20.12.1982

Ins Nichts

Mit geschenktem Geld wurde Mainz 05 Fußball-Champion bei den Amateuren. Nach dem Tod des Mäzens steht der Verein vor der Pleite.
Im Juni, nach Gewinn der deutschen Amateur-Meisterschaft, feierten die Fußballer von Mainz 05 im Stadtparkrestaurant "Favorite" wie Profis.
Zum Menü gab es Salmmedaillons "05", Fasanenessenz "mit kleinen Bällchen" und Fleischauswahl "nach Meisterart". Nach dem Dessert (Orangensurprise "Freudenzauber") überreichte der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs (SPD) dem "05"-Vorsitzenden Jürgen Jughard eine hohe städtische Auszeichnung, das "Kaisermedaillon".
Der Alt-Internationale Fritz Walter aus Kaiserslautern schickte ein Glückwunschtelegramm, der rheinland-pfälzische Innenminister Kurt Böckmann (CDU) und der DFB-Schatzmeister Egidius Braun gratulierten vor Ort.
Nur Rolf Braun, Sitzungspräsident bei der Fernseh-Fastnacht ("Mainz wie es singt und lacht"), trübte die Harmonie durch schwarzen Humor: Er brachte als Geschenk einen Erste-Hilfe-Koffer mit.
Rettungsmaßnahmen sind im "Bruchweg-Stadion" inzwischen vonnöten. Im August verlor der Vorsitzende und Vereinsmäzen Jürgen Jughard seinen Job bei der Deutschen Anlagen-Leasing (DAL). Drei Tage später kam er in der Nähe von Koblenz bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ohne Mäzen, klagt der Mainzer Oberbürgermeister und "05"-Beirat Jockel Fuchs, steht der Verein "jetzt plötzlich vor dem Sturz ins Nichts".
Zwei Jahre lang hatte der Klub-Präsident Klub und Spieler mit Sachzuwendungen und Bargeld "in Millionenhöhe" (Fuchs) verwöhnt. Die Wohltaten wurden allerdings von Jughard, wie Betriebsprüfer ermittelten, durch Veruntreuungen bei seinem Arbeitgeber finanziert. Jetzt fordern geschädigte Unternehmen ihr Geld zurück, und das Finanzamt reklamiert Steuerschulden.
Ein Koblenzer Sportartikelgeschäft, an dem Jughard über die DAL beteiligt war, präsentierte Rechnungen über 400 000 Mark. Die Vereinsführung hatte die regelmäßige Lieferung von Sportgeräten als Spende des Vorsitzenden angesehen. "Wenn wir das alles zahlen müssen", eröffnete der stellvertetende Vorsitzende Wolfgang Enders den Mitgliedern, "müssen wir Konkurs anmelden."
Bei den Fußballern, letzte Saison noch Spitze, zeichnet sich die Pleite bereits ab. Seit die Spieler statt Bargeld nur noch Zahlungsbefehle erhalten, kämpft die Meistermannschaft in der Oberliga Südwest abgeschlagen im unteren Mittelfeld.
Der Jammer in der Kicker-Provinz, der eitle Träume von der Bundesliga ablöste, gibt wieder einmal Einblick in die Praktiken der Unterhaltungsbranche Fußball, in der sich kapitalkräftige Gönner begabte Spieler wie Rennpferde halten. Dabei kassieren Amateurspieler, steuerfrei, weil ohne Beleg, teilweise so hohe Summen wie Profis.
Das Eintrittsgeld der Zuschauer, das selten mehr als 30 Prozent des Etats S.146 ausmacht, reicht für den Spielbetrieb längst nicht mehr aus. In den Amateur-Oberligen "kosten Spitzenmannschaften mit Aufstiegsambitionen", wie Fußballabteilungsleiter Helmut Höfels von Mainz 05 berichtet, "pro Saison mindestens eine Dreiviertelmillion". Da bleibt ehrgeizigen Vereinsvorständen nur die Hoffnung auf Sponsoren.
Dankbar über den "einmaligen Aufschwung des Vereins" (Vorstandsmitglied Enders), hatte bei Mainz 05 niemand Herkunftsnachweise über Jughards reichlich fließendes Geld verlangt. Zwar war auch Enders "unklar", wie der Vorsitzende "das alles macht". Doch der infolge spinaler Kinderlähmung körperbehinderte Jughard, von ehemaligen Kollegen als "machtbesessen und krankhaft ehrgeizig" geschildert, verwies bei Rückfragen auf seine Geschäftsverbindungen: "Macht euch keine Gedanken."
Die Mainzer Fußballer kassierten, wie inzwischen Klubfreunde berichten, "bis zu 50 000 Mark pro Saison" - und zwar vorwiegend netto. Weil Amateurvereine monatlich höchstens 700 Mark pro Spieler aufwenden dürfen, wenn sie gemeinnützig bleiben wollen, laufen Handgelder und höhere Honorare stets an der Klubkasse vorbei.
Automatische Folge: Nicht alle Balltreter versteuern das Schwarzgeld und sind gegenüber steuerpflichtigen Profi-Kollegen, die Lizenzspieler-Verträge unterschrieben haben, häufig sogar im Vorteil. Die Amateur-Oberliga heißt unter Fußballern "die Nettoliga".
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und seine Kontrolleure sind gegenüber dem illegalen Treiben hilflos. "Bei Schwarzgeld", bedauert DFB-Generalsekretär Hans Paßlack, "gibt es weder Kontrollen noch Obergrenzen." Die Auswüchse seien zwar "unerfreulich, aber unvermeidbar".
So wurde Jürgen Jughard im Juni 1980, nachdem er in Mainz zum Vorsitzenden gewählt worden war, auch gleich per Satzungsänderung mit Alleinvertretungsvollmacht ausgestattet. Prompt kamen drei ehemalige Bundesliga-Kicker an den Rhein. Zwölf weitere Neuzugänge, durchweg gute Fußballer, verhalfen dem FSV Mainz 05 zur Amateur-Meisterschaft.
Den jetzigen Mannschaftskapitän Herbert Scheller, Ex-Profi beim 1. FC Kaiserslautern und bei 1860 München, lockte ein Posten bei der DAL, auch Vorstopper Jürgen Janz ist bei dem Leasing-Unternehmen beschäftigt.
Andere verführte anderes: Torinstinkt oder Spielmacherqualitäten honorierte der Vorsitzende mit neuen Autos, kompletten Möbelgarnituren oder Einbauküchen, Vereinstreue wurde mit Handgeld bis zu 30 000 Mark belohnt. Besonders erfolgreiche Dribbler bekamen laut Beiratsmitglied Fuchs "sogar Grundstücke besorgt"; etliche Fußballer avancierten zu Bauherren.
Auch die Siegprämie, 250 Mark pro Spieler, entsprach nicht Amateurmaßstäben. Jughard richtete ein Konto im Namen des Vereins ein, über das aber nur er und ein Spieler verfügen konnten. Die Deckung wurde zu Jughards Lebzeiten nie vernachlässigt, inzwischen jedoch soll das "Konto auf null" sein.
Die Zuwendungen, von denen heute bei Mainz 05 niemand etwas gewußt haben will, wurden offenbar alle über die DAL abgebucht. Jürgen Jughard, der sich vom Sachbearbeiter zum Generalbevollmächtigten der ertragsstärksten DAL-Tochter "Service GmbH" hochgearbeitet hatte und zuletzt für einen Vorstandsposten vorgesehen war, soll nach bisherigen Erkenntnissen von Betriebsprüfern durch gezielte Fehlbuchungen ("Vorsteuer an Bank") jahrelang Millionenbeträge von DAL-Konten abgezogen und in Firmen gesteckt haben, an denen er mitbeteiligt war. Die Zuwendungen an Verein und Spieler wurden zumeist über Einzelhandelsgeschäfte abgewickelt, denen Jughard als Geschäftsführer vorstand und die zum im DAL-Einflußbereich liegenden Koblenzer Gemeinschaftswarenhaus "Gewa" gehörten.
Pech für die Amateure, daß Leistungen in Höhe von rund 500 000 Mark über Lieferscheine, Rechnungen und Kontenbewegungen nachweisbar sind und sich die durch Jughards Geschäftsführung geschröpften Firmen jetzt an die Spieler halten.
So reklamierte die "Gewa Einrichtungs- und Vertriebs-GmbH" in Mahnbriefen an "05"-Fußballer unbezahlte Möbelrechnungen ("... daß Sie Ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen sind, verwundert uns sehr"), und die Koblenzer Firma "RM-Werbung", zu deren Lasten ein Scheck über 20 000 Mark Handgeld ausgestellt wurde, bat den begünstigten Spieler jetzt höflich um Rückzahlung, "da wir mit Ihnen in keinerlei Geschäftsverbindung stehen".
Steuerfahnder, die von den Zuwendungen erfuhren, versuchten nachzutreten. Fünfzehn in die Defensive gedrängte Kicker kamen den Beamten zuvor und legten durch den Wiesbadener Anwalt Ulrich Baur, Spezialist für Steuerrecht, ihre happigen Fußballeinkünfte durch "Selbstanzeige" offen. Ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung können die Spieler aber nur dann abwenden, wenn sie ihre Steuerschulden kurzfristig begleichen. Viele sind allerdings zahlungsunfähig, weil sie hauptsächlich von Jughards Geld ihren Unterhalt bestritten.
Beim Finanzamt wird inzwischen geprüft, ob nicht auch der Verein, der vom Eifer der illegal geförderten Amateure profitierte, für die Steuerschulden der Fußballer haftbar gemacht werden kann. Schließlich bestand de facto, auch wenn die Zahlungen von dritter Seite erfolgten, zwischen den Balltretern und Mainz 05 eine Art Arbeitsverhältnis.
Ob solcher Hiobsbotschaften trauern die Mitglieder vergangenen Zeiten nach. Denn nie ging es im biederen Fußballverein am Bruchweg nobler zu als unter Jughards Regentschaft. Die Halbzeitpausen der Heimspiele nutzte der Boß zu Sektempfängen für die Prominenz, der Fußballjugend besorgte er spontan einen Rheindampfer für eine "Riverboatshuffle".
Für betuchte Spender gründete Jughard einen "Vip"-Club (Jahresbeitrag: 1140 Mark), bei Vereinsfesten flogen auch schon mal Geldscheine des Vorsitzenden durch den Saal.
Ein Nachfolger für den spendablen Vereinschef fand sich bislang nicht. Auf der Generalversammlung wurde kein geeigneter Kandidat gefunden. "Was uns fehlt", klagte Stellvertreter Enders nach einer Gedenkminute, "ist der Mäzen, der Mensch, die Führungskraft."

DER SPIEGEL 51/1982
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