12.03.2016

NS-Raubkunst„Kalte Kommission“

Ronald Lauder, 72, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, zur Debatte um die deutsche Limbach-Kommission, die in Streitigkeiten um mögliche NS-Raubkunst Empfehlungen für oder gegen Rückgaben ausspricht
SPIEGEL: Herr Lauder, während eines USA-Besuchs sagte die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters der "New York Times", sie wolle keinen jüdischen Vertreter in die Limbach-Kommission aufnehmen, sie unterstellt mögliche Interessenskonflikte. Was sagen Sie dazu?
Lauder: Ich empfand das als unangemessen und habe diesen Punkt deshalb bei unserem Treffen auch angesprochen.
SPIEGEL: Inzwischen versucht Grütters zurückzurudern. Und auch Sie haben sich ausdrücklich einen solchen Vertreter gewünscht.
Lauder: Ja, den brauchen wir auch, und ich freue mich, dass Frau Grütters offenbar keine größeren Einwände mehr dagegen hat. Ich hoffe, hier wird jetzt schnell gehandelt. Die gegenwärtige Kommission wird von vielen Antragstellern – oft sind das alte Leute – leider als kalt und distanziert empfunden. Niemand signalisiert ihnen, dass es in Ordnung ist, wenn sie um ihr Recht, um die ihren Familien gestohlenen Bilder kämpfen. Das Gremium zeigt zu wenig Einfühlungsvermögen.
SPIEGEL: Ist es ein Tribunal?
Lauder: Im Auftritt gegenüber den Opfern schon. Zugleich zeigt die Kommission keine Zähne. Ihre Leute gehen nicht in die Museen und sagen: Wir brauchen diese und jene Dokumente. Und: Man veröffentlicht zu wenig auf Englisch, man scheint auch keine Dringlichkeit zu empfinden.
SPIEGEL: Vor Kurzem stieg der Erbe des Kunsthändlers Alfred Flechtheim aus dem Mediationsverfahren aus.
Lauder: Ich bin kein Experte für diesen Fall, aber ich weiß, dass man wiederum den Eindruck hatte, dass Kälte und Intransparenz vorherrschten.
SPIEGEL: Oft heißt es, die Deutschen hätten genug davon, Raubkunst aus ihren Museen zurückzugeben.
Lauder: Ich habe einmal ein Museum besucht, in dem ein gestohlenes Bild hing. Bei meinem nächsten Besuch war es im Keller verschwunden.
SPIEGEL: Haben die Deutschen vergessen, dass sie sich zu den "Washingtoner Prinzipien", also zu Aufarbeitung und Fairness, bekannt haben?
Lauder: Ich habe an der Vereinbarung mitgearbeitet. Das Abkommen ist schon 18 Jahre alt. Viele Länder haben mehr erreicht als Deutschland. Deshalb muss jetzt endlich etwas vorankommen.
Von Uk

DER SPIEGEL 11/2016
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