12.03.2016

GeldanlageRat vom Roboter

Junge Finanzfirmen wollen den Banken mit automatisierter Vermögensverwaltung Kunden abjagen. Das große Geld konnten sie bisher nicht anlocken. Doch die Anleger profitieren schon heute von den neuen Wettbewerbern.
Manchmal ist Nick Hungerford selbst überrascht, wie schnell die Digitalisierung die Finanzwelt verändert. "Die Leute fangen schon an, uns als Platzhirsch zu bezeichnen", wundert sich der Brite. Dabei ist seine Firma Nutmeg noch keine fünf Jahre alt, und wie ein typischer Zwölfender aus dem Bankenrevier sieht Hungerford wahrhaftig nicht aus. Er steuert Nutmeg in Jeans, Sweatshirt und Turnschuhen vom Londoner Stadtteil Vauxhall aus, fernab vom Glasfassadenprotz der alten Finanzwelt.
Hungerford gilt als ein Vorreiter der digitalen Vermögensverwaltung, des sogenannten Robo-Advisory. Es ist eines der neuen Schlagwörter, das die Attacken junger Start-ups auf die Geschäftsmodelle der etablierten Finanzkonzerne beschreibt.
Der Begriff "Robo-Advisor" führt allerdings etwas in die Irre. Zwar hat Nutmeg gerade von der britischen Finanzaufsicht eine Beraterlizenz erhalten und entwickelt entsprechende Angebote. Die meisten Robo-Advisor beraten aber gerade nicht, sondern verwalten das ihnen anvertraute Vermögen automatisiert.
Mittlerweile entstehen fast im Monatstakt neue Roboter-Advisor, die Nutmeg oder den amerikanischen Pionieren Betterment und Wealthfront nacheifern. Sie nennen sich Vaamo, Fintego oder Easyfolio und wollen die Vermögensverwaltung revolutionieren, so wie andere Finanz-Start-ups den Zahlungsverkehr oder das Kreditgeschäft attackieren. Hungerford glaubt sogar, Nutmeg könne eine Art Amazon der Investmentbranche werden.
Warum ausgerechnet eine Firma, die sich Muskatnuss nennt, die Finanzwelt auf den Kopf stellen soll, erklärt Hungerford mit Kurven, Pyramiden oder Balkencharts – und mit der Geschichte der Gewürznuss. "Vor ein paar Hundert Jahren galt die Muskatnuss als so wertvoll, dass die Pflücker Hosen ohne Taschen tragen mussten, damit sie sich an der Ernte nicht bereicherten. Nur Privilegierte konnten sich das Gewürz leisten", erklärt Hungerford. "Heute sind Muskatnüsse für jeden erschwinglich."
Genau so werde es dank Digitalisierung in der Vermögensberatung kommen.
Jahrzehntelang boten Banken nur Kunden mit einem Anlagekapital von mindestens 500 000 Euro eine Finanzberatung, die den Namen verdient. Für Kleinkunden lohnte sich der Aufwand aus Sicht der Bank nicht. Sie bekamen oft eher willkürlich jene Fonds, Policen oder Zertifikate angedreht, welche die Bank selbst im Angebot hatte oder für die der "Berater" vom Produktanbieter die höchste Provision kassierte.
Die Kunden nahmen das lange Zeit weitgehend klaglos hin. Doch die Finanzkrise hat ihr Bewusstsein geschärft. Und weil die Digitalisierung neue Möglichkeiten eröffnet, Geld mit weniger Aufwand und trotzdem sinnvoller und mit System anzulegen, brechen jetzt alte Strukturen auf.
Die neuen Robo-Advisor werben damit, günstiger, einfacher und transparenter zu sein – und in vielen Fällen sind sie es auch, wenngleich die Modelle oft nicht ausgereift wirken. Erstmals müssen die Banken wirklich auf die Bedürfnisse ihrer Kundschaft reagieren, wollen sie verhindern, dass Start-ups ihnen die Kunden abgraben.
Kunden etwa wie Markus Schmid, Geschäftsführer einer gemeinnützigen Einrichtung in Frankfurt am Main. "Ich misstraue Vermögensberatern, sie haben mich in der Vergangenheit nach Schema F und letztlich schlecht beraten", sagt Schmid. Seine Eltern seien Schwaben, da habe er gelernt, mit Geld effizient umzugehen. Schmid sagt, er erkenne den Wert eines Beraters nicht. Die Aufteilung seines Vermögens zwischen Versicherungen, Immobilien oder Aktien könne er selbst vornehmen, aber um die Auswahl einzelner Wertpapiere wolle er sich nicht kümmern. So landete er beim Robo-Advisor Vaamo.
Oder Harald Lührmann, ehemaliger Unternehmensberater und heute Privatier aus dem Umland von Frankfurt am Main. "Früher hatte ich einen Vermögensberater und ein Aktiendepot bei der Bank." Doch der Nutzen einer solchen Beratung leuchtete ihm irgendwann nicht mehr ein. "Es war für die erbrachte Leistung schlicht zu teuer", sagt Lührmann.
Deshalb nahm er die Sache selbst in die Hand und stand bald vor einem anderen Problem. "Der Aufwand ist mir zu hoch", sagt Lührmann. Um einen Teil seines Geldes kümmert sich jetzt Scalable Capital.
Hinter dem Robo-Advisor mit dem sperrigen Namen stecken vier ehemalige Mitarbeiter der Investmentbank Goldman Sachs und der Münchner Ökonom und Experte für Risikoanalyse Stefan Mittnik. Sie haben Scalable Capital Ende 2014 gegründet und Büroräume in der prachtvollen Münchner Prinzregentenstraße bezogen.
In einer Ecke des Flurs steht ein Robo-Staubsauger. "Der trifft bei uns auch die Anlageentscheidungen", scherzt Kogründer Erik Podzuweit, das Freizeithemd hängt über die schwarze Jeans, die blonden Haare fallen in die Stirn. "Fährt er nach links, kaufen wir, fährt er nach rechts, verkaufen wir."
In Wahrheit werben Robo-Advisor damit, gerade keine willkürlichen oder von Eigeninteressen getriebenen Anlageentscheidungen für ihre Kunden zu treffen. Das Geld wird über einen Algorithmus automatisch auf verschiedene Finanzprodukte verteilt. Wie, das entscheiden die Kunden durch ihre Eingaben sowie bei Scalable Capital ein mit Mittnik entwickeltes Risikomodell.
Wer Kunde werden will, gibt an, welche Ziele er mit der Geldanlage verfolgt, wie lange er auf sein Kapital verzichten kann und welche Verluste er toleriert. Es folgen Angaben zu den Finanzkenntnissen und zur finanziellen Situation, ehe der Kunde einen Anlagebetrag nennt und persönliche Daten hinterlegt. Das ganze Prozedere ist in einer Viertelstunde gut zu bewältigen.
Die meisten Roboter-Berater arbeiten ähnlich. Die einen stellen bei der Abfrage eher das Risikoprofil in den Vordergrund, andere die Zielrendite. Manche investieren nur in Aktien und Anleihen, andere auch in Immobilien oder Rohstoffe.
Das Geld fließt in der Regel in sogenannte Exchange Traded Funds (ETFs). Das sind Fonds, die meist einen Index, wie den Dax, exakt abbilden und an der Börse gehandelt werden. Weil dabei kein Fondsmanager aktiv einzelne Wertpapiere auswählt, sind ETFs im Schnitt deutlich günstiger – ohne langfristig schlechter abzuschneiden als aktiv gemanagte Fonds.
Die meisten Robo-Advisor verlangen pauschal zwischen 0,5 und 1,0 Prozent Gebühren auf das verwaltete Vermögen, zuzüglich der vergleichsweise niedrigen ETF-Kosten. Während die Robo-Berater bei den Gebühren gegenüber den Angeboten klassischer Vermögensverwalter Vorteile haben, lässt sich das bei der Wertentwicklung ihrer Anlagen noch kaum beurteilen, zu jung sind die meisten Angebote.
Profitabel arbeitet die Mehrzahl der Robo-Advisor nicht, weil sie noch viel zu klein sind. Vaamo etwa – immerhin schon zweieinhalb Jahre am Markt – verwaltet nach eigenen Angaben einen zweistelligen Millionenbetrag. Bei den anderen deutschen Anbietern soll die Größenordnung ähnlich sein, Scalable gibt an, derzeit wöchentlich mehrere Millionen Euro Zufluss zu verzeichnen. Aber selbst die erfolgreichsten amerikanischen Anbieter Wealthfront und Betterment kommen gerade einmal auf jeweils drei Milliarden Dollar. Experten schätzen, dass sie ungefähr zehn Milliarden Dollar an Kundengeldern brauchten, um die Gewinnschwelle zu erreichen. Zum Vergleich: Die Schweizer Großbank UBS verwaltet rund zwei Billionen Euro.
Die Unternehmensberatung A. T. Kearney schätzt allerdings, dass die amerikanischen Robo-Advisor zusammen binnen fünf Jahren auf einen ähnlichen Betrag kommen.
Auch Vaamo-Gründer Oliver Vins ist optimistisch. "Es gibt einen riesigen Bedarf an günstiger Finanzberatung, den die Banken nicht decken", sagt der ehemalige McKinsey-Manager. In Europa sei das Potenzial größer als in den USA, wo die meisten Menschen schon Geld an der Börse angelegt haben und etwa 200 Robo-Advisor gegen das Establishment antreten. "In Deutschland geht es dagegen darum, die Menschen überhaupt erst einmal zur Kapitalanlage zu bewegen", sagt Vins.
Die Deutschen stecken ihr Geld traditionell lieber in Lebensversicherungen, Sparverträge oder Tagesgeldkonten. Doch die Niedrigzinsen machen diese Anlageformen unattraktiver.
Ein Selbstläufer ist der Kundenfang für die Robo-Advisor trotzdem nicht. Noch sind es vor allem technikaffine und in Finanzdingen erfahrene Männer, die den Robotern zulaufen. Die große Masse der Nichtanleger haben die neuen Anbieter dagegen noch nicht erreicht, manchen wird das wohl auch nie gelingen.
Und schon jetzt schlagen die etablierten Banken zurück. In den USA haben Onlinebroker wie Charles Schwab und Großbanken wie die Bank of America Robo-Advisor gegründet. Sie alle hoffen, damit jüngere Kunden zu gewinnen.
Auch in Europa gerät der Markt in Bewegung. "Unser Anspruch muss es sein, die Nummer eins im Robo-Advisory in Deutschland zu sein", sagt Markus Pertlwieser selbstbewusst. Der 40-Jährige ist im Privatkundengeschäft der Deutschen Bank für digitale Innovationen zuständig. Dazu gehört neuerdings auch eine Roboter-Beratung, die der Konzern über seinen Onlinebroker Maxblue anbietet. Schon von diesem Jahr an soll der "Anlagefinder" der Deutschen Bank jährlich ein bis zwei Milliarden Euro zusätzliches Kundengeld einbringen.
Das Angebot ähnelt denen der reinen Robo-Advisor. Allerdings entscheiden die Kunden bei der Deutschen Bank am Ende selbst, welche ETFs, Fonds oder Wertpapiere sie kaufen. Außerdem zahlt der Anleger hier für jedes einzelne erworbene Wertpapier und nicht wie bei anderen Anbietern über eine Flatrate.
"Das Säbelrasseln der Etablierten wird lauter", sagt Scalable-Capital-Gründer Podzuweit. Er glaube aber nicht, dass sich das kostengünstige Robo-Advisory mit dem auf hohen Provisionen basierenden Geschäftsmodell der klassischen Anbieter vereinbaren lasse.
Banken haben gegenüber den Neulingen allerdings den Vorteil, dass sie theoretisch Millionen Einlagekunden in Anleger umwandeln können – wenn diese bereit sind, das höhere Risiko einzugehen.
Die meisten Robo-Advisor dagegen sind reine Vermittler, die letztlich einer Partnerbank, die die Wertpapierdepots verwaltet, sowie den ETF-Anbietern neue Kunden zuführen. Nur wenige haben wie Scalable Capital eine Lizenz der Finanzaufsicht, die es ihnen erlaubt, als echte Vermögensverwalter aufzutreten und ihre Kunden zu beraten.
So gern neue und alte Anbieter auf den Robo-Hype aufspringen: Die Zukunft der Finanzberatung und Vermögensverwaltung hat wohl gerade erst begonnen, dereinst könnten Geschäftsmodelle noch ganz anders aussehen.
Davon ist Christian Rieck überzeugt, Professor für Finanzen an der Frankfurt University of Applied Sciences. "Bisher setzen die meisten Anbieter nur auf lange bekannte Algorithmen zur Auswahl von ETFs, bauen eine kundenfreundliche Nutzeroberfläche und nennen es Robo-Advisor", sagt Rieck.
Die Marktpreise für die meisten Vermögenswerte werden in der Tat schon heute überwiegend von Computern bestimmt, die nach bestimmten Risiko- und Renditevorgaben automatisch handeln. "Neu ist, dass nun auch Endkunden solche Algorithmen nutzen können", sagt Rieck. Ungefähr so, wie heute jeder Anfänger mit einer Digitalkamera hochwertige Fotos schießen kann, ohne die technischen Vorgänge dahinter auch nur ansatzweise zu verstehen.
Das ist für Anleger schon ein Fortschritt, zumal die Gebühren für die Vermögensverwaltung durch die digitale Konkurrenz weiter sinken dürften. Die Kunden müssen allerdings viel mehr Vertrauen mitbringen als beim Kamerakauf, da es bei der Geldanlage um ganz andere Beträge geht.
"Echte Roboter-Beratung wäre aber etwas anderes", sagt Zukunftsforscher Rieck. "Sie müsste das in sozialen Netzwerken vorhandene Kollektivwissen anzapfen und mithilfe der ungeheuren Rechenleistung moderner Computer intelligent verknüpfen."
Rieck ist überzeugt, dass es so kommt, weil künstliche Intelligenz und Kollektivwissen ein Problem lösen könnten, mit dem die herkömmliche Beratung und die Robo-Berater der ersten Generation nicht fertig werden.
Kunden wünschen sich im Idealfall auf ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Finanzprodukte. Und die Banken bieten diese Wertpapiere auch an, weil sie dafür höhere Gebühren verlangen können. Der technologische Fortschritt hat dazu geführt, dass es Millionen verschiedene Fonds, ETFs und Zockerzertifikate gibt, für jeden noch so exotischen Geschmack.
Aber allein kann der Kunde das für ihn richtige Produkt nicht finden, er braucht einen Berater. Der menschliche Berater ist damit jedoch ebenso überfordert, mehr als hundert Produkte kann er kaum überblicken, weshalb er meist die gleichen und für den Kunden nicht immer geeigneten Produkte verkauft.
Die Schwarmintelligenz könnte das Problem lösen, glaubt Rieck. "So wie heute Amazon die Nutzerdaten anzapft, um Kunden aus dem gigantischen Sortiment ein passendes Buch anzubieten, könnte ein Robo-Advisor das Kollektivwissen nutzen, um für jeden Anleger das richtige Finanzprodukt herauszufischen."
Die heutigen Robo-Advisor binden zwar Blogs, Foren oder Spiele in ihr Angebot ein, wo Anleger von anderen Kunden lernen oder ohne Einsatz von Echtgeld herumprobieren können. Kollektivwissen im engeren Sinne nutzen sie nicht, schon allein weil sie viel zu wenige Kunden haben.
Langfristig, glaubt Rieck, hätten daher globale Technologiefirmen wie Google, Facebook und Amazon aufgrund ihrer Nutzerzahlen und verfügbaren Informationen die besten Chancen, auch den Markt für Roboter-Beratung zu dominieren.
Doch noch träumen Robo-Pioniere wie Nick Hungerford davon, selbst die Führungsrolle zu übernehmen.

Von Martin Hesse

DER SPIEGEL 11/2016
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