20.12.1982

„Jeder Parteisekretär ist ein Kaiser“

SPIEGEL-Redakteur Tiziano Terzani über Peking / Die kulturelle und städtebauliche Verwüstung (l)
Es war einmal, vor langer Zeit in einem fernen Land, eine wundervolle Stadt.
Sie besaß prachtvolle Paläste, herrliche Tempel, farbenprächtige Triumphbögen, lauschige Gärten und Tausende grauer Häuser, jedes um einen friedlichen Innenhof erbaut, alle säuberlich aufgereiht in einem wohlgeordneten Schachbrettmuster von Straßen und Gassen.
Die Stadt war ganz von einer imposanten, 26 Kilometer langen Mauer umschlossen. In die Mauer waren prunkvolle Tore eingelassen, die von steinernen Löwen bewacht wurden. Es war eine heilige Stadt, errichtet am Rande einer Sandwüste nach Plänen, die nach der Sage direkt vom Himmel gekommen waren.
Sie besaß einen magischen Zauber, sie hatte einen verwirrenden Charme. "Peking ist das letzte Refugium des Unbekannten und des Wunderbaren auf Erden", schrieb der französische Schriftsteller Pierre Loti im Jahre 1900. Der S.121 Brite Arnold Toynbee fand die Stadt 1930 "ehrfurchtgebietend".
Als die chinesischen Kommunisten 1949 an die Macht kamen, war Peking immer noch einmalig auf der Welt - ein erhabenes Beispiel architektonischer Pracht, eine Stadt, mahnend an eine Größe, die offenbar für die Ewigkeit bestimmt war.
Heute liegt Peking im Sterben.
Die Mauern, die Tore und Triumphbögen sind verschwunden. Verschwunden auch sind die meisten Tempel, Paläste und Gärten. Jeden Tag fällt ein Stück mehr des jahrhundertealten Peking den Spitzhacken, Preßluftbohrern und Bulldozern zum Opfer.
Die Stadt hat ihre innere Ordnung verloren, die einst Ausdruck der Geometrie des Universums war. Wo früher Harmonie und Perfektion bestanden, haben sich Chaos und Verwirrung ausgebreitet.
"Wenn Venedig im Meer versinkt, schreit und protestiert die ganze Welt. Wenn Peking untergeht, nimmt niemand davon auch nur Kenntnis", sagt Philippe Jonathan, ein französischer Städteplaner, der an der Universität Tsinghua arbeitet und bisher als einziger einen Feldzug zur "Rettung Pekings" führt. "Das Schicksal dieser Stadt sollte uns alle angehen, denn die Größe Pekings gehört zur Kultur der Menschheit."
Dennoch geht das zerstörerische Werk weiter. Obschon die chinesische Zentralregierung ihre Entschlossenheit bekundet, die Überreste der alten Hauptstadt des Reiches zu schützen und zu restaurieren, macht sich ausgerechnet das Kulturministerium daran, eine aus dem 18. Jahrhundert stammende Fürstenresidenz im Nordosten der Stadt abzureißen, um dort Unterkünfte für seine Angestellten zu bauen.
Während ein Architektenteam beauftragt ist, ein Projekt zur Erhaltung eines der klassischsten Stadtviertel im Umkreis des berühmten Trommelturms auszuarbeiten, werden in diesem Gebiet alte Häuser und Läden mit holzgeschnitzten Fassaden und farbenprächtigen Ziegeldächern in aller Eile abgerissen, um neuen Backstein- und Zementbauten Platz zu machen.
Während das Observatorium aus dem 13. Jahrhundert mit seinen von europäischen Jesuiten geschmiedeten bronzenen Instrumenten im Südosten der alten Kaiserstadt zu einem Museum umgebaut wird, entsteht unmittelbar daneben ein großer, häßlicher Wohnblock. Er versperrt nicht nur die Sicht, sondern reduziert auch die einst imposanten Ausmaße des historischen Monuments auf eine geradezu lächerliche Dimension.
"Ja, wir hätten das Haus dort nicht bauen sollen", sagt Liu Keli vom Pekinger Amt für Denkmalspflege, "das war ein Fehler."
Es war nicht nur ein Fehler, es waren Tausende. Heute wird zugegeben, daß die zehn Jahre der Kulturrevolution, in der Millionen junger Rotgardisten Altes niederbrannten oder zerschlugen, ein "Fehler" waren. Ebenso wird der Große Sprung nach vorn, der die Menschen zwang, alles Metallische, alte Statuen und Vasen eingeschlossen, in den Hinterhofschmelzofen zu Töpfen und Pfannen einzuschmelzen, inzwischen als Fehler anerkannt. Ein Fehler auch war es, die Mauern Pekings abzureißen, die Tore, Bögen und Tempel zu zerstören.
Seit 1949 hat eine ununterbrochene Kette von Fehlern das einst prächtige Peking in einen amorphen Slum verwandelt, in ein wenig reizvolles Konglomerat verfallender alter Bauten und neuer häßlicher Gebäude, die modern sein sollen.
"Die Zerstörung Pekings ist das schlimmste Verbrechen, das die Kommunisten begangen haben", sagt ein amerikanischer Wissenschaftler chinesischer Herkunft, der nach 33jähriger Abwesenheit zurückgekehrt ist, um seine S.123 Geburtsstadt zu besuchen. Das Peking seiner Erinnerung ist jetzt "bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und entstellt" - wenn nicht ein Verbrechen, so doch ein Vandalismus gegenüber Kultur und Geschichte der "Nördlichen Hauptstadt" (so die chinesische Bedeutung von "Peking").
Es ist eine Geschichte voller Dynamik und Abenteuer, eingehüllt in mythisches Dunkel. Im Jahr 1403 verlegte Kaiser Yung Le aus der Ming-Dynastie die Regierung aus der "Südlichen Hauptstadt", Nanking, in den Norden. Einer Legende zufolge übergab ein geheimnisvoller taoistischer Priester, der vom Himmel herabgestiegen war, dem Kaiser ein Paket mit großartigen Plänen für eine neue Stadt. Und in der Tat: Was dann in der gestaltlosen Monotonie der nordchinesischen Tiefebene durch menschliche Phantasie und Arbeit erstand, schien durchaus Bezüge zum Göttlichen zu haben.
Mit seinen vielen Mauern innerhalb anderer Mauern und seinen unzähligen Wallgräben war Peking steinerner Ausdruck der kosmischen Ordnung. Jedes Gebäude stand an einem vorausberechneten Platz: der Tempel der Sonne im Osten und der des Mondes im Westen, der Tempel des Himmels im Süden und der Tempel der Erde im Norden; in ihrer Mitte dann die purpurne "Verbotene Stadt", das "Große Innere Zentrum", wie sie genannt wurde, Herzstück Chinas, Zentrum des Zentrums der Welt, der Sitz des Kaisers, von dem alle Macht ausging, Fixpunkt aller Abendländer, die sich vom Osten magisch angezogen fühlten.
Jahrhundertelang war den Einwohnern Pekings bewußt, daß sie an einer außerordentlichen Stätte lebten. Zwei Dinge fürchteten sie am meisten: zum einen den Drachen des Wassers, der angeblich im Erdinneren Pekings - der Stadt ohne Fluß - hauste und jederzeit aus einem berühmten Brunnen neben dem Hatamen-Tor an die Oberfläche kommen konnte, um die Stadt zu überfluten; zum anderen die Eindringlinge, die voller Neid auf Schätze und Schönheiten Pekings immer versuchen würden, die Stadt anzugreifen und zu zerstören.
Um den Drachen abzuwehren, stellten die Einwohner über dem Brunnen riesige marmorne Schildkröten auf, die Wache halten sollten, bis der Gong ertönte und jemand sie ablösen würde. Jedes Tor war mit einem Gong ausgestattet, der um Mitternacht geschlagen wurde. Später dann ersetzten die Einwohner den Gong des Hatamen-Tors durch eine Glocke. So hielt die Schildkröte jahrhundertelang Wache, bis sie unlängst zusammen mit dem Brunnen zerstört wurde, um einer neuen Straße Platz zu machen.
Um die Gefahr von Eindringlingen zu bannen, brachten die Bewohner Pekings einem besonderen Gott, der die Stadtmauern in einen magischen Zauber getaucht hatte, um Peking gegen alle Feinde von außen zu schützen, Räucherstäbchen dar.
Beides wirkte Wunder: Peking wurde nie überflutet und nie zerstört. Obwohl die Eindringlinge kamen und gingen, obwohl Dynastien aufstiegen und fielen, tat der geheimnisvolle Zauber der Mauern seine Wirkung, so daß die Hauptstadt größere Zerstörungen nie erlitt.
Als Mao Tse-tung am 1. Oktober 1949 auf der Terrasse des Tors des Himmlischen S.125 Friedens stand, mit dem Rücken zur Verbotenen Stadt, die Augen nach Süden gerichtet, und die Volksrepublik China ausrief, hatte sich das Peking zu seinen Füßen seit der Kaiserzeit nicht wesentlich geändert.
Selbst die Japaner hatten, als sie Peking besetzten, die großartige Anlage der alten Stadt respektiert, das historische Zentrum ungeschoren gelassen; sie waren in die westlichen Vororte gezogen, um dort ein neues Peking zu errichten.
Ganz anders dagegen die chinesischen Kommunisten. Für sie war Peking Symbol des alten China, der Inbegriff all dessen, was sie bekämpft hatten und ändern wollten.
"Schon die Anlage Pekings war Ausdruck der Feudalgesellschaft und sollte die absolute Macht des Kaisers beweisen", sagt Professor Ho Renzhi von der Universität Peking. "Wir mußten das ändern, wir mußten Peking zu der Hauptstadt des sozialistischen China machen."
Sie taten es mit Erfolg. Zunächst rissen sie die "Pailou" ab, jene Triumphbögen aus Marmor und bemaltem Holz, die im Laufe der Jahrhunderte über allen großen Straßen zum Gedenken an keusche Witwen, treue Mandarine und tapfere Generäle errichtet worden waren. 55 prächtige Pailou hatten sogar die Einführung von Auto und Straßenbahn in Peking überlebt.
Nun wurden sie alle innerhalb weniger Wochen niedergerissen. Heute müssen Peking-Besucher eine Stunde über Land fahren, um nördlich der Stadt, vor den berühmten Ming-Gräbern, noch einen dieser Pailou sehen zu können.
Die Behörden behaupten, die Bögen seien ein großes Verkehrshindernis gewesen. Höchstwahrscheinlich jedoch wurden sie abgerissen, weil sie an alte Tugenden und Werte gemahnten, die das Volk nach dem Wunsch des neuen Regimes nicht mehr hochhalten sollte.
Dann änderten die Kommunisten sogar die Ausrichtung der Stadt. Statt der alten kaiserlichen Süd-Nord-Achse wurde die alte Straße des Ewigen Friedens, die Chang An, zum großen, politisch sinnträchtigen Ost-West-Boulevard verbreitert und verlängert.
Früher betrat der Reisende die Stadt von Süden her, nachdem er zuvor einen ganzen Kilometer lang durch prunkvolle Pailou, über Brücken, durch Tore wie durch ein gewaltiges musikalisches Crescendo auf die atemberaubende Pracht der purpurnen Verbotenen Stadt mit ihren gelben Dächern unter blauem Himmel eingestimmt worden war.
Heute dagegen fahren die Besucher vom Flugplatz im Osten in die Stadt der gesichts- und charakterlos gewordenen Straße des Ewigen Friedens, die sich durch nichts weiter auszeichnet als durch die großen Appartementhäuser des Ausländergettos und das Hotel "Peking". Sie landen in einer gigantischen Leere - auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Im alten Peking gab es keine öffentlichen Plätze. Damals hatten die Menschen nach Massenversammlungen offenbar kein Verlangen. Dann aber walzten die Kommunisten einen ganzen Bezirk nieder, um dort den größten Platz der Welt zu schaffen. Dieser Tienanmen-Platz, der Platz des Himmlischen Friedens, flankiert von der im gräkostalinistischen Stil errichteten "Großen Halle des Volkes" und dem Museum der Revolution, wurde das Herzstück des neuen China.
Hier gingen die großen Feiern der neuen Herren über die Bühne, nahm die Kulturrevolution ihren Anfang, demonstrierte China mit Millionen schreiender Menschen seine Unterstützung für Vietnam, seinen Haß auf Amerika und seine Ablehnung des Revisionismus.
Seit Maos Tod, dessen Mausoleum in der Mitte des Platzes die noch verbliebene Harmonie der Leere vollends stört, wird der Tienanmen nur noch von Einwohnern benutzt, die dort Drachen steigen lassen, und von fremden Besuchern, die sich dort unter dem letzten Mao-Porträt photographieren lassen. Nachdem S.128 einige Chinesen während des kurzen "Pekinger Frühlings" 1978 bis 1979 den Platz als Forum für ihre Beschwerden benutzt hatten, wurden an allen Ecken neue Vorschriften angebracht: "Es ist verboten, ohne Genehmigung der Regierung des Volkes Demonstrationen und Versammlungen zu veranstalten, Reden zu halten oder irgendwelche Propaganda zu schreiben, zu verteilen oder anzubringen."
Im alten China waren die Stadtmauern der größte Stolz ihrer Bewohner gewesen. Die schlimmste Strafe, die ein Kaiser für ein Verbrechen der Einwohner verhängen konnte, war es, die Mauern teilweise oder völlig zu zerstören.
Pekings Mauern waren die größten, mächtigsten, legendärsten. Nicht einmal die internationale Expedition der Kolonialmächte, die 1900 in Peking einrückte, um die ausländischen Gesandtschaften von der Belagerung durch die Boxer zu befreien und China für den Boxer-Aufstand zu bestrafen, wagte es, die Mauern der Hauptstadt anzutasten.
Den Kommunisten waren solche Bedenken fremd. Als fürchteten sie, kostbare Zeit zu verlieren, begannen sie ihr zerstörerisches Werk schon 1950. Aus Furcht vor der Rache der Bevölkerung, die über den Verlust des schützenden Zaubers ihrer Mauern zutiefst verbittert sein könnte, wurden die Demolierungstrupps zunächst nur nachts eingesetzt.
"Mir war, als würde mir mein eigenes Fleisch abgerissen, als würde mir die Haut abgezogen", schrieb der führende chinesische Architekt Liang Sitcheng. Er wurde später angeklagt, dem "rechten Lager" anzugehören, mußte Selbstkritik üben und seine Kollegen denunzieren und starb 1973 in Ungnade.
Der Abbruch der Mauern löste zunächst eine heftige Debatte zwischen denen aus, die einen Teil als "Geschmeide um den Hals Pekings" erhalten wollten, und jenen, die sie als "Kette an Pekings Füßen", welche den Aufbau der Stadt behindere, zerstören wollten.
1958 noch wurde der Vorschlag gemacht, die Überreste der Mauern in eine Hochpromenade mit Lebensmittelständen und Souvenirläden umzubauen. Von hier aus hätte man einen herrlichen Blick auf die Stadt gehabt - wie seit 1860, als ein kaiserlicher Sondererlaß Ausländern, jedoch nicht ihren Frauen, gestattete, diese Bastionen zu besteigen.
Doch es fruchtete nichts. Die letzten Teile der Mauern und die letzten Tore fielen während der Kulturrevolution - diesmal durch Einsatzkommandos von Intellektuellen, die als politische Gefangene der Rotgardisten gezwungen wurden, diese letzten Relikte des "feudalistischen China" zu zerstören, an das sie angeblich glaubten.
"Bei jedem Schlag wußte ich, daß wir eine Art kulturellen Selbstmords begingen", sagt heute ein Geschichtsprofessor. "Damals jedoch hätte ich, wenn mich die Rotgardisten dazu gezwungen hätten, sogar die Verbotene Stadt abgerissen. Welchen Sinn hatte es, ein einziges Denkmal zu schützen, wenn das ganze Land ohnehin zerstört wurde?"
Einige Mitglieder der obersten Staatsführung hatten das alte Peking ganz abreißen wollen. So machte Marschall Peng Te-huai, Held des Korea-Kriegs, Opfer der Kulturrevolution und danach post mortem wieder ein Held, den Vorschlag, sogar die Verbotene Stadt als bedeutsames Symbol der Vergangenheit zu zerstören.
Er wurde überstimmt. Mao Tse-tung und vor allem Ministerpräsident Tschou En-lai begriffen, daß sie einige der alten Stätten als Schaustücke ihres Nationalstolzes schützen mußten.
1958 ließ die Regierung alle Monumente Pekings zusammenstellen, die einen historischen, religiösen oder künstlerischen Wert hatten. Es waren immerhin S.130 noch 8000. Daraufhin wurde beschlossen, 78 Monumente zu erhalten, der Rest konnte getrost fallen oder verfallen. Während der Kulturrevolution wurden selbst diese 78 Denkmäler noch angetastet und teilweise zerstört.
1981 sollte eine neue Erhebung feststellen, was noch gerettet und wieder aufgebaut werden könne. Zu den alten 78 Monumenten kamen weitere 70 hinzu. In einigen Fällen müssen die alten Stätten fast völlig neu aufgebaut werden. So wurde unlängst das De-Schen-Men-Tor im Norden der Stadt wiederhergestellt - größtenteils aus Zement, da von dem ursprünglichen Bauwerk so gut wie nichts übriggeblieben war.
Wo einst die Mauern standen, verläuft jetzt eine moderne Autostraße. Wo einst die innere Mauer stand, südlich des Tienanmen, ragt heute die "Hua-Kuofeng-Mauer" auf, wie die Chinesen jene lange Reihe großer, grauer, einförmiger Wohnblocks nennen, die Maos Nachfolger für die Parteikader errichtete.
Monatelang standen diese Wohnungen leer, da ein großes Gerangel um die Vermietung ausgebrochen war. Als sie verteilt wurden, waren die meisten Fensterscheiben bereits zerbrochen, der Wasserdruck für die oberen Stockwerke zu niedrig, die Aufzüge blieben stecken.
Was jetzt neue Architekten bauen, ist nicht viel anders. Angesichts eines ungeheuren Bevölkerungswachstums - die Einwohnerzahl Pekings steigt jährlich um etwa 360 000 - und der Entschlossenheit der Regierung, den Lebensstandard in der Hauptstadt zu verbessern, werden überall in der Stadt Wohnblocks aus vorgefertigten Teilen hochgezogen, die dann bald wieder verfallen.
Kein Wunder, denn diese Wohnkomplexe werden mit den billigsten Baustoffen nach den simpelsten Methoden errichtet, Hunderttausende von Menschen in einem Labyrinth neuer Wohngebiete angesiedelt, in denen es keine Märkte und Läden, keine Schulen und Grünflächen gibt, in denen, wie aus vielen Beschwerdebriefen an die Zeitungen hervorgeht, nicht einmal Abstellplätze für Fahrräder vorgesehen sind.
Einen Bebauungsplan für Peking gibt es nicht. So bestehen denn für neue Gebäude auch keinerlei Vorschriften außer der, daß sie nicht höher als 40 Meter sein dürfen. Die Stadtverwaltung hat keine Möglichkeit, einzuschreiten und willkürliche Bautätigkeit zu unterbinden.
"Jede Einheit ist ein unabhängiges Königreich, jeder Parteisekretär ein Kaiser", sagen die Leute. Eine Einheit ist die Arbeitsgruppe, der jeder Bürger angehört, sei es nun eine Schule, Behörde, Fabrik oder ein Krankenhaus.
Eine Einheit oder vielmehr ihr Parteisekretär hat über die Mitglieder absolute Macht und volle Entscheidungsbefugnis über Eigentum und Grundbesitz, die ihr vom Staat zugewiesen wurden. Und jede Einheit verfährt mit ihrem Eigentum nach eigenem Ermessen.
"Wir mußten dieses Anwesen zerstören, wir hatten keine andere Wahl", sagt ein verantwortlicher Kader vom Historischen Institut der Sinologischen Akademie, das im vergangenen Jahr im Norden der Verbotenen Stadt ein prächtiges Haus mit vielen Innenhöfen, erhabenes Beispiel der klassischen Architektur der Ming-Dynastie, abriß und an seiner Stelle ein erbärmliches Hochhaus errichtete. "Wir brauchten Platz und konnten ihn woanders nicht bekommen."
So ist das alte Peking seit 1949 fast zur Hälfte zerstört worden. Dabei fielen ausgerechnet die prächtigsten und geräumigsten, die bedeutsamsten und kostbarsten Gebäude als erste.
Als die kommunistische Armee am 31. Januar 1949 kampflos in Peking einzog, das ein Kuomintang-General widerstandslos übergab, um es vor der Zerstörung zu bewahren, waren die fürstlichen Paläste, die prunkvollen Tempel und die prächtigen Häuser von der nach Taiwan fliehenden herrschenden Klasse des nationalistischen Regimes verlassen.
Die Eroberer beschlagnahmten sie sofort für die Tausende von Bauernsoldaten, die in die Hauptstadt strömten. Die schönsten Gebäude Pekings verwandelten sich zu Kasernen, alle Häuser und Besitztümer sogenannter "Feinde des Volkes" in Verwaltungszentren des neuen Regimes.
Im Verlauf dieser großen Umverteilung zog jede Einheit in den ihr zugewiesenen Komplex mit ihren Familienangehörigen ein.
Innerhalb des Areals vergrößerte sich dann jede Einheit, erweiterte und modernisierte, ohne sich um den ursprünglichen Zweck des Anwesens, seinen historischen oder architektonischen Wert auch nur im geringsten zu kümmern.
Alte Gebäude wurden abgerissen, damit neue Unterkünfte entstehen konnten, alte Möbel weggeworfen und verbrannt, damit Betten und Tische Platz S.132 fanden, Steingärten veränderten sich in Volleyballfelder.
In den zwölf berühmtesten Wang-fus, den fürstlichen Palästen Pekings, fanden unter anderem das Gesundheitsministerium, das Zentralkonservatorium, das Erziehungsministerium, ein Verlag und das Kulturensemble der Armee Platz - nach erheblichen Umbauten, versteht sich.
Die größte Residenz in ganz Peking, der Palast des Prinzen Kung, mit unzähligen Pavillons, Teichen, Empfangsräumen und Gärten teilten verschiedene Einheiten unter sich auf, an ihrer Spitze die Pekinger Fabrik für Klimatechnik.
Dieser Palast, der, wie alle Chinesen wissen, den Autor des beliebten Romans "Der Traum der roten Kammer" inspirierte, gehört jetzt zu den Monumenten, welche die Pekinger Stadtverwaltung restaurieren möchte. Doch inzwischen sind weite Teile des Gebäudes irreparabel beschädigt, andere völlig zerstört. Die verbliebenen Räumlichkeiten dienen als Unterkünfte für Polizisten, deren Einheit nicht ausziehen will.
"Die Einheiten der Volksbefreiungsarmee müssen soweit wie möglich vermeiden, daß alte Bauten und berühmte landschaftliche Schönheiten beschädigt werden", befahl unlängst der Generalstabschef in einem Rundschreiben an alle Regimenter in Peking - es wird nicht helfen.
33 Jahre nach der Befreiung wirkt Peking wie eine Stadt unter Militärbesetzung. Noch immer stehen einige zentrale Bezirke der Hauptstadt unter der Kontrolle der Armee, die auch heute noch in einigen der schönsten Gebäude verschanzt ist, verborgen heute allerdings hinter anonymen grauen Backsteinmauern.
Wer Peking nun durchstreift auf der Suche, wenn schon nicht nach den Monumenten von gestern, so doch zumindest nach den Plätzen, wo sie einst standen, hat deprimierende Erlebnisse.
Die Pekinger Stadtpläne aus der Zeit vor 1949 sind "neibu", zu deutsch: nur für den internen Gebrauch, das heißt geheim. "Die Kommunisten", so ein älterer Intellektueller, "wollen nicht, daß die Leute erkennen, wieviel sie zerstört haben."
Die heute in den Buchhandlungen frei erhältlichen Stadtpläne sind auf schlichte Verkehrspläne reduziert. Sie zeigen lediglich die Hauptstraßen, das Bus- und U-Bahn-Netz, enthalten keinerlei Hinweise auf die Tausenden kleinen Gassen, "hutung" genannt, die das Pekinger Stadtbild prägen. Sie enthalten auch keinen Hinweis auf historische Stätten.
Die alten Leute können noch immer den Standort eines früheren Tempels oder Palastes angeben. Die Jüngeren dagegen haben sich daran gewöhnt, daß ihr Weg von Mauern versperrt ist, ohne sich je zu fragen, was sich dahinter verbirgt.
An dem baufälligen Eingang des Gelben Tempels, außerhalb der früheren nördlichen Tore der Stadt, hängt ein Schild: "Besuche nicht gestattet". Der nahegelegene Schwarze Tempel ist ebenfalls unzugänglich. Er liegt inmitten eines militärischen Sperrgebiets.
Der Portugiesische Friedhof Schala, in einem westlichen Vorort Pekings gelegen, auf dem der Missionar Matteo Ricci und andere europäische Jesuiten seit dem 17. Jahrhundert begraben liegen, ist nur mit Sondergenehmigung zu besichtigen. Er beherbergt jetzt die kommunistische Parteischule.
Einige Grabsteine, etwa der von Ricci, wurden geborgen und wieder zusammengesetzt. Die anderen jedoch liegen zerbrochen auf der Erde und dienen den Parteischülern als Picknicktische.
Mitunter erfährt man nur durch Zufall, welche Einheit welche berühmte Stätte besetzt hat. Unlängst mußten 20 Feuerwehrfahrzeuge anrücken, um ein Feuer zu löschen, das im Tempel der Zehntausend Zeitalter, vier Kilometer westlich der Verbotenen Stadt, ausgebrochen war. Dieses Heiligtum gehörtezu den besterhaltenen Tempeln der S.133 Stadt, es war ein beliebter Ruheplatz der Kaiser, die hier auf ihrem Weg von der Verbotenen Stadt zum Sommerpalast Rast machten.
In einem kleinen Artikel der "Pekinger Abendzeitung", der über den Brand, den zweiten innerhalb weniger Monate, berichtete, hieß es, das Feuer habe große Schäden angerichtet; es sei von Kindern verursacht worden, die mit Knallfröschen spielten. In dem Tempel ist jetzt die Propagandaeinheit der Armee untergebracht, Hunderte Soldaten wohnen dort mit ihren Familien.
Peking war eine Stadt mit vielen Tempeln, vielleicht zu vielen. In etlichen waren schon zu vorkommunistischer Zeit Schulen und Krankenhäuser und Quacksalber eingezogen oder Märkte eingerichtet worden. Einige wie der Lama-Tempel wurden Zufluchtsort für Banditen, Deserteure und Rowdies, die gelegentlichen Besuchern das Geld abpreßten.
Die Kommunisten hatten für alle Tempel gute Verwendung. "Peking ist von einer Konsumstadt in eine Produktionsstadt umzuwandeln", lautete ihr Motto. Um aber produzieren zu können, brauchte Peking Fabriken, die wiederum brauchten Platz. So boten sich die Tempel mit ihren vielen offenen Innenhöfen als Gelände für die Industrie-Entwicklung geradezu an.
Die Strategie war eindeutig, die Produktion zu steigern und gleichzeitig die Religion zu vernichten, das Verfahren immer das gleiche: Eine Produktionseinheit rückte mit einigen Maschinen unauffällig in einen Tempelkomplex ein und nahm dort ihre Arbeit auf.
Der Parteikader der Einheit erklärte den Mönchen, daß die Produktion für das Land doch wichtiger sei als ihre Gebete. Dann wurden immer mehr Maschinen herbeigeschafft, den Mönchen immer mehr Raum genommen, bis diese schließlich verschwanden. Über den farbenprächtigen Ziegeln der Tempeldächer wuchsen neben den Glockentürmen zunächst Dutzende, dann Hunderte von Schornsteinen hoch, aus denen schwarzer Rauch aufstieg, bis sich schließlich ein Tempel nach dem anderen zur Fabrik gewandelt hatte. Allein während des "Großen Sprungs nach vorn", 1958/59, wurden im Zentrum der Stadt 1400 Fabriken eröffnet. Sie stehen dort heute noch - zum großen Teil in Tempeln.
Gußformen für Eisenschmelzöfen kommen zum Beispiel aus dem Tempel des Großen Buddha, Schmelzöfen, Elektrokabel vom Tempel der Kultivierten Weisheit, Glühbirnen aus dem Tempel des Feuergottes. Der Bai Yün Guan (Tempel der Weißen Wolken), Zentrum taoistischer Studien in China, entwickelte sich zu einem riesigen Lager mit Mechaniker-Werkstätten.
So gedieh Peking mit seinem einst legendären klarblauen Himmel zu einer Stadt, die heute von allen Hauptstädten der Welt unter dem meisten Umweltschmutz leidet. Den 11 000 Dampfkesseln, die mit Kohle beschickt werden, entströmen ganze Wolken erstickenden Kohlenstaubs.
"Die Luft- und Wasserverschmutzung in Peking ist ein ernstes Problem", warnt das chinesische Gesundheitsmagazin auf der ersten Seite. Im letzten Winter sollen monatlich 40 Tonnen Kohlenstaub pro Quadratmeter aus Industrie-Heizstellen auf die Stadt niedergegangen sein.
Einst galt Peking wegen seines trockenen Klimas als eine der gesündesten Städte Chinas. Heute leiden Hunderttausende unter chronischer Bronchitis, von Ausländern "Pekinger Lunge" genannt. Millionen Chinesen gehen im Winter mit weißen Gasmasken über Mund und Nase auf die Straße - was den Eindruck vermittelt, als sei ein Heer von Ärzten und Schwestern auf dem Wege in den Operationssaal.
Ein amerikanischer Wissenschaftler brachte 1980 einen "Air Quality Monitor" mit nach Peking, der die Schmutzteilchen in der Luft mißt. In der chinesischen Hauptstadt zeigte das Gerät 150 Mikron pro Kubikmeter an. Die Sicherheitsgrenze aber liegt bei 25.
"Wer hier morgens sein Jogging betreibt, könnte ebensogut täglich eine Packung Zigaretten rauchen", so der Kommentar eines ausländischen Arztes. Die Behörden sind sich des Problems durchaus bewußt und verkünden immer neue Pläne, die Fabriken aus den zentralen Gebieten der Hauptstadt zu verlegen und Maßnahmen zur Kontrolle der Umwelt zu verhängen.
1978 gelobte die Stadtverwaltung feierlich, "Peking in eine saubere Stadt zu verwandeln, in der man von der Weißen Pagode im nördlichen Seenpark eine S.135 klare Sicht auf die Hügel im Westen hat". Von der Weißen Pagode, vor der "Befreiung" 1949 ein beliebter Aussichtspunkt, öffnet sich der Blick auf die Westhügel nur noch selten. An windstillen Tagen liegt Peking in einem gelblichtrüben Dunstschleier.
Anfang dieses Jahres verkündete die Stadtverwaltung erneut einen Plan, die Hauptstadt zu "einer erstklassigen modernen Stadt, einem Musterbeispiel für das übrige China" zu machen. "Erstmals in der 3000jährigen Geschichte Pekings arbeiten wir an einem Forschungsprojekt, das sich mit dem Ökosystem befaßt", erklärte der Sprecher der Akademie der Wissenschaften. Bis Ende 1985 soll untersucht werden, was getan werden kann.
Bis dahin jedoch werden die Pekinger Zeitungen weiterhin Leserbriefe veröffentlichen, in denen Einwohner klagen, daß die Obstbäume keine Früchte mehr tragen, daß Rauch, Gestank und Lärm der Tempelfabriken den Anwohnern das Leben unerträglich machen.
Der Tempel der Großen Stille und der Tempel des Schlafenden Buddha aber wurden einfach zerstört, weil man Platz für Straßen brauchte, andere abgerissen, um neuen Gebäuden Platz zu machen. So steht an der Stelle des früheren Tempels der Rechtspagode heute das Pekinger Stadion der Arbeiter und an der Stelle jenes der Blühenden Glückseligkeit ein Warenhaus. Die beiden großen marmornen Schildkröten, die einst diesen Tempel bewachten, landeten bei den Ruinen des Alten Sommerpalastes, wo sie immer noch herumliegen.
Doch einige Tempelstätten blieben bei ihrer alten Zweckbestimmung, um die Fiktion von der "Religionsfreiheit" zu bewahren, die nach 1949 in jeder chinesischen Verfassung verankert war. Der Tempel des Östlichen Gipfels etwa, "Dong Yue Miao", bestand bis 1959.
Tausende Andächtiger besuchten täglich die 105 Gebäude des Komplexes und beteten vor den über tausend Gottheiten, die er beherbergte.
In diesem Tempel stellten sich die Seelen der Toten angeblich den Teufelsgöttern, die über die Gefängnisse der Unterwelt herrschen und entscheiden, welche Folterqualen die Sünder erwarten. Dieser Tempel, das größte taoistische Heiligtum Nordchinas, war bei der Bevölkerung Pekings deshalb überaus beliebt, weil sie dort für das Schicksal ihrer verstorbenen Angehörigen Fürsprache hielt.
Bei seiner Schließung wurde der Tempel der gefürchteten Sicherheitspolizei übergeben, die das Leben aller Chinesen überwacht. Alle Statuen verschwanden, viele der alten Gebäude sind abgerissen, in der Mitte des Innenhofs entstand ein neues rotes Backsteingebäude: Der Tempel ist jetzt die Schule für Sicherheitspolizisten geworden.
"Zumindest hier haben die Kommunisten den Geist der Stätte respektiert", höhnt ein älterer, in der Nähe wohnender Intellektueller. "Früher ging es im Tempel um Gefangene, heute ist es nicht anders."
In ganz Peking gibt es inzwischen keinen einzigen wirklichen Tempel mehr, wie er sein sollte, wie Tempel S.137 überall sind, wo Chinesen leben, überall auf der Welt außer in China: ein Ort, an den die Menschen kommen, wie es ihnen gefällt, ohne eine Eintrittsgebühr zu bezahlen, ein Ort, an dem sie beten, den Göttern Weihrauch spenden und meditieren.
Drei Tempel in den Westlichen Hügeln wie auch der Tempel der Fünf Pagoden, der unlängst wieder geöffnet wurde, nachdem er 15 Jahre lang Farm für Polizeihunde war, sind bessere Vergnügungsparks. Die Andachtstätte des Konfuzius ist ein Museum, derzeit mit einer Sammlung von Bronzestatuen, die bei der städtischen Müllabfuhr geborgen wurden.
Im Tempel der Quelle des Gesetzes ist das neuerstandene Buddhistische Institut untergebracht. Es betreut Glaubensbrüder aus dem Ausland, die Peking besuchen, während sich der Lama-Tempel im Norden der Stadt hauptsächlich um ausländische Touristen kümmert.
Die wenigen alten Mönche, die sich in den Innenhöfen den Kameras neugieriger Touristen stellen, wurden aus der Inneren Mongolei importiert. Die jungen Mönche dagegen, welche die einzelnen Hallen bewachen und dabei so unheilige Bücher wie "Kino heute" oder das Sportblatt lesen, wirken eher wie verkleidete junge Polizisten als wie Novizen eines Klosters.
Bietet die oberflächliche Rückkehr zur bescheidenen Tempel-Tätigkeit der Zeit vor der "Kulturrevolution" noch einen schönen Schein, so ist die private Welt der Hofhäuser Pekings unwiederbringlich verloren.
Anfang der 60er Jahre war es dem Regime zwar schon gelungen, für seine Vorstellung von einer sozialistischen Hauptstadt Zeichen zu setzen: Der Kommunismus erhielt seine Symbole in den großen Klötzen um den Tienanmen-Platz, die Arbeiter bekamen ein riesiges Stadion und die Bauern eine gewaltige Ausstellungshalle, die nationalen Minderheiten ihren pompösen Palast, die Eisenbahn einen neuen Bahnhof.
Doch die eigentliche Struktur der Hauptstadt war noch nicht angetastet, Peking noch eine Stadt voller Privatsphäre: Jede Familie lebte in einem Haus, das um einen Innenhof mit hohen Mauern erbaut war - Abschirmung gegen die äußere Welt.
Diese Innenhof-Häuser, auf chinesisch "Si-he-yuan" genannt ("der Hof, der vier Gebäude vereint"), lagen nach dem Schachbrett-Muster der Gassen, der Hutung, ausgerichtet, die der Stadt ihre Struktur gaben: 999 größere Hutung durchzogen sie, kleinere gab es so viele wie Federn auf einer Gans, sagten die Einwohner. Die Zahl der Si-he-yuan, der Innenhof-Häuser - ein typisches Merkmal nordchinesischer Architektur seit dem 12. Jahrhundert - ging in die Zehntausende.
Von außen führte ein kleines verziertes, von zwei Steinschnitzereien flankiertes Portal durch die graue Hutung-Mauer ins Innere, vorbei an einer Geistermauer, welche die bösen Einflüsse abwenden sollte. Die vier einstöckigen Räume im Innern mit rot und grün gestrichenen Fassaden, grauen, gewölbten Dächern, Fenstern aus weißem Papier waren um einen rechteckigen Innenhof angeordnet, in dem ein großer Baum Schatten spendete. Ein weiterer ähnlicher Innenhof schloß sich an, und je nach Reichtum der Familie auch noch ein dritter - ein Bild vollendeter Harmonie.
Das Si-he-yuan war der letzte Hort der Selbständigkeit, höchstes Refugium des Individuums, welches das neue Regime nun aufzuheben gedachte. Zu diesem Zweck entsandte Mao Tse-tung 1966 seine Rotgardisten durch die Hutung. "Dieses Haus ist für Sie zu groß. Für Ihre Familie genügt ein Raum. Die anderen Räume müssen dem Volke dienen!" so der ständig hergeleierte Befehl.
Banden Jugendlicher mit roten Armbinden stürmten die Innenhöfe, gefolgt von Nachbarn, Wohnungsuchenden, Gaffern, und hielten über die Besitzer und ihre Familien ein "Volksgericht" ab.
Die Häuser wurden ausgeräumt, sämtliche Besitztümer beschlagnahmt. Möbel, Vasen und Porzellan, Kleidung und Schmuck verschwanden. Der Rest flog in die Innenhöfe, wurde zertrümmert und verbrannt. Die Hauseigentümer wurden geschlagen, mitunter zu Tode. Viele begingen S.139 Selbstmord, zerstörten ihre eigene Habe oder verkauften ihre Bibliotheken kiloweise als Packpapier.
Nach der Schnelljustiz im Innenhof zogen neue Leute von außerhalb der Stadt und aus den überfüllten Unterkünften der Tempelfabriken in die Häuser ein. Sie wohnten neben den ursprünglichen Besitzern, die jetzt ebenso arm und mittellos waren wie alle anderen. Wo einst eine einzige Familie lebte, fanden zehn, zwanzig oder noch mehr Familien Unterkunft. Sie fällten die Bäume und errichteten in den Innenhöfen Hütten als Küchen und Lagerräume.
Die Rotgardisten gingen methodisch zu Werke. Haus für Haus, Hutung für Hutung eroberten sie das Zentrum der Stadt. Heute besteht keine einzige Gasse mehr, die noch an die vornehme Eleganz des alten Peking erinnert, mit ihren langen grauen Mauern, hier und da unterbrochen von einer kleinen roten Tür und dem Geäst der Bäume über den gewölbten Dächern, unter denen die Menschen jahrhundertelang die Traditionen einer großen Zivilisation bewahrt hatten.
Heute auch gibt es keinen einzigen Innenhof mehr, der noch jene geläuterte Atmosphäre atmet, in der Gelehrte mit geladenen Freunden die blühenden Chrysanthemen betrachteten und die Nacht damit verbrachten, Gedichte an den Mond zu schreiben.
"Die Zerstörung der Tempel und Paläste bedeutet mit Sicherheit einen großen Verlust", sagt ein chinesischer Historiker. "Doch was das alte Peking wirklich tötete, war die Zerstörung des Alltäglichen, des Innenhof-Hauses."
Die Hutung bieten nun ein miserables, schmutziges, verworrenes Bild. Die Innenhofhäuser, einst Musterbeispiele stiller Harmonie, sind verfallen, oft zu chaotischen Lagerplätzen verkommen - wirre Gebilde aus Hütten und Baracken voller Öfen, Fahrräder, Kohlen- und Backsteinhaufen, über denen die Leute ihre Wäsche trocknen.
Auf dem Straßenpflaster davor sitzen die Menschen, um zu kochen und zu waschen, zu arbeiten und mit ihren Kindern zu spielen. An vielen Häusern ist über den Türen die alte Parole zu lesen: "Ein sozialistischer Innenhof bedeutet Glückseligkeit". Viele haben inzwischen ein neueres, realistischeres Schild angebracht: "Schließt eure Fahrräder ab, und hütet euch vor Dieben".
Angesichts der Probleme, die sich aus einem so gedrängten Zusammenleben ergeben, widmete die Pekinger "Volkszeitung" im Oktober ihre Titelseite einem Modellfall, dem das ganze Land nacheifern solle. "Neun Haushalte wie eine einzige Familie" lautete die Schlagzeile.
Der Artikel berichtete von 39 Menschen, die seit 20 Jahren einen Raum teilen, eine Küche mit neun Herden und zwei Wasserhähnen, ohne sich je zu streiten. "Ihr Lebensraum", so die Schlußfolgerung der Parteizeitung, "ist sehr klein, ihr geistiger Raum dagegen sehr groß."
Die Beziehungen unter den Familien, die in einem solchen Haus wohnen, sind meist sehr gespannt. Die Kulturrevolution liegt zwar schon 16 Jahre zurück, doch die alten Bewohner betrachten die Zugezogenen immer noch als Eindringlinge und diese wiederum die Vorbesitzer als Klassenfeinde.
Die Bewohner mißtrauen einander und sprechen innerhalb der Familie stets im Flüsterton, weil sie fürchten, vom Nachbarn denunziert zu werden. Ein Ausländer, der einem kranken chinesischen Freund einmal ein Huhn schenken wollte, wurde abgewiesen, weil die Nachbarn des Kranken den Bratengeruch riechen und ihn "illegaler Beziehungen" anklagen könnten.
"Seit der Kulturrevolution leben wir unter dem Minimum geordneter Verhältnisse", sagt ein alter, enteigneter Hausbesitzer, der immer noch in seinem alten Hof wohnt, zusammen mit 23 Familien und einer kleinen Fabrik.
Jeden Morgen muß er vor der öffentlichen Toilette der Straße, 50 Meter von seinem Haus entfernt, Schlange stehen - auch im sozialistischen Peking gibt es noch keine Kanalisation. Die Überreste des ehemaligen Badezimmers liegen in einer Ecke des Hofes, nachdem die Rotgardisten Wanne, Kacheln, Badeofen als S.142 Symbole des "bürgerlichen Individualismus" zerstört haben.
Die seit der "Kulturrevolution" übliche Nachbarschaftstoilette ist ein kleiner, grauer Backsteinblock, der alle 200 oder 300 Meter in den Hutung aufragt, mit je einem Eingang für Frauen und Männer und schmutzigen, stinkenden Latrinen ohne Trennwand. Im Zentrum des heutigen Peking sind die langen Schlangen vor den Hutung-Toiletten ein gewohntes Bild. Geduldig warten die Menschen, im Winter bei klirrender Kälte, bis sie an die Reihe kommen, ihre Notdurft verrichten zu dürfen oder die Nachttöpfe der Familie zu entleeren.
In den Leserbriefen der Lokalzeitungen beklagen sich die Einwohner immer wieder, die Toilette in ihrem Bereich sei seit Monaten nicht geleert, und der Gestank verleide jedes Essen, die gestohlenen Glühbirnen würden nicht ersetzt, und nachts gleite man auf den glitschigen Latrinenfußböden aus.
Uniängst setzte die Pekinger Stadtverwaltung eine sanitäre Sondereinheit ein, bestehend aus 750 Mann. Zu ihren Aufgaben gehörte es, auf Diebe zu achten, die aus den öffentlichen Toiletten Türen, Fenster und Haken stehlen. Peking - ein Pfuhl, der auch noch überfüllt ist:
Seit 1949 ist die Bevölkerungszahl von 1,2 Millionen auf 9,2 Millionen angestiegen. Jeder Pekinger hatte bei Machtantritt der Kommunisten 11,2 Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung. Heute sind es noch 4,5 Quadratmeter.
Die Kommunisten bauten statt Wohnungen lieber Verwaltungs- und Repräsentationsgebäude für ihre Armeen und das Heer ihrer politischen Kader.
Die industrielle Ausstellungshalle, der landwirtschaftliche Ausstellungspalast und das Museum für Militärgeschichte haben kaum Besucher. Alle Ministerien und öffentlichen Ämter verfügen über riesige Konferenz- und Tischtennisräume, während ihre Angestellten auf engstem Raum zusammengepfercht sind.
Unmengen Energie und Kapital sind unter der Erde investiert. Mao gab die Parole aus: "Grabt tiefe Tunnel. Lagert überall Getreide. Rüstet euch für Naturkatastrophen und Krieg." Unter Peking entstand 1969 wie unter allen anderen chinesischen Städten ein riesiges Tunnelsystem, eine Schattenstadt.
"Wir hatten keine Maschinen, so mußten wir mit den Händen arbeiten - jeder war ein Freiwilliger", berichtet Dai Jinschang, verantwortlicher Funktionär des Pekinger Büros für den Bau von Luftschutzkellern, "wir hatten keinerlei Erfahrung, aber wir machten weiter."
Jeden Tag schachteten Millionen Menschen nach der Arbeit mit Schaufeln und Spitzhacken den Boden unter ihren Fabriken, Läden und Schulen aus, schafften die Erde tonnenweise in kleinen Schubkarren weg. Das verwirrende Labyrinth von Stollen, die sich in allen Richtungen verzweigen und Millionen Tonnen Baumaterial verschlangen, sollte im Fall eines Atomangriffs der Sowjet-Union Zuflucht oder Gelegenheit zur unterirdischen Umsiedlung aufs Land bieten.
Eingänge zu diesen unterirdischen Tunneln gibt es überall: vor der Schiebetür eines großen Warenhauses, auf dem Spielplatz einer Schule, im Keller einer Fabrik oder eines Wohnblocks.
1979, als die Arbeiten noch im Gange waren, erkannte die Regierung, daß die Wühlerei ein Fehler war. Nun mußten die Behörden für das riesige Monster eine neue Verwendung finden. So wurden Teile der Tunnels in eine Touristenattraktion mit Souvenierläden oder in Vortragssäle für Funktionäre verwandelt. Um den Eindruck von Überwältigung zu steigern, ist es den Touristen verboten zu photographieren.
Andere Tunnelabschnitte dienen als Warenlager der darüberliegenden Geschäfte, auch als Unterkünfte, kleine Fabriken und Kantinen. Eine Einheit im Westen der Stadt hat entdeckt, daß sie in dem feuchten und schlechtgelüfteten Klima jährlich 250 000 Kilo Pilze züchten kann.
Obschon der militärische Wert der gigantischen Anlage inzwischen gleich Null ist, gelten alle Informationen über die Tunnels weiterhin als geheim. Das elektrisch beleuchtete und belüftete, streckenweise mit Wagen befahrbare Netz soll über 30 Kilometer lang sein.
Das derzeit offensichtliche Ergebnis der Untertunnelung Pekings ist der akute Wassermangel der Neun-Millionen-Stadt. Das triumphale Bauwerk des Kommunismus hat in der Kapitale ohne Zufluß und ohne Abwässerkanäle die unterirdische Natur völlig gestört: Grundwasser und Quellen versiegen, Peking trocknet ein.
Im nächsten Heft
Bettlern ist der Zugang verboten - Der Tod der Peking-Oper - Alle Hunde erschlagen - Private Telephone gibt es nicht - Totales Blockwartsystem

DER SPIEGEL 51/1982
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