09.04.2016

TiereKrieg gegen den Kot

In Jena werden Hundehalter, die Haufen ihrer Vierbeiner liegen lassen, künftig per DNA-Test überführt.
Im Süden Jenas lässt es sich gut leben. Das Viertel sei aufgrund der Stadtnähe "vor allem bei jungen Leuten und Studenten sehr beliebt", wirbt die Jenaer Baugenossenschaft, die hier Hunderte Wohnungen vermietet. "Aber auch für Familien und die goldene Generation mit der Vorliebe zum urbanen Leben kann dieser Wohnstandort einiges bieten."
Dazu zählen sanierte Häuser mit Fensterläden aus Holz, gepflasterte Gehwege, Kinderspielplätze, Blumenbeete, Bänke – und seit einiger Zeit Hundehaufen in den Grünflächen. "Wenn wir den Rasen mähen und da durchmarschieren, dann ist das sehr unangenehm", sagt Karsten Völkel, 46, Vorstand der Jenaer Baugenossenschaft (2300 Mieter).
Völkel, ein passionierter Jäger, züchtet auf seinem eigenen Landgrundstück die Rasse Deutsch Drahthaar. Dass Leute in Stadtwohnungen Hunde halten, findet er hingegen wenig artgerecht und duldet es in den Mietobjekten auch nur ungern. Den Hundekot will er in seinen Anlagen schon gar nicht sehen: "Das zieht unseren ganzen Wohnbestand runter und stört die anderen Mieter." Um auf das Ärgernis hinzuweisen, markierte Völkel die Würste zunächst mit Farbspray. Dann ließ er Schilder ins Gras rammen, die einen durchgestrichenen Hund zeigen. Schließlich bat er die Hauswarte, jede Hinterlassenschaft sofort zu entfernen. Den oder die Täter scheint das aber nur anzustacheln.
Jetzt will Völkel den Kotkrieg mit einer Hightechmethode gewinnen. Der Genossenschaftschef wird alle Mieterhunde in einer genetischen Datenbank erfassen. Auf diese Weise lassen sich künftig die Haufen den verursachenden Hunden zuordnen – und damit die Halter überführen. Völkel: "Die müssten die Kosten für die Beseitigung der Verunreinigung tragen. Und sie würden eine Abmahnung bekommen."
So einen Feldzug gegen rücksichtslose Hundebesitzer hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Nicht nur Wohnungsunternehmen, sondern auch Städten und Gemeinden könnte der Ansatz helfen, ein ewiges Streitthema zu beenden.
Deutschland versinkt in Hundescheiße. Allein in der Hauptstadt Berlin fallen 50 Tonnen zu Boden – jeden Tag.
Insgesamt sind es knapp sieben Millionen Pinscher und Pudel, Dackel und Doggen, die sich hierzulande erleichtern. Wer als Hundebesitzer die Kothaufen nicht aufhebt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld von bis zu 1000 Euro geahndet werden kann. Doch Sünder werden so gut wie nie ermittelt, weil sie sich fast nie auf frischer Tat erwischen lassen oder ihr Vergehen abstreiten.
Der DNA-Test liefert endlich die erforderlichen Beweise. Ein Erfolgsmodell: In Anlagen mit Eigentumswohnungen in den USA hat sich die Haufendichte seit Einführung der genetischen Tierkot-Identifizierung angeblich um bis zu 95 Prozent verringert.
Im Londoner Bezirk Barking and Dagenham ist gerade ein Testmobil unterwegs, um Speichelproben der dort gemeldeten Hunde zu nehmen. Der Chef des Bezirksrats, Darren Rodwell, hatte diese Maßnahme bereits voriges Jahr angekündigt: "Wir sind die erste Kommunalbehörde im Land, die hart gegen Hundeschmutz vorgeht und gegen Tierbesitzer, die sich nicht in einer sozial verantwortlichen Art und Weise verhalten."
Karsten Völkel war elektrisiert, als er erfuhr, dass das gleiche Testverfahren auch in Deutschland von dem Unternehmen Mistkäfer angeboten wird. Jetzt ist die Jenaer Baugenossenschaft der erste Großkunde.
Die Detektivarbeit geht so: Völkel lässt Abstriche der Mundschleimhaut der derzeit elf Mieterhunde nehmen, die an das im bergischen Burscheid ansässige Unternehmen verschickt werden. Im Labor werden aus den Proben charakteristische DNA-Abschnitte analysiert und elektronisch gespeichert. Damit wären die genetischen Fingerabdrücke der Vierbeiner erfasst.
Sollte in Zukunft wieder ein Haufen in den Grünanlagen der Jenaer Baugenossenschaft auftauchen, lässt Völkel eine Kotprobe nehmen und an die Firma Mistkäfer senden. Die DNA-Analyse wird dann offenbaren, ob einer der registrierten Hunde der Verursacher war.
Das alles ist Laborroutine, der Preis für die Erfassung eines Hundes dürfte um die 50 Euro liegen, die DNA-Analyse eines Haufens bei 80 Euro. Völkel möchte das Programm in der Startphase aus den laufenden Erträgen bestreiten; später könnte ein Mietzuschlag für Hundehalter hinzukommen.
Im Londoner Bezirk Barking and Dagenham ist das Registrieren für die ersten tausend Hunde sogar gratis. Mehr als hundert Besitzer haben von dem Angebot bereits Gebrauch gemacht. Das Programm ist naturgemäß bei jenen Hundebesitzern populär, die brav eintüten und vorschriftsmäßig entsorgen – sie müssen sich nicht länger zu Unrecht beschimpfen lassen.
Die meisten in den Wohnungen der Jenaer Baugenossenschaft lebenden Hundebesitzer würden sich an die Hausordnung halten, glaubt Völkel. "Die DNA-Tests werden in vielen Fällen dafür sorgen, dass wir Mieter vom Verdacht freisprechen können. Dadurch werden wir in der Gemeinschaft besser miteinander umgehen können."
Und wer weiß, womöglich kommt am Ende sogar heraus, dass der ganze Dreck von außen herangetragen wird? Sind es Bürger aus den angrenzenden Straßen, die gern durch die schmucke Wohnanlage Gassi gehen und ihren Hund hier kacken lassen?
Gegen solche Invasoren würde die Hightechfahndung natürlich wenig ausrichten. In diesem Fall setzte Völkel auf eine Lowtechlösung – dann ließe er einen Zaun um die Grünflächen bauen.

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Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 15/2016
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