27.12.1982

„Jeder Parteisekretär ist ein Kaiser“

SPIEGEL-Redakteur Tiziano Terzani über Peking (II): Die Bürden des täglichen Lebens
Das alte Peking war eine Stadt der Freude, der Vergnügen und auch des Lasters, eine Stadt der Feste und der Tempelmessen. So gab es Feiern zur Begrüßung des Frühlings, zur Huldigung an Mond und Sterne, es gab ein Laternenfest und eines, wenn die Winterkleidung in die Sonne gehängt wurde.
Aber auch alltägliche Ereignisse wie Beerdigungen, Hochzeiten und Feiern über Feiern machten die Straßen zu Festplätzen, schilder- und fahnengeschmückte Läden boten ein unaufhörliches farbenprächtiges Spektakel. Das Leben im alten Peking war aufregend und faszinierend wie angeblich an keinem anderen Ort der Welt.
Nach der Befreiung veranstaltete das kommunistische Regime eine Zeitlang noch seine eigenen Feste, um seinen neuen Führern zu huldigen und die Jahrestage der Partei zu feiern. Mit der Zeit jedoch wurden auch diese Feste abgeschafft. Heute läuft das Leben in Peking monoton und ereignislos ab.
Es gibt keine Feiern, keine Feste und keine bunten Ladenschilder mehr, die Straßen haben ihren fröhlichen Charakter verloren. Die Menschen versammeln sich nicht mehr unter den Klängen von Gongs oder Trompeten.
Ein Tag ist wie der andere. Für Millionen Pekinger, die zu Hause immer noch kein fließendes Wasser haben, beginnt der Tag mit dem Krug in der einen Hand und der Zahnbürste in der anderen - so putzen sie sich auf dem Bürgersteig die Zähne. Dann folgt das ewige Schlangestehen: für das Frühstück, für den Bus, der sie zur Arbeit bringt, für Fisch und Gemüse, Bohnengallert und Milch und schließlich wiederum für den Bus, der sie nach Hause fährt. 1949 gab es in Peking 10 000 Restaurants für die 1,2 Millionen Einwohner, heute nur noch 1700 - für neun Millionen Menschen.
Die Stadt war einst für ihre gute Küche berühmt. Heute wird nur noch in den Ausländern vorbehaltenen Restaurants gut gekocht. In den Lokalen dagegen, die den Chinesen zugänglich sind, hat das Essen allein die Aufgabe, satt zu machen.
Die hygienischen Verhältnisse in diesen Chinesen-Restaurants sind abstoßend: Auf den Fußböden ein Gemisch von Speiseresten und Spucke, auf den Tischen schmutzig-klebrige Plastikdecken, die nur hin und wieder mit ebenso schmutzigen, fettverschmierten Tüchern abgewischt werden.
Die Menschen essen in Eile, gedrängt von denen, die auf ihre Plätze warten. Andere wiederum hocken auf dem Fußboden, um dort ihr Essen zu verschlingen, während ein paar Bettler darauf warten, die Suppenreste in Plastikbeutel zu schütten.
In Peking leben allerdings nicht mehr viele Bettler. Die Stadt ist angeblich von einem Sanitätskordon umgeben, der bettelnden, armen Bauern den Zugang verwehrt. Dennoch sind sie nicht ganz verschwunden. In den überfüllten Straßen südlich des Tschianmen-Tors, häufiger noch am Bahnhof Yungtingmen oder abends in den kleinen Wohnhöfen (Hutung) sind durchaus Menschen zu sehen, die in den Abfallhaufen scharren.
Ein Nachtleben gibt es in Peking nicht mehr. 1949 noch bestanden im Umkreis der Kreuzung Perlmarkt vor dem Tschianmen-Tor 237 Bordelle mit etwa zehntausend Prostituierten. Die neue kommunistische Regierung erklärte unmißverständlich, diese Situation könne nicht hingenommen werden. S.87
Eines Abends, Anfang 1950, umzingelten kommunistische Truppen das ganze Gebiet, verhafteten Hunderte von Menschen, schossen auf einige, die Widerstand leisteten, und verbrachten die Prostituierten in Arbeitslager. Später dann tauchten wenige der Mädchen in einem Schauspiel wieder auf, um vor der Öffentlichkeit darzutun, wie schrecklich ihr früheres Leben gewesen sei und wie erfolgreich das neue Regime sie umerzogen habe.
Im heutigen Peking sind Bordelle unbekannt, und gewiß trauern ihnen auch nicht allzu viele Menschen nach. Viele jedoch bedauern den Verlust zahlreicher anderer Annehmlichkeiten, die ihnen früher leicht zugänglich waren und das Leben fröhlicher machten.
Die Stadt geht mit Sonnenuntergang zu Bett. Die Restaurants schließen um 20 Uhr. Viele jedoch werfen ihre Gäste bereits um 19.30 Uhr hinaus, wenn die Kellner aufräumen und den Fußboden mit Wasser reinigen.
Private Tanzfeste, die junge Leute für kurze Zeit, in den Jahren 1978 bis 1980, veranstalten durften, sind inzwischen wieder verboten, weil "sie das normale Leben der Massen" stören und die Musik dieser Veranstaltungen jetzt als "pornographisch" gilt.
Es gibt auch nur wenige Kinos und Theater - in ganz Peking insgesamt 69. Dort aber werden nur fünf oder sechs Filme gezeigt. Überdies müssen die Eintrittskarten Tage im voraus oder über die jeweilige Arbeitseinheit gekauft werden.
Denjenigen, die nicht so früh ins Bett gehen möchten, bleibt als einzige Zerstreuung nur die Möglichkeit, im trüben Neonlicht der Straßenlaternen Karten oder Schach zu spielen.
Im alten Peking gab es sogar in den schlimmsten Jahren des Bürgerkriegs und der japanischen Invasion immer einen Ort, an dem die Menschen Zerstreuung oder Ablenkung von der Not des Tages fanden. Die Himmlische Brücke, "Tian Tschiao", im Westen des Himmels-Tempels gelegen, war ein Stadtviertel voller Theater und Teehäuser, Opiumhöhlen, Restaurants und "Hühnerfeder-Lokalen", so die Bezeichnung der billigen Massenhotels für Kulis und Bettler.
Zur Tian Tschiao begab sich denn auch jener Rikscha-Kuli, dem Lao Schö in seinem besten Roman ein Denkmal setzte. Verzweifelt über den Tod seiner Frau, krank und unfähig zur Arbeit, fand der Held inmitten der Kioske, Akrobaten, Musiker und Geschichtenerzähler eine Nacht lang Vergessen und menschliche Wärme.
Heute, nachdem alle Spuren des früheren bunten Lebens verschwunden sind, bietet das inzwischen völlig sanierte Stadtviertel Tian Schiao ein ebenso düsteres und trostloses Bild wie jeder andere Bezirk der Stadt. Ein einziges Theater wurde renoviert, es spielt hauptsächlich für ausländische Gäste.
Bis zur Kulturrevolution gab es in Peking noch einige Teehäuser, in denen Geschichtenerzähler ihre Kunden anlockten, die beim Tee den endlosen Erzählungen heroischer Taten der Vergangenheit lauschten. Dann jedoch wurden alle Teehäuser geschlossen. Nur zwei öffneten unlängst wieder, das eine in einer armseligen Baracke an der früheren Hinrichtungsstätte Pekings, das andere im berühmten Trommelturm.
Die Peking-Oper, die weltbekannte und beliebteste Unterhaltung des nördlichen China, während der Kulturrevolution ebenfalls abgeschafft, wurde wiedereröffnet. Aber sie ist nicht mehr, was sie einst war, und soll es auch nicht sein.
Hunderte von Jahren war die Peking-Oper mit ihrem breitgefächerten Repertoire - etwa 1000 verschiedene Aufführungen - eine Manifestation der chinesischen Kultur. Vor der Bühne der Wandertruppen, Dutzenden von Theatern und Jahrmärkten hörten die Menschen von ihrer Geschichte und Literatur, ihren Bräuchen und ihrer Dichtung. Da wurden die Volksweisheiten von Generation zu Generation weitergegeben.
Diese Kunstform war Ausdruck des alten Feudalsystems und prägte die Weltanschauung des Volkes. So brachten die Kommunisten die Peking-Oper nach 1949 sofort unter ihre Kontrolle.
Zunächst kappten sie das Repertoire, nur einige Dutzend Stücke blieben übrig. Opern, in denen Grundbesitzer positiv dargestellt wurden, durften zu einer Zeit S.88 nicht gespielt werden, in der die Grundbesitzer vor Volksgerichtshöfen standen, schlimmster Verbrechen angeklagt und oft hingerichtet wurden. Der letzte Schlag gegen die Peking-Oper fiel kurz vor der Kulturrevolution: Die Schauspieler wurden ins Gefängnis oder in Arbeitslager gesteckt.
In den letzten beiden Jahren dann überprüften die Behörden die Peking-Oper gründlich. Unter dem Vorwand, sie finde bei der Jugend keinen Anklang mehr, wird sie jetzt "modernisiert" und damit "als Peking-Oper getötet", wie ein ausländischer Beobachter sagt, der in dieser speziellen Kunstform bewandert ist.
Die traditionellen Stücke werden der derzeitigen Politik angepaßt - Geister aus der Handlung verbannt, weil "sie nicht real, sondern nur ein Produkt des Aberglaubens" sind.
Kaiser und Mandarine erhalten nur noch eine Frau, denn Bigamie ist heute verboten. Der junge Mann, der in den klassischen Texten von einst sang "mit 20 sollte ich eine Frau haben", singt jetzt "mit 30 sollte ein Mann eine Frau haben", weil das der amtlichen Familienplanung entspricht.
Einst war Peking eine Stadt der Schneider, Friseure und Tischler, allesamt für zuverlässige Arbeit gerühmt. Die jedoch gehört längst der Vergangenheit an. Der normale Chinese muß im Durchschnitt sieben Monate warten, bis sein Anzug fertig ist.
In vielen Leserbriefen an die Pekinger "Volkszeitung" und die "Abendzeitung" sind Klagen von Leuten zu lesen, die nach großen Opfern und langem Warten schließlich Kleidung erhielten, die nicht paßte und nicht mehr geändert werden konnte.
Vor der Schneiderei Lan Tian in der Wangfutsching-Straße, für bessere Arbeit bekannt, stehen die Leute um fünf Uhr morgens Schlange, um eine Nummer zu erhalten, mit der sie dann den Laden betreten können, wenn er schließlich um neun Uhr öffnet. Der Betrieb nimmt jedoch nur 25 Kunden am Tag an.
1949 gab es Hunderte kleiner und mittelgroßer Privatschneidereien, die alle um Kunden wetteiferten. Heute bestehen nur noch 165 Kollektivschneidereien, denen alles gleichgültig ist, Ansehen und Kunden inbegriffen.
Die einzige Schneiderei, die zumindest noch den Anschein einer gewissen individuellen Betreuung erweckt, ist "Hung Du", die "Rote Hauptstadt", in der Hauptstraße des alten Gesandtschaftsviertels. Sie jedoch betreut nur Ausländer, Parteikader und chinesische Delegationen, die ins Ausland reisen.
Dieser Betrieb lieferte Mao einst seine berühmten Jacken, deren Ärmel die halbe Hand verdeckten. "Er wollte sie so haben", sagt jetzt der Mann, der einst für den Großen Vorsitzenden schneiderte und zu seinen vornehmsten Kunden S.90 auch den damaligen Ministerpräsidenten Tschou En-lai zählte.
Peking besaß einst Tausende von Geschäften, 1949 waren es noch 72 303 mit zusammen 115 000 Angestellten. Diese wurden in den ersten 20 Jahren der Revolution aus ideologischen Gründen entweder aufgelöst oder beschränkt, damit die frühere kapitalistische Wirtschaft zu einer sozialistischen werde. Heute arbeiten, bei einer siebenmal so großen Bevölkerung, nur noch 10 000 Läden.
In den alten Tagen vor 1949 gab es in Peking 300 Buch-Antiquariate. Nur eines ist geblieben. Die schöne alte Liulitschang-Straße, in denen diese Buchhandlungen zusammen mit anderen Kuriosa-Läden lagen, wurde vor zwei Jahren völlig zerstört.
Im alten Händlerviertel waren ganze Gassen auf den Verkauf eines einzigen Produktes oder auf eine einzige Handelsform spezialisiert, nach der die ganze Straße, die Hutung, dann benannt war. So gab es jeweils eine Hutung für Jade, Laternen und Vogelkäfige, für Trockenblumen, Pelze, Hüte und Möbel. Sie sind sämtlich verschwunden.
Die kleinen Läden, in denen jeden Morgen eine ganze Familie aufstand und über das Tagesgeschäft nachdachte, wurden in Kollektivbetriebe verwandelt und an einen anderen Ort verlegt, desinteressiert und stumpfsinnig gehen die Menschen dort ihrer Arbeit nach.
Wenn der gewöhnliche Chinese einen Tisch oder einen Stuhl reparieren lassen möchte, findet er in ganz Peking keinen einzigen Tischler. Wenn er sich selbst einen Tisch zimmern möchte, muß er gebrauchtes Material verwenden.
In einer Stadt mit neun Millionen Einwohnern kann der einzelne kein Stück Holz oder Eisen noch ein Plastikrohr oder ein Gummiband kaufen.
Das erklärt, warum die Dächer tropfen, die Fenster mit Pappe abgedichtet sind und neue Wohnungen so schnell verfallen: Niemand hat das Material, sie instand zu halten, auch wenn er es wollte.
"Da es keine Mauersteine zu kaufen gibt, mußte ich sie stehlen", sagt ein Mann, der aus Wasser und Lehm - Zement ist für den einzelnen ebenfalls nicht erhältlich - einen Schuppen vor seiner Haustür baut, in dem er Kohle für den Winter lagert.
Gebrauchsmöbel wie Betten oder Schränke sind nur in einem besonderen Laden für Ehepaare erhältlich, die einen Trauschein vorlegen. Daher ziehen die Bauern, die leichter Zugang zu Holz haben, aus ihren 200 bis 300 Kilometer entfernten Dörfern mit ganzen Fahrradladungen billiger Sessel und Sofas in die Stadt, um sie dort zu verkaufen.
Mitunter bietet ein Laden etwas zum Verkauf an, das seit Monaten nicht mehr auf dem Markt war. Deshalb tragen die meisten Pekinger stets ihre gesamte Barschaft mit sich, falls sie einmal auf etwas stoßen sollten, nach dem sie schon lange gesucht haben.
Die Warenhäuser führen große Mengen einfacher Konsumgüter wie Seife, Töpfe und Pfannen, die üblichen blauen oder grünen Hosen, Pullover und Schals. Für Lebensmittel dagegen, die noch immer rationiert sind - pro Kopf 15 Kilo Getreide, ein halbes Kilo Speiseöl und, je nach Jahreszeit, eine Anzahl Eier im Monat -, müssen die Menschen Schlange stehen, nur um am Ende das zu bekommen, was ihnen zugeteilt ist.
Nicht immer kann man auch kaufen, was in den Schaufenstern ausliegt. Ein Chinese, der in einem Laden in der Nähe der sowjetischen Botschaft frisches und billiges Gemüse gesehen hatte, begriff sehr schnell, daß dieses Angebot lediglich dazu da war, den "Revisionisten" vorzuspiegeln, dies sei in ganz Peking das übliche Angebot.
Einige Kunden, die vor zwei Monaten in einem Laden des Bezirks Jentsching schönes mageres Schweinefleisch sahen und erfreut das Geschäft betraten, erhielten den Bescheid: "Das Fleisch ist nicht verkäuflich, sondern nur für die Inspektion bestimmt."
Als sie dann nach der Inspektion wiederkamen, wurden sie mit der Erklärung abgespeist: "Das Fleisch ist nicht verkäuflich, es ist für die Hintertür bestimmt." Daraufhin schrieben sie voller Erbitterung einen Beschwerdebrief an die Parteizeitung.
"Hintertür" ist die übliche chinesische Bezeichnung für die Möglichkeit, sich Dinge zu beschaffen, die für den Normalbürger unerreichbar sind. "Durch die Hintertür zu gehen" bedeutet, in einer bestimmten Einheit einen Freund zu haben, der einem helfen kann, oder einen Kader zu kennen, der für seine Hilfe gern ein Geschenk annimmt. Im heutigen Peking gibt es für alles "Hintertüren" - für einen guten Arzt ebenso wie für eine gute Schule oder einen guten Posten, ja, sogar für einen Reisepaß.
Dieses Ausmaß von Korruption ist auf den ungeheuren Bevölkerungszuwachs seit 1949 und die Versäumnisse der Behörden zurückzuführen, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten.
Nur die Hälfte aller Kinder in Peking kann heute in einen Kindergarten gehen. Die Schulen sind so überfüllt, daß sie grundsätzlich in Schichten unterrichten, die Krankenhäuser so überbelegt, daß man wochenlang warten muß, bevor man operiert werden kann. In ganz Peking gibt es für das Volk nur 32 000 S.91 Krankenhausbetten, für die Armee und die Parteikader dagegen 10 000 in eigenen Sonderkliniken.
In Peking müssen Kranke auf einem offenen Dreiradkarren ins Krankenhaus gefahren werden. Das könnte damit zu erklären sein, daß China immer noch ein armes Land ist. Doch andere Mängel der öffentlichen Dienstleistungsbetriebe belegen, daß hilfreiche Einrichtungen und Arbeitsplätze abgeschafft wurden, weil sie angeblich demütigend und Symbole der alten Gesellschaft waren.
Peking hat heute zigtausend jugendliche Arbeitslose. Dennoch steht den Tausenden von Reisenden, die mit ihren Kisten und Koffern täglich in den Pekinger Bahnhof strömen, kein einziger Gepäckträger zur Verfügung - Fremden das Gepäck zu schleppen gehört sich nicht.
Die öffentlichen Busse verkehren unregelmäßig und sind ständig überfüllt, so daß es unter den Fahrgästen zu regelrechten Schlachten kommt.
1957 fuhren in Peking noch 11 000 Rikschas zu niedrigem Fahrpreis. Während der Kulturrevolution wurden sie dann als "bürgerliche Relikte" abgeschafft, im Oktober 1980 dann wieder eingeführt - aber nur 750 Stück. Mehr hätte peinlich gewirkt.
Junge Arbeitslose wurden in der kurzen Reformzeit zu kleinen Privattätigkeiten ermutigt, zum Beispiel Rikscha zu fahren, kleine Lebensmittelgeschäfte zu eröffnen oder auf den Straßen gegen Entgelt zu photographieren. Erfolg aber hatten schließlich nur die freien Nachbarschaftsmärkte, auf denen die Bauern der nahe gelegenen Kommunen die Erzeugnisse ihrer frei bebaubaren Parzellen anbieten.
Staatsangestellte und Arbeiter haben es sich inzwischen zur Gewohnheit gemacht, jeden Morgen ein fünfzehnminütiges Fitness-Training zu absolvieren - indem sie auf ihren Fahrrädern zum nächsten freien Markt jagen, um sich dort mit Zwiebeln und Kohl einzudecken. "Das dient gleichzeitig der körperlichen Ertüchtigung", sagen die Leute.
Peking war einst eine riesige Schatzkammer, in der sich im Laufe der Jahrhunderte erlesene Kunst aus allen Teilen des Reiches angesammelt hatte. Die Verbotene Stadt war ein einziges Museum. Alles in Peking hatte gleichsam musealen Charakter, die fürstlichen Paläste ebenso wie viele Häuser, in denen einfache Leute wohnten.
1949, als Tschiang Kai-schek nach Taiwan floh, nahm er die großen Kunstsammlungen der Verbotenen Stadt mit und füllte damit das Nationalmuseum von Taipeh. "Für China ist das ein Verlust, der für Europa nur mit dem Verlust des Louvre vergleichbar wäre", sagt ein ausländischer Kunsthistoriker.
Die restlichen Schätze der Paläste, Tempel und normalen Wohnhäuser wurden größtenteils während der politischen Kampagnen der letzten 20 Jahre zerstört, vor allem wenn sie religiösen Charakter hatten. Inzwischen wurden einige Tempel wiedereröffnet - halb zerstört und all ihrer Statuen, Gemälde, Glocken und Bronzen beraubt. Sie mußten neu ausgestattet werden.
Ein riesiger Bronze-Buddha im Tempel Fa Yuan Si stammt aus einem ländlichen Tempel, der von den Bauern geschützt wurde.
Ein schöner liegender Holz-Buddha, sieben Meter groß, wurde in einer Garage gefunden, wo er achtlos abgestellt worden war. Der Tempel, in dem er seit der Ming-Dynastie lag, hatte einer Straße Platz machen müssen. Damit die Statue überhaupt in die Garage paßte, war der Arm abgesägt worden, auf dem der Kopf des Buddhas ruhte.
In den Privathäusern der Pekinger erinnert nichts mehr an die alte Zeit: kein Tisch, kein Stuhl, kein einziges Stück Porzellan, keine Bücher, keine Uhr. "Der Staat verkauft an Ausländer, was noch geblieben ist", sagt ein Mann, dessen gesamter Besitz, einschließlich einer Kunstsammlung, von den Rotgardisten mitgenommen oder zerstört wurde.
Ein sogenannter "Theaterladen" in einer Nebenstraße der Tschangan-Allee, ein weiterer Laden in der Wangfutsching-Straße S.92 und ein dritter im Himmels-Tempel - alles staatliche Geschäfte - verkaufen an Ausländer jetzt Antiquitäten. Es kommt vor, daß alte Pekinger Einwohner darunter ihre eigenen Schätze wiedererkennen, die ihnen die Rotgardisten weggenommen hatten.
Einige haben einen Teil ihrer alten Habe zurückerhalten, wenn sie sich als Besitzer ausweisen konnten. Heutzutage jedoch haben sie dafür nur wenig Verwendung, vor allem keinen Platz, Kunstgegenstände aufzustellen. So bleibt den Eigentümern als einziger Ausweg nur, die Artikel an den Staat zu einem Zehntel oder Hundertstel des Wertes zurückzuverkaufen, zu dem sie dann in den staatlichen Läden Ausländern angeboten werden.
Chinas Devisenbedarf verhindert, daß einfache Chinesen sich heute auch nur Kleinigkeiten leisten, die ihnen Freude machen: eine Yixing-Teekanne aus rotem Steingut etwa oder einen Pinselständer aus Honan-Töpferware. Vor wenigen Jahren noch konnte man so etwas für ein paar Münzen im Laden um die Ecke kaufen, heute sind diese Erzeugnisse dem Export vorbehalten, also auf keinem Markt mehr erhältlich.
Zu den kleinen Freuden des täglichen Lebens im alten Peking gehörten Tiere. Die Beschäftigung mit Hunden, Tauben, Vögeln und sogar Grillen war ein beliebter Zeitvertreib. Nicht einmal der ist mehr erlaubt.
Als erste verschwanden die Hunde, 1950 erging ein Befehl, sie sämtlich umzubringen. Peter Lum, die Frau eines britischen Diplomaten, beobachtete das Massaker und berichtete darüber in ihren Memoiren "Peking 1950 bis 1953": "Die Hunde wurden in kleinen Karren erschlagen. Diese Karren waren hermetisch abgeschlossen. Wenn man an ihnen vorbeiging, konnte man hören, wie drinnen geprügelt wurde, und sehen, wie das Blut an den Seiten der Karren herunterfloß."
Die Pekinger Bevölkerung reagierte auf diese sinnlose Brutalität erbittert. Die Behörden redeten sich heraus, die Anweisungen seien zu radikal durchgeführt worden.
Dennoch wurden die Massaker fortgesetzt, bald schon waren alle Hunde verschwunden. Als offizielle Begründung wurde damals angeführt, die Tiere hätten die Tollwut.
1956 dagegen erklärte der Gesundheitsminister vor ausländischen Journalisten, die Hunde hätten getötet werden müssen, weil die Vereinigten Staaten in Korea mit der bakteriologischen Kriegsführung begonnen hätten und Hunde nachweislich die schrecklichen Krankheiten übertrügen.
Die Pekinger hielten sich jedoch an eine einfachere Erklärung: Die Hunde seien abgeschafft worden, damit sie nicht mehr anschlagen konnten, wenn Geheimpolizisten nachts Spione, Grundbesitzer oder Konterrevolutionäre verhafteten.
Andere wiederum erklären das Vorgehen noch heute mit einer Episode aus dem Leben Mao Tse-tungs: Er war als junger Mann auf der Flucht aus dem Gefängnis einmal von einem bellenden Hund aufgehalten worden. "Sollte S.93 ich je Kaiser von China werden", schwor angeblich der junge Mao damals, "werde ich alle Mauern und Hunde vernichten."
Nur Ausländer halten auf ihrem gettoähnlichen Areal immer noch einige Hunde. Das wird zwar toleriert, ist aber nicht ganz unproblematisch. Anfang dieses Jahres zum Beispiel wurde ein osteuropäischer Botschafter aufs Polizeirevier geladen, wo man ihm eine Liste von "Verbrechen" vorhielt, die sein Hund angeblich bei Ausflügen außerhalb des Ausländerareals begangen hatte.
Das Urteil ließ nicht lange auf sich warten: Der Hund mußte hingerichtet werden. Es folgten stundenlange Verhandlungen. Schließlich wurde der Hund gerettet, nachdem sich der Botschafter im Namen des Tieres schuldig bekannt und um Gnade gebeten hatte.
Während der kurzen Zeit der Liberalisierung nach dem Sturz der Vierer-Bande 1976 erschien im Gefolge der kleinen Freiheiten, die sich den Menschen wieder boten, hier und da auch wieder ein Hund in Peking.
Vor wenigen Monaten jedoch erneuerte die Pekinger Stadtverwaltung das Hundeverbot. Polizisten mit elektrischen Schlagstöcken zogen aus, um alle Hunde, die sie in Peking finden konnten, mit Stromstößen zu töten. Den Eigentümern blieb dann nur noch das Fell, das sie zum Trocknen aufhängten, um daraus warme Handschuhe für den nächsten Winter zu machen.
Nach den Hunden kamen, 1956, die Spatzen an die Reihe. Ihr Verbrechen bestand darin, daß sie zuviel Getreide fraßen. Während der Kulturrevolution folgten die Goldfische und die Katzen, die Tauben und die Grillen. Die kleinen Freuden, die diese Tiere den Menschen bereiteten, galten als "bürgerlich".
Es gab im alten China zwei Arten von Grillen: zirpende und kämpfende. Die Menschen hielten ihre Grillen in kostbaren kleinen Kürbisdosen mit geschnitzten Deckeln, zuweilen gar aus Elfenbein, und brachten es mit viel Liebe und besonderer Nahrung fertig, sie in den Winter zu retten. Dann verbargen die stolzen Besitzer ihre Heimchen in einer besonderen Tasche im Innenfutter ihrer warmen wattierten Jacke und konnten so ihrem sommerlichen Zirpen lauschen, während der Schnee auf die Höfe fiel.
Kämpfende Grillen dagegen wurden für Wetten gehalten. Manche Chinesen züchteten ihre eigenen Gladiatoren. "Am besten waren die Grillen, die im Umkreis der Gräber geboren waren", sagt ein alter Mann aus Peking.
Die kämpferischsten Grillen wurden ausgewählt und wochenlang mit Hilfe einer besonderen Bürste aus Ratten-Barthaar trainiert, damit sich so die Angriffslust steigerte. Dann setzte der Eigentümer die Tiere in einen irdenen Topf und trug sie auf den Markt zu einem Kampf, der nur wenige Sekunden dauerte. Mitunter wechselten bei S.94 solchen Kämpfen zweier großer schwarzer Grillen ganze Vermögen den Besitzer, zuweilen auch ließen die Grillenzüchter für ihre toten Helden silberne Särge anfertigen. Solcher Luxus durfte im Kommunismus nicht dauern.
Tauben wurden in Peking seit Jahrhunderten gehalten. Die Menschen brachten an ihrem Schwanz eine leichte Mehrtonpfeife an und ließen sie dann von ihren Höfen aufsteigen. Während ihres Fluges ertönte über der Stadt dann eine faszinierende Melodie, die ein Ausländer in den 30er Jahren als "Sphärenklänge der Planeten" beschrieb.
Tauben waren schon einmal zur Zeit des Kaiserreichs verboten worden, als die Polizei entdeckte, daß die in der Nähe staatlicher Getreidekammern lebenden Menschen ihre Vögel abgerichtet hatten, sich die Schnäbel zu füllen und mit der Beute nach Hause zurückzufliegen. Ein Mann mit 100 Tauben konnte es so auf 25 Kilo Getreide am Tag bringen.
In diesem Jahr wurden die Tauben, unter der Kulturrevolution verboten und danach wieder zugelassen, erneut für unerwünscht erklärt, weil sie angeblich zuviel Lärm machen, die öffentliche Ordnung stören und die in den Höfen zum Trocknen aufgehängte Wäsche beschmutzen.
Im Park des Drachenteichs, "Lung Tang", im Süden Pekings hatte sich spontan ein riesiger Taubenmarkt entwickelt, auf dem sich vor allem Sonntag morgens Tausende junger Menschen einfanden, um zu kaufen, zu verkaufen und zu diskutieren. Nach wenigen Wochen schon wurde der Markt von der Polizei geschlossen, weil "die Menschen alles Gras im Park zertrampelten und zerstörten".
In Peking haben sich ein halbes Dutzend kleiner freier Märkte aufgetan, auf denen Vögel und Goldfische, inzwischen auch wieder einige Grillen für die Liebhaber der alten "kleinen Spiele", wie die Chinesen ihre Hobbys nennen, feilgeboten werden.
Peking war einst eine Stadt der Gelehrten, der Kunsthandwerker und Intellektuellen, der Künstler und Regierungsbeamten, die alle einer jungen bürgerlichen Schicht entstammten. Der Einzug der maoistischen Armeen in die chinesische Hauptstadt war wie alle kommunistischen Siege der Beginn einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Revolution, die Peking in eine Stadt der Bauern und Arbeiter, der Soldaten und Funktionäre verwandelte.
Der alten herrschenden Klasse wurde alles genommen - ihre Häuser wie ihre Privilegien. Ein völlig neuer Menschenschlag übernahm die Herrschaft. Seither weisen die Herren der Stadt, vom Zoodirektor bis zum Chef der Transportunternehmen und dem Elektrizitäts-Direktor, den einzigen Vorzug auf, sich der Revolution schon früh angeschlossen zu haben und das Vertrauen der Partei zu genießen. Das hat alle Aspekte des Lebens entscheidend verändert.
Schon die Sprache hat sich gewandelt. Viele Ausdrücke des alten Chinesisch wurden ausgemerzt. Die heutige Sprache ist von einer Militär-Terminologie durchsetzt, wie sie die Guerillas während des Bürgerkriegs benutzten. 1949 auch wurden in Peking Gewohnheiten eingeführt, die noch Ausdruck der kommunistischen Sicherheits- und Geheimhaltungsbesessenheit aus den Zeiten des Untergrunds sind und auch nach 30 Jahren noch bestehen, etwa beim Telephonieren.
Wenn jemand angerufen wird, nennt er nicht seinen Namen, auch nicht den seiner Einheit oder gar seine Telephonnummer. Der Anrufer verhält sich nicht anders. So können Telephonanrufe auch heute noch mit folgendem Dialog S.95 beginnen: "Wei", zu deutsch: Hallo. "Wei ... Wei ..." "Wei ... Wer spricht bitte?" "Wei ... Wer spricht dort?" "Welche Einheit spricht, bitte?" "Welche Einheit spricht dort?" Das kann sich eine Weile fortsetzen, bevor einer der beiden seine Identität preisgibt.
Als die Kommunisten in Peking die Macht übernahmen, gab es in der Hauptstadt 29 000 Telephonanschlüsse, das heißt 2,1 Telephone für jeweils 100 Einwohner. Heute hat sich die Zahl auf 115 000 erhöht, bei der siebenfachen Bevölkerungszahl macht das 1,3 Telephone für jeweils 100 Menschen.
1949 gehörten mehr als die Hälfte der Telephonanschlüsse in Peking Privatpersonen, heute alle den Einheiten oder sind öffentliche Fernsprecher. Aus Sicherheitsgründen sperrten die kommunistischen Behörden sämtliche privaten Apparate, es ist unmöglich, einen neuen Anschluß zu bekommen.
Denn ein neuer Telephonanschluß kostet ein Jahresgehalt, die monatliche Grundgebühr ein Drittel eines Monatslohns. Überdies ist die Frage rein theoretisch, denn kein Privatmann, der nicht einen hohen Posten in Partei oder Regierung hat, darf in seiner Wohnung überhaupt ein Telephon haben.
Der Normalbürger kann den öffentlichen Fernsprecher benutzen - wenn er funktioniert. Unlängst berichtete die Tageszeitung der Jugend von einem Chinesen, der vergebens versucht hatte, von verschiedenen Fernsprechern seines Bezirks aus zu telephonieren.
Daraufhin meldete er der Zeitung sein verzweifeltes Bemühen und schloß mit einer Parodie auf eine der berühmten Geschichten Maos, jener von dem alten Mann, der Berge versetzte: "Es macht nichts, wenn es schwierig ist, ein Telephongespräch zu führen. Wenn ich sterbe, wird mein Sohn es versuchen. Und wenn der stirbt, meine Enkel."
Die öffentlichen Fernsprecher sind in den Räumen des "Straßenkomitees" installiert, so daß jedes Gespräch von sogenannten "Polizisten mit den kleinen Füßen" abgehört und sofort der Sicherheitspolizei gemeldet werden kann.
Diese kleinfüßigen Polizisten sind ein Phänomen, das 1949 in das Leben der Chinesen eingeführt wurde und seither die tägliche Existenz aller Familien beherrscht: Jede Straße ist in Bereiche eingeteilt, jeder Bereich besitzt ein Straßenkomitee, für gewöhnlich bestehend aus alten Damen, die zu einer Zeit geboren wurden, als den Mädchen noch die Füße bandagiert wurden, damit sie schön klein und schlank blieben, woraufhin sie jedoch verkrüppelten.
Viele stammten vom Lande und zogen mit den kommunistischen Armeen nach Peking. Die Aufgaben eines solchen Straßenkomitees reichen von der Kontrolle ungeplanter Schwangerschaften bis zur Meldung fremder Besucher und der Aufsicht über alles, was eine Familie erwirbt.
Oft können diese Blockwarte weder schreiben noch lesen. Dennoch braucht ihre Zustimmung jeder, der seinen Wohnsitz wechseln oder sein Kind in den Nachbarschaftskindergarten schicken möchte.
Die "Polizisten mit den kleinen Füßen" können jederzeit die Wohnungen betreten, sich erkundigen, was gerade auf dem Feuer steht, und unter das Bett gucken, angeblich um zu prüfen, ob die Familie die Hygiene-Vorschriften befolgt, in Wirklichkeit jedoch, um nachzusehen, ob sich unter dem Bett etwas oder jemand verbirgt.
Jeder Chinese wird durch die Einheit, in der er arbeitet, und durch das Straßenkomitee seines Bezirks ständig von jener Organisation überwacht und kontrolliert, die sein ganzes Leben bestimmt und festsetzt, in welchem Umkreis er sich bewegen darf - dem Amt für öffentliche Sicherheit. Verläßt er diesen Umkreis, muß er sich weiteren Kontrollen unterziehen.
Will ein Chinese in einem Hotel einen Ausländer besuchen, und sei es nur einen Verwandten aus dem Ausland, muß er sich beim Polizisten an der Tür melden und seinen Namen, seine Adresse wie auch den Namen der Einheit angeben. Das Straßenkomitee und das Sicherheitsbüro an seinem Arbeitsplatz werden über seinen Besuch sofort informiert. Überdies muß er eine Begründung angeben. Wer sich diesen Vorschriften widersetzt, bekommt Schwierigkeiten und landet zuweilen sogar im Umerziehungslager. Zu vielen Stätten in Peking, für gewöhnlich den besten wie Hotels, Restaurants und Läden, hat der einfache Chinese keinen Zugang. "In der Kolonialzeit war Hunden und Chinesen der Zutritt verwehrt, heute nur noch den Chinesen", entrüstete sich ein Amerikaner chinesischer Herkunft, der, in blaue Jacke und blaue Hose gekleidet, versehentlich für einen Einheimischen gehalten und daher rüde aus dem Geschäft "Marco Polo" im Tempel des Himmlischen Parks vertrieben wurde.
Dieser Palast, in dem sich in früheren Jahren der Kaiser ausruhte und auf die jährlichen Opfer vorbereitete, ist zu einem Einkaufszentrum für Teppiche und Cloisonne, Möbel und Kunstgewerbe geworden, mit einem Schild davor, auf dem steht: "Nur für ausländische Gäste".
Das Leben der kommunistischen Führung ist mit dem des einfachen Volkes nicht zu vergleichen. 1949 wurden die besten Häuser in ganz Peking den Generälen und Politkommissaren zugewiesen und immer mehr Bereiche der Westlichen Hügel zu Sperrgebieten erklärt, damit dort Luxuswohnungen für Parteibonzen errichtet werden konnten.
Neben der Verbotenen Stadt, die zu einem Drittel als Museum geöffnet blieb, gründeten die Kommunisten eine neue Verbotene Stadt, Tschungnanhai genannt, die von den gleichen blutroten kaiserlichen Mauern umgeben ist, die jahrhundertelang den Sohn des Himmels, den Kaiser, unsichtbar und unerreichbar machten.
Dort wohnten und arbeiteten Mao Tse-tung, Tschou En-lai, Liu Schao-tschi S.96 und andere Führer des Reiches. Dort kontrollierten sie einander, intrigierten und veranstalteten sie Putsche und Gegenputsche, bei deren letztem dann Maos Witwe Tschiang Tsching und ihre Anhänger verhaftet wurden.
Die kommunistischen Führer lebten und leben fern vom Volk. Sie zeigen sich selten in der Öffentlichkeit, sie begeben sich durch ein geheimes Netz unterirdischer Tunnels von ihren Wohnsitzen zu ihren Arbeitsplätzen, zur Großen Halle des Volkes oder zum Hauptquartier der Partei.
Lin Piao verbarrikadierte sich in einem riesigen Arsenal, geschützt von einer zehn Meter hohen Mauer, in der westlichen Stadt. Tschiang Tsching hatte ihre Privatresidenz im früheren Palast des Prinzen Tuan, des Führers im Boxeraufstand von 1900. Von ihrem ummauerten Areal führte ein unterirdischer Gang zu einem etwa zehn Kilometer entfernten Militärflugplatz.
Kang Scheng, der Leiter des Geheimdienstes, übernahm ein großes Innenhof-Haus nördlich des Trommelturms. In seinem Garten hob er einen Atombunker aus, jetzt eine Touristenattraktion. Nach seinem Tod fiel Kang Scheng postum einer Säuberungsaktion zum Opfer und wurde aus der Partei verbannt, als solle die Mitgliedschaft noch seiner Seele gestrichen werden. Sein Haus wurde in das exklusive Hotel-Restaurant "Bambusgarten" verwandelt, zu dem nur ausländische Gäste Zutritt haben.
Zunächst stießen die Privilegien, die sich die neue Führung anmaßte, bei der Bevölkerung auf erbitterten Widerstand. Die neuen Herren erklärten dann, diese Privilegien seien lediglich eine Belohnung für die vielen Opfer, die sie in der Revolution gebracht hätten.
Inzwischen wird es als unabänderlich hingenommen, daß sogar niedrigere Parteikader in großen Limousinen hinter zugezogenen Spitzengardinen durch die Stadt fahren, ähnlich den Mandarinen des Kaiserreichs, die in ihren Sänften mit heruntergelassenen Vorhängen getragen wurden.
Ebenso wird es als unabänderlich hingenommen, daß es in den Hutung im Zentrum Pekings, wo die Mehrheit der Bevölkerung immer noch im Elend lebt, auch andere Anwesen gibt, die mit Stacheldraht umgeben und deren Dächer gut instand sind: Große Schornsteine deuten darauf hin, daß diese Häuser mit Zentralheizung ausgestattet sind.
Die höheren Kader haben zu allem Zugang, von dem das einfache Volk nur träumen kann. Für sie gibt es besondere Läden, in denen ihre Bediensteten frisches Fleisch, frischen Fisch und Gemüse kaufen können. So verkauft einer dieser Sonderläden außerhalb des Osttors der Verbotenen Stadt sogar Gemüse, das nicht mit chemischen Düngemitteln behandelt wurde.
Ebenso haben die Kader ihre eigenen Krankenhäuser, in denen sie mit Medikamenten S.97 behandelt werden, die sonst auf dem Markt nicht erhältlich sind. Autos stehen zu ihrer persönlichen Verfügung. Auf der Eisenbahn reisen sie in den besten Abteilen, im Theater erhalten sie Plätze in den vordersten Reihen, im Kino in den hintersten. Ihre Kleidung ist von besserer Qualität, auch die Erziehung ihrer Kinder ist besser.
"China ist immer noch ein armes Land. Wenn wir wie alle anderen leben müßten, könnten wir keine ordentliche Arbeit leisten", antwortet ein hoher Kader auf die Frage nach dem Sinn der Privilegien im Kommunismus.
In gewisser Weise stimmt das sogar. Es stimmt auch, daß die heutige chinesische Gesellschaft nicht jene ist, die den Kommunisten vorschwebte, als sie vor über 33 Jahren die Macht übernahmen.
Die Moral schien im Bürgerkrieg gegen Tschiang Kai-schek auf ihrer Seite zu sein. Die Nationalisten galten als korrupt, untüchtig, unbeliebt.
Fast ein Jahrhundert lang war China dahingesiecht, eine scheinbar sterbende Zivilisation, die den Aggressionen oder auch nur der friedlichen Konkurrenz der übrigen Welt nicht mehr standzuhalten vermochte. China war "der kranke Mann Asiens", die damaligen Großmächte standen bereit, sich die Siegesbeute zu teilen.
Da traten die Kommunisten als Retter auf, als die einzige Kraft, die der ausländischen Einmischung trotzen und China neue Hoffnung geben konnte. Sie galten S.98 als Wegbereiter eines Neubeginns. Daher opferten Tausende der kommunistischen Sache ihr Leben, daher auch schlossen sich viele Intellektuelle der Revolution an, obwohl sie keine Kommunisten waren.
Nach 33 Jahren ist das neue China weit entfernt von dem, was die Kommunisten versprochen hatten. Sie haben den Niedergang Chinas zwar aufgehalten und das Land auf den Weg der Entwicklung geführt. Doch für das, was sie erreicht haben, mußte das Volk einen hohen Preis zahlen. Überdies haben die Fehler, die sie begingen, neue Verwirrung und neue Not geschaffen.
Aufgrund ihrer Ideologie führten sie in grandioser Vereinfachung alle Mißstände und alle Rückständigkeit Chinas auf die Vergangenheit zurück. Heute, 33 Jahre danach, stellen sie fest, daß die alte Welt tot, aber die neue noch nicht geboren ist. Die Versuchung, anderen die Schuld an diesem Verlust zu geben, ist allgegenwärtig.
Am 18. Oktober fand in der Verbotenen Stadt eine Gedenkfeier zum 122. Jahrestag der Zerstörung des alten Sommerpalastes in Peking statt, jenes Palastes der Großen Klarheit, chinesisch Yuanmingyuan genannt, der während des zweiten Opiumkriegs 1860 von französischen Soldaten geplündert und niedergebrannt wurde. "Der Imperialismus will die chinesische Zivilisation vernichten, der Yuanmingyuan ist dafür nur ein Beispiel", sagte Lian Guan, ein Regierungsbeamter, in einer Rede, in der er einen Plan für den Wiederaufbau des Palastes verkündete, damit, wie Liao Moscha, ein Journalisten-Funktionär, hinzufügte, "die Nachwelt weiß, wer ihn zerstörte und wie es geschah".
Die Zerstörung des Palastes, von dem heute nicht einmal mehr die Grundmauern stehen, war eine der widerwärtigsten Episoden ausländischer Aggression während des letzten Jahrhunderts. Aber die Zerstörung des alten Peking, das mit seinen Mauern und Tempeln, Palästen und Gärten eines der erhabensten Symbole der Zivilisation gewesen ist, haben die Chinesen ohne fremde Hilfe vollbracht.
1949 wartete in dem alten Peking eine korrupte und sterbende Gesellschaft auf Wandel oder Wiedergeburt. Um diese Veränderungen durchzuführen, beschlossen die Kommunisten, alles Alte zu beseitigen. Sie versprachen, das alte Peking in eine neue Hauptstadt umzuwandeln, in ein Symbol des sozialistischen China.
Nach 30 Jahren großer Umwälzungen und großer Anstrengungen hat sich Peking zu einer anonymen Steinwüste aus Straßen, Gebäuden und Plätzen entwickelt, die kaum noch als Stadt bezeichnet werden kann.
30 Jahre widersprüchlicher Politik haben Peking zu einer Hauptstadt gemacht, die weder chinesisch noch sozialistisch ist, sofern Sozialismus nicht Monotonie und Trostlosigkeit, Mangel an Phantasie und Vitalität bedeutet.
Schuld an dieser Entwicklung sind die kommunistischen Herrscher, die jedes selbständige Denken unterdrückten und die Intellektuellen mundtot machten. S.99 Jede Einheit baute, wie es ihr gerade gefiel. Jede Diskussion wurde unterdrückt. Schon bald wagte niemand mehr, seine Meinung zu äußern oder zu kritisieren, was geschah. Tausende von Intellektuellen wurden rechter Ideen beschuldigt und im Verlauf verschiedener, eigens gegen sie gerichteter Kampagnen aus Peking weggeschafft.
Nachdem die Kommunisten die Mauern Pekings niedergerissen hatten, angeblich um die Hauptstadt von ihren feudalistischen Ketten zu befreien, errichteten sie in den Köpfen der Menschen eine neue Mauer, die sie nur noch mehr knechtete - eine Mauer der Angst und des ideologischen Vorurteils.
Hinter dem heutigen Peking verbirgt sich kein Konzept, kein Plan, kein Gedanke. Stundenlang kann man durch die Stadt gehen, ohne auch nur auf ein einziges Gebäude der letzten zwei Jahrzehnte zu stoßen, das durch eine architektonische Aussage auffiele oder als Modell der Errungenschaften des neuen China zu werten wäre.
Einziges Beispiel einer originellen Neuerung ist das "Hotel der duftenden Hügel", das der amerikanische Architekt chinesischer Herkunft I. M. Pei entwarf und das unlängst fertiggestellt wurde. Es scheint die architektonische Lektion zu erteilen, wie sich chinesische Tradition mit der Moderne vereinigen ließe.
Die oberste chinesische Führung hat inzwischen begriffen, daß die Intellektuellen bei der ersehnten Modernisierung des Landes eine Rolle spielen sollten. So werden sie jetzt wieder hinzugezogen, mit Privilegien ausgestattet und dürfen sogar Parteimitglieder werden.
Es ist denn auch nicht ganz ohne Bedeutung, daß auf der Tschangan-Allee unmittelbar gegenüber dem alten Observatorium jetzt ein riesiges zwölfstöckiges Betongebäude für die Akademie für Sozialwissenschaften errichtet wird.
Das Bauwerk erhebt sich genau auf jenem Gelände der einstigen Kaiserlichen Prüfungshalle, in deren unzähligen kleinen Zellen die Beamtenanwärter ihr auswendig gelerntes Wissen niederschrieben, damit sie als Mandarine anerkannt wurden.
Wo einst das Institut stand, dessen Maßstäbe China 2000 Jahre lang in starren Bahnen verharren ließen, wird sich schon bald Chinas Schule für modernes Denken erheben, die dem rückständigen Land Pläne und Ideen für seine Zukunft liefern soll.
Für Peking aber könnte es zu spät sein. Auf der eiligen Suche nach Abhilfen für die elenden Bedingungen, unter denen die meisten der neun Millionen Einwohner der Hauptstadt immer noch leben, haben die Pekinger Behörden ohne jeden Plan wahllos und gigantoman zu bauen begonnen.
So schießen überall riesige, gesichtslose Hochhäuser in den Himmel, die auch noch das wenige vernichten, das von der alten Stadt geblieben ist. Ende dieses Jahres sollen 55 Millionen Quadratmeter neuer Wohnraum fertiggestellt werden.
Peking stirbt also weiter.
Nach einer alten Weissagung wird die Stadt am Rande der Wüste eines Tages wieder von der Wüste zurückerobert werden.
Wenn die Sandstürme über Peking hereinbrechen und die Sonne am gelben Himmel sich blau verfärbt, wenn der Sand alles bedeckt, durch Türen und Fenster eindringt, entsteht tatsächlich der Eindruck, als wollten die alten Sanddämonen ihre hochgeschätzte Stadt zurückerobern.
Die Sandstürme aber dauern nur wenige Stunden. Die Bulldozer und Spitzhacken des Regimes dagegen sind jeden Tag am Werke. Sie stampfen das alte Peking erbarmungslos in den Abgrund des Vergessens.

DER SPIEGEL 52/1982
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