09.04.2016

Russland„Ein riesiges Schattensystem“

Der Magnat Alexander Lebedew über Putin und die Panama Papers
Lebedew, 56, ist Miteigentümer der regierungskritischen Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta", die Teil des internationalen Rechercheverbunds zu Offshore-Firmen war.
SPIEGEL: Alexander Jewgenjewitsch, ist Russlands Präsident korrupt?
Lebedew: Nein. Putin träumt nachts nicht von Jachten, und er häuft auch nicht heimlich Reichtümer an, er ist aus einem anderen Holz. Ihm geht es um Macht, nicht um Geld. Warum sollte er sich durch solche Offshore-Konten angreifbar machen?
SPIEGEL: Aus den Panama Papers geht aber hervor, dass über Offshore-Firmen seines Freundes, des Cellisten Sergej Roldugin, zwei Milliarden Dollar geflossen sind. Ziemlich viel für einen Musiker, oder?
Lebedew: Roldugin ist kein Strohmann für Putin, und er besitzt auch keine zwei Milliarden. Ausgeschlossen. Er hat vielleicht etwas von der Summe abbekommen. Was mit dem Rest passiert ist, muss man die Oligarchen fragen, die Roldugin das Geld überwiesen haben, als da wären die Magnaten Sulejman Kerimow und Alexej Mordaschow. Dafür kann man nicht Putin verantwortlich machen.
SPIEGEL: Wohl aber dafür, dass all dies unter seiner Präsidentschaft geschieht.
Lebedew: Eher dafür, dass er manchmal diejenigen verschont, die eindeutig korrupt sind. So hat Putin zu lange gezögert, den Eisenbahnchef Wladimir Jakunin rauszuwerfen. Andererseits kommen in Russland auch Gouverneure und Spitzenbeamte wegen Korruption hinter Gitter.
SPIEGEL: Wenn alles halb so schlimm ist, warum hat der Kreml dann im Vorfeld der Veröffentlichungen so empfindlich reagiert?
Lebedew: Das war ein Fehler. So wurde das Interesse noch angeheizt, obwohl der Name Putin, anders als der anderer Staatschefs, in den Dokumenten nicht auftaucht. Putin hätte beste Chancen, wenn er beispielsweise in England gegen die Tageszeitung "Guardian" wegen Verleumdung vor Gericht zöge. Vor lauter "Putin, Putin" wird aber zu wenig auf das Gesamtbild geschaut.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Lebedew: Ich meine das riesige, weltweite Schattenfinanzsystem. Im Zentrum stehen große westliche Banken, die Geldwäsche fördern. Dieses Geld schmiert westliche Wirtschaften, es fehlt in Russland. Warum decken die Engländer einen Mann wie Andrej Borodin, der aus der halb staatlichen Bank Moskwy Milliarden Dollar gestohlen hat, in England lebt und dort ein Anwesen für 140 Millionen Pfund gekauft hat? Das ist doch eine schöne Frage an Premier David Cameron.
SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?
Lebedew: Eine internationale Antikorruptionspolizei. Und Russland sollte es zum Teil seiner Außenpolitik machen, die bei uns gestohlenen Gelder wieder zurückzubringen. Wenn der Westen aufhörte, Gaunern seine Banken, Investmentfonds und Asyl zur Verfügung zu stellen, würden bei uns weniger Milliarden geklaut.
SPIEGEL: Putin sollen über Strohmänner 40 Milliarden an Firmenbeteiligungen, zum Beispiel an der Ölfirma Surgutneftegas, gehören. Das zumindest behauptet der Moskauer Politologe Stanislaw Belkowski.
Lebedew: Und wenn Putin in Rente geht, dann sagt ihm der Chef dieser Ölfirma, hier hast du deine 25 Milliarden Dollar? Das ist lächerlich. Ich bezweifele stark, dass es so einen Plan gibt. Er würde auch nicht funktionieren, der Ölchef würde die Firma einfach behalten.
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Interview: Matthias Schepp
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 15/2016
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