09.04.2016

BildungDas große Nichts

Bis zum Abitur sind viele junge Menschen unglaublich zielstrebig. Doch was dann? Viele Schulabgänger wirken planlos, hilflos, orientierungslos – und brauchen erst mal Zeit.
An manchen Tagen wünscht Tom Jones sich eine Kristallkugel. Dann könnte er hineingucken und sich vielleicht weniger Sorgen machen. Tom Jones, der wirklich so heißt, ist 19 Jahre alt und wird in wenigen Wochen sein Abiturzeugnis in den Händen halten.
Wenn er spricht, ist da keine Euphorie, kein Stolz darüber, diesen ersten wichtigen Lebensabschnitt gemeistert zu haben. Stattdessen sagt Tom: "Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll." Oder: "Ich habe Angst, in ein Loch zu fallen, wenn das Schulleben vorbei ist." Das Korsett der Schule gab ihm ein Gefühl der Sicherheit, der Vorhersehbarkeit. Jetzt fehlt Tom ein Plan. Und das fühlt sich nicht gut an.
"Schaut auf eure Interessen", sagte der Berufsberater, der an Toms Schule kam. Hat Tom gemacht. Er interessiert sich für Umweltschutz, macht Kraftsport und Leichtathletik, beschäftigt sich gern mit Ernährung. Er spielt Gitarre und Klavier, mag Theater. Er schaut regelmäßig die Nachrichten, will wissen, was in der Welt passiert. "Wie, bitte schön, soll ich denn daraus einen Beruf ableiten?", fragt er. "Es gibt doch so viele spannende Möglichkeiten." Entscheidet er sich für eine, entscheidet er sich gegen alle anderen.
Für den 19-Jährigen, Typ lässiger Lockenkopf, ein echtes Dilemma – wie für so viele Schüler in Deutschland, die in diesen Tagen ihre Abiturprüfungen ablegen. Hilflos, orientierungslos, planlos. So erleben Lehrer, Eltern, Berufsberater und Wissenschaftler viele Abiturienten von heute. In einer Umfrage der Vodafone Stiftung gab fast die Hälfte der befragten Schüler an, dass ihnen die Berufswahl schwerfalle. Nur knapp ein Drittel hat eine konkrete Vorstellung davon, wie die berufliche Zukunft aussehen soll. Jeder Fünfte hat keinen Schimmer.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Schon die schier endlose Fülle der Optionen verwirrt. Wer in Deutschland studieren möchte, dem bietet sich eine Auswahl von rund 19 000 Studiengängen; vor zehn Jahren waren es ungefähr halb so viele. Hinzu kommen mehr als 300 Ausbildungsberufe. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) sagen 43 Prozent der Abiturienten des Abschlussjahrgangs 2012, dass ihnen die "schwer überschaubare Zahl der Möglichkeiten Probleme" bereite.
Peter Piolot ist täglich mit dieser Hilflosigkeit konfrontiert. Seit mehr als 30 Jahren berät er an der Universität Köln Abiturienten. "Allein um die Vor- und Nachteile von Universitäten, staatlichen und privaten Fachhochschulen und Berufsakademien zu durchschauen, ist aufwendige Recherche nötig", sagt Piolot.
Die meisten jungen Menschen, die vor seinem Schreibtisch Platz nehmen, hätten zumindest eine grobe Vorstellung von ihrer zukünftigen Studienrichtung, "irgendwas mit Sprachen" etwa. Allerdings falle es ihnen schwer, die notwendigen Antworten auf ihre persönlichen Fragen zu finden. "Das Internet hat es einerseits erleichtert, Informationen zu beschaffen, aber den gesamten Entscheidungsprozess eher verkompliziert", sagt Piolot. Das Überangebot an Berufsberatungsseiten und Karriereportalen scheint zu lähmen.
Tom Jones fühlt sich erschlagen, wenn er sich durch das Netz googelt. Wie viele Stunden er schon vor dem Laptop in seinem Zimmer hockte, unter dem Dach des Elternhauses in Malzhagen, einem kleinen Ort östlich von Köln, weiß er nicht.
Tom ist kein Traumtänzer, den der nahende Schulabschluss überrascht. Er besucht Berufsmessen, berät sich mit seinen Eltern. Geholfen hat das bisher wenig. Mehr als ein Drittel der Schüler beklagte in der Vodafone-Studie einen Mangel an Informationen über berufliche Möglichkeiten. 62 Prozent der Gymnasiasten gaben an, zu wenig über bestimmte Studiengänge zu wissen.
Dabei geht es nicht nur um exotischen Fächerwildwuchs wie Angewandte Freizeitwissenschaft, Körperpflege oder Game Design, sondern vor allem eine Vielzahl von Spezialisierungen. Wer sich zum Beispiel für ein Wirtschaftsstudium interessiert, muss sich nicht mehr nur zwischen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre entscheiden. Wie wäre es stattdessen mit Gründungsmanagement, Gesundheitsökonomie oder "Wirtschaft und Verwaltung"? Und wo nur liegt der Unterschied zwischen International Business und International Management?
Die Wahl fällt auch deshalb so schwer, weil Abiturienten die Schule mit immer besseren Noten verlassen. Der Anteil der Schulabgänger, die sich mit einem Einserabitur schmücken, stieg zwischen 2006 und 2013 bundesweit von 19 auf 23 Prozent. In Berlin hat sich der Anteil der Eins-Komma-Abschlüsse sogar fast verdoppelt. Allerdings fühlten sich durch die guten Noten möglicherweise auch diejenigen zu einem Hochschulstudium berufen, die früher eher eine Berufsausbildung angestrebt hätten, vermutet der Düsseldorfer Sozioökonom Jan Bohlken.
Seit zwölf Jahren berät Bohlken Abiturienten bei der Berufswahl. Die große allgemeine Verunsicherung, die er bei seinen jungen Klienten erlebt, hat seiner Meinung nach einen weiteren Grund: Unreife.
Abiturienten sind heute im Schnitt 10,3 Monate jünger als vor 15 Jahren. Das liegt vor allem an der Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre. Weil es seit Sommer 2011 keinen Wehr- und Zivildienst mehr gibt, stehen junge Männer heutzutage sogar zwei Jahre früher vor der wegweisenden Entscheidung. "Zwei Jahre machen in diesem Alter sehr viel aus", sagt Bohlken.
Fast alle, die seine Beratung suchen, kommen in Begleitung ihrer Eltern – und die hätten oft eine deutlich konkretere Vorstellung, wohin es mit dem Nachwuchs einmal gehen solle. "Wir führen unsere Gespräche immer allein mit den Schülern, damit sie nicht zu sehr beeinflusst werden", sagt der Coach.
Wobei die Eltern in einigen Fällen bei Studienbeginn tatsächlich ein Wörtchen mitzureden haben: Durch die Schulzeitverkürzung machen neuerdings häufig schon 17-Jährige Abitur. Sie dürfen sich ohne das Einverständnis der Eltern nicht an der Hochschule einschreiben, keine Wohnung mieten – und müssten die Erstsemesterparty eigentlich um Punkt Mitternacht verlassen.
Die Jugendlichen finden das Engagement der Eltern nicht mal unbedingt schlimm. "Sie benötigen ihre Eltern als wichtige Verbündete im Angesicht der ungewissen Zukunftschancen", so formuliert es der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Gleichzeitig spüren die Heranwachsenden gewisse Erwartungen: Nach der Studie des DZHW gehen gut zwei Drittel der Studienberechtigten davon aus, dass es ihren Eltern wichtig oder sogar sehr wichtig ist, dass sie ein Studium beginnen.
Wer es sich leisten kann, lässt den Nachwuchs mitunter sogar professionell coachen. Neben den Arbeitsagenturen und den Hochschulen bieten seit einigen Jahren private Beratungen ihre Dienste an.
Luisa Lenffer, 17 Jahre alt, nahm im vergangenen Herbst auf einem der cremefarbenen Sessel im lichtdurchfluteten Besprechungsraum der Firma Struss und Partner Karrierestrategien im feinen Hamburg-Winterhude Platz. Schon länger hatte sich das zierliche Mädchen mit den glatten hellblonden Haaren gefragt, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte. "Ein Riesenthema bei uns in der Klasse", sagt Luisa. "Einen richtigen Plan haben die allerwenigsten."
Luisa sagt über sich, sie sei ein "Sicherheitstyp". Nicht zu wissen, wie es weitergeht, habe sie als "belastend" empfunden. "Eigentlich haben wir mit dem Abi doch alle Möglichkeiten", sagt sie. Diese nicht optimal zu nutzen und am Ende unglücklich zu sein, davor habe sie Angst. Sie sprach mit ihren Freundinnen, die ihr bescheinigten, hilfsbereit und liebenswert zu sein. Ein Praktikum im Kindergarten habe ihr Spaß gemacht. Aber eigentlich wollte sie doch studieren. Lehramt vielleicht?
Andererseits wolle sie auch Karriere machen. Psychologie findet sie interessant, Marktforschung und Öffentlichkeitsarbeit ebenfalls. "Auf jeden Fall was mit Menschen." Sie fragte ihren Vater, einen Hamburger Kaufmann. Der wies sie auf ihr Talent fürs Rechnen hin. Riet ihr zu einem Wirtschaftsstudium, am besten im Ausland, Hotelmanagement, das wäre doch was. "Irgendwann war ich völlig verwirrt", erzählt Luisa.
Die Beraterin im Ledersessel sollte ihr Klarheit bringen. Einen Tag lang löste Luisa Mathe- und Logikaufgaben, malte ein Bild, kreuzte auf einem langen Bogen Persönlichkeitsfragen an und stellte sich in einem einstündigen Interview der Beraterin. 1500 Euro kostet dieser Service. Am Ende bekam die Abiturientin einen dicken Ordner mit Informationsmaterial in die Hand gedrückt, abgestimmt auf die Ergebnisse der Tests. "Wenn es ihr etwas bringt, dann bin ich auch bereit, dafür zu zahlen", sagt Vater Laurenz Lenffer.
Und geholfen hat es, das findet zumindest Luisa. Die Beraterin attestierte ihr eine große Heimatverbundenheit, bestätigte ihr soziales Wesen und ihre schier unendliche Geduld. Und sie hatte auch einen Vorschlag, worin das Ganze münden könnte: Lehramt. Also doch. Für Luisa eine gute Nachricht. "Je länger ich darüber nachdenke, umso besser kann ich mir das vorstellen", sagt sie.
Der Vater hingegen reagierte leicht angesäuert. Für den Preis habe er etwas Exotischeres, vielleicht auch Glamouröseres erwartet, "auf das wir von selbst nicht gekommen wären".
Luisa erwägt tatsächlich, dem Vorschlag der Karriereberaterin zu folgen und auf Lehramt zu studieren. Andererseits liebäugelt sie nun auch mit einem Wirtschaftsstudium. Um sich ganz sicher zu sein, möchte sie erst einmal eine Auszeit nehmen. Im Herbst wird sie für ein paar Monate nach Oxford auf den Campus der berühmten Universität ziehen und Sprachkurse belegen, auch das ein Tipp der Karriereberaterin. Luisa möchte ihr Englisch verbessern – und noch einmal ganz in Ruhe nachdenken.
Fast keiner ihrer Freunde strebt nach dem Abschluss sofort an die Hochschule oder gar in einen Ausbildungsbetrieb. Denn wer sich ernsthaft für eine Berufsausbildung interessiert, hätte sich schon zu Beginn des letzten Schuljahres entscheiden und auch bewerben müssen. Die meisten machten erst einmal Pause.
Rund ein Viertel eines Jahrgangs nimmt sich nach dem Abitur frei, wie Forscher des DZHW auf Basis des Abschlussjahrgangs 2012 ausrechneten. Das sind fast 50 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Wenige haben einfach nur Freizeit, zu Hause oder auf Reisen; die anderen machen Praktika, engagieren sich in einem Freiwilligen Sozialen Jahr, jobben als Au-pair oder auf Obstplantagen irgendwo in Übersee. Sie sagen, sie wollten etwas erleben außer Schule-Hobbys-Freundetreffen. Vielleicht wollen sie aber auch nur Zeit gewinnen.
Auch Johanna Preilowski wäre nach ihrem Schulabschluss im niedersächsischen Isernhagen vergangenen Sommer gern gereist. Ein "Work and Travel"-Programm in Australien sollte es sein, der Klassiker. Doch: Johanna war erst 17 Jahre alt – und damit zu jung. Sie hätte volljährig sein müssen, um in Australien arbeiten zu dürfen.
Mit 5 war sie eingeschult worden, kam immer gut zurecht und hielt nach acht Jahren Gymnasium im Alter von 17 Jahren ihr Abschlusszeugnis in den Händen. Was Johanna als Erfolg feiern könnte, verbaute ihr nun den Australientraum. Ein Plan B musste her. Eine schwierige Zeit sei das gewesen. "Nicht zu wissen, wie ich mich entscheiden soll, hat mich belastet." Zufällig fiel ihr eine Werbeanzeige in die Hände, die eine tolle Übergangslösung präsentierte: das Salem Kolleg, ein einjähriges "Studium generale". Schnuppern, sich ausprobieren, das fand Johanna attraktiv.
Zusammen mit 23 weiteren "Kollegiaten" besucht sie nun Grundkurse in Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, spielt Theater, musiziert im Orchester, treibt Sport, fährt zum Wandern und Zelten in die Berge und erhält zudem eine umfassende Berufsberatung. Drei Spezialisten führen Gespräche mit den Kollegiaten, klopfen ab, wo Interessen und Stärken liegen.
So viel Hilfestellung kostet: 24 000 Euro müssen Abiturienten für das Jahr zahlen, Unterkunft im Zweibettzimmer und Verpflegung inklusive. Das Angebot kommt an, in diesem Jahr verzeichnete Geschäftsführerin Claudia Groot schon doppelt so viele Bewerber wie in den Jahren zuvor.
Auch das Leibniz Kolleg in Tübingen, das ein ähnliches Programm anbietet, allerdings deutlich billiger, erhält Jahr für Jahr ein Vielfaches an Bewerbungen für die gut 50 Studienplätze. Für das Angebot Studium naturale an der TU München, ein einjähriges Einführungsprogramm für naturwissenschaftlich-technische Studiengänge, meldeten sich im vergangenen Wintersemester viermal so viele Schulabgänger an wie noch fünf Jahre zuvor.
Für Johanna steht die Entscheidung nach gut einem halben Jahr am Salem Kolleg fest: Zum Wintersemester möchte sie ein Hotelmanagement-Studium beginnen. Gerade hat sie ein Praktikum in einem Hotel absolviert. "Hat mir gut gefallen", sagt sie. Johanna freut sich jetzt auf das, was vor ihr liegt. Einen Plan zu haben fühle sich gut an. "Es war wichtig, mir die Zeit zu nehmen", sagt sie in der Rückschau. "Einfach auf gut Glück studieren, das wollte ich nicht."
Auch Tom Jones aus Malzhagen macht erst einmal Pause. Er möchte "sich einfach mal vom Lernstress erholen", ein bisschen Urlaub machen, ein bisschen jobben und dann einen Motorradführerschein machen. Und er will Vorlesungen besuchen in einer Handvoll Fächer, die ihn interessieren. Neulich hat er sich einen Zufallstreffer ergoogelt, als er "Berufe mit Umwelt" in die Suchmaschine eintippte: den Bachelor-Studiengang "Umwelt- und Betriebswirtschaft", allerdings in Birkenfeld nahe Trier, einem der kleinsten Hochschulstandorte Deutschlands. Das wiederum findet Tom Jones nicht so toll.

Über die Autorin

Miriam Olbrisch, Jahrgang 1986, arbeitet seit Mai 2011 für den SPIEGEL-Verlag. Für das Deutschland-Ressort schreibt sie vor allem über Schulen, Hochschulen und Bildungspolitik.
Von Miriam Olbrisch

DER SPIEGEL 15/2016
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