09.04.2016

NilsMinkmarZur ZeitDer digitale Tourist

Im vorigen Jahr noch kümmerten sich zwei oder drei Kellnerinnen um die Gäste im Frühstücksraum, heuer ist es nur noch eine. Grund dafür ist ein prominent platzierter Kaffeeautomat, der kleine flache, kaffeegefüllte Kissen schluckt. Davor stehen die Gäste Schlange, nicht alle können die Maschine auf Anhieb bedienen, sie fuchteln und fluchen. Dann eilt die verbliebene Kellnerin herbei und erklärt fröhlich die Eigenheiten des Automaten, als wäre er ihr bester Freund. Erwidert wird die Freundschaft nicht, denn der Automat scheint nur darauf zu warten, auch noch ihre Stelle zu ersetzen. Indem er mobiler wird oder kleiner oder billiger oder all das zusammen, bis jeder Gast permanent von seinem persönlichen Kaffeeautomaten gestalkt wird.
Im Tourismus lässt sich gut beobachten, mit welcher Geschwindigkeit die neue Welle der Industrialisierung und der Digitalisierung die Berufswelt verändert. Der Kunde erledigt längst die Arbeit der anderen: Wir recherchieren, beraten und buchen, stellen unsere Dokumente aus und geben später noch eine Bewertung ab. Der Tourist agiert wie Jerry Lewis, der alle Rollen des Films selbst spielt: Reisemarschall, Gepäckaufgeber, Kaffeekocher und Alleinunterhalter. So wird der Kunde sowohl zum Dienstleister als auch zum Produkt: Die gezahlten Preise sind fast schon irrelevant, die aggregierten Daten sind die eigentliche heiße Ware.
Und am Zielort geht es erst richtig los mit den digital erleichterten Neuerungen: Das Hotel wird durch ein Netzwerk kurzfristig vermieteter Privatwohnungen ersetzt, die Taxen durch Familienkutschen, deren HalterInnen zwischen Kinderbringen und Kinderabholen noch mal Zeit und Not haben, einen schnellen Euro zu machen. Der Tourismus wird entprofessionalisiert, und alle machen mit. Dabei werden Urlaube nicht wirklich billiger. Vielmehr kaufen die Kunden inzwischen klaglos, was sie selbst zuvor produziert haben. Wo man früher für Regionen und Reiseziele schwärmte, wird heute Werbung für Websites gemacht, die von der Verarbeitung kostenlos erhobener Nutzerdaten leben. Irgendjemand verdient in dieser schönen Ökonomie Geld – aber es sind nicht die arbeitslos gewordenen Servicekräfte. Und es sparen nicht die reisenden Familien, die auch für kleine Reisen große Summen aufbringen müssen. In Deutschland können sich das noch einige leisten, aber in vielen anderen europäischen Ländern wird die Urlaubsreise zur Utopie.
Trotzdem gibt es keinen Grund, sich statt des Kaffeeautomaten eine Zeitmaschine zu wünschen, um in die schlechte alte Zeit zurückzureisen. Schließlich ist nicht jede Arbeit ein Wert an sich, auch unter den verbliebenen Berufen sind, wie David Graeber gezeigt hat, noch allzu viele "Bullshit Jobs". Die Arbeit war lange ein Gott in Europa, nun erleben wir seine Metamorphose. Daher brauchen wir ein europaweites, allgemeines Grundeinkommen, und zwar besser früher als später. Das wäre gut machbar: Arbeit ist knapp, Geld aber gibt es mehr denn je.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 15/2016
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