12.03.2016

FußballGier und Tränen

Julian Nagelsmann, 28, soll als jüngster Cheftrainer der BundesligaGeschichte die TSG Hoffenheim vor dem Abstieg retten. Auf dem Spiel steht das Projekt des Mäzens Dietmar Hopp.
Im Nachwuchsleistungszentrum von Hoffenheim hängt in einem Büro ein Plakat, das den früheren Jugendtrainer Julian Nagelsmann zeigt, jubelnd. "Warum Zweiter werden?", steht über dem Bild. Es könnte die Parole seiner Karriere sein.
Nun ist Nagelsmann, 28, ausgerechnet im Abstiegskampf in die oberste deutsche Fußballklasse eingestiegen, in jener Tabellenregion also, von der aus man auf Anhieb erst mal nicht Erster wird. Und wenn sich in der Kürze der Zeit der Abstieg nicht vermeiden lässt, in dessen Strudel ihn die Verantwortlichen der TSG Hoffenheim nach dem Rücktritt des herzkranken Huub Stevens geworfen haben? Wird sein Name dann nicht mit einem Makel behaftet sein, kaum dass der angekündigte großartige Werdegang so richtig begonnen hat?
Wenn man Julian Nagelsmann, den jüngsten Chefcoach der Bundesliga-Geschichte, danach fragt, schließt er sanft die Lippen, bis sich um den dominanten Oberkiefer herum ein für ihn typisches Schmunzeln abzeichnet. Dieses Schmunzeln wirft stets die Frage auf, ob er das ganze Fußballgeschäft überhaupt ernst nimmt. Oder ob er ihm überlegen ist.
Der Abstieg als Makel? Er habe sich schon lange "davon verabschiedet", zu sehr auf sich zu schauen, sagt er, als wäre er seit hundert Jahren dabei. "Es wäre ein Makel für den Klub."
Er sitzt im blauen Trainingsanzug in einem abgedunkelten Besprechungsraum am Sportpark in Zuzenhausen. So heißt die Nachbargemeinde Hoffenheims, in der das kleine Fußballimperium des Mäzens Dietmar Hopp liegt, mit Rasenplätzen und modernsten Funktionsräumen in hügeliger Landschaft, einem restaurierten Schloss mittendrin als Tagungsstätte. Unter den halb heruntergelassenen Jalousien sieht man, wie zwei Greenkeeper den Platz fürs Training präparieren. Sein Training.
Nagelsmann muss Hopps Fußballprojekt retten, unabhängig von der Abstiegsfrage. Denn die TSG Hoffenheim war im Begriff, ihre Wesensmerkmale zu verlieren, ihre ohnehin nicht so ausschweifend wuchernden Wurzeln. Fast wäre sie in die Bedeutungslosigkeit abgetaucht.
Der Klub, nach seinem Selbstverständnis ein Quell von Innovationsfreude und Talenteentwicklung, langweilte zuletzt mit Führungswechseln und rückwärtsgewandten Transferentscheidungen wie der Verpflichtung des Altinternationalen Kevin Kuranyi. Mit dem freudlosen Fußball des Interimstrainers Stevens dämmerte das Team der zweiten Liga entgegen, ohne dass es nördlich von Mannheim noch wenigstens Schadenfreude ausgelöst hätte.
Mit Nagelsmann wurde alles schlagartig anders. Seine Spielidee ist eine Wiederbelebung des Abenteuerfußballs aus jener Zeit, als der Verein noch für mehr stand als nur für üppige Anschub- und Defizitfinanzierung durch den schwerreichen Fan und SAP-Gründer Hopp.
Damals, vor gut sieben Jahren, stürmte Hoffenheim unter Coach Ralf Rangnick mit einer frechen Guerillataktik als Aufsteiger bis an die Spitze der Bundesliga. Das junge Team strahlte Begeisterung aus, und dass jeder Torjubel im eigenen Stadion mit den Klängen eines alten Solidaritätsschlagers der Polit-Folkgruppe Bots unterlegt wurde, hatte da irgendwie Sinn. "Wir halten zusammen, keiner kämpft allein", heißt es in dem abgedroschenen Hit.
Die Begeisterung ist wieder da. Nagelsmann, als eine Art Wundertrainer angekündigt, hat das Spiel verfeinert. In den ersten drei Bundesligapartien präsentierte er drei verschiedene Abwehrformationen, die Dreier-, die Vierer- und die Fünferkette. Neben der Flexibilität fallen seine Richtungsentscheidungen auf: Sobald der Gegner den Druck erhöht, stärkt Nagelsmann die Offensive, um den Ball vom eigenen Tor fernzuhalten. Er versucht es zumindest.
In seinem fünften Spiel erlitt sein Team einen Rückschlag. Beim deftigen 1:5 im Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart wirkten seine schriftlichen Anweisungen, mit denen er die Spieler zu taktischer Geschmeidigkeit bewegt, erstmals nicht als Beleg für seine Auffassungsgabe. Die Zettelwirtschaft auf dem Platz kam Kritikern vor wie altkluges Strebergehabe.
Nagelsmann sortierte das Spiel kühl als Betriebsunfall ein. Die Spieler sollen ihren Mut nicht verlieren.
Denn seine Elf soll Torchancen erspielen, dafür muss sie weit vorn den Ball erobern. Eine "natürliche Aggressivität", sagt Nagelsmann, stecke in jedem Wettkämpfer; sie ausleben zu dürfen verschaffe den Spielern Freude. Und "man funktioniert besser in Dingen, die Freude bringen, als in denen, die man machen muss wie zum Beispiel Steuererklärungen".
Der Hoffenheimer Steuererklärungsfußball ist erst mal passé. Niklas Süle, 20, kann erzählen, wie der Trainer die Mannschaft starkgeredet hat. "Wir sollten uns ruhig was zutrauen und Sachen probieren, denn wir seien eh auf einem Abstiegsplatz, viel weiter runter könnten wir nicht mehr rutschen", so habe Nagelsmann das erklärt. Es hat auf Anhieb funktioniert.
Süle, der Abwehrhüne, kennt den Trainer schon seit der U 17. Seither duzt er ihn. Süle war 15, Nagelsmann 23, "er war klar der Kumpeltyp", sagt der Spieler. "Und sprechen konnte er immer gut."
In Hoffenheim sind sie alle stolz auf das größte Trainertalent, das ihre Fußballschmiede hervorgebracht hat. Ein kluger Kopf, heißt es, und so innovativ. Das passt, denn Hoffenheim versteht sich auch als Versuchslabor für modernste Trainingstechnologie aus dem Hause SAP. Neuerdings haben sie "Helix", ein Gerät, das die Wahrnehmungsfähigkeit schult. Vor einer 180-Grad-Leinwand mit Stadionanimation muss der Proband eine wachsende Zahl von Akteuren im Auge behalten. Süle sagt, er gehe lieber in den Kraftraum.
Nagelsmann erklärt, dass man motorische Schnelligkeit nur bedingt trainieren, kognitive Schnelligkeit aber verbessern könne. Spielsituationen wahrnehmen und antizipieren, darum geht es.
Ein High Potential eben, so nennt ihn TSG-Geschäftsführer Peter Görlich, so wie Unternehmen ihre besten Nachwuchskräfte mit Eignung für Führungsaufgaben bezeichnen. Görlich kommt aus dem Klinikmanagement und findet es spannend zu sehen, wie Nagelsmann die ganze Kluborganisation womöglich auf den Kopf stellt. Er fordere nämlich seine Umgebung.
Warum Zweiter werden? Nagelsmann kam 2010 zur TSG Hoffenheim in die Nachwuchsakademie, und mit den A-Junioren erreichte er zuletzt zweimal in Folge das Finale um die deutsche Meisterschaft. Von seinen Spielern verlangte er die "Gier, im Leben etwas zu erreichen". Das Team stand eineinhalb Jahre lang ununterbrochen auf Platz eins der Tabelle.
In der Geschichte der A-Junioren-Bundesliga holte Nagelsmann als Coach den besten Punkteschnitt in der Staffel Süd/Südwest, ist also Erster vor Thomas Tuchel, dem anderen großen deutschen Trainertalent, mit dem er jetzt oft verglichen wird. Auch die heutige Dortmunder Koryphäe sprang einst, es war 2009 bei Mainz 05, aus dem Stand von der U 19 in die Bundesliga.
Als Frühbegabten stellte die "Badische Zeitung" den jungen Hoffenheimer auf eine Stufe mit – natürlich – Mozart sowie Goethe und auch Gregor Schlierenzauer, dem österreichischen Skispringer. Der Wunderknabe des Fußballs wuchs im bayerischen Dorf Issing in der Nähe des Ammersees auf. Schön dort, sagt Nagelsmann. "Mittlerweile gibt's einen Supermarkt."
Als überraschend der Vater starb, die älteren Geschwister waren da längst aus dem Haus, kümmerte sich Julian Nagelsmann um alle familiären Angelegenheiten, den Hausverkauf, die neue Bleibe für die Mutter. Er sagt, das habe ihn geprägt, weil er früh Verantwortung übernommen habe.
Nagelsmann hatte begonnen, Betriebswirtschaft zu studieren. Doch da war noch diese andere Begabung.
Mit 20 wurde er schon mit Traineraufgaben betraut, und zwar von Thomas Tuchel damals beim FC Augsburg, zweite Mannschaft. Weil Nagelsmann ohnehin dort unter Vertrag stand, ein Knieschaden jedoch eine Fortsetzung der Spielerkarriere nicht ratsam erscheinen ließ, setzte ihn Tuchel als Scout ein. Über 1860 München landete Mozart im Kraichgau.
Sein Talent sprach sich schnell herum. RB Leipzig und Bayern München versuchten, ihn abzuwerben, auch der Hamburger SV war mal interessiert.
"Julian hat eine ansteckende Aura", sagt Matthias Kaltenbach, der jetzt die Hoffenheimer A-Junioren übernommen hat. Er arbeitete zuvor mit Nagelsmann als dessen Assistent. Von ihrem ersten Finale um die Meisterschaft, einem 5:0-Sieg bei Hannover 96, konnte sein begnadeter Chef noch vier Monate später aus dem Kopf den Matchplan für die sogenannte Ballgewinnzone nachzeichnen. Es ist ein Kunstwerk mit vielen Kreisen und Kreuzen.
Vor allem die zweite Finalteilnahme, eine 1:3-Niederlage gegen Schalke 04, ist tief im kollektiven Hoffenheimer Gedächtnis verankert. Nach dem Spiel standen alle bedrückt im Hotel, die Spieler, ihre Eltern, die Betreuer. Es flossen Tränen. Nagelsmann hielt aus dem Stegreif eine Rede im Foyer. Er wandte sich vor allem an die Eltern. Sie sollten die Jungs jetzt aufbauen, ihnen den Druck nehmen, stolz auf sie sein – eine bewegende Aufmunterung.
Nun ja, sagt Nagelsmann jetzt im Besprechungsraum am Trainingsplatz. "Die Tränen wurden eher mehr."
Nagelsmann spricht natürlich noch die Sprache der Spieler. Fünf Hoffenheimer Profis sind älter als er. Er nennt es "Körner sammeln", wenn die Mannschaft freibekommt. "Das Gaspedal bis zur Ölwanne durchgedrückt" ist seine Wendung für schnellen, intensiven Fußball.
Manchmal klingt er auch sehr akademisch, etwa wenn er erläutert, dass er seine Spielmuster auf den jeweiligen Gegner "passend schalten" will. Aber so reden heute viele Absolventen des Lehrgangs für den Fußballlehrerschein, insbesondere diejenigen, die nicht früher Profis waren.
Nagelsmann, der mit seiner Freundin einen einjährigen Sohn hat, schrieb die letzten Klausuren nebenbei in seinen ersten Bundesligawochen. Er liebe die Herausforderung, sagt er.
Zum Gespräch in Zuzenhausen hat er einen unausgepackten Schokoriegel vor sich auf den Tisch gelegt. Kleiner Scherz: Hatte er nicht gerade eine Prüfung in Ernährungslehre? "Ernährung", erwidert Nagelsmann mit fester Dozentenstimme, "ist auch Genuss." Das Schmunzeln. Er hat die Macht über den Ton.
Alexander Rosen verehrt ihn. "Eine außergewöhnliche Erscheinung", sagt Hoffenheims Manager über Nagelsmann, den Julian. Rosen kam 2010 als Leiter der Nachwuchsschmiede. Im Leistungsbereich von U 16 bis U 19 machten die Trainer den Unterschied aus, sagt er.
Beide zusammen retteten einmal Hoffenheims U 19 vor dem Abstieg aus der Junioren-Bundesliga. Das war 2012, als der Trainer Alfons Higl vor dem letzten Saisonspiel zurückgetreten war. Gegen 1860 München musste ein Sieg her. Rosen übernahm, hatte aber keine Ahnung von Trainingsarbeit. Also holte er Nagelsmann dazu, der ließ ein paar Spielzüge studieren. Hoffenheim gewann die Partie 4:0.
Julian Nagelsmann wäre sowieso im Juli, zur nächsten Saison, Chefcoach der Profis geworden. So hatten es Rosen, Geschäftsführer Görlich und Mäzen Hopp im vorigen Jahr verabredet. Auch der Milliardär, ein treuer Freund der A-Jugend, galt als Fan des jungen Trainers.
Dann führte Interimscoach Stevens vor gut vier Wochen seine Herzrhythmusstörungen ins Feld, sein Rücktrittsgrund in einer sportlichen Lage, die ihm ausweglos erscheinen musste. Alle wussten, wer der Mannschaft jetzt würde helfen können.
Hätte Nagelsmann da eigentlich auch Nein sagen können? "O ja", sagt er energisch, als gäbe es nichts, was er nicht könnte. Und hat er ein Nein zumindest erwogen? Bedeutungsvolles Schmunzeln.
Natürlich keine Sekunde.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 11/2016
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