09.04.2016

HirnforschungDer freie Un-Wille

Seit Langem gilt der freie Wille vielen Gelehrten nur noch als Illusion. Nun aber zeigen Experimente Berliner Neurowissenschaftler: Das Bewusstsein ist imstande, unbewusst eingeleitete Handlungen zu stoppen.
Es ist ein Duell, wie es noch keines zuvor gegeben hat: Ein Autofahrer steht an einer Ampel, das Signal zeigt Grün. Was er nicht weiß: Die Ampel vermag seine Gedanken zu lesen – und versucht ihn auszutricksen.
Immer dann, wenn der Fahrer Gas geben will, schaltet die Ampel blitzschnell auf Rot. So wird der Mensch zur Geisel seiner eigenen Gedanken. Kann es ihm dennoch gelingen, sein Gehirn zu überlisten, um wieder freie Fahrt zu bekommen?
Die bizarre Szene klingt nach einem Science-Fiction-Film. Tatsächlich aber gleicht sie dem Versuchsaufbau eines realen Experiments, das Hirnforscher in Berlin durchgeführt haben. Und was John-Dylan Haynes, Leiter am Bernstein Center for Computational Neuroscience, mithilfe der zwölf Testpersonen dabei herausgefunden hat, ist höchst erstaunlich.
Der Versuch läuft ab wie bei einem Computerspiel. Der Proband sitzt vor einem Bildschirm, auf dem ein grünes Licht leuchtet. Die Ampel signalisiert: freie Fahrt. Auf dem Boden vor ihm steht ein Fußschalter, ziemlich genau dort, wo sich im Auto das Gaspedal befindet.
Mithilfe einer Elektrodenkappe, welche die Testperson auf dem Kopf trägt, werden ihre Hirnströme gemessen. Dadurch erkennt der Computer sofort, wenn der Proband sich aufs Gasgeben vorbereitet. Denn in diesem Fall entsteht in seinem Kopf ein verräterisches elektrisches Muster, wie Hirnforscher bereits vor einigen Jahren herausgefunden haben. Die Wissenschaftler sprechen von einem sogenannten Bereitschaftspotenzial.
Sobald die Elektroden ein solches Hirnmuster messen, schaltet die Bildschirmampel augenblicklich auf Rot. Gibt die Testperson trotzdem Gas, verliert sie diese Spielrunde. Am Anfang sind die Probanden deshalb arg frustriert. Ihre Gegner sind sie selbst, und Runde um Runde verlieren sie den Wettkampf gegen sich selbst.
Doch nach und nach lernen die Probanden, den eigenen Hirnströmen ein Schnippchen zu schlagen. Sobald sie den Drang verspüren, Gas zu geben, stoppen sie diesen Impuls mit einer bewussten Willensentscheidung.
Schaltet die Ampel dann trotzdem auf Rot, gewinnt der Mensch diesen Durchgang. Ein Sieg über den Computer – und das eigene Gehirn. Mit ein wenig Übung gewannen die Testpersonen überraschend viele Spielrunden.
"Frühere Studien haben gezeigt, dass jeder bewussten Handlung ein unbewusstes Hirnsignal vorausgeht – was viele Experten voreilig so interpretierten, dass der freie Wille eine Illusion sei", sagt Haynes, ein freundlicher Herr von Mitte vierzig, der sich sein Labor mit Psychiatern teilt. "Wir konnten jetzt zeigen, dass es möglich ist, eine unbewusst angebahnte Handlung durch ein bewusstes Veto willentlich zu stoppen."
Gemeinsam mit seinem Doktoranden Matthias Schultze-Kraft hat Haynes die Ergebnisse jetzt in dem Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht. Die spannenden Befunde könnte der Debatte um den freien Willen eine neue Wendung geben.
Seit Jahren streiten Hirnforscher darüber, ob es sich beim freien Willen nur um eine Illusion handelt. Werden wir Menschen wirklich ferngesteuert von unterbewussten Impulsen?
Alles begann mit den aufsehenerregenden Experimenten des amerikanischen Gelehrten Benjamin Libet. Der 2007 verstorbene Wissenschaftler entstammt einer ukrainischen Einwandererfamilie, Englisch brachte er sich selbst bei. Als dem Hirnforscher vor mehr als 30 Jahren seine wichtigste Entdeckung gelang, stand er schon kurz vor der Rente. Libet bat Testpersonen, zu einem beliebigen Zeitpunkt eine Hand zu bewegen. Die ganze Zeit über vermaß er deren Hirnwellen.
Dabei stieß er auf ein faszinierendes Phänomen: Schon etwa eine halbe Sekunde vor der Bewegung konnte Libet Hirnwellen nachweisen, mit denen das Gehirn die Weichen für die Handbewegung stellte.
Besonders unheimlich daran: Das Bewusstsein schien von den Vorbereitungen des Unterbewusstseins sogar erst später etwas mitzubekommen – genau: rund 300 Millisekunden nach Entstehen des Bereitschaftspotenzials. Als die Probanden sich vornahmen, die Hand zu bewegen, war die Entscheidung dazu offenbar längst unbewusst gefallen.
Ist das Bewusstsein also nur eine biochemische Maschine, die uns zur Beruhigung so etwas wie freien Willen vorgaukelt? Sind wir nur willenlose Zaungäste im eigenen Körper?
Dank neuer bildgebender Verfahren gelangen Haynes im Jahr 2008 noch erstaunlichere Resultate als Libet. Der Berliner Forscher schob Versuchspersonen in die tonnenschwere Röhre eines Magnetresonanztomografen (MRT). Dann ließ er sie frei entscheiden, ob sie mit dem rechten oder dem linken Zeigefinger einen Knopf drücken wollten.
Bis zu sieben Sekunden bevor sie ihre Entscheidung trafen, konnte Haynes bereits anhand der Durchblutungsmuster im MRT vorhersagen, welchen Knopf sie drücken würden.
"Lange bevor unser Bewusstsein anspringt, werden unsere Entscheidungen schon unterbewusst vorentschieden", erklärte Haynes seinerzeit. "Es scheint so zu sein, dass das Gehirn eine Entscheidung trifft vor der Person selbst."
Wolf Singer, damals Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt, forderte daraufhin sogar ein Umdenken in der Justiz: "Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden", konstatierte er. Wenn das Unterbewusste die Regie führe, so Singer, könnten einige Straftäter ihr Fehlverhalten kaum steuern: "Keiner kann anders, als er ist."
Mit Verzögerung haben die Erkenntnisse der Hirnforscher tatsächlich die Strafgerichte erreicht, zumindest in den Vereinigten Staaten. Allein zwischen 2007 und 2012 hat sich die Anzahl der Verfahren mehr als verdoppelt, in denen Angeklagte sich auf neurologische Argumente beriefen. Zu diesem Ergebnis kommt Nita Farahany, Professorin für Recht und Philosophie an der Duke University im amerikanischen Durham, in einer im Januar erschienenen Analyse, für die sie 1585 Gerichtsakten ausgewertet hat.
In der Fachzeitschrift "Law and Biosciences" zieht Farahany ein vernichtendes Fazit: Die neurobiologischen Beweise vor Gericht seien "beliebig, schlecht vorbereitet und schlecht durchdacht". Aber wie sollte es auch anders sein?
Wie das menschliche Gehirn wirklich funktioniert, haben die Neurobiologen nur ansatzweise verstanden. Welche bewussten Prozesse gehen unbewussten womöglich voraus? Worin unterscheidet sich ein krankes Gehirn von einem gesunden? Welche Areale sind bei Entscheidungen beteiligt? All diese Fragen sind noch größtenteils ungeklärt.
Die Erfolge der Hirnforschung seien ernüchternd, urteilt Henrik Walter, Professor für Psychiatrie und Leiter des Bereichs Mind and Brain an der Berliner Charité. "Experimente im Stil von Libet werden extrem überschätzt", kritisiert Walter. "Diese Versuche waren nie wirklich dazu geeignet, die Frage nach dem freien Willen zu entscheiden."
Einer von vielen berechtigten Einwänden lautet: Bei all diesen Hirnscans werden stets nur die letzten paar Sekunden vor einer Handlung erfasst – nicht aber die tagelangen Grübeleien oder durchwachten Nächte, die im echten Leben den wahrhaft wichtigen Entscheidungen vorausgehen: Soll ich das Jobangebot annehmen oder die Neubauwohnung kaufen? Soll ich meiner Freundin einen Heiratsantrag machen?
Zeit seines Lebens missfiel es Libet selbst, dass seine Experimente so interpretiert wurden, als ob er den freien Willen widerlegt hätte. Schon früh ersann er daher eine Art Hintertürchen für das freie Denken: Wenn wir schon keine volle Kontrolle über unsere Impulse haben, so argumentierte er, könnten wir sie doch zumindest stoppen oder umlenken.
Mag ja sein, so Libet, dass uns das Gehirn vorauseilend vielerlei "Bereitschaftspotenziale" unterbreitet. Doch dem Menschen bleibe dabei immer noch eine Art Vetorecht – der freie Un-Wille.
Dieses Denkmodell ähnelt einem Restaurant, in dem der Gast keine Speisekarte zum Bestellen erhält. Stattdessen tischt der Kellner unaufgefordert eine Speise nach der anderen auf. Ob der Gast die Suppe aber auslöffelt, bleibt immer noch ihm überlassen.
"Eine solche Form des freien Willens steht im Einklang mit religiösen und ethischen Vorschriften", philosophierte Libet: "Die meisten der Zehn Gebote lauten schließlich: Du sollst nicht."
Genau einen solchen freien Un-Willen scheint sein Nachfolger Haynes jetzt tatsächlich gefunden zu haben. "Wir sind den vorbereitenden Prozessen in unserem Gehirn nicht hilflos ausgeliefert", sagt der Berliner Hirnforscher.
Sein Ampelspiel zeigt: Selbst wenn irgendwo im Gehirn längst die Entscheidung gefallen ist, aufs Gaspedal zu drücken, können die Probanden immer noch ihr Veto einlegen. Haynes sagt: "Es gibt nicht diesen starren Determinismus des Unterbewussten, der zwangsläufig und unabänderbar abläuft, sondern es gibt anscheinend einen Wettstreit verschiedener Hirnregionen."
Eine solche Deutung dürfte all jene erfreuen, denen die Vorstellung zuwider ist, dass der Mensch nur eine Marionette biochemischer Prozesse sei. Doch der freie Un-Wille hat andererseits seine Grenzen. Die Veto-Freiheit, auch das ist ein Ergebnis der Haynes-Experimente, endet rund eine Fünftelsekunde vor einer jeweiligen Handlung – danach lässt sie sich nicht mehr stoppen.
Wie eine abgeschossene Kanonenkugel rasen die Befehle von da an vom Gehirn über die Nervenbahnen zum Fuß, der aufs Gaspedal tritt. Auch wenn die Augen noch erfassen, dass die Ampel auf Rot springt – zu spät.
Kurz nachdem er seine Forschungsergebnisse veröffentlicht hatte, erhielt Haynes eine überraschende E-Mail aus Übersee: "Es freut mich, dass Sie die Arbeit meines Vaters fortführen", schrieb ihm Moreen Libet, die Tochter des legendären amerikanischen Hirnforschers: "Ich glaube, er wäre stolz auf Sie!"
Endet der langjährige Streit, wie frei oder unfrei der menschliche Wille ist, nun also mit dem Berliner Ampelexperiment?
"Nein, die Hirnforschung war lange Zeit viel zu optimistisch", gibt sich Haynes bescheiden: "Um Hirnfunktionen wie den Willen zu verstehen, brauchen wir weitere 20 Jahre intensiver Forschung. Mindestens."
Twitter: @hilmarschmundt

"Wir sind den vorbereitenden Prozessen in unserem Gehirn nicht hilflos ausgeliefert."

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Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 15/2016
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