20.12.1982

MEDIZINSchnecke gereizt

Ärzte und Akustiker haben am Marien-Hospital in Düren eine elektronische Hörhilfe für das Innenohr entwickelt.
Im Zeitalter des Walkman fällt die 13jährige Irene gar nicht auf. Am Hals trägt sie ein flaches schwarzes Kästchen, von dem ein Draht zum Ohr führt.
Doch Irene läßt sich weder mit Hard Rock noch mit Disco-Sound beschallen. Sie braucht das Gerät, um überhaupt etwas hören zu können. Vier Jahre lang hatte sie, durch eine Hirnhautentzündung ertaubt, keinen Laut mehr wahrgenommen. Nach einer neuartigen Operation am St.-Marien-Hospital in Düren kann sie nun Alltagsgeräusche wie Hundegebell, Babygeschrei oder das Läuten der Türklingel voneinander unterscheiden und einfache Sätze verstehen.
Die Wiederentdeckung der akustischen Welt wurde dem Mädchen durch ein Therapieverfahren ermöglicht, das ein Team von Ärzten und Ingenieuren entwickelt hat: Die Hörspezialisten pflanzen dem Patienten mikrochirurgisch winzige Elektroden ins Innenohr ein. Das auf der Brust zu tragende, transistorähnliche Gerät setzt ankommende Geräusche in elektrische Impulse um, die, über eine Leitung zu den Elektroden geschickt, den Hörnerv reizen. Der Nerv wiederum meldet die Geräusche dem Gehirn, als habe er sie auf normalem Weg empfangen.
An Prothesen für das zerstörte Hörorgan arbeiten internationale Forschergruppen schon seit rund 20 Jahren. Nach meist ähnlichem Prinzip versuchen die Wissenschaftler, elektrische Reize auf die Schnecke auszuüben - das gewundene Organ im Innenohr, versehen mit 18 000 bis 32 000 Hörnervenfasern, leitet normalerweise die Schallenergie über den Hörnerv an das Gehirn weiter.
Durch Verletzungen oder Infektionen, etwa Hirnhautentzündung oder Röteln, kann die Schnecke so geschädigt werden, daß sie auf Schallimpulse nicht mehr reagiert: Die Patienten werden taub.
Am Ohrforschungsinstitut in Los Angeles hat Dr. William House, einer der erfahrensten Gehörlosenforscher, bereits mehr als 200 Patienten eine Elektrode ins Innenohr gepflanzt. Kombiniert mit einem Mikrophon am Ohr und einem unter der Kleidung getragenen Transmitter, reizt die Elektrode den Hörnerv so, daß der Taube zumindest gewisse Geräusche wahrnehmen kann; Sprache allerdings vernimmt er damit nicht.
Dieses System inspirierte vor fast zehn Jahren Professor Paul Banfai, eine Art "künstliches Ohr" für scheinbar unheilbar taube Patienten zu entwickeln. Gemeinsam mit dem Ohrspezialisten Professor Fritz Wustrow, dem Ingenieur Günter Hortmann und dem Anatomen Professor Stephan Kubik erprobt Banfai am St.-Marien-Hospital in Düren nun ein Implantations-Verfahren, das bessere Hörergebnisse erbringen und zugleich eine Verletzung der empfindlichen Schnecke vermeiden soll.
Im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Köln ersann die Gruppe eine komplizierte Hörhilfe: Statt einer einzigen Reizleitung verlegt Ohrchirurg Banfai insgesamt acht Platin-Elektroden ins Innenohr, ohne dabei die Kanäle der Schnecke zu eröffnen. Im Tierversuch hatte sich gezeigt, daß die operative Einführung der Elektroden in das gewundene Organ die Schnecke und auch den Hörnerv schädigen kann.
Damit die Patienten nicht nur Hintergrundgeräusche registrieren, sondern S.178 auch Worte verstehen können, mußten die Hörtechniker die Sprache "vorverarbeiten", das heißt: Sie zerlegten die Geräusche in acht verschiedene Frequenzen - eine für jede Elektrode. Der um den Hals getragene Sprachprozessor enthält zu jedem Frequenzband einen Reizgenerator; das damit verbundene Mikrophon läßt jeweils nur jene Frequenzen durch, auf die das System abgestimmt ist.
Während des Eingriffs, der etwa vier Stunden dauert, verteilt der Chirurg dann die Elektroden gleichmäßig an der Schneckenwand. Über einen Stecker, den Banfai unter die Haut hinters Ohr pflanzt, können die Elektroden an das außen liegende "Hörgerät" angeschlossen werden.
Nach der Operation kontrolliert der Hörtechniker, was die einzelnen Elektroden bei der Reizung der Hörnervenfasern leisten; dem Prüfungsergebnis entsprechend wird der Sprachprozessor des Patienten eingestellt.
Der "Versuch, die sehr differenzierte Struktur des Innenohrs mit primitiven Mitteln nachzuahmen", so Banfai, sei bei allen 18 bisher am Marien-Hospital behandelten Patienten gelungen.
Wie die 13jährige Irene können sie wieder Alltagsgeräusche identifizieren sowie Unterschiede in Tonhöhe und Lautstärke wahrnehmen. So erkannte eine 35jährige Frau, die vor ihrer völligen Ertaubung Musiklehrerin gewesen war, erstmals wieder verschiedene Tonhöhen auf der Orgel. Nach der Implantation fällt den Patienten auch das Lippenablesen wesentlich leichter; und tägliches, hartnäckiges Üben ermöglicht es den Gehörlosen schließlich, bestimmte Wörter auch ohne Lippenablesen zu verstehen.
Die auf wenige Frequenzen eingeengte Sprache erscheint freilich monoton und klanglos, ähnlich der Stimme aus einem Computer. Professor Banfai bezweifelt deshalb, daß Beethoven mit dem künstlichen Ohr zufrieden gewesen wäre: "Er hätte das Gerät sicher ausgeschaltet."

DER SPIEGEL 51/1982
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