19.03.2016

Medikamente„Schon bald weltweit verfügbar“

Kirsten Müller-Vahl , 52, Neurologin und Psychiaterin an der Medizinischen Hochschule Hannover und Vorstandsmitglied der "Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin", über das aus Cannabis gewonnene Medikament Epidiolex, dessen Wirksamkeit bei einer schweren Form kindlicher Epilepsie (Dravet-Syndrom) soeben in einer Studie nachgewiesen wurde
SPIEGEL: Das Anti-Epilepsie-Mittel Epidiolex wird möglicherweise schon bald durch die amerikanische Arzneimittelbehörde zugelassen werden. Wann erhalten es auch deutsche Patienten?
Müller-Vahl: Epidiolex enthält als Wirkstoff reines Cannabidiol, das so gut wie keine psychotropen Effekte hat. Selbst Cannabisgegner haben deshalb kaum Bedenken dagegen. Zudem ist das Dravet-Syndrom eine schwere Erkrankung, die bisher meist nur schlecht behandelt werden kann. Ich gehe deshalb davon aus, dass das Mittel schon bald weltweit verfügbar sein wird.
SPIEGEL: Viele deutsche Eltern, deren Kinder unter dieser schweren Form von Epilepsie leiden, besorgen sich Cannabidiol schon auf eigene Rechnung aus dem Ausland.
Müller-Vahl: Das stimmt, aber nach einer Zulassung müssen die Krankenkassen die Kosten tragen. Das ist der entscheidende Unterschied. Bereits jetzt, nachdem die Wirksamkeit in einer guten Studie nachgewiesen wurde, wird es schwierig für die Kassen, die Kostenübernahme abzulehnen. Anders sieht es beim Tourette-Syndrom aus. Ich behandele daran leidende Patienten, denen sonst nichts hilft, mit Substanzen, die auf Cannabis basieren. Diese Patienten können bei der Bundesopiumstelle die Erlaubnis für eine Selbsttherapie mit einem Cannabisextrakt beantragen. Die Kosten von 300 bis 500 Euro pro Monat müssen sie jedoch selbst tragen. Das ist für viele sehr schwierig.
SPIEGEL: Werden noch mehr Cannabismedikamente auf den Markt kommen?
Müller-Vahl: Ich denke schon. Vor allem ist es wichtig, dass auf Cannabis basierende Mittel weiter erforscht werden. Es gibt 40 bis 50 verschiedene Leiden – von Schmerzen über neurologische und psychiatrische Probleme bis hin zu entzündlichen Darmerkrankungen –, bei denen Cannabinoide wirken könnten. Es wird Jahrzehnte dauern, bis man alle möglichen Indikationen überprüft hat.
Von Vh

DER SPIEGEL 12/2016
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