09.04.2016

RaubkunstGrabes Frische

Ein neues Gesetz soll Antikenhändlern das Handwerk legen. Wie es in dieser Branche zugeht, zeigen Aufstieg und Fall des Costa Ricaners Leonardo A. Patterson. Von Konstantin von Hammerstein
Irgendwann hat er aufgehört zu zählen. Leonardo Patterson weiß nicht mehr, wie oft sie vor seiner Wohnung im Münchner Arabella-Hochhaus standen. Die Beamten vom Zoll, die Steuerfahnder, die Ermittler des Bayerischen Landeskriminalamts.
Sie kannten jeden Winkel seines Zweizimmerapartments. Den kleinen Steinaltar mit dem goldenen Kreuz und den Gebetsbüchern. Das dunkle Ölbild über seinem Bett, auf dem der entblößte Christus von zwei Männern gegeißelt wird. Das Erinnerungsfoto mit dem Papst, die Maya-Köpfe auf dem Schreibtisch.
Auch sein Strafverteidiger kann nicht sagen, wie oft sie da waren. Einmal im Jahr, vermutet er. Wie gute alte Bekannte, die mal wieder vorbeischauen wollten. Nur dass sie an der Tür einen Durchsuchungsbeschluss zeigten. "Ach, Herr Patterson", sagten sie, "sie haben ja umgeräumt." Dann packten sie die Beweismittel in ihre Umzugskisten.
Seit einem halben Jahrhundert handelt Patterson nun mit antiker Kunst. Er wird jetzt 74, und sie sind immer noch hinter ihm her. Erst das FBI, dann Scotland Yard, schließlich die Spanier, die Peruaner, die Mexikaner, die Guatemalteken und natürlich die Deutschen.
In London haben sie mal eine peruanische Goldmaske von ihm beschlagnahmt, in München soll er jetzt zwei antike Holzköpfe an Mexiko rausrücken, falls das Urteil rechtskräftig wird, doch das war's auch schon. Keine gute Bilanz für die Behörden. Maximaler Aufwand, minimales Ergebnis.
Männer wie Patterson werden beschönigend Antikenhändler genannt. Man könnte sie auch Dealer nennen, denn ihr Geschäft ist bestenfalls halb legal, auch wenn es schwer ist, sie dingfest zu machen. Sie profitieren davon, dass der riesige Markt für archäologische Objekte gespalten ist. Die meist armen Herkunftsländer haben den Handel und die Ausfuhr ihres antiken Kulturguts unter Strafe gestellt, sind aber oft nicht in der Lage, dieses Verbot durchzusetzen.
Auf der anderen Seite stehen die reichen Länder, in denen die Sammler leben. Sie könnten gegen die Ausplünderung vorgehen, aber sie unternehmen kaum etwas. Der politische Druck ist nicht groß genug. Es ist ja nicht ihr kulturelles Erbe, das verschleudert wird. Und die unappetitliche Seite des Geschäfts, die Raubgrabungen und der Schmuggel, findet nicht bei ihnen statt.
Männer wie Patterson profitieren von dieser Janusköpfigkeit des Antikenmarkts. Wer es schafft, seine Ware von der dunklen in die helle Sphäre zu bringen, kann einen enormen Profit machen. Und Patterson war jahrzehntelang einer der Großen der Branche.
Wer sich in New York, Sydney, Paris, Genf oder München für präkolumbische Kunst interessierte, kam an dem Mann aus Costa Rica kaum vorbei. Er hatte alles im Angebot. Knochenköpfe der Maya, Keramikkrieger aus Jalisco, lächelnde Tonfiguren der Totonac oder einen Steinjaguar mit erigiertem Penis aus Xochipala.
Patterson war ein Mann mit Kontakten. In Costa Rica kannte er viele Politiker, den Außenminister, den Präsidenten. Und Pattersons Kontakte hatten auch Kontakte. Manchmal standen am Ende dieser Kette ein Sammler, gelegentlich ein Fälscher und sehr oft einige Dorfbewohner, die für ein paar Dollar in den Dschungeln Mittelamerikas verborgene Tempelanlagen plünderten. Sodass sich ein kultivierter Europäer in Basel oder Düsseldorf eine steinerne Klapperschlange der Azteken auf den Kaminsims legen konnte.
Kulturstaatsministerin Monika Grütters will den illegalen Handel mit Antiken nun endlich eindämmen. Sie hat ein neues, schärferes Gesetz vorgelegt, doch der Widerstand gegen die neuen Regeln ist heftig. Am Mittwoch werden sich die Experten vor dem Kulturausschuss des Bundestags streiten. Kommt das Gesetz durch, darf in Zukunft in Deutschland nur noch mit Objekten gehandelt werden, für die es eine Ausfuhrgenehmigung des Herkunftslandes gibt. Auch Rückgaben sollen erleichtert werden.
Die Videos aus der vom IS besetzten Ruinenstadt Palmyra und die Bilder der ausgeraubten archäologischen Grabungsstätten im Irak, in Afghanistan oder Mali haben die öffentliche Wahrnehmung verändert. Inzwischen ist vielen klar, dass es hier nicht nur um das Kulturgut der betroffenen Länder geht. Der weltweite Markt mit geraubten Antiken bedroht das kulturelle Erbe der Menschheit.
Archäologische Kunst unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von ihren modernen Nachfahren. Ihre Aussagekraft als historische Quelle entfaltet sie nur, wenn bekannt ist, wo und unter welchen Umständen sie gefunden wurde. Ist sie diesem Zusammenhang durch Raubgrabungen entrissen, degeneriert sie zur Dekoration. Schön anzusehen auf einer Barockkommode, aber ohne großen Erkenntniswert.
Der illegale Handel mit Antiken ist fast so lukrativ wie das illegale Drogen- oder Waffengeschäft und ähnlich verschwiegen. Er boomt zurzeit in den Bürgerkriegsländern im Nahen Osten oder in Nordafrika, aber über die dortigen Hintermänner ist so gut wie nichts bekannt. Und wenn, dann reden sie nicht.
Doch das Geschäft gleicht sich, egal ob die illegale Ware aus Syrien, China oder Costa Rica stammt. Ein Mittelamerikaveteran wie Leonardo Patterson agiert nach ähnlichen Marktgesetzen wie ein türkischer Dealer, der mit geplünderten Keilschrifttafeln aus dem Irak handelt.
Der SPIEGEL hat in den vergangenen Monaten deutsche und spanische Gerichtsakten und Dokumente ausgewertet, hat Ermittler, Gutachter, Gegner, Geschäftspartner, Weggefährten und Verwandte Pattersons und schließlich auch ihn selbst mehrmals interviewt.
So ist es möglich, seine erstaunliche Karriere nachzuzeichnen. Sie zeigt, wie es Deutschland und andere Länder bisher versäumt haben, den Handel mit geraubtem Kulturgut zu unterbinden. Und warum Patterson mit dem, was ihm noch geblieben ist, wohl weiterhin handeln wird.

Aufstieg

Pattersons goldene Zeit sind die Neunzigerjahre. Er lebt damals in München, lässt sich im blauen Rolls-Royce durch die Stadt fahren und unterhält eine eigene Polomannschaft, vier Spieler, zwölf Pferde. "Damals ging es mir gut, weil ich gute Sachen hatte", sagt er. "Gute Sachen" ist Pattersons Chiffre für illegale Ware.
Schwer atmend sitzt er in einem Gasthof im Münchner Arabellapark vor seinem Hirschgulasch. Ein liebenswürdiger alter Herr in Schlips, Blazer und Joggingschuhen. Man unterschätzt ihn leicht, das ist Teil seines Erfolgs. Wer misstraut schon einem Mann, der leise redet, stottert und nach Worten sucht? Deutsch hat er nie gelernt, Patterson spricht das nuschelnde Rastafari-Englisch seiner karibischen Heimat.
Bei den ersten Treffen ist er zurückhaltend, erzählt wolkig von Schamanen, Maya-Geistern und Krötengift. Ihm ist keine präzise Aussage zu entlocken. Doch an diesem Winternachmittag in München ist er wie verwandelt. Seine scheinbare Naivität ist verschwunden, dreieinhalb Stunden lang redet er Klartext.
Pattersons Geschäft funktioniert jahrzehntelang so: Regelmäßig kommen seine mexikanischen Mittelsmänner nach München. "Sie arbeiteten mit den Raubgräbern zusammen", sagt er, "es ging nur um frische Ware. Schon wegen des Preises. Sie mussten wissen, wo gerade ausgegraben wurde. Sie haben es immer da bekommen, wo es auch gefunden wurde. Sie kannten die Leute in den Dörfern."
Die Mexikaner wissen, was Patterson mag. Sie schicken ihm Fotos von den Raubgrabungen, dann wählt er aus, welches Stück er haben will. "Meine Leute haben mir die Sachen überallhin gebracht, wo ich sie haben wollte", sagt er. "Wenn ich in China war, haben sie einen Weg gefunden, sie dahin zu bringen. Wenn ich in Paris war, haben sie die Ware eben nach Paris gebracht."
Den Schmuggel haben also die Mexikaner übernommen? "Ja", sagt Patterson, "sie wussten, wie man das macht. Das war ihre Art, Geld zu verdienen. Sie haben Kontakte, Freunde." Wurde auch bestochen? "Das ist, was sie machen."
Er selbst will nicht geschmuggelt haben. Zu riskant. Und die Sache 2004 am Frankfurter Flughafen? Als die Zollfahnder nach einem Tipp eine Luftfrachtlieferung mit archäologischen Stücken aus Mexiko ins Visier nehmen und so lange warten, bis Pattersons Tochter auftaucht? "Ach", sagt er, "Frankfurt war eine Ausnahme."
Pattersons Aufstieg zu einem der erfolgreichsten Dealer für mittelamerikanische Antiken beginnt ganz unten. 1942 wird er in Costa Rica als Sohn armer jamaikanischer Einwanderer geboren. Mit zwölf arbeitet er im Restaurant seiner Tante als Koch. Später wird der Junge von einem Juwelier in der Hauptstadt San José engagiert. Manchmal kommen Raubgräber vorbei und lassen Gold einschmelzen. Irgendwann nehmen sie ihn mit in den Dschungel zu den alten Gräbern.
Patterson wittert ein neues Geschäft. "Ich habe mich gefragt, warum ich diese alten Dinge einschmelze, um meine fürchterlichen Ringe daraus zu machen", sagt er. Er findet einen Händler, der ihm die Originale für einen höheren Preis abkauft. Es ist der Beginn einer erstaunlichen Karriere. Er zieht nach Miami und wenig später nach New York.
Dort nimmt ihn Everett Rassiga unter seine Fittiche, der legendäre Galeriebesitzer, der 1968 eine Landebahn in den Dschungel von Campeche im Südosten Mexikos schlagen lässt, um ein geraubtes Maya-Fresko ausfliegen zu lassen. Rassiga lädt seinen neuen Schützling nach Mexiko ein. "So habe ich angefangen, mit mexikanischen Sachen zu handeln", sagt Patterson. Zuerst sind es Rassigas Objekte, die er weiterverkauft, doch bald hat er seine eigenen Quellen, die ihm frische Ware aus den antiken Grabstätten Mittelamerikas beschaffen.
Die Unesco verabschiedet 1970 eine Konvention, die den illegalen Handel mit Kulturgut unterbinden soll, doch viele Staaten ratifizieren das Abkommen nur schleppend. In den Sechziger- und Siebzigerjahren kümmert es in den reichen Ländern, in denen die Sammler leben, kaum jemanden, wenn archäologische Objekte aus Raubgrabungen in großem Umfang vom armen Süden in den reichen Norden geschafft werden.
Patterson profitiert von dieser Gesetzlosigkeit. Und er weiß, wie er seine Kunden beeindrucken kann. Er muss auffallen, und das gelingt ihm mühelos. Ein Schwarzer, der mit den exklusivsten Galeristen der Stadt verkehrt. Der elegant geschnittene Dreiteiler trägt, wenn er im Studio 54 auftaucht, dem legendären New Yorker Nachtklub. Der seinen roten Ferrari bei einem früheren Rennfahrer reparieren lässt und die Werkstatt mit einem alten Rolls-Royce Phantom II wieder verlässt.
Patterson hat keine eigene Galerie. Er lädt die Schönen und Reichen in die teuersten Restaurants der Stadt ein und zeigt ihnen dort seine Stücke. Manche bietet er für ein paar Tausend Dollar an, andere für Millionen. Seine Konkurrenten streuen, der Mann aus Costa Rica verkaufe auch Fälschungen. Patterson kontert, das sei nur der Neid auf seine guten Verbindungen.
Dabei gehören Fälschungen zum Antikenhandel wie die Butter zum Brot. Experten schätzen, dass die Hälfte der angebotenen Objekte falsch ist. So schnell können die Raubgräber gar nicht plündern, wie der Markt frische Ware verlangt. Den Ruf, Fälschungen zu verkaufen, wird Patterson fortan nicht mehr los. Selbst wenn er diesen Vorwurf bis heute bestreitet.
Er zieht nach Los Angeles. Wenn er nach New York kommt, steigt er im feinen St. Regis an der Fifth Avenue ab. Dort lernt er den Surrealisten Salvador Dalí kennen. Der exzentrische Spanier wohnt jeden Winter mit seiner Frau Gala und dem Ozelot Babou in Zimmer 1610, zwei Stockwerke über Patterson.
Der wird später verbreiten, Dalí und er seien Freunde. Sicherheitshalber nimmt er einen Fotografen mit, als er den Künstler in dessen Haus an der spanischen Costa Brava besucht. Es soll sich schon rumsprechen, wie gut seine Kontakte sind. Das nützt dem Geschäft.
Pattersons Familienverhältnisse sind unübersichtlich. Er hat 13 Kinder, aber um sich an die Zahl der dazugehörigen Mütter zu erinnern, muss er seine Finger zu Hilfe nehmen. Sechs, sagt er nach einigem Rechnen. Falsch, widerspricht ihm seine Exfrau, es waren nur fünf. Patterson habe sie nach einer Scheidung ein zweites Mal geheiratet.
Im Sommer ziehen die reichen New Yorker in ihre Häuser in den Hamptons auf Long Island. Patterson reist hinterher. Mitte der Siebzigerjahre lernt er dort den Maler Willem de Kooning kennen. Der ist fasziniert von Pattersons präkolumbischer Kunst, er tauscht seine Bilder gegen Maya-Figuren und andere Objekte aus Mittelamerika. Dass sein Atelier nun voller Raubkunst steht, stört ihn nicht.
In den Neunzigerjahren verschaffen seine costa-ricanischen Freunde Patterson einen Diplomatenpass des mittelamerikanischen Landes. Den muss er zwar später zurückgeben, doch in Genf besorgt er für sich und seine Familie neue Diplomatenpässe. Seit Langem ist bekannt, dass Antiken immer wieder im Diplomatengepäck aus ihren Herkunftsländern geschmuggelt werden. 1997 erwischen Kunstfahnder des FBI den Generalkonsul Panamas mit einem geraubten antiken Goldschmuck aus Peru in seinem Kofferraum.
Patterson bestreitet, seinen Diplomatenpass jemals missbraucht zu haben. "Ich habe meinen Diplomatenstatus nie für meine Kunstgeschäfte ausgenutzt", behauptet er, "auch nicht, um Kunst zu transportieren."
Im Mai 1987 zieht Patterson mit seiner Familie nach München. Bald kennt er auch hier alle, die für sein Geschäft wichtig sind. Den bayerischen Hochadel, Galeriebesitzer, reiche Sammler. Sie alle ahnen, dass Patterson seine Ware aus dunklen Quellen bezieht. Aber sie ziehen es vor zu schweigen.
Anfang der Neunzigerjahre wird er gebeten, bei der Weltausstellung 1992 im spanischen Sevilla im Pavillon des Vatikan seine präkolumbische Kunst auszustellen. Zum Dank empfängt ihn Papst Johannes Paul II.

Niedergang

1983 ratifizieren die USA die Unesco-Konvention zum Kulturgutschutz. Ein Jahr später beginnen die Probleme. Das FBI beschuldigt Patterson, er habe versucht, einem Kunsthändler in Boston ein gefälschtes Maya-Fresko anzubieten. Patterson wird zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Ein Jahr später wird er auf dem Flughafen von Houston festgenommen, weil er aus Mexiko Schildkröteneier mitgebracht hat ("Man isst sie roh, mit ein wenig Limette und Ketchup"). Ein Gericht in Dallas verurteilt ihn zu drei Monaten Haft, weil er gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hat. Als sein Sohn bei einem Autounfall auf Long Island tödlich verunglückt, wird er nach vier Wochen freigelassen.
1997 veranstaltet Patterson eine große Ausstellung in Santiago de Compostela. Die Schirmherrschaft hat die galizische Regionalregierung, zur Eröffnung kommen die beiden mittelamerikanischen Friedensnobelpreisträger Rigoberta Menchú und Óscar Arias, der zweifache Präsident Costa Ricas.
An der Ausstellung sind auch andere Sammler beteiligt. "Meine Sachen hatte ich alle von meinen Mexikanern bekommen", sagt Patterson. Alles illegale Ware also, die offenbar mithilfe der Ausstellung gewaschen werden sollte. Der Bürgermeister von Santiago sei sehr interessiert gewesen, die komplette Sammlung für ein neues Museum zu kaufen.
Der Deal platzt, als sich zwei prominente Archäologen aus den USA zu Wort melden und die galizische Regionalregierung warnen: Viele der Stücke seien Fälschungen. Patterson verklagt die beiden wegen übler Nachrede auf 63 Millionen Dollar Schadensersatz, zieht die Klage aber später zurück.
Patterson ist klamm. Santiago will nicht mehr kaufen, die Ausstellung wird bei einer Spedition eingelagert. 2007 erreichen die Peruaner, dass ihnen Teile der Sammlung übergeben werden. Patterson verkauft sein Apartment in Monte Carlo, zahlt die Lagerkosten in Santiago und schafft die Sammlung im März 2008 eilig nach München, um den spanischen Behörden zuvorzukommen. Doch die stellen bei Interpol ein internationales Fahndungsersuchen für die verschwundenen Objekte. Im April wird die Sammlung von der Staatsanwaltschaft in München beschlagnahmt.
Im Dezember 2012 findet vor dem Strafgericht in Santiago de Compostela ein Prozess gegen Patterson statt. Ihm wird vorgeworfen, die Ausfuhrbestimmungen für Kulturgüter verletzt zu haben, als er seine Sammlung nach München schaffen ließ. Der Angeklagte fehlt. Er hat das Attest eines deutschen Arztes vorgewiesen, das ihm absolute Reiseunfähigkeit bescheinigt.
Das hält ihn nicht davon ab, drei Monate später nach Costa Rica zu reisen. Auf dem Rückweg wird er auf dem Flughafen Madrid festgenommen. Peru hat einen internationalen Fahndungsaufruf gegen ihn erwirkt. Patterson kommt in Auslieferungshaft. Nach zehn Monaten wird er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes freigelassen. Er darf Spanien nicht verlassen, setzt sich aber umgehend nach Deutschland ab.
Ende 2014 wird Patterson in München verhaftet, weil er einem Starnberger Geschäftsmann für 85 000 Euro einen zehnprozentigen Anteil an einem gefälschten Olmekenkopf verkauft haben soll. Er wird auf Kaution freigelassen, aber ein Jahr später vom Amtsgericht München wegen Betrugs zu einem Jahr und drei Monaten zur Bewährung verurteilt. Patterson legt Berufung ein.

Entkommen

Als die Sammlung Patterson im April 2008 von den Ermittlern des Bayerischen Landeskriminalamts beschlagnahmt wird, erscheint das zunächst als ein großer Erfolg. Ein Jahr zuvor hat Deutschland nach 37 Jahren schließlich die Unesco-Konvention von 1970 in nationales Recht umgesetzt. Jetzt ist der Testfall da.
Mexiko, Guatemala, Peru, Kolumbien, Ecuador und Costa Rica fordern die Herausgabe der Objekte an ihre jeweiligen Ursprungsländer. Begründung: Bei ihnen seien der Handel und die Ausfuhr archäologischer Objekte verboten. Die sechs Staaten reichen beim Münchner Verwaltungsgericht Klage ein.
Monatelang bemühen sie sich darum, dass ihre Experten Pattersons Sammlung besichtigen können, doch die Behörden mauern. Sie verlangen Sicherheiten und die Übernahme der Versicherungsgebühren. Außerdem ist es teuer, die Gutachter einfliegen zu lassen, und so geben die meisten Staaten auf.
Nur Mexiko schickt Experten. Im März 2010 prüfen mexikanische Archäologen die Sammlung. Das Ergebnis ist ernüchternd. Etwa ein Drittel der mexikanischen Objekte ist gefälscht.
Einen Monat später weist das Verwaltungsgericht den Antrag der sechs Länder ab. Die Entscheidung wird wenig später vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof bestätigt. Das Kulturgüterrückgabegesetz sei auf diesen Fall nicht anwendbar, urteilen die Richter, weil die Ursprungsländer nicht über öffentlich zugängliche Register verfügten, in denen die Objekte aufgeführt seien.
Mexiko reicht Zivilklage ein und lässt 691 mexikanische Objekte festsetzen. Diese Sicherungsverfügung wird vier Jahre später vom Landgericht München aufgehoben. Bis auf zwei Holzfiguren, die im November 2015 Mexiko in erster Instanz zugesprochen werden, bekommt Patterson alles wieder zurück. Katastrophaler hätte der Test für das Gesetz von 2007 nicht ausfallen können.
Der Fall Patterson ist keine Ausnahme, sondern die Regel. In einem Bericht an den Bundestag hat die Regierung 2013 dem eigenen Gesetz ein vernichtendes Urteil ausgestellt. Auf seiner Grundlage ist kein einziges Objekt zurückgegeben worden.
Das neue Gesetz von Kulturstaatsministerin Grütters soll die Rückgabe einfacher machen, und es sieht einen Paradigmenwechsel vor: In Zukunft soll eine Ausfuhrgenehmigung des Herkunftslandes verlangt werden. Die wird es nicht geben, weil praktisch alle Länder die Ausfuhr archäologischer Objekte untersagen. Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte: Die Regelung soll nur für Objekte gelten, die nach 2007 eingeführt wurden. Alle anderen werden damit auf einen Schlag legalisiert. Für dubiose Dealer wie Patterson, die seit Jahrzehnten im Geschäft sind, ist das ein großes Geschenk. Ihn wird das neue Gesetz kaum betreffen. Er hat genug alte Ware.
Patterson sieht sich als einen, der zu Unrecht verfolgt wird. "Die Sachen", sagt er in gespielter Unschuld, "kommen doch aus einem Grab. Niemand hat sie da reingepackt und dafür eine Quittung verlangt. Und jetzt sind sie eben zufällig ausgegraben worden."
In Wahrheit hat er ein halbes Jahrhundert lang geholfen, das kulturelle Erbe seiner mittelamerikanischen Heimat zu zerstören. Dass Patterson dafür nie zur Rechenschaft gezogen wurde, weil die rechtliche Grundlage fehlte, ist der eigentliche Skandal.
Immerhin hat er den Rolls-Royce und die Polopferde verkaufen müssen. Manchmal fährt er jetzt U-Bahn. Die Männer, die ihn jahrzehntelang mit Raubkunst belieferten, sind tot. Und ihre Söhne unfähig. Sie wissen nicht mehr, wo es die guten Dinge gibt. Nach fünf Jahrzehnten sind seine Quellen verdorrt.
* Mit Johannes Paul II.
Von Konstantin von Hammerstein

DER SPIEGEL 15/2016
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