09.04.2016

Die Augenzeugin„Was ist Neckar?“

Die Sozialarbeiterin Julia Wege, 31, leitet die Diakonie-Beratungsstelle Amalie für Prostituierte in Mannheim. Sie promoviert an der Universität Gießen über die Lebensumstände im Milieu und hat dafür Dutzende Frauen interviewt.
"Ich finde es richtig, dass künftig Freier bestraft werden sollen, wenn sie die Zwangslage einer Prostituierten ausnutzen. Es gibt Anzeichen dafür, dass jemand nicht freiwillig arbeitet, zum Beispiel wenn die Frau blaue Flecken hat oder verängstigt wirkt. Uns fallen solche Frauen bei unseren Runden durch den Stadtteil auf, häufig bekommen wir Hinweise von Freiern.
Hier in Neckarstadt-West, einem Viertel mit hohem Migrantenanteil, verkaufen sich fast ausschließlich Frauen aus Osteuropa, die für sich keine andere Möglichkeit sehen oder eine Familie ernähren müssen. Viele von ihnen sind suchtkrank oder psychisch labil, einige haben Gewalt erlitten. Außerhalb des Milieus haben sie keine sozialen Kontakte und kennen kaum die Stadt, in der sie sich aufhalten. Einige Prostituierte aus Bulgarien oder Rumänien können weder lesen noch schreiben. Manchmal, wenn ich den Fußweg zu unserer Beratungsstelle beschreibe, höre ich die Nachfrage: 'Was ist Neckar?'
Dennoch touren diese Frauen durch Europa, von Mannheim etwa nach Hamburg oder nach Amsterdam. Leute im Hintergrund organisieren das. Meine Erfahrung ist, dass die Frauen eng überwacht werden und ihren Verdienst zum Gutteil abgeben müssen. Hier in der Neckarstadt eher nicht an einen deutschen Zuhälter, sondern an den Familienclan oder einen Verwandten, der mitreist oder anruft. Das ist für mich auch Zwangsprostitution.
Dauerhaft auf ihre Gesundheit zu achten gelingt den wenigsten Frauen. Ich hatte ein Interview mit einer Prostituierten, die hatte 40 Schwangerschaftsabbrüche hinter sich, sie hat so verhütet. Deshalb halte ich die geplante Kondompflicht nicht für abwegig, auch wenn sich viele Leute darüber lustig machen. Wer derzeit nur mit Kondom Sex anbietet, muss ständig mit den Freiern verhandeln, die androhen, dann ein Zimmer weiter zu ziehen. Da ist ein Gesetz wenigstens eine Argumentationshilfe.
Seit der Liberalisierung der Prostitution 2002 hat die Politik viel zu wenig getan, um die Frauen zu schützen. Die selbstbestimmte Hure, die gern ihren Job macht? Mir zumindest ist sie noch nicht begegnet."
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 15/2016
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