26.03.2016

BelgienNagelbomben an Gate B

Es mag Zufall gewesen sein, dass sich die Terroristen vier Monate nach den Attentaten von Paris in der EU-Hauptstadt Brüssel in die Luft sprengten. Ihre Angriffe trafen ein Land, das als Problemfall gilt, als „failed state“ mitten in Europa.
Bart De Wever hat nicht viel Vertrauen in sein Land, was heißt schon sein Land, in dieses künstliche Gebilde, das irgendwann im 19. Jahrhundert aus einem Betriebsunfall der Geschichte entstanden ist, aus einer Rangelei großer Mächte. "Langsam, kompliziert, ineffizient" sei der belgische Zentralstaat, sagt De Wever, einer der mächtigsten Männer in der belgischen Politik.
Er repräsentiert eine Partei, die mit der Werbung für das Ende dieses Staates in den letzten Wahlkampf ging. Für ein unabhängiges Flandern, das lebensfähiger sei als Belgien, dieses kaputte Konstrukt.
De Wever ist der Chef der stärksten Partei, der rechtskonservativen Neu-Flämischen Allianz (N-VA), er ist nicht Teil der Regierung, sondern Bürgermeister im Rathaus von Antwerpen, doch er weiß, in Belgien achtet man auf jedes Wort von ihm. Er sitzt unter Kronleuchtern im gotischen Rathaus, vor dunklen Holzpaneelen, streng gebundene Krawatte, es ist ein sonniger Dienstag im Februar, vier Wochen vor den Attentaten, Salah Abdeslam ist noch auf der Flucht, seine Spur nach Brüssel-Molenbeek noch nicht gefunden. Der Staat sucht vergebens nach dem einzigen überlebenden Attentäter von Paris. Der Staat bemüht sich, aber er schafft es nicht. Belgien bekommt schlechte Noten, aber Europa auch.
De Wever rügt Angela Merkels Flüchtlingspolitik, ein "epochaler Fehler". Beklagt, dass die Integration in Belgien jetzt schon nicht funktioniere. "Das ist unser Problem", sagt er. "Wir waren nicht in der Lage, ihnen eine flämische Version des amerikanischen Traums zu bieten." Antwerpen, das ist seine Botschaft, stelle es aber immer noch besser an als Brüssel, dieser Sumpf.
Er findet, dass dort auf die gleiche Weise Politik gemacht wird, wie die Handwerker die zerfallenden Jugendstilhäuser renovieren. Hier eine neue Leitung, da etwas hingeklebt, hier etwas zugekleistert. "Politiker in Belgien arbeiten oft wie Handwerker in alten Häusern: Es wird ohne Blaupause vor sich hin gewerkelt." De Wever, in seiner Amtsstube an einem Vorfrühlingstag in Antwerpen, hat nicht viel Vertrauen in diesen Staat. Er weiß noch nicht, dass sich wenig später sein Misstrauen auf das Fürchterlichste bestätigen wird.
Denn der Angriff auf Brüssel, am 22. März 2016, kommt aus dem eigenen Land. Mindestens 31 Tote, mehr als 270 Verletzte fallen ihm zum Opfer, Menschen aus mehr als 40 Nationen.
Der Täter Ibrahim El Bakraoui, 29, wohnte zuletzt im Brüsseler Viertel Schaerbeek, in der Rue Max Roos Nummer 4, und hinterließ dort knapp 200 Liter Chemikalien, Zünder, einen Koffer mit Nägeln, eine Flagge des "Islamischen Staates" und 15 Kilogramm Sprengstoff vom Typ Acetonperoxid. Auch Najim Laachraoui, 24, wohnte dort, er soll eine Art Bombenbauer des IS gewesen sein: Es war seine DNA, die man nach den Pariser Attentaten im November auf zweien der Sprengstoffgürtel fand. Per Taxi fuhren die beiden zum Flughafen Zaventem, ließen niemanden ihr Gepäck berühren, sprengten sich in die Luft, es war 7.58 Uhr. An Gate B, nahe dem American-Airlines-Schalter, wurde eine Nagelbombe gezündet.
Khalid El Bakraoui, 27, Ibrahims Bruder, sprengte sich in einem U-Bahn-Waggon an der Station Maelbeek, in der Nähe der EU-Kommission, in die Luft, es war 9.11 Uhr.
Die Täter suchten sich Orte des Durchgangs aus, Passagen, wo es jeden treffen kann. Ein Flughafen, eine Metrostation, das sind Wege, die jeder geht. Es gibt keinen Schutz. Vergesst es. Das ist die Botschaft.
Sie erfolgte vier Tage nach der Verhaftung von Salah Abdeslam, und spätestens jetzt wissen die Ermittler, dass es falsch war, davon auszugehen, der IS, der sich zu dem Anschlag bekannte, setze auf das Prinzip "einsame Wölfe". Denn seit Brüssel ist offenbar: Der "Islamische Staat" hat in Europa, unbemerkt von den meisten Diensten, eine eigene Infrastruktur geschaffen, Zellen mit Kämpfern in erster und zweiter und dritter Reihe. Wenn die erste Reihe handlungsunfähig ist, rückt die zweite nach und bereitet den nächsten Anschlag vor. Die Attentäter von Brüssel waren schon beteiligt an den Anschlägen von Paris, es gab Logistiker, die Wohnungen und Waffen beschafften, Sprengstoffspezialisten und solche, die Verbindungen nach Syrien unterhielten.
Sicher ist, dass es ein Netzwerk gab, auf das Salah Abdeslam sich verlassen konnte. Dokumente der belgischen und französischen Behörden zeichnen das Bild eines engen Kreises, in dem jeder jeden schützt – und den belgischen Sicherheitsapparat alt aussehen lässt. Salah soll sich in Molenbeek frei bewegt haben, sogar beim Friseur soll er gewesen sein – die Bürgermeisterin von Molenbeek spricht von "Omertà" in der Community, von einem Schweigegebot wie bei der Mafia.
Es sind internationale Netzwerke, die Terroristen hatten den Sicherheitsbehörden eines voraus: Sie beherrschten die Zusammenarbeit über die europäischen Ländergrenzen hinweg perfekt. Najim Laachraoui reiste quer durch Europa. Er war bei Behörden als Gefährder bekannt. Trotzdem konnte er sich, mit falschen Papieren, frei bewegen. So übernachtete der Sprengmeister der belgischen Terrorzelle auf dem Weg von Ungarn nach Belgien im September 2015 im unterfränkischen Landkreis Kitzingen, gemeinsam mit dem mittlerweile verhafteten Paris-Attentäter, Salah Abdeslam.
Es war nicht der erste Aufenthalt Abdeslams in Deutschland, auch er reiste im vergangenen Jahr ungehindert durch Europa, einschließlich Deutschland. So wurden mindestens zwei Personen im Oktober 2015 in einem Ibis-Hotel in Ulm von einem Auto abgeholt, das Abdeslam gemietet hatte. Der mutmaßliche Rädelsführer der Pariser Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, brüstete sich im vergangenen Jahr in einer Propagandapublikation des IS damit, wie ungehindert er zwischen Europa und Syrien gependelt sei: "All das beweist, dass ein Muslim die Geheimdienste der Kreuzzügler nicht fürchten sollte."
Sie haben sich in Deutschland bewegt, und natürlich stellt sich nun die Frage, nach Brüssel, wie es um die Sicherheit in Deutschland steht. Eine Drohung kam kurz nach den Anschlägen in Belgien. Auf einem deutschsprachigen FacebookAccount hoffte Erhan A., dass es zu weiteren Attentaten komme. Auf Twitter sei versucht worden, heißt es in einer internen Analyse des Bundeskriminalamts, "eine französischsprachige Hashtag-Kampagne zu starten". Deutschland sei darin als nächstes Anschlagsziel genannt worden. "Erwartet mehr Bomben, mehr Tote! Nächstes Mal in #Deutschland auch!", schrieb der Verfasser, der den Behörden noch unbekannt ist. Auch von einem Anschlagplan sei nichts bekannt.
Trotzdem ermittelten die deutschen Behörden, und am Donnerstag ergaben sich tatsächlich Hinweise Richtung Deutschland: Im Sommer 2015, als Ibrahim El Bakraoui unter dem Verdacht der Beteiligung am syrischen Bürgerkrieg aus der Türkei nach Amsterdam abgeschoben wurde, setzten die Behörden einen weiteren Mann aus demselben Grund ins Flugzeug: Samir E., heute 28, aus dem Raum Düsseldorf. Er wurde festgenommen, ein Spezialeinsatzkommando der Polizei griff am Donnerstagnachmittag zu. Er und sein Bruder gehören nach Angaben aus Sicherheitskreisen der Salafistenszene in NRW an.
Bereits am Mittwochabend hatte die Bundespolizei im Großraum Gießen einen Mann aufgegriffen. Auf seinem Mobiltelefon fanden sie zwei verdächtige SMS vom Tag der Anschläge: Eine enthielt den Namen des U-Bahn-Attentäters, eine weitere schlicht das Wort "fin" – französisch für "Ende". Empfangen wurde sie offenbar drei Minuten bevor die Bombe in der U-Bahn explodierte.
Vielleicht hatte Deutschland nur Glück, bisher. Die Fahnder mahnen und warnen und blicken nach Belgien, das sie als Menetekel sehen.
In Belgien konnten die Dschihadisten außer Sichtweite der Behörden ungestört ihren Nachwuchs rekrutieren. Aus keinem anderen europäischen Land sind, gerechnet auf die Bevölkerung, mehr Menschen in den syrischen Bürgerkrieg gezogen, rund 500 sollen es sein, etwa 130 sind inzwischen zurückgekehrt.
"Jeder Dritte davon ist gefährlich", glaubt der Chef des belgischen Staatsschutzes Jaak Raes. Eigentlich müssten die beiden belgischen Geheimdienste sie und noch viele weitere Verdächtige ständig im Blick haben. Doch das scheitert schon an der Zahl der Agenten, von denen es allenfalls in der Theorie 700 gibt. Tatsächlich waren zum Zeitpunkt der Anschläge von Paris etwa 150 Stellen unbesetzt, und das Budget lag damals gerade mal bei etwa 50 Millionen Euro. Das entspreche dem Haushalt für die Redaktion einer großen Zeitung – nicht mehr, stellten belgische Journalisten konsterniert fest.
Ein Problem, sagt Bernard Snoeck, der früher beim belgischen Militärgeheimdienst SGRS beschäftigt war, sei auch, "dass die Politik keine Ahnung hat, wie wir arbeiten. Sie will sie auch nicht haben. Ich habe in meiner über 20-jährigen Tätigkeit kein einziges Mal einen Parlamentarier in unseren Büros gesehen". Aus einer falsch verstandenen Toleranz, meint er, wolle man "nicht an den Dschihadismus ran. Ich erinnere mich an die Zeit nach 9/11. Wir hatten Hinweise auf Islamisten in der Armee. Wir wollten das genauer ermitteln, doch das Verteidigungsministerium stoppte die Investigation".
Dabei waren die belgischen Dienste nicht ganz erfolglos, wie die Aufdeckung einer Terrorzelle im Januar 2015 nahe der deutschen Grenze in Verviers zeigte. Auch drei der Attentäter von Paris waren zumindest zeitweise im Visier der Geheimdienste. Bei einem wurde das Telefon abgehört, und die Abdeslam-Brüder landeten auf einer belgischen Polizeiwache, als einer von ihnen mit dem Versuch scheiterte, nach Syrien zu gelangen. Am Ende aber fehlten für eine langfristige Überwachung die rechtlichen Grundlagen und das Personal.
Salah Abdeslam konnte sich weiter verstecken. Ibrahim El Bakraoui, Khalid El Bakraoui und Najim Laachraoui machten sich unbehelligt für ihren Massenmord in Brüssel bereit.
Terrorismusabwehr wird als nationale Angelegenheit behandelt, die europäische Zusammenarbeit funktioniert nicht gut, es gibt sie nur auf freiwilliger Basis. "Ein multilateraler Informationsaustausch ist den meisten Polizisten noch immer sehr fremd", sagt Max-Peter Ratzel. "Sie horten ihre Informationen lieber, anstatt sie zu teilen." Der ehemalige Leiter der europäischen Polizeibehörde Europol fordert einen radikalen Mentalitätswechsel in den Behörden, "weg vom Need-to-know-Prinzip, nach dem jeder Beamte darüber entscheidet, welche Daten andere Stellen von ihm bekommen, hin zum Need-to-share-Prinzip." Am Donnerstagabend gelobten die Innenminister der EU bei einem eilig einberufenen Treffen Besserung, wieder einmal. "Viele nationale Behörden wollen nicht mit allen anderen ihre Informationen teilen", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). "Diese Mentalität muss man ändern. Das Problem ist, dass wir zu viele getrennte Daten haben, die zu wenig verknüpft werden."
Dabei hat die EU durchaus auf die Bedrohung reagiert. Europol hat jetzt ein "European Counter Terrorism Center", die Nachrichtendienste haben sich zusammengeschlossen, in einer "Counter Terrorism Group". Doch auch hier basiert alles auf Freiwilligkeit. Der Verbund ist nicht der EU unterstellt, eine politische Kontrolle findet nicht statt.
Woran, bei aller Kritik, erinnert werden muss: Nichts und niemand kann Attentate garantiert verhindern, nicht die verlässlichste Polizei, nicht das beste Sicherheitskonzept. Aber es war eine dürftige Vorstellung der Behörden, vor allem der belgischen, diese Wahrnehmung beginnt auch das Land zu bewegen – zwei Tage nach den Anschlägen boten der Innen- und der Justizminister ihren Rücktritt an, weil offenbar türkische Warnungen vor Ibrahim El Bakraoui, der in der Türkei gefasst wurde, nicht beachtet worden waren. Der Premierminister habe den Rücktritt zunächst abgelehnt, wie belgische Medien berichten. Doch die Unzufriedenheit wächst.
Und es muss die Frage gestellt werden, ob ein speziell belgisches Problem die schwierige Lage noch verschärft. Es mag kühl wirken, sie in diesen Tagen zu stellen, da ein Land trauert, da die Kerzen brennen auf der Place de la Bourse, da es vielen Menschen darum geht innezuhalten. Aber in Belgien, in Europa muss nun schnellstmöglich aus Fehlern gelernt werden, um Wiederholungen zu vermeiden – und wer Belgiens Probleme besser versteht, versteht auch besser, was in Europa fehlt.
Belgien, das ist ein Staat mit 30 000 Quadratkilometern, so groß wie Brandenburg, berühmt für Comics, Bier, Schokolade, Fritten und Skandale.
Die Pannenreaktoren von Tihange und Doel, die trotz Rissen wieder ans Netz gingen. Dioxin im Hühnerfleisch. Der Fall Dutroux – er wirft noch 20 Jahre später seinen Schatten auf dieses Land. Dass der Kindermörder Mädchen fangen, missbrauchen, einkerkern und ermorden konnte, obwohl immer wieder Spuren zu ihm geführt hatten, hat das Vertrauen in den belgischen Rechtsstaat nachhaltig getrübt.
Und nun, immer wieder: Terrorismus. Der knapp vereitelte Anschlag im Thalys-Zug. Die Attentate von Paris und ihre belgischen Täter. Das Grauen in Brüssel, am Dienstag dieser Woche.
"Failed state" nennt man ein Staatswesen, das dysfunktional ist, nicht überlebensfähig. Ist Belgien das? Ein gescheiterter Staat?
"Es ist ein künstlicher Staat." Der das sagt, war bis vor dreieinhalb Jahren Bürgermeister von Molenbeek, ein weißhaariger Herr von der Sozialistischen Partei, der kritisch über Belgien und Europa spricht und in diesem Punkt erstaunlich nah an seinem politischen Antipoden ist, dem rechtskonservativen Bart De Wever, der findet: "Europa entwickelt sich leider zu einem großen Belgien, anstatt Belgien zu einem kleinen Europa."
Philippe Moureaux war einst der Meinung, dass der europäische Nationalstaat nach und nach verdampfen werde, dass Europa übrig bleibe und dessen Funktion übernehme – ein demokratisches Europa, ein gerechtes. "Nicht das", so meint er, "das es heute gibt."
Moureaux ist an diesem Tag nicht der Exbürgermeister, nicht der Exminister für Innere Angelegenheiten, sondern eher der Geschichtsprofessor, der er früher mal war. Nicht der politische Praktiker, als der er gerade in seinem Buch die "Wahrheit über Molenbeek" erzählt hat, dass er einer der wenigen gewesen sei, die sich um die Integration verdient gemacht hätten.
Moureaux lebt in Molenbeek, in einem Gebäude, das von außen sozialer Wohnungsbau sein könnte und innen, im fünften Stock, ein Wohn- und Denkzimmer mit dunklen Bücherrücken und dunkelroten Ledersofas enthält. Er sitzt da und schaut zurück auf einen Staat, der als Kompromiss entstand, 1830. Ein Gebilde, das optimistisch zusammenfügte, was ohne gemeinsame Geschichte war: das flämische Flandern, das frankophone Wallonien und Ostbelgien, in dem 76 000 Menschen Deutsch sprechen. Ein Gebilde mit einem inzwischen armen Süden, der Unterstützung braucht, und einem reichen Norden, in dem das Murren dagegen immer lauter wird; man kennt das Prinzip. Es heißt Europa.
Belgien hat eine zersplitterte Verwaltung, wirre Zuständigkeiten zwischen den verschiedenen staatlichen Ebenen und einen ineffizienten Staatsapparat, der zum Teil grotesken regionalen Streitigkeiten Rechnung tragen muss. Um ein Zerbrechen des fragilen Staatsgebildes zu verhindern, wurde die Verfassung mehrfach reformiert und die Zentralgewalt geschwächt. Die Folge ist, dass es in Belgien alles mehrfach gibt: einen flämischen Ministerpräsidenten und einen wallonischen und einen, der ganz Belgien vertritt. Regierungsbildungen sind hier keine Sache von Wochen, sondern von Monaten. Vor gut vier Jahren existierte das Staatswesen 541 Tage einfach weiter, ohne dass es eine Regierung gab.
Die Bürger haben über die Jahre eine gewisse Distanz entwickelt zu ihren Obrigkeiten. Indem die Menschen, so Moureaux, "ein bisschen aufständisch, ein bisschen anarchistisch geworden sind". Anarchistisch deswegen, sagt er, "weil diese Gegend immer wieder unter Besatzern war". Die Burgunder. Die Spanier. Die Österreicher. Die Franzosen. "Es gibt eine Tradition hier zu sagen: eine Autorität? Das gibt sich wieder. Das geht vorbei."
Belgien hätte ein Vorbild werden können, wie man zusammenlebt, aber das wurde es nicht, auch Moureaux will da nichts verklären. Stattdessen wurde das Land zur Keimzelle Europas, bekam "die Institutionen", und die sind nun da, mit ihren Glaspalästen, und manche empfinden das wie eine Kolonisation.
Das Herz Europas, ja – ein kaltes Herz, vom Brüssel der Armen aus gesehen. Es fällt nichts ab für sie vom Geld "aus Brüssel", wie man anderswo sagt; hier heißt es: "die Eurokraten".
Vier Kilometer etwa sind es vom Parlament zum sogenannten Dschihadisten-Hotspot in Molenbeek, doch Europa und der Problemstadtteil berühren sich im Alltag so gut wie nicht. Im Europaviertel werden Gesetze für einen ganzen Kontinent gemacht, und nebenan planen Dschihadisten, wie sie diesen Kontinent bekämpfen, seine Freiheit und Werte zerstören können.
Marokkaner aus den Brüsseler Einwandererfamilien arbeiten im Europaviertel als Fahrer, Türwächter, in der Putzkolonne oder in der Kantine. Das sind die einzigen Berührungspunkte. Nicht wenige weisen in diesen Tagen auf die Uhrzeit des Anschlags in der U-Bahn-Station Maelbeek hin. Kurz nach neun, da trifft man die europäische Beamtenelite, eine Stunde früher wären Putzfrauen und Nachtwächter auf dem Heimweg gewesen.
Für Kanzleien und Lobbyingfirmen, die in Brüssel blühen, sind die meisten Migranten nicht qualifiziert. Spät, aber immerhin, hat das EU-Parlament in den vergangenen Jahren gegen den Trend Dienstleistungsjobs wie Fahrdienste nicht weiter an Subunternehmer vergeben, sondern in geregelte Arbeitsverhältnisse zurückgeholt, so zumindest der Versuch.
Es ist ein Schritt, der auch der Sicherheit dient, denn Festangestellte können kontrolliert werden, bei einem Subunternehmer weiß man nie genau, wen er da beschäftigt. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz kündigt jetzt eine neue, überfällige Initiative an, für Jugendliche aus den Problemstadtteilen: "Wir sollten überlegen, wie wir die enormen Potenziale der europäischen Institutionen nutzen können, um zu helfen, soziale Missstände in Brüssel zu beheben."
Das Europaviertel, die Heimat der europäischen Institutionen, Rat, Kommission und Parlament, liegt wie ein Ufo in Brüssel. Die Parlamentarier könnten auch in Palermo tagen, Geläster, Geschimpfe und Kontakt zur Stadt wären gleich ausgeprägt. Man fremdelt.
Brüssel als Großraum ist ohnehin schwer regierbar, 1,1 Millionen Einwohner, das ist nicht groß. Leider sind sie auf 19 Gemeinden aufgeteilt, sechs Polizeibezirke sind für die Sicherheit zuständig, Regional- und Zentralregierung werken nebeneinander her und kommunizieren zu wenig. Belgiens Hauptstadt liegt in Flandern, spricht aber überwiegend Französisch, in der Folge fühlt sich keiner so richtig zuständig. Und die Polizei, die Sicherheitsbehörden sind mit dem Schutz zahlreicher internationaler Einrichtungen von der Nato bis zu den Gebäuden der Europäischen Union im Osten des Zentrums bis über ihre Grenzen belastet. Dazu kommt nun schon seit Monaten die Jagd auf Terroristen.
Kann man diese Stadt mögen? Dieses Land?
Ja, sagt einer, von dem das nicht zu erwarten war.
Von Philippe Blondin im Jüdischen Museum kommt dieses unwahrscheinliche Liebesgeständnis für ein ungeliebtes Land. Es ist kurz nach den Attentaten von Paris, er empfängt in einem Bau, gut versteckt in einer kleinen Straße unweit des feinen Grand Sablon, eines Platzes mit teuren Antiquitätenläden und alteingesessenen Restaurants.
Vor knapp zwei Jahren, am 24. Mai 2014, zückte in dem Museum ein junger Mann sein Sturmgewehr und erschoss vier Menschen. Der Attentäter, ein Syrien-Rückkehrer, lebte in Molenbeek, nur wenige Kilometer vom Anschlagsort entfernt. Seit jenem Tag, und nicht erst seit vergangenem Dienstag, hat Brüssel auf der europäischen Terrorkarte einen Platz – und zwar nicht nur als Ort, aus dem die Täter stammen.
Blondin braucht heute keine Sekretärin mehr, die Besucher anmeldet, das erledigen die Soldaten, die den Museumseingang bewachen. Ausweiskontrolle, dann Nachfrage, ob es einen Termin gebe, dann erst geht es, begleitet von einem Militär in Tarnuniform, hoch in Blondins Büro. Auf dem Weg dorthin kann man noch einzelne Einschusslöcher sehen.
Der Präsident des Jüdischen Museums ist ein distinguierter Herr, er wartet mit einem Geständnis auf. "Ich bin ein Bürger Belgiens", sagt er. "Ich verdanke diesem Land alles." Seine Familie, so erzählt er, sei nach Brüssel gekommen auf der Suche nach einem besseren Leben – so wie in den Sechziger- und Siebzigerjahren Türken und Marokkaner auch. Sein Vater hatte ein Schuhgeschäft, er selbst konnte studieren, hat eine Aufsteigerbiografie, wie sie heute vielen Migranten verwehrt ist. Der alte Mann hält ein Plädoyer für das Land, das in diesen Tagen so viele zum Teufel wünschen.
Blondin setzt auf die Verständigung von Kulturen und Völkern, das Museum hatte ohnehin Staub angesetzt, jetzt wird es noch einmal eine große Vernissage geben, junge Künstler, eine Nacht lang Musik und Gespräche, und dann wird das Gebäude abgerissen. Das Motto der Veranstaltung: "100 Künstler, 100 Freiheiten".
Das neue Haus soll voller Touchscreens und moderner Museumspädagogik sein, auf der Höhe der Zeit, vor allem aber mit einer Abteilung über die Muslime in Brüssel. "Es geht nur mit Lernen, miteinander sprechen", sagt Blondin, fügt dann aber ein wenig resigniert hinzu: "Ich fürchte nur, dass die, die miteinander reden, ohnehin kein Problem miteinander haben." Er kennt das ja alles, die Parallelmilieus, Schulabbrecher, fehlende wirtschaftliche Chancen, doch eine Rechtfertigung, Bomben zu werfen, sei das ja wohl alles nicht.
Er will nicht in Haftung genommen werden, als Belgier, für etwas, das jemand in seinem Land tut. "Müssen wir uns für etwas entschuldigen?", ruft er aus. "Nein, der Terror ist nicht unsere Schuld." Er hat keine Lust, sich über den Terrorismus zu definieren.
Doch, es gibt tatsächlich Menschen zu treffen, die gern leben in diesem Land mit seinen Improvisationen, seinen Unfertigkeiten, seiner Selbstironie.
Jan Bucquoy, ein gut gelaunter Anarchist, der einmal jährlich zu seinem privaten Putschversuch gegen das Königshaus aufläuft – immer am 21. Mai, wenn kalendarisch am seltensten Regen falle.
David Helbich, Künstler im Kapuzenpulli, der "Belgian Solutions" schätzt und auf Fotos die skurrilen Lösungen von Alltagsproblemen zeigt, ein Geländer, wo gar keine Treppe verläuft, eine Schranke, die in die Wand rammt, weil sie zu lang ist, ein abgetakeltes Haus mit säuberlich geschnittener Gartenhecke davor. Dinge aus dem Alltag, Lösungen, die keine sind, aber freundlicherweise als solche verstanden werden.
Das ist die charmante Seite der Scheinlösungen, der Improvisation, der Basteleien. Die weniger charmante steht gut 70 Kilometer südöstlich von Brüssel, in Wallonien: die drei Reaktorblöcke des Pannen-AKWs von Tihange. Tihange 2 wurde heruntergefahren, nachdem man Risse entdeckt hatte, getestet, wieder angefahren. Die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben bei der EU Beschwerde gegen den Betrieb Tihange 1 eingelegt. Doch die EU hat hier nicht viel zu sagen.
Es gibt deutlich mehr deutsche Angst vor belgischen Atomkraftwerken als belgische. Man arrangiert sich in Belgien, das ist die Gewohnheit. Man eröffnet direkt gegenüber vom AKW einen Bioladen, wie Françoise Georis, weil es eben im Umkreis von 15 Kilometern noch keinen Bioladen gibt. Man kann sich über Kundschaft freuen unter AKW-Angestellten, weil, so weiß sie, "ja nicht jeder von Herzen dabei ist in dem Job, den er macht". Die Kundschaft im Allgemeinen, sagt sie, die habe weniger Angst vor Strahlung als vor gentechnisch veränderten Lebensmitteln. Und überhaupt, die Kühltürme, die sehe sie eigentlich gar nicht mehr, sagt sie eine Woche vor den Anschlägen von Brüssel, den meisten hier gehe das so.
Nur vor dem Terrorismus, meint Françoise Georis an jenem Dienstag im März, habe sie doch ein bisschen Angst.
Eine Woche später wird Tihange teilweise geräumt, weil die Behörden fürchten, dass die Anlagen ins Visier radikaler Islamisten geraten könnten, und die Ermittler machen sich ernsthaft Sorgen über schmutzige Bomben und über die Aufnahmen einer Überwachungskamera, die man bei einer Hausdurchsuchung fand: Sie zeigen den Leiter des belgischen Forschungs- und Entwicklungsprogramms für Kernenergie.
Militärs schützen jetzt die Kraftwerke. Es ist schwieriger geworden, daran vorbeizuschauen.
Schwieriger, sich zu arrangieren. Schwieriger, zu improvisieren und zu denken: Es wird schon irgendwie in Ordnung gehen.
Man wird hinschauen müssen, künftig, nicht nur in Belgien, sondern in ganz Europa. Auf dieses Problem, das wachsen konnte in den Städten und Vorstädten und immer größer wurde, so groß, dass man es nicht mehr sah.
Zwei Tage nach den Anschlä-
gen boten zwei Minister ihren
Rücktritt an, weil Warnungen
nicht beachtet worden waren.
Von Melanie Amann, Maik Baumgärtner, Sven Becker, Jörg Diehl, Martin Knobbe, Katrin Kuntz, Peter Müller, Fidelius Schmid und Barbara Supp

DER SPIEGEL 13/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Belgien:
Nagelbomben an Gate B

  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch