09.04.2016

LeitkulturChans

Eine Kolumne von Alexander Osang
Vor ein paar Tagen bin ich mit einem kleinen, roten Škoda an der kroatischen Küste entlanggefahren und habe Radio Šibenik gehört. Sie spielten U2, Blondie und Yazoo: "Only you". Ich habe mir in den Achtzigerjahren in Budapest mal eine Yazoo-Platte gekauft. Sie hieß "Upstairs at Eric's", und ich habe sie zusammen mit einer Platte der Band Rainbow und einem Live-Doppelalbum von Supertramp zurück in die DDR geschleppt wie einen Goldschatz. Im Osten waren Schallplatten mit Westbands Mangelware. Ich kaufte reflexartig, wenn ich eine sah. Nur deshalb befand sich einst eine Platte von Drupi in meinem Besitz und auch die Platte "Der Kaffee ist fertig" eines österreichischen Schlagersängers, dessen Name mir entfallen ist. Ich habe die Leningrader Pressung eines Jethro-Tull-Albums von 1988. Mein Musikgeschmack hätte jedem Kriminalkommissar, der mich tot in meinem Kinderzimmer gefunden hätte, Rätsel aufgegeben.
Ein Junge, der Alison Moyet, die Gruppe Kreis und Ritchie Blackmore mag, Genossen.
Kurz nachdem der Remix "Baby You Can Drive My Car", den ich zuletzt auf dem Kofferradio meiner Eltern gehört hatte, verklungen war, brachte Radio Šibenik Nachrichten. Die Nachrichten waren sehr beruhigend, weil ich nichts verstand. Bis der kroatische Sprecher den Namen Hans-Dietrich Genscher aufsagte. Er sagte Chans-Dietrich.
Er ist tot, dachte ich. Er muss gestorben sein. Es war ja kein Mauerfalljubiläum, und ich hörte nicht Radio Brocken, sondern den Sender Šibenik. Der Tod war die letzte Meldung, die Genscher an der Adria noch hergab. Ich mochte Genscher nicht besonders. Es lag sicher an der Ideologie in meinem Kopf und am anhaltischen Dialekt, der mit Abstand fürchterlichsten deutschen Mundart, die es gibt. Außerdem traue ich keinem Mann, der einen gelben Westover trägt, weil man es von ihm erwartet. Erich Böhme hat mir nach dem Erscheinen der ziegelsteindicken Genscher-Erinnerungen gesagt, was drinsteht: "Gangway hoch, Gangway runter. Sonst nix."
Die einzige Genscher-Geschichte, die mich wirklich bewegte, schrieb mein Kollege Christoph Dieckmann vor drei Jahren für die "Zeit". Es ging darum, wie die Stadt Halle Genscher als ihren großen Sohn feiert, Margot Honecker allerdings, die ebenfalls in Halle groß geworden war, nicht als Tochter erträgt. Es ging darum, wie wir Deutschen uns unsere Geschichte zusammenbasteln. Dieckmann erzählte vom Umfeld, aus dem die beiden halleschen Kinder in die Welt aufbrachen. Margot Honeckers Vater war Kommunist, der im Konzentrationslager saß, Genscher war Mitglied der NSDAP. Wie es mit den beiden weiterging, ist bekannt. Der Text war eine der wachsten Meditationen über jüngere deutsche Geschichte, die ich gelesen habe. Leider schaffte er es nur in die Ausgabe der "Zeit" für den Osten, die die meisten von Ihnen gar nicht kennen werden. Dass die "Zeit" eine Ostausgabe unterhält, ist so, als zöge sich die Zeitung gelegentlich einen gelben Pullunder über, um in den Ostgebieten nicht erkannt zu werden.
Für die vergangene Ausgabe der "Zeit" kam Genschers Tod zu spät. Dafür gab es im "Zeit Magazin" einen Text über einen anderen ostdeutschen Mann. Er lebt noch. Er heißt Stefan Schwarz und ist Comedywriter. In seiner Jugend war er bei der Staatssicherheit. Das kam kurz nach dem Mauerfall heraus, als die "taz", bei der Schwarz inzwischen arbeitete, eine Liste mit ehemaligen Stasimitarbeitern veröffentlichte. Er gab damals ein Interview, in dem er seine Motive schilderte. Er fiel nicht auf die Knie. Er erklärte. Dann verschwand er. Er wurde, das erfährt man aus dem Porträt, bis zum Schluss denunziert, gemieden, beschimpft. Schwarz hat inzwischen einen Platz im Leben gefunden. Eine Nische. Er schreibt lustige Alltagsgeschichten für die Zeitschrift "Das Magazin", so lustig, dass er mehrere Bücher damit gefüllt hat. Er hat eine solide Fanbase. Ich habe einmal gemeinsam mit ihm in einem riesigen Saal in Leipzig gelesen. Es war nicht einfach. Die meisten Leute warteten auf ihn. Ich kam mir vor wie die Vorband. Zuletzt hat er eine Fernsehserie für die ARD geschrieben.
Das war offenbar der Grund, warum sich ihm die "Zeit" zugewandt hat. Und zwar nicht verschämt im gelben Pullunder, sondern in der gesamtdeutschen Ausgabe. Es werden die ganz großen Fragen gestellt. Darf Schwarz das? Komisch sein? Witze machen über Dinge, die ihn betreffen? Dazu gibt es schwarz-weiße Fotos, die an die Phantombilder des ostdeutschen Chefagenten Markus Wolf erinnern. Schwarz fällt, das ist das Angenehmste an dem Text, immer noch nicht in den Staub. Er erklärt. Unterbrochen von moralischen Ermahnungen des Autors. Der Text liest sich über weite Strecken, als würde Schwarz von einem Zeugen Jehovas befragt. Er hört mit dem Urteil auf: "Klar dürfen wir über seine Witze lachen. Aber danach müssen wir ihn mit Fragen löchern."
Manchmal habe ich den Eindruck, den Ostdeutschen soll der Teufel ausgetrieben werden. Exorzisten haben jede Menge Probleme. Eines davon ist Angst. Es sind gut 26 Jahre vergangen. Stefan Schwarz ist weder Außenminister der Bundesrepublik Deutschland noch ehemaliges NSDAP-Mitglied.
Dann waren die Nachrichten vorbei, Radio Šibenik spielte "Black Magic Woman" von Carlos Santana. Von Santana stammte die erste Lizenzplatte des ostdeutschen Labels Amiga, die ich besaß. Für den Fall, dass man sie irgendwann in meinem Nachlass findet: Ich habe sie gekauft, weil ich bereits eine halbe Stunde nach ihr angestanden hatte. Ich finde Carlos Santana langweilig. Ich war 15 damals und wusste es nicht besser.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 15/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Leitkultur:
Chans

Video 00:41

SpaceX Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter

  • Video "Schwere Vorwürfe gegen US-Präsidenten: Trump wird trotzdem weiterregieren" Video 02:37
    Schwere Vorwürfe gegen US-Präsidenten: "Trump wird trotzdem weiterregieren"
  • Video "Schwimmende Insel: Party auf 700.000 Plastikflaschen" Video 02:16
    Schwimmende Insel: Party auf 700.000 Plastikflaschen
  • Video "Skydiving: Tanz im freien Fall" Video 01:14
    Skydiving: Tanz im freien Fall
  • Video "Trump zu Ukraine-Anhörungen: Ich will gar nichts!" Video 01:38
    Trump zu Ukraine-Anhörungen: "Ich will gar nichts!"
  • Video "Impeachment-Anhörung von Gordon Sondland: Schlüsselfigur belastet Trump schwer" Video 02:33
    Impeachment-Anhörung von Gordon Sondland: Schlüsselfigur belastet Trump schwer
  • Video "Tödlicher Angriff auf Fritz von Weizsäcker: Was am Tag danach bekannt ist" Video 01:56
    Tödlicher Angriff auf Fritz von Weizsäcker: Was am Tag danach bekannt ist
  • Video "Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: Es wirkt lächerlich" Video 02:32
    Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: "Es wirkt lächerlich"
  • Video "Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem Abstieg" Video 01:54
    Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem "Abstieg"
  • Video "Impeachment-Anhörung: Es war unangebracht, es war unangemessen" Video 03:21
    Impeachment-Anhörung: "Es war unangebracht, es war unangemessen"
  • Video "TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum" Video 02:16
    TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum
  • Video "DFB-Sieg gegen Nordirland: Der Eindruck bleibt bestehen" Video 02:31
    DFB-Sieg gegen Nordirland: "Der Eindruck bleibt bestehen"
  • Video "Trump über Impeachment-Verfahren: Ich habe noch nie von Vindman gehört" Video 00:56
    Trump über Impeachment-Verfahren: "Ich habe noch nie von Vindman gehört"
  • Video "Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität" Video 02:02
    Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität
  • Video "Pompeo zu israelischen Siedlungen: Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf" Video 01:38
    Pompeo zu israelischen Siedlungen: "Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf"
  • Video "Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt" Video 02:08
    Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt
  • Video "SpaceX: Video zeigt Explosion von Starship-Raumtransporter" Video 00:41
    SpaceX: Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter