13.12.1982

COMPUTERMonopol verloren

Noch vor dem Jahre 2000 wird die Mikroelektronik das Leben in den Industriegesellschaften dramatisch verändern - in den Schulen, klagt ein Bremer Professor, werde die „Herausforderung“ ignoriert.
Tiefe Sorge um die Zukunft unserer Jugend" beschleicht den Bremer Informatik-Professor Klaus Haefner, wenn er sich die Welt von morgen ausmalt - eine Industriegesellschaft, in der es von Robotern wimmelt, wo "Sprechschreiber" den Papierkram erledigen und in den Chefetagen superschnelle Computer die Unternehmensentscheidungen treffen.
Schon in spätestens 15 Jahren, taxiert der Professor, werde die neue, unaufhaltsam vordringende Technologie nahezu alle Lebensbereiche erfaßt und gründlich verändert haben. Doch in den Schulen und Universitäten, aber auch in der Berufsausbildung, klagt Haefner, sei die "unerhörte Herausforderung" bislang hartnäckig ignoriert worden.
Ahnungslos wie "Analphabeten vor 300 Jahren" trotten Westdeutschlands Lehrer, Schüler und Studenten laut Haefner in die Zukunft: "Ihnen ist die Digitaltechnik genauso unbekannt, wie es die Grundprinzipien der Telekommunikation sind, sie haben keine Vorstellung von der Schnelligkeit heutiger Computer, sie kennen keine Programmiersprache, die es ihnen erlauben würde, einen Computer unmittelbar zu nutzen."
Als tumbe Toren, versehen mit großenteils ungenießbarer, weil praktisch nutzloser geistiger Wegzehrung, verlassen derzeit die meisten deutschen Azubis und Akademiker ihre Ausbildungsstätten: So lautet das Ergebnis einer Analyse, die Haefner, Inhaber eines Lehrstuhls für computergestützten Unterricht an der Universität Bremen, unter dem Titel "Die neue Bildungskrise" soeben veröffentlicht hat. Haefner kündigt eine neue Bildungskatastrophe an - die zweite in knapp zwei Jahrzehnten.
( Klaus Haefner: "Die neue ) ( Bildungskrise". Birkhäuser Verlag, ) ( Basel; 316 Seiten; 34 Mark. )
Die erste hatte 1964, in der Blütezeit des nachkriegsdeutschen Wirtschaftswunders, der Pädagoge und Philosoph Georg Picht ausgerufen. Dem technischen, ökonomischen und kulturellen Fortschritt zuliebe, forderte er, müsse die Zahl der Abiturienten erhöht werden - nur so könne die Bundesrepublik als Industrienation überleben.
"Bildungsnotstand", so Picht damals, "heißt wirtschaftlicher Notstand. Der bisherige wirtschaftliche Aufschwung wird ein rasches Ende nehmen, wenn uns die qualifizierten Nachwuchskräfte fehlen, ohne die im technischen Zeitalter kein Produktionssystem etwas leisten kann." S.201
Auf Pichts Katastrophenalarm reagierte Anfang der siebziger Jahre die sozialliberale Koalition mit umfangreichen Rettungsmaßnahmen. Das Ergebnis: Die Abiturientenquote stieg von sieben auf 25 Prozent, die Zahl der Studenten verdoppelte sich. Doch schon am Ende der Dekade wurde klar, daß in den Büros und Fabriken der Bedarf an Gehirnschmalz fortan keineswegs wachsen, sondern - ganz im Gegensatz zu Pichts Prognose - eher schrumpfen würde.
Mittlerweile nämlich hatte, zunächst kaum beachtet, ein Wettlauf zwischen Köpfen und Computern begonnen, bei dem die Elektronengehirne unerwartet rasch an Boden gewannen. Auch dort, wo bis dahin die Intelligenz und Geschicklichkeit geschulter Fachkräfte unersetzlich schienen, rückten vehement immer raffiniertere Computersysteme vor, die nicht nur schneller und zuverlässiger, sondern auch billiger arbeiteten als die menschliche Konkurrenz.
"Heute", notiert Autor Haefner, "fließt bereits ein breiter Strom von Information durch technische Systeme und am Menschen vorbei" - ein Wandel, der, wie Haefner glaubt, das westdeutsche Bildungswesen schon bald weit heftiger erschüttern dürfte als jede frühere technische oder wissenschaftliche Revolution.
Denn seit auch die Kopfarbeit mit wachsendem Erfolg an Automaten delegiert werden kann, wird dem herkömmlichen Bildungsbetrieb gleichsam die Geschäftsgrundlage entzogen: Sein Anspruch, der Jugend mit gängigem Schulwissen ein unverzichtbares "Überlebensprogramm" zu verabreichen, enthüllt sich laut Haefner im EDV-Zeitalter als frommer Selbstbetrug.
An den Schulen glaubt der Professor die ersten Schockwellen schon zu spüren - "Lustlosigkeit" und "Motivationsmangel" bei den Schülern: Wozu, fragt Haefner, sollten sie auch Kopfrechnen pauken und verquere Rechtschreibregeln büffeln, wenn sie schon als Erstkläßler ihren Taschenrechner im Ranzen tragen und - dank Telephon, Rundfunk, Tonbandkassetten, Videotechnik und, demnächst, Heim-Computer - außerhalb der Klassenzimmer nur noch selten lesen und schreiben müssen, um sich zu informieren oder mitzuteilen?
Zumindest der jüngsten Schülergeneration dämmert außerdem die Erkenntnis, daß glänzende Schulnoten längst nicht mehr wie einst einen glatten Karriereeinstieg garantieren, womöglich nicht mal einen Arbeitsplatz: In den meisten Berufssparten, so Haefners Analyse, werden in den achtziger Jahren die Arbeitsplätze massenhaft schwinden und bei den verbleibenden Jobs die intellektuellen Leistungsanforderungen beträchtlich sinken.
Der Trend, die menschliche "Geistesarbeit ganz oder teilweise zu ersetzen", dürfte nach Ansicht Haefners kaum zu stoppen sein: "Traditionelle Grenzen" - etwa "Kapitalnot, Rohstoff- und Energieprobleme, steigende Preise oder schrumpfende Märkte" - behindern ihn nicht. Eine politische "Gegenkraft", die den Siegeszug der elektronischen Jobkiller aufhalten könnte, ist laut Haefner ebenfalls "zur Zeit nicht auszumachen".
Damit bleibt dem westdeutschen Bildungswesen, einem kostspieligen Koloß mit mehr als 600 000 Lehrpersonen, schwerlich eine andere Wahl, als sich nach einem neuen Daseinszweck umzusehen. Haefner jedenfalls hält es für Geldverschwendung, ein so teures Ausbildungssystem zu finanzieren, das weiterhin in Serie den Typ des "kleinen Sprach- und Mathematik-Computers auf zwei Beinen" produziert.
Der nämlich wird, wie Haefner voraussagt, in der "informationellen Umwelt" des nächsten Jahrhunderts wohl kaum mehr gebraucht: Arbeit, vor allem geistig anspruchsvolle, wird es dort nur noch für wenige geben, für alle aber viel mehr Freizeit, die es sinnvoll auszufüllen gilt. Auf diese Zukunftswelt, doch auch auf den sicher krisenreichen Weg dahin, verlangt Haefner, müsse das Bildungssystem die nachrückenden Generationen vorbereiten.
Daß dabei der imposante Tempel ehrwürdiger Pauker-Ideale - detailliertes S.202 Faktenwissen, strenge Rationalität, Fleiß und Disziplin - gründlich demoliert werden muß, hält Haefner für unausweichlich. Die Zukunft in der Computer-Gesellschaft gehört nach seiner Überzeugung nicht den Hirn-Athleten, eher dagegen den Gemütsmenschen, die das "Musische, das Künstlerisch-Sinnliche, das Affektiv-Emotionale" kultivieren, "um ein Gegengewicht zur rational-kalten Handlungsweise der Informationsverarbeitung zu besitzen".
Ihr seelisches Gleichgewicht allerdings werden die Zukunftsbürger nur wahren können, wenn sie mit der Informatik wenigstens auf halbwegs vertrautem Fuß leben. Haefner empfiehlt dringend, in den Schulen und Universitäten - wie zum Teil bereits in Großbritannien oder in den USA - Unterrichtscomputer zu installieren, damit sich Kinder und Jugendliche beizeiten an den Umgang mit den neuen Informationsmedien gewöhnen können.
Beides, ein vertrautes und entspanntes Verhältnis zum Computer und ein unverkrampftes Gefühlsleben, werden die Zivilisationsmenschen nötig haben, wenn sie unbeschädigt in die von Haefner so genannte "Homuter-Gesellschaft" gelangen sollen - eine befriedete Welt, in der, so der Professor, "die harmonische Synthese zweier großer Strömungen" geglückt ist, "die sich heute eher feindlich gegenüberstehen: kontinuierliche Technifizierung und ''Zurück-zur-Natur'' der Alternativen".
( Homuter: Kunstwort, gebildet aus homo ) ( (lateinisch: Mensch) und Computer. )
In ihnen, den Grünen und Bio-Bewegten, sieht Informatiker Haefner gleichfalls Erben der schwer kopflastigen Kultur des Abendlandes, die das menschliche Denken zum "höchsten Primat allen Handelns" erhoben hat. Was die Alternativen in den Widerstand gegen die Hochtechnologie treibe, vermutet er, sei unter anderem wohl auch ein gekränktes "Selbstwertgefühl", entstanden aus der Zumutung, das traditionelle menschliche Denk-Monopol künftig mit zunehmend intelligenteren Mikroprozessoren teilen zu müssen.
Haefner empfindet den Verlust nicht als Unglück: Die moderne Informationstechnik, rühmt er, habe "den Menschen befreit vom Joch einer kognitiv-intellektuellen Überforderung, die unsere heutigen Schulen und viele unserer Berufsfelder überschattet". Erst im Utopia der Homuter-Gesellschaft werde sich ganz entfalten können, was den Durchschnittsmenschen jetzt noch verwehrt bleibe: "Kreativität, Phantasie, Menschlichkeit, Lebensfreude".
Bevor die verführerische Vision, von Haefner in fast lyrischen Wendungen liebevoll ausgemalt, Wirklichkeit werden kann, muß jedoch erst ein wahres Gebirge von Problemen abgetragen werden. Zunächst, so Haefner, müsse eine wirtschaftspolitische "Neuordnung" her, "in der die durch Technik erwirtschafteten Erträge allen Bürgern eines Landes zugute kommen und nicht nur wenigen Eignern derartiger Systeme" - eine Art Computer-Sozialismus, der grundsätzlich jedermann "an einer Produktivkraftsteigerung durch Automatisierung teilhaben" läßt.
Gelingt das nicht, bleibt Utopia unerreichbar. Ein "allgemeiner Unmutsstau", wie er in den Reihen der Alternativen rumore, fürchtet Haefner, werde dann früher oder später losbrechen und den Vormarsch der Mikroprozessoren gewaltsam stoppen. Wenig Zuversicht S.204 hegt er angesichts der Aufgabe, das - erst in den siebziger Jahren umgekrempelte - Schulsystem nun abermals zu reformieren. Weder in den Lehrerkollegien noch in den Ministerien sei die neue Bildungskrise bislang erkannt worden.
Dabei eile es, "zu entscheiden, wohin die Reise gehen soll" - ins gelobte Homuter-Land oder in die Industriewelt von vorgestern, an der sich die Ausbildungspraxis immer noch orientiere.
"Tiefe Frustration", warnt Haefner, werde "diejenigen erfassen, die dieses falsche Bildungsangebot genutzt haben und dann eines Tages dem billigeren, schnelleren und wartungsfreien informationstechnischen System gegenüberstehen, welches bereits die Arbeiten ausführt, auf die sie sich selbst vorbereitet haben": Protestbewegungen von bislang unbekannter Aggressivität werden laut Haefner die Folge sein.
"Wahrscheinlich", vermutet er, "müssen wir erst abwarten, bis diese Eruption unsere Gesellschaft erschüttert."
S.200 Klaus Haefner: "Die neue Bildungskrise". Birkhäuser Verlag, Basel; 316 Seiten; 34 Mark. * S.202 Homuter: Kunstwort, gebildet aus homo (lateinisch: Mensch) und Computer. * An der Integrierten Gesamtschule in Wolfshagen. *

DER SPIEGEL 50/1982
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