12.03.2016

DopingDingdong!

Tennisstar Marija Scharapowa wurde positiv auf Meldonium getestet. Der Wirkstoff für Herzkranke ist unter Athleten eine Modedroge.
Spitzensportler müssen jeden Tag zu einer bestimmten Zeit für eine eventuelle Dopingkontrolle zur Verfügung stehen, das ist eine Auflage der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Wann genau, das können die Athleten selbst festlegen. Die Tennisspielerin Marija Scharapowa hat einmal erzählt, sie habe für sich einen Zeitpunkt mitten in der Nacht gewählt. Das sei praktisch, denn da sei sie im Bett anzutreffen. Die Fahnder könnten sie einfach rausklingeln. Dingdong! Sie habe damit kein Problem.
Scharapowa wurde im Verlauf ihrer Karriere oft getestet, sie war immer einverstanden mit dem Prozedere. Vor drei Jahren erklärte die fünfmalige Grand-Slam-Turnier-Siegerin aus Russland in einer Pressekonferenz: "Ich bin so froh, dass unser Sport so sauber wie möglich ist."
So sauber wie möglich. Es war eine eigenartige Formulierung. Scharapowa wollte damit wohl ausdrücken, dass ganz sauber auch im Tennissport nicht geht.
Und natürlich hatte sie recht.
Am Montag hat Scharapowa zugegeben , jahrelang gedopt zu haben. Seit 2006 schluckte sie Meldonium, einen Wirkstoff für Patienten mit einer Herzkrankheit, der den Sauerstofftransport im Blut ankurbelt und somit bei der Regeneration hilft. Außerdem soll er die Ausdauer fördern.
Der Dopingfall Scharapowa ist ein Skandal mit einer absurden Pointe. Meldonium stand lange nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen der Wada. Scharapowa hatte nie etwas zu befürchten. Seit Anfang dieses Jahres aber findet sich das Mittel auf der Dopingliste. Diese Info kam bei Scharapowa nicht an. Der Betreuerstab der bestverdienenden Sportlerin der Welt, die im vorigen Jahr 27 Millionen Euro einnahm, hatte vergessen, sie zu warnen. Bei einer Kontrolle während der Australian Open im Januar wurde Scharapowa erwischt. Das Ende einer Weltkarriere.
Alle paar Jahre drängt ein neues Wundermittel in das kollektive Bewusstsein des Weltsports. Testosteron, Cortison, Clenbuterol und Epo sind längst Dopingklassiker. Nun also: Meldonium. Christoph Maack, Professor für Kardiovaskuläre Physiologie und Bioenergetik an der Universität des Saarlandes in Homburg, sagt, dass die Datenlage zu der Arznei schlecht sei. Es gebe in der wissenschaftlichen Literatur fast ausschließlich Berichte über Tierversuche. Die Idee sei es, mit dem Wirkstoff den Stoffwechsel und damit die Effizienz der Mitochondrien – der Kraftwerke in den Zellen – zu verbessern.
In Deutschland ist Meldonium nicht zugelassen. Ein Versuch, die Genehmigung der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA für den Stoff zu bekommen, scheiterte. Der Grund: Es gibt bisher keine großen klinischen Studien, die die Sicherheit und den Nutzen von Meldonium belegen.
Für Scharapowa, die in Florida lebt, war es dennoch kein Problem, an das Präparat heranzukommen, sie ließ es sich aus der Heimat zuschicken. In Russland ist Meldonium eine Art Volksmedizin, man kriegt es an jeder Ecke.
Eine Apotheke in Moskau, ganz in der Nähe des Außenministeriums. Meldonium? Einen Moment bitte, sagt die Frau hinter dem Tresen. Sie bringt eine Packung mit 40 Kapseln für 327,56 Rubel, umgerechnet 4,16 Euro. Wird das Medikament häufig verlangt? O ja, sagt die Apothekerin, es sei ein "Verkaufsschlager" – und besonders beliebt "bei Sportlern".
Manche russischen Athleten naschen Meldonium offenbar wie andere Energieriegel. "Für mich ist das wie Vitamine", sagt Eiskunstlauf-Olympiasieger Jewgenij Pljuschtschenko. Wohl auch deshalb spielen Politiker und Sportfunktionäre in Russland den Dopingfall Scharapowa herunter. Die Regierungszeitung "Rossijskaja gaseta" zeigte Fotos des schlanken Tennisidols und daneben ein Bild der muskelbepackten US-Spielerin Serena Williams. Darüber stand: "Raten Sie bitte, wer sich hier dopt!"
Es ist grotesk: Eigentlich streiten Experten noch darüber, ob Meldonium bei Menschen die Ausdauer erkennbar fördert. Bislang gab es dazu nur Tests mit Ratten, die mit dem Stoff länger schwimmen konnten. Die Sportwelt erlebt dennoch eine Meldonium-Welle. Laut einer Veröffentlichung im "British Journal of Sports Medicine" hat es bei den Europaspielen in Baku im vorigen Sommer bei 762 Proben 66 Meldonium-Funde gegeben. Seit Januar werden ständig Athleten mit Meldonium erwischt, darunter Eisschnellläufer, Eiskunstläufer, Leichtathleten sowie zwei Ringer, die für den deutschen Bundesligisten ASV Nendingen kämpfen.
Experten der Wada gehen davon aus, dass die Epidemie abklingen wird, wenn es sich herumgesprochen hat, dass Meldonium im Sport neuerdings verboten ist. Vielleicht täuschen sich die Dopingjäger da aber.
Der russische Onlinehändler RUPharma, der das Produkt Mildronat mit dem Wirkstoff Meldonium schon lange im Programm hat, verkaufte bislang rund 850 Packungen im Monat. Nach dem Geständnis Scharapowas sei der Absatz deutlich angezogen, auf 150 Packungen pro Tag. Ein Sprecher der Firma erzählte der BBC, man verwende intern bereits einen neuen Namen für das Medikament: "Wir nennen es jetzt Scharaponat."
Von Udo Ludwig, Gerhard Pfeil und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 11/2016
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