02.04.2016

LiteraturHerr Ömer

Fast 30 Jahre lang kaufte ich meine deutschen Bücher in dem Laden eines türkischen Buchhändlers um die Ecke. Aus Prinzip. Nun ist er tot. Eine Verneigung. Von Navid Kermani
Kermani, 48, lebt in Köln. Im vergangenen Jahr bekam er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zuletzt erschien von ihm der Reportageband "Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa" (C. H. Beck). Es ist die erweiterte Fassung eines Artikels, den Kermani für den SPIEGEL verfasste.
Ich habe nachgerechnet: Seit 28 Jahren, seit ich in Köln wohne, in Köln-Eigelstein, habe ich meine Bücher bei Herrn Ömer gekauft. Er hat die junge Frau gemocht, die ich eines Tages mitbrachte, meine Kinder aufwachsen sehen wie ich seinen Sohn, mein erstes Buch ins Schaufenster gestellt und fortan immer genau einen Stapel für mich reserviert, aber mich in 28 Jahren niemals auch nur für eine Zeile gelobt. Das war einfach nicht seine Art. Immer wenn ich Besuchern unser Viertel zeigte, kam ich zum Eigelsteinplatz und sagte: Schaut her, bei uns ist sogar der deutsche Buchhändler ein Türke. Dann traten wir ein, und immer wunderten sich die Besucher über die klassische Musik, die von morgens bis abends lief, gern Vivaldi, manchmal Opern oder vormittags das Klassikforum auf WDR 3. Manchmal legte Herr Ömer auch französische Chansons auf, und noch lieber als Beethoven hörte er Cesária Évora, kapverdische Musik.
Er heißt gar nicht Ömer, also nicht Ömer mit Nachnamen, wie ich 28 Jahre lang glaubte, wie ich sogar in einem Artikel für das "Börsenblatt" des deutschen Buchhandels schrieb, in dem Schriftsteller in einer Serie ihre liebste Buchhandlung vorstellten. Selbst da habe ich ihn Herr Ömer genannt und mich sogar ein bisschen lustig gemacht über sein Deutsch, weil er mir früher, als ich die Bestellungen noch nicht per Mail schickte, immer wieder mal das falsche Buch besorgt hatte, also Maier statt Meier zum Beispiel, Hegel statt Hebel oder Grün statt Greene, um es etwas plakativer zu machen, als die Verwechslungen in Wirklichkeit waren. Und ich habe auch seine Art karikiert, also dass er meine Bestellungen oft kommentierte oder sogar richtig schimpfte, wenn ich etwa am neuen Pamuk interessiert war, den er für einen Modeschriftsteller hielt, nur an westlichen Bedürfnissen orientiert. Solche Frotzeleien schrieb ich in mein Porträt, sodass mir etwas bang vor dem Augenblick war, wenn er das "Börsenblatt" lesen würde, aber dann hat er sich dennoch gefreut, sagte zwar nichts, aber hielt das Magazin lächelnd hoch, als ich in den Laden trat, schien ein bisschen stolz zu sein und überging stillschweigend, dass er selbst im "Börsenblatt" Herr Ömer genannt wurde, obwohl Ömer nur sein Vorname war. Es war aber auch schwierig dahinterzukommen, weil ich 28 Jahre lang mit der Anrede unsicher war, mal siezte er mich, dann duzte er mich wieder, sodass auch ich ihn mal duzte, mal siezte und den Eindruck gewann, dass er mich immer dann siezte, wenn ich ihn duzte, und umgekehrt.
Er hatte so einen angeborenen Widerspruchsgeist, war grundsätzlich unzufrieden mit der Entwicklung, welche die Welt, die Türkei und der Eigelstein nahmen, und ließ am Islam, über den ich manche meiner Bücher schrieb, allenfalls die mystische Tradition gelten, Yunes Emre und so, und das ist jetzt 700 Jahre her. Den Istanbuler Bürgermeister, späteren Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan hielt mein Buchhändler von Anfang an für einen Faschisten, als ich noch von Demokratisierungsfortschritten sprach. Rüde scheuchte er alle Kunden weg, deren Nase ihm nicht gefiel, regte sich über jeden Krimikäufer auf – lautstark, sogar wenn der Krimikäufer im Laden stand. Gut, Herr Ömer hatte mich. Zu manchen Zeiten hatte ich den Eindruck, dass ich allein den Laden finanzierte. Einmal wurde mir am Bücherregal ganz anders, als ich hörte, wie er zwei Frauen fragte, was sie hier täten. Ach, nur schauen, sagten die Frauen. Schauen Sie, und dann gehen Sie, sagte Herr Ömer, dem egal war, dass die beiden Frauen ihn für einen Macho oder gar Islamisten halten mussten – dabei hatten sie wahrscheinlich nur nach den falschen Büchern geschaut.
So wie ich seinen Nachnamen, ignorierte er übrigens meinen Vornamen. Du Kermani, Buch ist da, rief er über den Eigelsteinplatz, wenn ich am Laden vorbeilief oder gegenüber vor der Eisdiele saß mit den Töchtern. Deshalb vielleicht dachte ich, dass Ömer sein Nachname sei. Sagen Sie, Ömer, ist das Buch da? Oder, wenn ich ihn ärgern wollte: Sag mal, Ömer, der neue Pamuk ist doch nun wirklich nicht schlecht. Worauf Herr Ömer den Roman eines sozialkritischen oder frühmodernen türkischen Autors aus dem Regal holte, den ich lesen sollte statt dieses billigen Zeugs.
Er konnte wirklich nicht gut Deutsch, nach 28 Jahren als Buchhändler – als Buchhändler! –, wobei ich gar nicht weiß, wie lange er davor schon in Deutschland gewesen war und wie viele Jahre er bereits den Laden besaß. Wenn ich die bibliografischen Angaben von Amazon per copy & paste in die Mail fügte, kamen immer nur drei Wörter zurück, in ich weiß nicht wie viel Dutzenden, nein Hunderten Mails immer nur die drei selben Wörter: "Morgen ist da." Er war stramm links, das war klar, er hatte einen höflichen und sehr umgänglichen Sohn, der inzwischen Deutschlehrer ist – Deutschlehrer! –, aber eine Frau sah ich nie; öfters waren andere, irgendwie auch links aussehende Türken seines Alters da, die im Lager halfen oder mit ihm Tee tranken, ansonsten sagte er so gut wie nichts über sich selbst.
Ich ahnte zwar, dass da auch eine politische und intellektuelle Biografie war, aber selbst sein zweiter, jüngerer Sohn, von dem ich nichts geahnt hatte, sagte am Grab, dass er das alles selbst herausfinden musste: Anführer der 68er-Bewegung, Kampf gegen die Militärdiktatur, Gefängnisaufenthalt, türkische Arbeiterpartei. Der Sohn sagte, dass er mir die Übersetzung der Artikel schicken würde, die über seinen Vater jetzt in der Türkei erschienen. Sogar eine Fernsehkamera und mehrere Rundfunkmikrofone gab es bei der Beerdigung auf dem muslimischen Teil des Kölner Westfriedhofs, mehr als 200 Trauergäste, viele von weit her angereist. Das große Foto in der Trauerhalle zeigte Herrn Ömer beinah so jung, mit melancholischem Lächeln, wie ich ihn vor 28 Jahren kennengelernt hatte, ich praktisch noch ein Abiturient und er ein türkischer Intellektueller, der nach Köln ausgewandert war.
Ein französischer Nachbar aus dem Eigelstein sang auf dem Begräbnis mit der Gitarre ein Chanson. Ein erkennbar sehr mystischer Imam, der alle Religionen gelten ließ, schlug den wenigen deutschen Trauergästen vor, das Vaterunser zu beten, während er das islamische Totengebet spreche, weil es ja jetzt nicht darum gehe, dass Gott unsere Schuld vergebe, das mache Gott schon, da könnten wir auf Seine Barmherzigkeit vertrauen, unser Problem sei die Schuld an den Mitmenschen; nicht Gott, sondern die Mitmenschen sollten uns nach Möglichkeit unsere Schuld vergeben, bevor wir in die andere Welt gingen, sonst trügen wir schwer, und das drücke das christliche Vaterunser doch genauso aus wie das islamische Gebet, das er auf Türkisch vortragen werde, weil der Barmherzige im Koran gesagt habe, dass ihn jeder in seiner eigenen Sprache ansprechen solle – weil der Barmherzige egal welches Gebet verstehe. Wahrscheinlich schlackerten die Ohren der wenigen deutschen Trauergäste ob der Offenheit und Weichheit dieses Imams, der selbst ins Grab stieg, um Herrn Ömer genau, auch im genau vorgeschriebenen Höhenwinkel, gen Mekka zu betten und über ihm die Bretter in die Grabwand zu hämmern, damit keine Erde den Körper berührt. Wir Trauergäste warfen nicht dezent eine Schippe Erde ins Grab, sondern nahmen Schaufeln und füllten das Grab bis an den Rand, so will es offenbar die türkische Tradition.
Bevor die Leiche, die in ein weißes Tuch gewickelt war, aus dem Sarg gehoben wurde, sagte der Imam noch, erst auf Türkisch, dann auf Deutsch, dass jeder so gehen solle, wie er gelebt habe, mit dem, was er liebte, deshalb würden wir jetzt noch ein Lied hören, worauf der jüngere Sohn sein Smartphone an den Lautsprecher anschloss und alle zusammen, die 200 türkischen, zumeist älteren, ebenfalls links aussehenden Gäste auf dem muslimischen Teil des Kölner Westfriedhofs Cesária Évora hörten, kapverdische Musik.
Ich selbst hatte eine Rede in der Trauerhalle gehalten, die mit Kreuzen versehen ist, obwohl die Gläubigen aller Religionen und auch die Ungläubigen sie nutzen – es störte mich nicht, es fiel mir nur auf, die gusseiserne Rückwand mit den Kreuzen abzunehmen wäre ja auch wieder falsch. Der ältere Sohn hatte mich am Tag zuvor gebeten, damit wenigstens einer auf Deutsch zu den Trauergästen spreche und wenigstens ein Kunde zu Wort komme, und ich sei sein bester gewesen (was eindeutig stimmt). Ich pries die gute Nachbarschaft, die wir mit Herrn Ömer hatten, und gab zu, dass ich über die Jahre kaum etwas Privates von ihm erfahren hatte, wie das bei Nachbarn oft ist, ließ auch nicht unerwähnt, dass Herr Ömer schroff sein konnte, worauf die erste Reihe kollektiv nickte, aber ich mich blind auf ihn verließ. Ich wusste, dass er sich sorgte, dass er ein Auge auf die Kinder hatte, wenn sie am Platz waren, er sich nach meiner Frau erkundigte, wenn er sie länger nicht gesehen hatte – Geht es ihr gut? Ist sie gesund? –, und den Kindern immer, immer Geschenke machte, türkische Süßspeisen, Plakate, Leseexemplare, einmal einen veritablen Thron, den Lesethron eines Verlags für eine Werbeaktion, rot und himmelblau, den ich quer über den Platz und durch die Lübecker Straße nach Hause tragen musste, obwohl eigentlich kein Platz dafür war, aber die Tochter freute es gleichwohl.
Über sein Deutsch sprach ich ebenfalls und karikierte es wieder, erzählte das mit den Verwechslungen und den Bestellungen, die ich lieber mit copy & paste in die Mail fügte, als sie telefonisch durchzugeben, und immer kam einige Minuten später die Antwort "Morgen ist da", Dutzende und Hunderte Male "Morgen ist da".
Deshalb war ich sofort beunruhigt, als Dienstag nicht "Morgen ist da" zurückkam oder meinetwegen "Samstag ist da" oder "Muss ich bei Verlag bestellen" oder was weiß ich, nichts, auch am nächsten Tag nicht, sodass ich, weil ich schließlich sein Nachbar war, einige Male vergeblich anrief und dann zu seinem Laden ging, wo bereits Blumen und Kerzen vor der Tür lagen. Ich sagte, dass ich jetzt diese drei Worte im Herzen behalten werde, da Ömer Özerturgut sie mir nicht mehr schickte, drei schöne Worte eigentlich, hoffnungsfrohe, geradezu utopische, was ja zu seiner politischen Biografie passt: "Morgen ist da." ■

Immer kam die Antwort "Morgen ist da", Dutzende und Hunderte Male "Morgen ist da".

Von Navid Kermani

DER SPIEGEL 14/2016
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Literatur:
Herr Ömer

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Dugongbaby Marium: Thailändische Seekuh stirbt mit Plastik im Bauch
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
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