20.12.1982

SPDAusgerechnet Kulmbach

Nahezu geräuschlos wurde der frühere FDP-Generalsekretär Günter Verheugen in Bayern als SPD-Kandidat aufgenommen.
Alle Bonner Weltläufigkeit hinter sich lassend, steuerte der frühere FDP-Generalsekretär Günter Verheugen, 38, im BMW die oberfränkischen Ortschaften Harsdorf und Ludwigschorgast an. SPD-Mitglieder aus der überwiegend ländlichen Umgebung wollten den neuen Genossen schnell noch kennenlernen. Denn drei Tage vor Weihnachten soll er im Geschwindverfahren zum SPD-Bundestagskandidaten im Wahlkreis Kulmbach gewählt werden.
Anders als seine Parteifreundin Ingrid Matthäus-Maier, die im Wahlkreis 64 (Rhein-Sieg-Kreis I) für die SPD antreten will und von rivalisierenden Genossinnen ostentativ gesiezt wird, stieß der wortgewandte Ex-Freidemokrat in den oberfränkischen Wirtshäusern bislang kaum auf nennenswerten Widerstand. Er entdeckte dort vielmehr "eine andere SPD, als ich sie kannte".
Die oberfränkischen Genossen aus bislang zwei Dutzend Ortsvereinen erwiesen sich als "sehr stabil" und "weniger auf theoretische Inhalte als auf praktische Politik aus". Da konnte Verheugen leicht helfen: Er bot einfach "alles, womit ich in der FDP aufgelaufen war".
Der bisherige SPD-Bundestagsabgeordnete aus Kulmbach, der Porzellan-Industrielle Philip Rosenthal, schätzt an seinem Nachfolger zum Beispiel, daß der "schon vor zwei Jahren für die paritätische Mitbestimmung eingetreten ist" und damit jetzt "die gewerkschaftlichen Genossen überzeugt". Überdies sei es dem neuen Kandidaten "bestimmt nicht" um Karriere gegangen. Rosenthal: "Wenn der weitergegenschert hätte, säße er heute vielleicht am Kabinettstisch."
Das proletarische Du geht dem SPD-Neuling schon flott von den Lippen. Nur die fränkischen Genossen tun sich noch ein bißchen schwer. Verheugen: "Manche haben bei mir noch 'ne Scheu."
Das hängt möglicherweise damit zusammen, daß der FDP-Abtrünnige Ende November von ganz oben empfohlen wurde - durch einen Telephonanruf des SPD-Vorsitzenden Willy Brandt beim Kulmbacher Unterbezirksvorsitzenden und Landtagsabgeordneten Heinrich Stenglein. Danach ging alles blitzschnell. Schon am Tag nach dem Brandt-Anruf durfte sich Verheugen in Kulmbach vorstellen.
Seither wird er von einem örtlichen Parteigremium nach dem anderen, meist einstimmig, für die Kandidatur empfohlen. Ein SPD-Kreisvorsitzender: "Er ist halt ein Profi, der unsere Situation nur verbessern kann."
Weil wenige Tage vor der Intervention Brandts der bisherige Kulmbacher Abgeordnete Rosenthal geradezu wie bestellt eine erneute Kandidatur abgelehnt hatte, witterte ein Delegierter auf einer Bezirkskonferenz in Fürth den "Geruch einer Absprache". Er erinnerte an jene kleinen Genossen, die jahrelang geschuftet hätten, ohne jemals so "wie dieser Verheugen" zum Zuge zu kommen.
Die fränkische Landtagsabgeordnete Ursula Pausch-Gruber mokierte sich in Fürth darüber, daß sich die Parteispitze bei der Aufstellung von Kandidatinnen auf ihre Einflußlosigkeit berufe, bei überwechselnden Liberalen aber gerne zur Hilfestellung bereit sei. Zu Anti-Verheugen-Abstimmungen kam es in Fürth freilich nicht - die Parteiprominenz hatte einen Riegel vorgeschoben.
Der fränkische Vorsitzende Bruno Friedrich bat mit Nachdruck um freundliche Aufnahme für den abtrünnigen Liberalen. Horst Ehmke mahnte, doch nicht die "unwürdige Kampagne der Genscher-FDP" auch noch zu unterstützen. Mit den Überläufern könne die SPD durchaus "ein Stück anbauen". Der Landesvorsitzende Helmut Rothemund erinnerte an frühere Zugänge aus der Gesamtdeutschen Volkspartei wie Gustav Heinemann, Erhard Eppler und Johannes Rau, die ja zunächst auch noch nicht den richtigen "Stallgeruch" gehabt hätten.
Verheugen hat nach drei Wochen SPD-Zugehörigkeit offenbar schon die richtige Duftnote. In gut der Hälfte der 42 zuständigen Ortsvereine hörte der Ex-Liberale nach Auskunft von Unterbezirksgeschäftsführer Wolfgang Weeber bisher "überhaupt kein einziges kritisches Wort". Mit Zuversicht geht der Neo-Sozi denn auch in die vorweihnachtliche Wahlkreiskonferenz nach Altenkunstadt, wo 163 Delegierte den neuen Kandidaten wählen werden.
Mitte Januar sollen dann 86 fränkische Delegierte - davon nur noch sechs aus dem Unterbezirk Kulmbach - in Nürnberg die "Reihung" der Kandidaten vornehmen. Laut Verheugen ist für ihn der Platz 23, den auch Vorgänger Rosenthal hatte, schon "jetzt im Gespräch". Daß die fränkische Reihenfolge dann auch von den Bezirken Südbayern und Niederbayern-Oberpfalz akzeptiert wird, ist laut Verheugen ebenfalls schon ausgemachte Sache.
Als sicher gelten aufgrund der bisherigen Wahlergebnisse 29 bayrische Listenplätze. Ein Direktsieg des SPD-Kandidaten in Kulmbach ist hingegen so gut wie ausgeschlossen. Auch die Liberalen hatten bislang in diesem Landstrich, in dem der Altliberale Thomas Dehler geboren und aufgewachsen ist und die CSU im weitläufigen Kloster Banz soeben ein riesiges Schulungszentrum errichtet hat, kaum etwas zu melden.
Verheugen ist denn auch von vornherein gar "nicht speziell auf liberale Stimmen" aus, weil doch "die FDP hier ohnehin längst auf den Knochen" geht. Seinen sozialdemokratischen Gönnern gegenüber, die zum Beispiel auch den weitaus liberaleren Wahlkreis Coburg frei gehabt hätten, verhehlte der Seiteneinsteiger nicht seine Meinung: "Warum habt ihr mir ausgerechnet Kulmbach gegeben?"
Vorerst möchte sich Verheugen in der fränkischen Bierstadt nur provisorisch niederlassen: Der Neue aus Bonn denkt an eine kleine Zweizimmerwohnung.
Erst wenn er Bundestagsabgeordneter geworden ist, im März, will er sich eine größere Wohnung nehmen und seine Frau nach Franken holen.

DER SPIEGEL 51/1982
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