiert waren, so argwöhnen die Männer von der "Archimedes", seien sie nicht etwa im Schlamm versackt: "Irgend jemand war schon vorher da", behauptet "Lusitania"-Autor Simpson, "es ging darum, inkriminierende Spuren zu beseitigen."
Verdächtig schon: Die "Lusitania" ist heute ein namenloses Wrack. Die Aufschriften an Heck und Brücke sind verschwunden. Und der vordere Frachtraum ist wie leergefegt. "Es ist nichts drin, rein gar nichts mehr", staunte der schottische Bergungsfachmann Jim Highlands, "hier war jemand und räumte auf."
Damit aber nicht genug: Auf dem "Lusitania"-Vordeck war 1913 der Drehkranz für ein 15-Zentimeter-Geschütz installiert worden. Wie die meisten Schiffe der Cunard-Reederei sollte auch der Luxus-Liner rasch in einen Hilfskreuzer verwandelt werden können.
Nun aber klafft auf dem Vordeck zwischen Bug und Brücke eine quadratische Öffnung fünf mal fünf Meter groß. Der Drehkranz, so vermutet Highland, wurde von einem Greifarm aus der Verankerung gehoben. "Überall sind Schleifspuren. Man kann sehen, wo sie zugegriffen haben."
Tatsächlich dümpelten in der Vergangenheit zweimal schon Bergungsschiffe über der Untergangsstelle der "Lusitania", wobei sie von der Küstenwache auf dem Old Head of Kinsale registriert wurden. 1946 war es das Royal-Navy-Spezialschiff "Reclaim", 1954 die "Recovery", die von der Admiralität gechartert wurde.
"Wer", fragt Simpson nun, "hätte eine solche langwierige und teure Aktion gestartet, nur um das Vordeck leerzufegen? Und warum die Mühe, wenn all das, was das Schiff geladen hatte, angeblich so harmlos war?"
S.181
Das Verteidigungsministerium weiß nur, daß sich 5000 Kisten mit
Munition für Kleinfeuerwaffen an Bord befinden. Da es aber Ziel der
Expedition zu sein scheint, womöglich anderes Explosivmaterial zu
entdecken und zu bergen, wäre es unklug unsererseits, nicht auf die
Gefahr von Sprengstoff hinzuweisen, falls welcher vorhanden wäre.
Für diesen unwahrscheinlichen Fall aber empfehlen wir nachdrücklich,
die Arbeiten sofort abzubrechen und Ihre Lage sorgfältigst zu
überdenken. Sonst besteht Gefahr für Leib und Leben.
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DER SPIEGEL 49/1982
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