02.04.2016

KommentarUnterm Messer

Ärzten wird der Zugang zu medizinischem Wissen erschwert.
Von einem Chirurgen erwarten wir, dass er auf der Höhe der Kunst operiert: mit scharfem Skalpell, pingeliger Hygiene und unter hellem Licht. Doch wie sieht es in den Köpfen aus? Woher wissen Ärzte, ob zum Beispiel eine Knieoperation wirklich sinnvoll ist und ein neues Medikament zu empfehlen; wie also bleibt ihr wichtigstes Werkzeug messerscharf: das geistige Sezierbesteck? Hier sieht die Zukunft düster aus. Eine wichtige Säule der evidenzbasierten Gesundheitsforschung soll abgetragen werden, die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin (ZB Med) in Köln. Damit wäre die deutsche Ärzteschaft abgeschnitten vom Zugang zu 2700 wichtigen Fachzeitschriften, die nirgendwo sonst in Deutschland kostenlos erhältlich sind. Und es geht noch weiter, ein desaströser Dominoeffekt ist im Gange: Auch das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information stellt zum Jahresende 2016 den Zugang zu wichtigen Datenbanken ein. Einige davon sollten eigentlich übernommen werden – ausgerechnet von der nun bedrohten ZB Med.
Gut, die ZB Med hat wohl ihren Anteil an dem Debakel. Sie sei, sagen Kenner, im Laufe der Jahre etwas träge geworden. Aber muss man sie dann gleich dichtmachen? Hochwertige, unabhängige Studien sind kostbar, Qualitätsforschung findet man nicht frei im Netz. Sperrt die öffentliche Hand den Zugang zu solchen Quellen, verkümmern diese zu exklusivem Herrschaftswissen, das sich nur Großunternehmen leisten. Sparen wir heute an den medizinischen Bibliotheken, lassen wir morgen Mitbürger dafür bluten, im wörtlichen Sinne: zum Beispiel durch überflüssige Eingriffe, die einem ahnungslosen Arzt von Lobbyisten der Industrie aufgeschwatzt werden. Operation erfolgreich, Patient totgespart.
Twitter: hilmarschmundt
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 14/2016
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