09.04.2016

BetrugDrauf gepfiffen

Whistleblower sind Glücksfälle für den Kampf gegen Doping. Doch die Sportwelt muss lernen, diese wertvollen Zeugen ernst zu nehmen.
Lance Armstrong? Wäre vermutlich heute noch die größte Nummer des Radsports, Rekordsieger der Tour de France, ein Superehrenheldenmann. Russlands Leichtathleten? Stünden da als unbescholtene Siegertypen, die halt besser trainieren als der Rest. Amerikas Baseballprofis? Ganze Kerle, integer, wüssten eben, wie man rennt und den Ball in den Himmel drischt. Und alle wären sie, zumindest nach außen hin, sauber.
In Wirklichkeit ist Armstrong als Betrüger abgestürzt, die Russen sind von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen, und einigen Baseballstars ist der Schläger aus der Hand genommen worden. Sie sind aufgeflogen, weil es Menschen gab wie Emma O'Reilly, Julija Stepanowa und Porter Fischer. Leute, die der Welt erzählten, was sie über das dreckige Geschäft erfahren hatten, die dadurch Dopingfälle aufdeckten oder entscheidend zu deren Aufklärung beitrugen: Whistleblower. Ohne sie existierte ein trügerisches, falsches Bild vom Hochleistungssport.
Doch oft waren sie zunächst gescheitert, weil sie von Sportverbänden oder Anti-Doping-Organisationen nicht ernst genommen oder gar nicht erst angehört wurden. Witalij Stepanow zum Beispiel, Ehemann der 800-Meter-Läuferin Julija Stepanowa, schrieb jahrelang Mails an die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) über den groß angelegten Betrug in Russlands Leichtathletik, er nannte Namen und Methoden. Nichts geschah. Erst als sich das Paar in einer ARD-Dokumentation an die Öffentlichkeit wandte, wachte die Wada auf, und der Skandal nahm seinen Lauf.
So läuft das oft im organisierten Sport, er pfeift auf die Whistleblower. Informanten, die Betrüger und deren Helfer enttarnen könnten, finden kaum Gehör. Füße stillhalten, bloß keinen Dreck aufwühlen – wenn sie überhaupt Antworten auf ihre Tipps bekommen, dann niederschmetternde. Wie gerade erst in England.
Ein wegen Dopings gesperrter Sportler packte im Frühjahr 2014 vor der britischen Anti-Doping-Agentur (Ukad) aus. Er berichtete detailliert, dass ihn der Londoner Arzt Mark Bonar mit Testosteron, Wachstumshormon und Epo versorgt habe. Der Athlet legte Rezepte über die Medikamente vor, ausgestellt von Bonar. Ein solcher Whistleblower ist ein Glücksfall für Anti-Doping-Jäger, jedenfalls für jene, die etwas gegen den Schmutz unternehmen wollen. Die Ukad gehört offensichtlich nicht dazu. Die Ermittler teilten dem Athleten mit, man sehe "keinen Anlass für Maßnahmen" gegen den Dopingarzt. Akte geschlossen, sorry und goodbye.
Der Sportler wandte sich danach an die "Sunday Times", die seinen Fall vorige Woche zusammen mit der ARD öffentlich machte. Plötzlich ist der Aufschrei groß. Während Bonar verdeckt gefilmt wurde, brüstete er sich damit, rund 150 Sportler mit Dopingmitteln versorgt zu haben: Radrennfahrer, Boxer, Tennisspieler, auch Fußballprofis aus der Premier League. Die Ukad gibt sich inzwischen zerknirscht. Man sei den Hinweisen wohl nicht entschieden nachgegangen. Ach ja?
Für den Kampf gegen Doping ist das ein Armutszeugnis. Die Ukad galt als eine der besten und effektivsten Anti-Doping-Organisationen. Zurzeit leitet sie eine Taskforce, die vor den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro weltweit Lücken im Kontrollsystem aufdecken soll. Jetzt ist der Ruf der Vorzeigeagentur ramponiert.
Statt Whistleblowern den Eingang zu öffnen, schlagen die Institutionen des Sports ihnen lieber die Tür vor der Nase zu. Dabei ist ihr Insiderwissen kostbar. Viele von ihnen haben lange bei dem schmutzigen Spiel mitgemacht, Radprofis wie Jörg Jaksche oder Floyd Landis waren selbst Doper, bevor sie erwischt wurden und ein verästeltes System offenlegten.
Indem sie ihr Schweigen brechen, riskieren Whistleblower viel. Als Verräter gebrandmarkt, bleibt ihnen die Rückkehr in ihren Sport, in die alte Existenz, fast immer verwehrt. Julija Stepanowa muss heute, mehr als ein Jahr nachdem sie die Machenschaften in der russischen Leichtathletik demaskiert hat, mit Kind und Mann versteckt leben, irgendwo auf der Welt. In der Heimat wäre sie ihres Lebens nicht sicher.
Anderer Fall, ähnliches Problem: Renée Anne Shirley leitete zwischen 2012 und 2013 die jamaikanische Anti-Doping-Agentur Jadco. Wenig später schrieb sie in der US-Zeitschrift "Sports Illustrated", es habe unter Jamaikas Athleten in den fünf Monaten vor den Olympischen Spielen in London gerade mal eine Trainingskontrolle gegeben. Die Ausrüstungen für Bluttests blieben unbenutzt, schimpfte Shirley, Politiker würden den Kampf gegen Doping nicht ernst nehmen.
Nach ihrer Enthüllung trat der Aufsichtsrat der Jadco zurück, außerdem tauschte die Agentur das Testpersonal aus. Jamaika gilt nun nicht mehr als selige Insel der Wunderläufer.
Shirley aber bekommt noch heute Drohanrufe und wird als Verräterin beschimpft, sie musste umziehen und arbeitet inzwischen als selbstständige Finanzberaterin. "Meine Welt steht auf dem Kopf", sagt sie. Früher war sie Chefin des nationalen Rugbyverbands. Sie wird wohl nie mehr in den Sport zurückkehren können.
Wer nicht mit Ignoranz geschlagen ist, der kommt nicht umhin, Whistleblowern mehr Aufmerksamkeit und Schutz zu verschaffen. Sogar Sebastian Coe, Präsident des von Skandalen erschütterten Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, hat den Wert von Tippgebern offenbar erkannt. "Wir brauchen eine angemessene Plattform für Whistleblower", sagt er. Ihm sei klar, dass Athleten, die in ihrem Umfeld Betrug beobachten, sich "nicht ermutigt fühlen", das zu melden. Sie seien "frustriert". Wie eine Anlaufstelle dafür aussehen solle, das wisse er, Coe, aber nicht wirklich.
Vielleicht so?
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat vor rund einem Monat den Bielefelder Juristen Carsten Thiel von Herff zu seinem Ombudsmann ernannt. Thiel von Herff ist jetzt für alle da, die meinen, dass eine Sauerei aufgedeckt gehört. Er ist das Ohr des deutschen Sports, wenn es zum Beispiel um Korruption, sexuelle Gewalt oder Doping geht. Thiel von Herff soll die erste Adresse für Whistleblower werden. Er ist rund um die Uhr erreichbar und trifft sich mit Tippgebern, falls sie es wünschen.
Meist bekommen Sportler, Trainer und Betreuer als Erste etwas von krummen Geschäften und verbotenen Methoden mit. Allerdings trauen sich die meisten Zeugen nicht, die Kollegen beim eigenen Verband anzuzeigen. Denn wer weiß, auf welcher Seite die Funktionäre stehen.
Deshalb soll es so laufen: Wer Hinweise auf Doping hat, kontaktiert Thiel von Herff. Der Anwalt gibt die Informationen mit Einverständnis an den DOSB weiter, zusammen mit dem Namen des Whistleblowers oder anonym. Der Verband wiederum schaltet die Nationale Anti-Doping-Agentur ein. Es gibt Ermittlungen, vielleicht auch zielgerichtete Dopingtests. Am Ende, so der Idealfall, werden Betrüger und deren Hintermänner überführt.
Seine Aufgabe habe mit Psychologie zu tun, mit Vertrauen, sagt Thiel von Herff. Er kennt das Geschäft, seit über sieben Jahren ist er Ombudsmann für Unternehmen wie Ikea und Allianz. "Die Leute öffnen sich, weil sie wissen, dass ich ein externer Anwalt bin, dass ich unabhängig bin und der Verschwiegenheit unterliege", sagt er. Thiel von Herff wird vom DOSB bezahlt, ist aber nicht an Weisungen des Verbands gebunden. "Ich bin kein Interessenvertreter des DOSB, sondern neutral und objektiv", sagt er.
Schwer vorherzusagen, ob sein Handy häufig klingeln wird. Thiel von Herff kann keine Ermittlungen einleiten und keine Entscheidungen fällen. Richtig Druck ausüben auf den DOSB? Kann er ebenfalls nicht. "Aber ich kann immer wieder nachfragen, was aus dem Hinweis geworden ist", sagt er. "Ich kann das schlechte Gewissen des Verbands sein."

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Von Lukas Eberle und Detlef Hacke

DER SPIEGEL 15/2016
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