19.03.2016

EssayNarziss auf der Bühne

Der Massenmörder Anders Behring Breivik verklagt den Staat, weil er sich im Gefängnis allein fühlt. Ein groteskes Schauspiel. Von Åsne Seierstad
Als der verurteilte Terrorist Anders Behring Breivik diese Woche vor die Richterin Helen Andenæs Sekulic trat, anlässlich seiner Zivilklage gegen den norwegischen Staat, antwortete er auf die Frage nach seinen Personalien: "Ich bin der Sekretär der Partei ,Der Nordische Staat'."
Als Beobachterin dieses Prozesses hat mich das nicht überrascht. Der Mann, den ich vor Gericht sah, war derselbe, den ich über Jahre studiert hatte, dessen psychologische Gutachten ich gelesen hatte: manipulativ, kalt, selbstsüchtig, ohne Empathie für andere, immer bestrebt, um jeden Preis gesehen und gehört zu werden.
Breivik verklagt Norwegen, weil es die Europäische Menschenrechtskonvention verletzt haben soll, insbesondere Artikel 3, wonach niemand gefoltert werden oder "unmenschlicher oder erniedrigender Strafe" unterzogen werden soll; außerdem Artikel 8, das Recht auf Achtung seines "Privat- und Familienlebens, seiner Wohnung und seiner Korrespondenz".
Rückblick. Juli 2011. "Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit." Ministerpräsident Jens Stoltenbergs Stimme war brüchig, als er das sagte. Die Kathedrale gefüllt bis auf den letzten Platz. Die meisten Opfer des Sommercamps auf der Insel Utøya, Mitglieder der Jugendorganisation von Stoltenbergs Arbeiterpartei, galten noch als "vermisst". Die Zahl der Opfer, die Anders Breivik getötet hatte, würde auf 77 steigen, rund die Hälfte von ihnen war unter 18.
Einige Eltern dachten darüber nach, den Staat zu verklagen, weil er ihre Kinder am 22. Juli 2011 nicht hatte schützen können. Aber die Eltern hatten nicht die Kraft dafür. Der Mörder aber tat es. Fast fünf Jahre später hat er Anklage gegen jenen Staat erhoben, den er attackierte. Er fordert mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit. Für sich.
Ich habe über Breiviks Eltern gelesen, bevor ich sie traf. In vertraulichen Reports eines Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ein Schlüssel, der zu Breiviks Verhalten führt, liegt in seiner Kindheit. "Anders fehlt es an Spontaneität, Antrieb, Vorstellungskraft oder Empathiefähigkeit. Er hat keine Sprache, um seine Emotionen auszudrücken", heißt es in einem Bericht von 1983. Breivik war vier. Seine Mutter sah sich "bedroht durch chaotische Konflikte und zeigte Zeichen von unlogischem Verhalten, wenn sie unter Druck ist". Die Mitarbeiter des Zentrums hörten sie schreien: "Ich wünschte, du wärest tot."
Der Vater war schon von der Bildfläche verschwunden, er sah Breivik nur während der Ferien. Psychologen empfahlen, Breivik von seiner Mutter zu trennen, "um ernsthafte Abnormalitäten in der Entwicklung des Jungen zu verhindern". Doch nichts geschah.
Als ich seine Mutter später traf, bat sie mich, ihrem Sohn zu vergeben. Sie fügte hinzu: "Wenigstens ist Anders jetzt zufrieden." "Seine Achillesferse" hat Breivik seine Mutter einst genannt, die einzige Person, die ihn verletzen könnte. Was er über sie in seinem 1518 Seiten langen Manifest schreibt, das er kurz vor der Tat veröffentlichte, gehört zu dem Schlimmsten, was ein Sohn über seine Mutter schreiben könnte.
Breivik verlangsamte seinen Schritt, als er sein Publikum in der Sporthalle des Hochsicherheitsgefängnisses in Skien, zwei Stunden südlich von Oslo, sah. Die Verhandlung hatte begonnen, die Weltpresse war da.
Vielen der anwesenden Journalisten hatte er Briefe geschrieben. Manchmal waren sie veröffentlicht worden, manchmal wurde aus ihnen zitiert, meistens aber verschwanden sie in Schubladen oder digitalen Archiven. Nach den vorgeschobenen Grüßen hatte er eine Botschaft des Hasses überbracht. Er kämpfe weiter.
An diesem Morgen, in der Sporthalle des Gefängnisses, reckte Anders Breivik seine rechte Hand nach oben, zu einem strammen Nazigruß.
Das letzte Mal, dass Anders Behring Breivik in der Öffentlichkeit gesehen wurde, war am 24. August 2012 bei seiner Urteilsverkündung. Er bekam die Höchststrafe für die Verübung eines terroristischen Aktes – 21 Jahre mit Option auf lebenslang, wenn er weiter eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellen sollte. Er wurde für voll schuldfähig erklärt, er sei kein Verrückter, stellte das Gericht fest. Die einzige Diagnose, die man ihm zuschrieb, war die einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, aber ohne Notwendigkeit einer Behandlung – vielmehr war seine Krankheit nicht heilbar, da seine Wahnvorstellungen politischer Art waren. Er sah sich selbst als Retter Europas, einen Märtyrer, der sein Leben geopfert hatte, um die nordische Rasse zu retten.
Er begann schnell, unter seinem Märtyrertum zu leiden. Die Isolationshaft verursachte ihm Kopfschmerzen. Er wollte einen Computer. Eine Playstation 3. Die inhumanen Bedingungen, unter denen er lebt, sind folgende: drei Zellen zu je acht Quadratmetern, ausgestattet mit einem Bett, einem Tisch mit einer Schreibmaschine, einem Sessel mit einem Hocker für die Füße, einem Fernseher, Büchern, DVD-Player, Playstation, Xbox, einem Laufband, einem Fitnessrad, einem Crosstrainer. Doch leider ist er ganz allein. Er fühlt sich einsam, er will Kontakt zu anderen Häftlingen – aber vor allem will er Hilfsmittel, um seinen Kampf fortführen zu können.
Die Isolation ist der wichtigste Aspekt in seiner Anklage gegen den Staat. Er fordert Besuche, Briefe und Telefongespräche, aber nicht irgendwelche. Wie sein Anwalt Øystein Storrvik am ersten Tag der Verhandlung sagte: "Jene, die Breivik sehen will, dürfen nicht zu ihm, und jene, die zu ihm dürfen, will Breivik nicht sehen." Breivik will seine Familie, Verwandte oder alte Freunde nicht empfangen. Sie sind "bedeutungslose" Besucher. Kurz bevor seine Mutter starb, hatte er der Gefängnisleitung mitgeteilt, es könne sein, dass er sie nicht mehr sehen wolle, da sie nicht so stolz auf ihn sei wie erwartet. Als sein Vater ihn besuchen wollte, stellte der Sohn die Bedingung, er müsse Mitglied seiner Partei "Der Nordische Staat" werden. Der Vater lehnte ab.
Breivik hat seine politische Botschaft leicht verändert, er wurde von einem Antidschihadisten im Jahr 2011, der Europa von allen Muslimen säubern wollte, zu einem reinen Faschisten im Jahr 2016. Oder wie er vor Gericht sagte, er sei zum Faschismus "konvertiert". Er will ein arisches Netzwerk nach nationalsozialistischen Ideen aufbauen, er habe Anhänger in ganz Europa.
Breivik ist nicht nur ideologisch verwirrt, sondern gleichzeitig rational und opportunistisch. In seinem Manifest verwendet er Textpassagen von Abraham Lincoln und Adolf Hitler, aber auch von Ideologen der amerikanischen Anti-Dschihad-Bewegung, die sich später von ihm distanzierten. Dafür erhielt er Unterstützung von der extremen Rechten aus Russland und Osteuropa. Von ihnen bekäme er gern Besuch. Etwa 4000 Briefe fanden in den vergangenen vier Jahren den Weg in seine Zelle und wieder hinaus, vorbei an der Zensurabteilung des Gefängnisses, sagte Adele Matheson Mestad von der Generalstaatsanwaltschaft vor Gericht. Während Breivik vorgibt, für sein Recht auf Privatleben und Kommunikation zu kämpfen, stellte die Anwältin fest, dass diese Briefe nicht privat seien, sondern in andere Kategorien gehören: Korrespondenz mit verurteilten Rechtsextremen und gewaltbereiten Kriminellen; Briefe an bekannte Nazis und Unterstützer, die er instruiert, seine Botschaften im Netz zu verbreiten.
Um die Planung und Durchführung von Verbrechen zu verhindern, werden diese Briefe sorgfältig von Angestellten des Gefängnisses gelesen. Vor allem die russischen Briefe, oft 20, 30 Seiten lang, belasten das System. Das Gesetz verlangt es, dass die norwegischen Gefängnisbeamten sie übersetzen, lesen und entscheiden, ob Breivik sie bekommt oder nicht. In Russland hat Breivik seine größte Anhängerschaft.
Sein Leben lang war Breivik auf der Suche nach einer Gang, einem Ort, zu dem er gehört. Er wurde zurückgewiesen als Kind, als Teenager, als Geschäftsmann, als rechter Politiker, sogar als Antidschihadist. Jetzt denkt er, er habe seine Gruppe gefunden, aber leider ist es so, dass er sie nicht erreichen kann, und deshalb ist sein Leben im Gefängnis, so sagt er, nicht "lebenswert".
Er nannte das System des Gefängnisses "niedrigschwelligen Terror", erwähnte Plastikbesteck, Pappbecher, kalten Kaffee. Das Essen sei nichts für Leute wie ihn. "Für Menschen aus dem Westen von Oslo" sei das Fleisch, der Fisch, die Kartoffeln oder der Reis, den man ihm vorgesetzt habe, "schlimmer als Waterboarding".
Breiviks schlechtester Zeuge in dieser Woche war er selbst. Mit seinem Nazigruß, seinem Rumgejammere über Folter und darüber, dass Norwegen ihn in den Selbstmord treiben wolle, führte er sich auf wie ein Mann, den niemand ernst nehmen muss. Doch seine Banalität bedeutet nicht, dass er ungefährlich ist.
Breivik sitzt in Isolationshaft, weil er in der Lage ist, extrem schwere Verbrechen zu begehen. Weil er methodisch vorgehen kann, rational ist, fähig, seine Taten lange im Voraus akribisch vorzubereiten. Während der Verhandlung 2012 sagte er, das Einzige, was er bereue, sei, dass er nicht mehr Menschen getötet habe. Und: Er sei noch nicht fertig. Jetzt sagt er, er habe mit der Gewalt abgeschlossen. Im Zeugenstand stellte er eine Verbindung zu Nelson Mandela her. "Er begann als Terrorist und gab nur Befehle, ich führte die Aktionen selbst aus. Mandela konvertierte im Gefängnis, er wählte Gewaltfreiheit. Ich bin auch konvertiert." Dann bat er um die Erlaubnis, seine eigene Partei gründen zu dürfen.
"Es gibt keine Anzeichen für Reue", sagte Marius Emberland von der Generalstaatsanwaltschaft. "Breivik ist immer noch ein sehr gefährlicher Mann." Aus diesem Grund habe Norwegen nicht gegen die Konvention der Menschenrechte verstoßen. Die Anhörung dieser Woche, bei der Norwegens Menschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit auf dem Prüfstand standen, könnte das Gegenteil von dem bewirkt haben, was Breivik sich wünschte. Seine Haftbedingungen sind nicht zu strikt, sondern eher zu lax, denken viele Norweger. Sie haben nun erfahren, wie Breivik das Gefängnissystem durch seine Beschwerden um Ressourcen bringt und so verhindert, dass den wirklich kranken Häftlingen geholfen wird. Randi Rosenqvist, die Gefängnispsychologin, die ihn am besten kennt, nannte ihn einen privilegierten Gefangenen. Sie beendete ihr Statement mit einem harten Urteil. Breivik klage den Staat an, um selbst wieder im Rampenlicht zu sein. "Er erfüllt alle Merkmale eines bösartigen Narziss", sagte sie. "Er ist ein Lügner, ein Betrüger, mit theatralischen Gesten, oberflächlichen Gefühlen, ohne Reue, ohne Empathie."
Eine Gefängnisstrafe sollte spürbar sein, wie der Staatsanwalt Marius Emberland es ausdrückte. Dennoch begrüßte er die Tatsache, dass Breivik Gebrauch von der Rechtsstaatlichkeit gemacht habe, um sich zu beschweren. Er sehe das als Sieg für die Gesellschaft, die der Terrorist zerstören wolle. Das Urteil wird in den nächsten Wochen erwartet.
Die Journalistin und Schriftstellerin Seierstad, 46, hat jahrelang für ihr Buch "Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders" recherchiert. Im April erscheint es in Deutschland. Breivik lebte in ihrem Viertel. Er bot ihr aus der Haft an, das Buch gemeinsam zu schreiben. Sie lehnte ab.
Von Åsne Seierstad

DER SPIEGEL 12/2016
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