09.04.2016

Ein Video und seine GeschichteKlong

Wie ein Niederländer dazu kam, Drohnen mithilfe von Greifvögeln unschädlich zu machen
An einem Frühlingstag Anfang März steht auf einem ehemaligen Militärflughafen bei Katwijk, Niederlande, ein Mann mit Dreck an den Stiefeln neben einer Kiste, aus der ein leises Krächzen zu hören ist. Krk, krk, krk. Ungefähr so. Geschätzte zehn Meter von dieser Kiste entfernt steht eine kleine weiße Drohne, gut versteckt hinter einem Weidenkorb. Es ist der Tag, an dem bekannt wird, dass in Somalia bei einem Drohnenangriff 150 Islamisten getötet wurden.
Für einen kurzen Moment wird es still auf dem ehemaligen Militärflughafen, dann öffnet der Falkner die Kiste, und das Krächzen aus dem Innern wird lauter.
Es kommt von Hunter. Hunter gehört zur Gattung der Seeadler und ist ein Weibchen. Ihr Kopf wird einmal weiß werden, so wie man es von Seeadlern aus den Vogelkundebüchern kennt. Aber sie ist erst ein Jahr alt. Noch hat sie dunkelbraune Flausen auf dem Kopf, die sich allerdings blitzschnell glätten, sobald der Vogel Beute ahnt. Hunter schaut auf den Weidenkorb. Sie weiß, was gleich kommt, sie hat das ja schon oft geübt. Krk, krk, krk.
Die Drohne wird in die Luft steigen, aber sie wird ihr Ziel nie erreichen. Dafür soll Hunter sorgen. Die Idee zu diesem Spektakel hatte ein Mann namens Sjoerd Hoogendoorn, der mit einer schmalen Sonnenbrille im Gesicht am Rande dieser Versuchsanordnung steht. Hoogendoorn kommt aus der Sicherheitsbranche, er ist entsprechend wortarm und ernst.
"Guards from above" heißt seine Firma. Er will Greifvögel darauf trainieren, Drohnen vom Himmel zu holen. Gefiederte Abwehranlagen. Oder, wie Hoogendoorn das nennt: "a low-tech solution for a high-tech problem".
Seitdem im niederländischen Fernsehen ein Video zu sehen war, in dem Hunter eine Drohne jagt, interessiert sich die Welt für das Tier und Hoogendoorns Projekt. Es sind eine ganze Menge Polizisten und Journalisten auf den ehemaligen Militärflughafen gekommen.
Hunter macht einen Federbuckel. Und als sich die Drohne, langsam und senkrecht, in den Himmel erhebt, spannt Hunter die Flügel und schwingt sich auf, die Geschichte der Falknerei fortzuschreiben.
Verkürzt gesagt geht diese Geschichte so: Für viele Jahrhunderte und in vielen Kulturen war die Beizjagd verbreitet und bei den Herrschern beliebt. Die Mongolen jagten mit Greifvögeln, die Araber sowieso, die Sarmaten, die Germanen und die Kelten. Die Könige des Mittelalters und die Monarchen des Absolutismus hielten sich prächtige Vögel, und das europäische Standardwerk der Beizjagd hat der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. geschrieben.
Im Laufe der Zeit aber wurde die Falknerei von modernen Waffen verdrängt. Jetzt bringen möglicherweise moderne Waffen die Falknerei zurück.
Denn Drohnen töten ja nicht nur Islamisten. Sie können auch außerhalb von Kriegsgebieten Unheil anrichten. Aus Paris ist vor Kurzem bekannt geworden, dass es am Flughafen Charles de Gaulle fast zu einem Zusammenstoß zwischen einem Passagierjet und einer Drohne gekommen wäre, von der nicht bekannt ist, zu welchem Zweck sie unterwegs war.
Es gebe gute und schlechte Drohnen, sagt Hoogendoorn. Aber selbst die guten könnten zum Problem werden, wenn sie durch das falsche Stück des Himmels fliegen. Neben Hoogendoorn steht ein Polizist. Er erzählt ungefragt die Geschichte eines Rettungshelikopters, der nicht an einer Unfallstelle landen konnte, weil ein Journalist dort mit einer Drohne Bilder machen wollte.
Zwei Jahre lang hat Hoogendoorn über Drohnen geforscht und über jede Möglichkeit, sie auszuschalten. Er hat Störsender in Betracht gezogen und überlegt, wie man im Luftraum strategisch klug Netze spannen könnte. Dann hat er auf YouTube ein Video gesehen. Auf dem Video attackiert ein Greifvogel eine Drohne, die in sein Revier eingedrungen ist. Wenn das manchmal in der Natur vorkommt, dachte sich Hoogendoorn, müsste man dieses Verhalten doch eigentlich auch gezielt trainieren und nutzen können.
"Glaubst du, das geht?", fragte er den Freund eines Freundes. Das war der Falkner. Könnte es eines Tages Polizeivögel geben, so wie es Polizeihunde gibt oder Polizeipferde? Der Falkner glaubte daran; Hoogendoorn ist jetzt fest davon überzeugt. Die niederländische Polizei ist guter Dinge. Das BKA soll Interesse haben und auch die britische Polizei.
Derweil hat Hunter Kurs auf die Drohne genommen, die nun direkt vor ihr in der Luft schwebt. Zum Greifen nahe sozusagen. Hunter scheint einen Augenblick zu verharren, mit den Füßen voran. Dann geht sie zum Angriff über. Ein leises Klong ist zu hören, als Hunter mit ihren Füßen genau zwischen die Rotoren stößt und die Drohne packt. Sie fliegt über die Köpfe der Polizisten und Journalisten hinweg, die unten am Boden etwas über den Killerinstinkt der Adler in ihre Mikrofone sprechen und über das weitere Vorgehen. Im April wird über das Projekt entschieden. Krk, krk, krk, macht es in der Böschung.
Von Maren Keller

DER SPIEGEL 15/2016
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