09.04.2016

Global VillageEin Dorf von Welt

Wie ein Millionär mit einer Siedlung aus Holz die kulturelle Vielfalt Polens wiederbeleben will
Es war mitten in der Nacht, das Wasser schwappte träge an die Kanten seines Swimmingpools, als der Millionär Tadeusz Kuźmiński entschied, seine Heimat zurückzukaufen. Kuźmiński lag in dieser Nacht auf einer Liege im Garten seiner Villa in Warschau. Er war gerade von einer einjährigen Weltreise zurück, hatte seine Firma verkauft und fragte sich nun, was er mit dem Geld und dem Rest seines Lebens anfangen wolle.
Wie so oft, wenn er nicht schlafen konnte, hatte er in Architekturbüchern geblättert. Bis sein Blick an einem alten polnischen Holzhaus hängen geblieben war. Kuźmiński dachte an seine Heimat – Biłgoraj. Dann hatte er eine Idee. Kuźmiński lief ins Haus, um seine Frau zu wecken. "Jadwiga, jetzt weiß ich, was ich tun werde", rief er aufgeregt. "Ich werde das alte Biłgoraj wieder aufbauen." Seine Frau schaute ihn aus müden Augen an. "Ach, du spinnst doch, geh wieder schlafen", sagte sie.
Zwölf Jahre später steht Tadeusz Kuźmiński vor einer gewaltigen Holzsynagoge irgendwo im Nirgendwo, gut 270 Kilometer südöstlich von Warschau, und freut sich wie ein kleiner Junge. "Die Synagoge ist ein Zeichen, aber erst der Anfang", sagt er und blickt auf das Gebäude, das vor ihm in der Sonne liegt wie ein hölzernes Raumschiff: 16 Meter hoch, aus dunklen Planken.
Als Kuźmiński 2005 nach Biłgoraj kam, in jenes 27 000-Einwohner-Nest nahe der ukrainischen Grenze, um die Synagoge zu bauen, waren nicht alle begeistert. Vor allem ein katholischer Priester ärgerte sich über den Millionär, der noch nicht einmal Jude war. Doch Kuźmiński wäre nicht Kuźmiński, hätte er sich davon beeindrucken lassen. Der 61-Jährige wollte nicht nur, dass seine Heimatstadt Biłgoraj wieder so aussieht wie vor dem Ersten Weltkrieg. Er wollte eine "Stadt der Vielfalt" bauen.
"Ich will einen Ort für ganz Polen schaffen, ein Symbol, einen Beweis, dass multikulturelles Nebeneinander funktionieren kann", sagt Kuźmiński – trotz Jarosław Kaczyński, trotz der nationalkonservativen Regierung, die seit Ende des vergangenen Jahres einen Abschottungskurs gegen Europa fährt.
Im Hintergrund röhrt ein Betonmischer, auf den Gerüsten feixen Bauarbeiter mit Zigarette in der Hand. Kuźmiński, ein kleiner runder Mann mit braun gebrannten Wangen, als käme er gerade von der Segeljacht, wirkt merkwürdig fremd auf dieser Baustelle. Reich geworden ist er mit dem Handel von Weinen, eigentlich müsste er keinen Finger mehr rühren. Aber es geht hier um seine Heimat und um ein Projekt, das größer ist als viele seiner früheren Geschäfte. Seine Mitarbeiter sagen: "Herr Kuźmiński lebt für diese Arbeit." Und er sagt: "Stimmt."
Knapp fünf Millionen Euro seines Vermögens hat er in den Wiederaufbau des Viertels gesteckt. Der Rest stammt von Investoren und aus Strukturfonds der EU. Er habe mit dem Bau noch keinen Złoty verdient, sagt Kuźmiński. Dabei hat er bereits alle 16 Wohnungen in den altertümlichen Holzhäusern rund um die Synagoge verkauft. Doch das Geld investierte er wieder. Das Gelände, auf dem er die Vergangenheit zum Leben erwecken will, ist fast 40 Hektar groß. Ein buckeliger Flecken Erde, an dessen Rändern graue Hochhäuser stehen.
Kuźmiński zeigt auf eine Brachfläche hinter der Synagoge, die er bebauen will. Dort drüben die tatarische Moschee. Da vorn die Kirche. Bauten für ein friedliches Miteinander der Religionen, so wie es früher war, im alten Biłgoraj. Vor dem Ersten Weltkrieg war die Stadt ein Sammelbecken der Kulturen, auf den Straßen gab es Russen, Polen, Tataren und Juden. Doch dann bombardierten 1939 die Deutschen das jüdische Viertel. Nach Krieg, Vertreibung und Holocaust war von Polens Kulturvielfalt nicht mehr viel übrig.
Heute ist das Land trotz schwindender Religiosität noch immer stark katholisch geprägt. Das macht die Sache kompliziert. Kuźmiński kann noch so viele Moscheen und Synagogen bauen, in den Häusern seines Viertels wohnen bislang nur Polen.
"Am liebsten wäre mir, Menschen von überall würden hier leben. Syrer, Afghanen, Juden, ganz egal", sagt Kuźmiński. Gerade auf die Juden hatte er gesetzt. Er flog eigens nach Wien, um den bekannten Tel Aviver Theaterdirektor Shmuel Atzmon-Wircer, der als Kind aus Biłgoraj vor den Nazis fliehen musste, von dem Projekt zu überzeugen. Er schrieb einen Brief an den Hollywoodschauspieler Harvey Keitel, dessen Mutter 1938 von Biłgoraj in die USA emigriert war. Eine Antwort bekam er nicht.
Viele Juden kommen zwar nach Polen, um Auschwitz zu besuchen, hier leben wollen sie nicht mehr, auch aus Angst vor Antisemitismus. Trotzdem glaubt Kuźmiński weiter an sein Projekt, an die Anziehungskraft der Synagoge. Vor Kurzem schlichen die zwei Priester der Stadt nachts heimlich auf das Gelände, um sich den Bau anzusehen. Das hat ihn gefreut.
Seit 2011 wohnt Kuźmiński selbst in der Siedlung, nach dem Tod seiner Frau hielt er es in der großen Villa in Warschau allein nicht mehr aus. Er zog erst einmal in eine Wohnung über der Gaststube, 2020 soll sein eigenes Haus fertig sein. Ein großer polnischer Gutshof aus Holz, vom Schlafzimmer, so sein Wunsch an den Architekten, will er auf das Dach der Synagoge schauen können.
Von Jonas Breng

DER SPIEGEL 15/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Global Village:
Ein Dorf von Welt

  • Hongkong vor der Wahl: "Die Lage kann sich sofort wieder zuspitzen"
  • Schwimmende Insel: Party auf 700.000 Plastikflaschen
  • Schwere Vorwürfe gegen US-Präsident: "Trump wird trotzdem weiterregieren"
  • Skydiving: Tanz im freien Fall